Sabine Bode
Die deutsche Krankheit – German Angst
Leseprobe / Inhaltsverzeichnis
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Blättern im Buch INHALT Vorwort und Dank ERSTES KAPITEL: Wie lang sind die Schatten? Ein Nachkriegsspiel ZWEITES KAPITEL: »Nie wieder ...« und die Angst vor dem Nichts Werden meine Kinder genug zu essen haben? DRITTES KAPITEL: Zwischen Rentenillusion und Panikmache Eine schlecht gelaunte Sprache VIERTES KAPITEL: Kinder des Krieges in Zeiten des Friedens Was die Gewalt lehrt FÜNFTES KAPITEL: Die verletzten Idealisten Kriegsängste und ideologischer Kampf SECHSTES KAPITEL: Der Blick von außen Die Angst vor Liebe und vor Frieden SIEBTES KAPITEL: Der Blick nach innen Darauf warten, daß etwas schief geht ACHTES KAPITEL: Können Vaterlose führen? Am Grab eines Fremden NEUNTES KAPITEL: Der vergiftete Boden Kinder als Zeugen von Gewalt ZEHNTES KAPITEL: Was ein Land zusammenhält Erziehungsziel mündige Bürger Anmerkungen ********* LESEPROBE »Die Deutsche Krankheit« Es gibt in unserem Land Auswirkungen von NS-Vergangenheit und Krieg, die würde niemand bestreiten: die deutsche Teilung und die daraus resultierenden Probleme der Wiedervereinigung, die Kriegsnarben vieler unserer Städte und daß noch immer irgendwo im Lande Bomben entschärft werden. Das Projekt Europa gehört dazu und die große Sehnsucht nach Frieden. Und daß sich angesichts einer Anhäufung von Schwarz-rot-gold und beim Hören des Deutschlandliedes Wohlgefühl nur selten einstellt, es sei denn, es handelt sich um sportliche Spitzenereignisse wie die Fußballweltmeisterschaft im eigenen Land. Aber Angst? Oder German Angst, wie die Angelsachsen ein Phänomen nennen, das für sie in den achtziger Jahren erstmals erkennbar wurde? Oder gar »German Disease«– »Die Deutsche Krankheit«, ein Begriff, auf den man sich inzwischen rund um den Globus geeinigt hat, um sich darüber zu verständigen, daß das über Jahrzehnte gültige Bild von den zupackenden, leistungsstarken Deutschen mit ihrem mustergültigen Sozialstaat revidiert werden muß. Die deutschen Urlauber, so heißt es in der internationalen Tourismusbranche, erkennt man an herunterhängenden Mundwinkeln. Ja gut, das ist für uns nichts Neues. Seit Jahren schon wird der Mangel an Optimismus in unserer Bevölkerung von Politikern und Medien kritisiert, und seit die große Koalition regiert, werden in Fernsehspots regelmäßig Appelle zur kollektiven Stimmungsaufhellung verbreitet. Die Regierung Angela Merkel schenkte den Deutschen eine Phase des Durchatmens: keine harten Einschnitte im ersten Jahr, keine neue Welle kollektiver Ängste ... Es beruhigte die Bevölkerung tatsächlich ein wenig und führte in Politik und Medien zu einem verblüffenden Klimaumschwung. Plötzlich ist die Stimmung besser als die Situation des Landes. Da staunt man schon, wurden doch gerade die Massenblätter und das Fernsehen – und sie wiederum mit kräftiger Unterstützung der Politiker – nicht müde, neue Bedrohungen auszugraben und die Zukunft als eine einzige Kette von katastrophenähnlichen Zuständen darzustellen. Was soll sie daran hindern, genau dies zu wiederholen, wenn die Preise steigen und die Arbeitslosenquote nicht nennenswert sinkt? Mag sein, wir haben es bei »Bad news are good news« mit Selbstläufern zu tun, die alle westlichen Gesellschaften irritieren, aber leider unkontrollierbar wie das Wetter sind. Gegen Regen schützt ein Schirm. Was aber hilft, um die Überdosis von schlechten Nachrichten zu ertragen, wie sie uns tagtäglich das Fernsehen verabreicht? Wie ignoriert man die einladenden Schreckensnachrichten (Bild: »Als Kassenpatient bist du der letzte Arsch!