MERKUR

Heft 01 / Januar 2014

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Götter, Menschen und Heroen – Teil 1 und 2 in einem Band
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Zitate aus dem Januarheft, Nr. 776

Gerade der diskontinuierliche Text, der Essay mit seiner Lizenz zu Kreuz- und Quersprüngen ist dieser Idee zufolge also in typografische Kontinuität gebettet. Die mit dieser Konzeption verbundene Verlustrechnung ist mit ein paar Namen schnell skizziert: Viele Arbeiten von Jacques Derrida oder Klaus Theweleit zum Beispiel fallen unter diesem Vorzeichen als Essays durchs Raster; umgekehrt werden Texte von Silvia Bovenschen oder Michael Rutschky tendenziell der wissenschaftlichen Wahrnehmung entzogen.

Georg Stanitzek, Zur Lage der Fußnote

 

Das Problem ist nicht, dass es in den letzten Jahrzehnten keine interessanten literaturwissenschaftlichen Auseinandersetzungen mit Gegenwartsliteratur gegeben hätte (...) Das Problem ist vielmehr, dass sich das Niveau der epistemologischen und methodologischen Reflexion über das operative Instrumentarium der Beschäftigung mit Gegenwartsliteratur seit der Konstitutionsphase der Neugermanistik (...) nicht wesentlich erhöht hat. Obwohl die »Gegenwartsliteratur« dem Literaturwissenschaftler das sein muss, was die »Zeitgeschichte« dem Historiker ist, haben die Literaturwissenschaftler bis heute kaum Anschluss an die regen epistemologischen und methodologischen Debatten gesucht, die in der Geschichtswissenschaft geführt werden.

Carlos Spoerhase, Literaturwissenschaft und Gegenwartsliteratur

 

Ein Hochenergiephysiker fühlt sich nicht in die Partikel ein, die er untersucht. Ein Akteur auf dem Finanzmarkt ist chancenlos, wenn er nicht bis zu einem gewissen Grad dazu fähig ist, in die Haut eines Anderen zu schlüpfen. Trotz aller Mathematik: Das Geschäft auf den Finanzmärkten ist ein in hohem Maß gefühlsbetontes. Die Finanzdaten sind für die Akteure genau insoweit von Bedeutung, als sie Einschätzungen, Vorlieben, Abneigungen, Ängste und Euphorien der Marktteilnehmer widerspiegeln, aus denen Schlüsse über ihr zukünftiges Verhalten gezogen werden können. Nichts anderes gilt für die mathematischen Finanzmodelle und Finanzmarkttheorien.

Ernst-Wilhelm Händler, Geld und Wert

 

Ein zu allem entschlossener Graphozentrismus brach aus. Nicht nur auf der Seite der Architektur, die sich mehr und mehr als Architextur und Medienarchitektur aufführte und bei Fassade an Interface dachte – aktuelle Stichworte: Urban Screens, Medienfassaden, Schriftfassaden. Auch die Sub- und Gegenkultur der Graffiti-Kritzler oder Sprayer schrieb wie verrückt den öffentlichen Bedeutungsraum voll, und die Geisteswissenschaften waren immer mit von der Partie – man denke nur an die Karriere der Begriffe Zeichen, Schrift, Text spätestens seit 1967.

Wolfgang Kemp, Ästhetikkolumne. Public Writing

 

Was man in den derzeit sich stapelnden Büchern über das Nachtleben eher nicht findet, sind Schreibweisen, die ihre Mehrstimmigkeit nicht durch die Montage von Interviewstatements generieren, sondern durch Experimente mit verschiedenen Formen von Narration, Dokumentation und Fiktion innerhalb eines Textes. Im Vergleich zu Hubert Fichtes Die Palette (1968) oder Rainald Goetz´ Rave (1998), die in der ambivalenten Verschränkung von Fakt und Fiktion und auf der Basis von durchaus exzessiv betriebener teilnehmender Nachtlebenbeobachtung literarische Formen der Geschichtsschreibung entwerfen, bleiben die hier vorgestellten Bücher und Texte vergleichsweise konventionellen Mustern verhaftet.