«), womit der Opferjournalismus an jedem Kiosk, an jeder Haltestelle auflauert? Wie hätte man unbeeindruckt bleiben können, als auf einem Titelblatt Kinder mit furchtsam geweiteten Augen ihr angeblich von Hartz IV bedrohtes Sparschwein in die Kamera hielten? Wie hält man die permanenten Bedrohungsszenarien (»Die Erdachse kippt!«) auf Abstand? Warum verkauft sich Angst so gut? Als während der Unruhen in Frankreich im Herbst 2005 jede Nacht 1000 Autos in Flammen aufgingen und bekannt wurde, daß die Brandstifter erste Nachahmer gefunden hatten, wußte der Kölner Express zu berichten, auch in Deutschland wachse die Angst. Es war eine Angst, die er gerade erst mit seinem Aufmacher produziert hatte: »Auch in Berlin brennen die Autos«. – In der Tat. Drei Wagen waren angezündet worden, 997 weniger als in Frankreich. Aber die Schlagzeile klang verheißungsvoll. Ein Anfang, so versprach sie, ist gemacht. Wie wehrt man sich gegen Klatsch in der Boulevardpresse, der einem die gute Laune nimmt? Eigentlich geht es niemanden etwas an, wenn die bis dato unbekannte Freundin eines bekannten Popstars Brustkrebs hat. Es steht aber auf Seite 1, und es ist kaum möglich, sich der Botschaft zu entziehen, weil sie einen selbst im Vorbeigehen anspringt, und dann freut man sich nicht länger über einen sonnigen Tag, sondern man denkt an Freundinnen und Bekannte, die an Brustkrebs leiden oder daran gestorben sind. Wem dient das? Gerade in Zeiten des Klimawandels, wenn die gesellschaftlichen Bedingungen rauher werden, wenn Konzerne Riesengewinne machen und gleichzeitig die Arbeitsplätze in Deutschland weiter abbauen, wenn Menschen mehr arbeiten müssen und weniger Geld bekommen und im Falle von Arbeitslosigkeit die finanzielle Unterstützung magerer ausfällt, als man sich das einmal vorgestellt hatte – wenn also Sorgen und Belastungen wachsen und ein Ende nicht abzusehen ist, gerade dann brauchen Menschen eigentlich einen anderen geistigen Treibstoff, um bei Kräften zu bleiben, als die negative Energie wild wuchernder Bedrohungen. Was können wir über die Grundbefindlichkeit eines Kollektivs sagen, dem wir selbst angehören, weshalb es so schwierig ist, Distanz zu entwickeln? Sind wir zu einer realistischen Einschätzung überhaupt in der Lage? Wie sollen wir unterscheiden, ob uns die Medien einen Mangel an Zuversicht und Risikofreude im wesentlichen nur einreden oder ob sie die Wirklichkeit beschreiben? Zweifelsfrei läßt sich nur sagen, daß das Schüren von Ängsten im Fernsehen und in Massenblättern auf die Kundschaft keineswegs abschreckend wirkt, sondern gute Quoten und hohe Auflagen sichert. Das Geschäft mit der Angst bedient kollektive Bedürfnisse. Aber welche? Es fehlt die Tiefenschärfe Was wissen wir über uns, solange es keine handfesten Untersuchungen über die Hintergründe der Stimmungslage der Nation gibt und vermutlich auch gar nicht geben kann? Was uns zur Verfügung steht, sind die Ergebnisse der Meinungs- und Marktforscher, aber ihnen fehlt die Tiefenschärfe. Allzu verläßliche Aussagen lassen sich daraus nicht ableiten, wie es spätestens das völlig unerwartete Ergebnis der Bundestagswahl im September 2005 gezeigt hat. Daß in Deutschland die Angst extrem groß sei, vor allem vor Arbeitslosigkeit, gefolgt von der Angst vor Terrorismus und vor Krieg, das wird in regelmäßigen Abständen durch Umfragen bestätigt. Doch herauszufinden, was ein Kollektiv befürchtet und wodurch es unterbewußt gesteuert wird, sind zwei verschiedene Dinge. Gemessen daran, wie schnell hierzulande ausländische Stimmen zur »deutschen Schuld« in die Schlagzeilen gelangen, dauerte es verblüffend lange, bis sich unsere Politiker den Befund vom verängstigten Deutschen zu eigen machten. Seit einigen Jahren gehört »German Angst« zum Vokabular der öffentlichen konsensfähigen Zustandsbeschreibung. Der Bundestagspräsident aus der Zeit der sozialliberalen Koalition, Wolfgang Thierse, orakelte auf dem Katholikentag 2004: »Von German Angst spricht man im Ausland mit Blick auf unsere kollektive Gefühlslage. Angst wovor? Ist das eine kollektive, eine nationale Lebensangst? Ist es die Angst vor der Politik als solcher? Angst vor den realen Folgen der Politik – einer Politik, die erst falsche Versprechungen von blühenden Landschaften und immerwährendem Wohlstand aufbläst und dann an der Realität scheitern muß?« Das Rätselraten über die Ursachen von German Angst ist noch im Gange. Was lähmt die Deutschen? Warum schauen sie ihren Ängsten nicht ins Gesicht und versuchen, sie zu überwinden? Häufig wird gesagt, eine solche Zukunftsangst – die sich im Unterschied zur Furcht auf nichts Konkretes bezieht – gehöre zusagen zur Grundausstattung der deutschen Mentalität. Manche vermuten ihren Ursprung im Dreißigjährigen Krieg, andere in der Romantik; wieder andere sagen, diese Angst habe »irgendwie mit der deutschen Schuld« zu tun. Während der Arbeit an meinem Buch »Die vergessene Generation. Die Kriegskinder brechen ihr Schweigen« fing auch ich an, mich innerlich an derartigen Spekulationen zu beteiligen. In mir wuchs ein Verdacht. Können die Schatten der Vergangenheit ein Kollektiv über viele Jahrzehnte unterschwellig so stark belasten, daß für neue Herausforderungen, für ein tiefgreifendes Umdenken einfach die Kraft fehlt? Ist es das, was uns den Umgang mit Wohlstandsverlusten so schwer macht? Sind die tatsächlichen Ursachen für die heutige Mutlosigkeit schon über 60 Jahre alt? Ich stand mit meinen Fragen allein. Sie lösten allenfalls Kopfschütteln aus. Was soll das? Wen interessiert denn sowas? Und was bringt uns das Wissen, wenn es denn tatsächlich so wäre? Kein Thema. Die Reaktionen ähnelten der Situation 1995, als es um die Frage ging: Wie haben eigentlich die deutschen Kriegskinder ihre frühen Begegnungen mit Gewalt verkraftet? Damals schien sich außer mir kaum jemand dafür zu interessieren, weder die Kriegskinder selbst noch Ärzte, Psychotherapeuten, Seelsorger, Redakteure. In Deutschland, so kam es mir vor, hatte man sich stillschweigend darauf geeinigt, daß die Kinder des Krieges gut davongekommen waren. Allgemeine Sprachlosigkeit Zehn Jahre später, im Jahr 2005, als die Generation erstmals in der Öffentlichkeit sichtbar wurde, zeigte sich dann: Viele Kriegskinder begriffen erst im Ruhestand, wie stark ihr Leben und ihr Verhalten von