Eckhard Schumacher, Popkolumne. Nachtlebengeschichtsschreibung

 

In dem Moment, in dem die Verstaatlichung der Realität an ihre Grenzen gelangt, in dem das von Nationalstaat und Sozialwissenschaften seit dem 19. Jahrhundert gemeinsam verfolgte Projekt der Etablierung einer stabilen und unbezweifelbaren Realität nicht mehr vollkommen zu überzeugen vermag, beginnt in der Literatur die Suche nach einer Antwort auf jenen Verdacht und jene Unsicherheit, die sich aus der »Spannung zwischen Offiziellem und Inoffiziellem« ergibt, die der Kriminalroman zugleich inszeniert und bearbeitet.

Robin Celikates, Luc Boltanski, Meisterdetektiv

 

In den seltensten Fällen schreibt ein Essayist allein darüber, dass er schreibt. Aber er schreibt darüber immer auch. Ein Thema wird schreibend aus einem Erzählverfahren geboren, das sich selbst als performativer Akt, als Schreibakt, mitreflektiert. Eben darin ist der Essay von anderen Spielarten nichtfiktionaler Sachliteratur zu unterscheiden.

Christian Schärf, Elias Canettis »Mache und Macht« als Großessay

 

Geisteswissenschaftler winken ständig, quote-unquote, mit Zeige- und Mittelfinger beider Hände, während Naturwissenschaftler die Originalformulierung, mit der Hans Krebs den Citratzyklus eingeführt hat, nicht einmal kennen. Wozu sollten sie auch? Geisteswissenschaftler hingegen finden gegen die Erwartung, es würden Neuigkeiten mitgeteilt, keinen Widerspruch darin, wenn sie Altes wortgetreu wiederholen. Der Fußnote und dem Beleg wird auch unter Umständen, nämlich denen der Interaktion, gehuldigt, in denen die Verweise vom Publikum gar nicht genutzt werden können, sondern allenfalls dem Vortragenden zum Beleg dienen, tatsächlich an der Quelle gewesen zu sein.

Jürgen Kaube, Der Essay als Freizeitform von Wissenschaft

 

Poetikvorlesungen werden heute fast automatisch veröffentlicht, was zur Produktion weiterer Sekundärliteratur über den Autor zu führen pflegt. Es muss aber nicht immer eine Poetikvorlesung sein. Auch bei »normalen« Autorentagungen versuchen die Organisatoren oft genug, den Autor als Krönung und Höhepunkt der Veranstaltung zu gewinnen, verbunden vielleicht mit einer Lesung, einem Werkstattgespräch oder dergleichen. Mancher Autor bleibt aus Neugier oder Eitelkeit während der ganzen Tagung dabei. Man kann dann beobachten, wie die Vortragenden nach seinem Nicken, Schmunzeln, Lächeln zu schielen beginnen.

Matteo Galli, The Artist is Present

 

Ist der Blick erst darauf eingestellt, fallen einem vergleichbare Tautologien an den unterschiedlichsten Stellen auf. Der Psychotherapeut erkennt, dass der Patient noch nicht bereit für die aufgezeigte Lösung ist, er sie noch nicht annehmen kann, sonst täte er es ja. Der Lehrer gibt dem Schüler noch Zeit, weil der Groschen offensichtlich noch nicht fallen kann, sonst wäre er schon gefallen. Manager ahnen, dass erfolgreiche Produkte die Bedürfnisse oder Träume einer bestimmten Zielgruppe genau treffen, sonst wären sie nicht erfolgreich. Der Kriminologe fragt sich, was an dem Opfer den Täter angezogen haben könnte, sonst hätte er sich wohl ein anderes gesucht.

David Klett, Lob der Tautologie

 

Der unbekannte Mensch ist nicht nur der freie Mensch, der seine Freiheit missbrauchen kann, sodass man ihn zu seiner Freiheit erziehen muss. Er ist zugleich und radikaler der Mensch, der für sich und für andere in seinen Absichten, Ängsten und Hoffnungen undurchschaubar ist. Er ist eine Versuchsanordnung, die immer wieder neu dazu zwingt, sich zu überlegen, ob man weiterhin so miteinander umgehen kann, wie man dies bis hierhin gewohnt ist. Der Unterschied, den der unbekannte Mensch macht, ist der Unterschied, den die Frage macht, ob man weiterhin dem Wissen trauen kann, das man bisher zu haben glaubte. Ist der andere so, wie man bisher glaubte, oder nicht doch ganz anders?