den frühen Schrecken geprägt waren. Die meisten sind jahrzehntelang nicht in der Lage gewesen, etwas laut zu denken, wofür ihnen keine Sprache zur Verfügung stand. Und nun das Desinteresse am Thema German Angst. Der Gedanke, auch hier könnte der Zugang durch Sprachlosigkeit blockiert sein, lag für mich auf der Hand. Dennoch fanden sich beim inneren Abwägen zunächst mehr Gegenargumente. Hat sich ein Kollektiv je umfassender mit seiner Vergangenheit beschäftigt? Ist der Drang, sich seiner Geschichte bewußt zu werden, inzwischen nicht sogar zum Zwang geworden? Haben ausländische Stimmen recht, wenn sie die Deutschen als ständig um sich selbst kreisend, ja als geradezu erinnerungswütig kritisieren? Wo soll da Sprachlosigkeit sein? Hat nicht die erschlagende Fülle des Gedenkens im April und Mai 2005 bewiesen, daß das Interesse in der Bevölkerung 60 Jahre nach Kriegsende eher noch wächst als schwindet? Die Aufarbeitung der dunklen Jahre Deutschlands und deren Folgen für die Opfer wurde in der Bundesrepublik weitgehend den Historikern überlassen. Die Zahlen, auf die man sich einigte, übersteigen jedes menschliche Vorstellungsvermögen. Im Zweiten Weltkrieg starben weltweit 60 Millionen Menschen. Allein in Rußland waren es 25 Millionen. Im Schatten des Krieges wurden in Europa 6 Millionen Juden ermordet. Die historische Forschung bezog sich auf die Heimsuchungen, die von Hitlerdeutschland ausgingen, auf Vernichtungskrieg und Holocaust – und im geringeren Umfang auch auf die Gewalterfahrung und die Verluste der Deutschen selbst: 5,3 Millionen gefallene Soldaten, 1,7 Millionen tote Zivilisten, 11 Millionen in Kriegsgefangenschaft, Millionen Vermißte und Kriegsversehrte, viele hunderttausend vergewaltigte Frauen und Mädchen. Die Beschäftigung mit den von Deutschen verursachten Massenverbrechen und dem Leid der deutschen Bevölkerung – als das Untersuchen »der beiden moralisch so unterschiedlich zu bewertenden Leidensspuren«, wie es der Holocaustforscher Micha Brumlik nannte, geschah nicht parallel, sondern zeitlich versetzt. Die Vertreibung wurde bis Anfang der siebziger Jahre in der Bundesrepublik ausgiebig erforscht und dokumentiert, was sicherlich auch dem Klima des Kalten Krieges geschuldet war. »Hitler war ja Westdeutscher« In der DDR wurde mehr oder weniger das Gegenteil praktiziert. Über Flucht und Vertreibung durfte nicht laut geklagt werden, dagegen wurde das Gedenken an die Zerstörung Dresdens und das Leid seiner Bewohner offiziell zum Kult erhoben. Es ging dem SED-Staat nicht um kollektive Trauer, sondern um das Verschärfen des westlichen Feindbildes, wenn er Jahr für Jahr an »die angloamerikanischen Terrorbomber« erinnerte. Auf ein grundsätzliches Aufarbeiten der NS-Vergangenheit hat man verzichtet. Um das zu erklären, greift die ehemalige DDR-Bürgerin und heutige Bundesbeauftragte für Stasiunterlangen, Marianne Birthler, zu leiser Ironie. »Das brauchten wir alle nicht. Hitler war ja, wie Peter Bender es auf den Punkt brachte, Westdeutscher. Wir waren erklärtermaßen der antifaschistische Staat, und es gab auch offizielles und öffentliches Gedenken, aber wir haben über andere geredet, nicht über uns. Denn die Verbrecher – ich sag’s jetzt etwas verkürzt –, die waren alle im Westen.« [...] |
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