Dirk Baecker, Rechnung mit drei Unbekannten

 

Es ist eine einfache, leise Geschichte über ein einfaches, gut gelebtes Leben. Das kriege ich hin, dachte ich mir. Der schmucklose und doch warme Stil erinnerte mich an Anna Seghers, deren Bücher ich schon als aufmüpfige Studentin bewundert hatte. Nichts irritiert britische Akademiker so sehr wie eine störrische sozialistische Autorin. Zu einer Freundin meinte ich, die Übersetzung sei für mich kein Problem – ich kannte zwar Christa Wolf nicht besonders gut, aber fast alles von Anna Seghers. Meine Freundin lachte.

Katy Derbyshire, Lilo, Nelly und ich. Zur Übersetzung von Christa Wolfs »August«

 

Vielen scheinen die Umstände hier einerseits beschämend, andererseits naturgegeben zu sein, wie die ethische und ästhetische Verwahrlosung ihres Landes unter Berlusconi. Schwer zu sagen, wie elend Neapel tatsächlich ist. Verfälscht nicht das Informelle, Gemauschelte, unter der Hand Gemachte hier alles Offenbare? So will es zumindest der Mythos von Neapel als dunkler, unregierbarer Stadt, der vielleicht die ganze Wahrheit und ganz sicher unwiderlegbar, weil eben Mythos ist.

Tobias Haberkorn, Kleine Neapologie

 

Dumm kommt nie aus der Mode, weil es nie in Mode ist. Dumm steckt fest und ist unrettbar. Es ist zu schräg, zu seltsam, zu widersprüchlich und schlägt zu viele Volten, um auf einen Slogan oder eine Kampagne reduzierbar zu sein. Wie dumm sie scheinen mögen: Werbekampagnen wollen doch zu schlau sein; am Ende musst du schlau kommunizieren, um jemanden dazu zu bekommen, etwas zu kaufen. Dumm trübt das Wasser. Jurys und Preise erkennen dumm nicht. Jurys und Preise wurden erfunden, um schlau auszuzeichnen. Dumm ist nicht angeboren. Für dumm muss man erst durch schlau durch.

Kenneth Goldsmith, Dumm

 

Die Schule ist ein Halt, eine Stelle, ein Ort des Aufenthalts, aber er hat nicht nur eine räumliche Dimension, sondern auch eine zeitliche, eine Unterbrechung der Arbeit, der üblichen Beschäftigung, des gewöhnlichen Lebens. Freiheit heißt freie Zeit, über Zeit verfügen zu können, früher, bei Griechen und Römern, nicht arbeiten zu müssen, weil man andere arbeiten lässt, Sklaven. Seit wir die Sklaverei abgeschafft haben, das heißt die Sklaverei in unserer Nähe, die wir sehen, sind wir selbst halb Sklaven und halb Freie.

Hannes Böhringer, Die Schule

 

Doch jetzt bin ich Busprofi, bringe Busse an vereinsamten Haltestellen durch einheimisch anmutende Winkbewegungen zum Halten, verbringe meine Freizeit während des Berufsverkehrs gerne im Stau und kann sogar im Stehen das einhändige Lesen von Taschenbüchern simulieren, während ich heimlich die Einkaufstasche des algerischen Familienvaters rechts neben mir inspiziere.

Stephan Herczeg, Journal (X)


MERKUR Jahrgang 68, Heft 776, Heft 01, Januar 2014
broschiert
ISSN: 0026-0096

Autoren in dieser Ausgabe

Georg Stanitzek, Carlos Spoerhase, Ernst-Wilhelm Händler, Wolfgang Kemp, Eckhard Schumacher, Robin Celikates, Christian Schärf, Jürgen Kaube, Matteo Galli, David Klett, Dirk Baecker, Katy Derbyshire, Tobias Haberkorn, Kenneth Goldsmith, Hannes Böhringer, Stephan Herczeg,


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