MERKUR

Heft 01 / Januar 2017

Heft 812

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Was hat es zu bedeuten, dass die Geschichtsschreibung, wenn auch erst seit kurzem, begonnen hat, sich mit den Menschenrechten zu beschäftigen? In den großen historischen Meisterwerken der letzten beiden Dekaden, etwa in den Interpretationen des 20. Jahrhunderts von Eric Hobsbawm und Tony Judt oder des 19. Jahrhunderts von Jürgen Osterhammel und Christopher Bayly oder der Imperien von Jane Burbank und Frederick Cooper, kamen sie höchstens am Rande vor. Das wird sich künftig ändern. Eine neue Zeit verlangt nach einer neuen Vergangenheit. Und anscheinend sind wir in den letzten Jahren in einer neuen Gegenwart angekommen, einer Zeit von „global governance“, „transnationalem Recht“ und „humanitären Interventionen“.
Stefan-Ludwig Hoffmann, Rückblick auf die Menschenrechte

Im politischen Alltagsbetrieb von Brüssel und Straßburg wird die Grundhaltung des „Immer Mehr“ durch eine Bewegungsmetapher ausgedrückt: Ein Fahrrad, das nicht weiterbewegt wird, fällt um. Die Europäische Union müsse deshalb immer weiter nach vorne bewegt werden, sie müsse immer unterwegs sein. Dieser Vergleich, so offensichtlich unangemessen er auch ist, bringt die Mentalität der Amtsträgerinnen und Europapolitiker und häufig auch der Europarechtswissenschaft prägnant zum Ausdruck. Dabei müssen die Worte der Präambel keineswegs zwingend genau so verstanden werden.
Rainer Wahl, Die „immer engere Union“

Es gibt wenig, für das Gülen noch nicht verantwortlich gemacht worden wäre. Die plötzliche Wende im Verhältnis zu Russland – die Piloten, die 2015 den russischen Jet abgeschossen hatten, sollen nun auf einmal Gülen-Anhänger sein. Das Grubenunglück von Soma 2014 – auch hier wird auf einmal Gülen als Schuldiger präsentiert. Der Mord an dem armenischen Bürgerrechtler Hrant Dink 2007 wird ebenso der Gülen-Bewegung in die Schuhe geschoben wie der Luftangriff türkischer Streitkräfte im Dezember 2011, dem 34 kurdische Dorfbewohner zum Opfer fielen. Eine bessere Sündenbockstrategie hätte Erdogan kaum erfinden können.
Heiner Barz, Feinbild Gülen

Tränen, das ultimative Symbol für Authentizität, haben in der Theaterwelt nicht den besten Ruf. Wenn sie hergestellt sind – sei es durch „innere“ Techniken der Einfühlung oder Erinnerung, sei es durch augenreizende Substanzen –, wandelt das Theater auf illusionistischen Bahnen, die altehrwürdig sein mögen, mitunter aber auch ziemlich bigott und ausgetreten wirken. Wenn aus genau diesem Grund Tränen für die Zuschauer sichtbar aufgetragen oder gleich literweise vergossen werden, was ebenfalls vorkommt, verpufft ihre Wirkung auf der Metaebene: Zu sehen ist nur noch die Inszenierung eines Symbols für Authentizität.
Eva Behrendt, Theaterkolumne

Was die Metaphorik der Herzensbildung betrifft, so ist die konfuzianische Tradition sicher als eine besonders differenzierte Quelle anzuerkennen. Im Chinesischen wird das Denken traditionell im Herzen lokalisiert, allerdings wird „xin“ im Deutschen möglicherweise etwas unglücklich meist bloß mit „Herz“ übersetzt, während die einschlägige englischsprachige Literatur von „heart/mind“ spricht, also von „Herz/Geist“.
Roland Reichenbach, Bildungskolumne

Angesichts dieser Realitäten erscheint die Absicht, den „gap“ zwischen Amateuren und Profis zu schließen, rührend naiv. „Breaking down the barriers, vermag das Musikleben nicht zu heilen. Der Wunsch ist naiv auch insofern, als die Scheidung von Eingeweihten und Nichteingeweihten zum Kern europäischer Mehrstimmigkeit gehört, insofern die Einführung der Notenschrift notwendigerweise jene, die Noten lesen können, von den anderen trennt, die musikalische Analphabeten sind. Das Ideal eines Musizierens, das unmittelbares Sich-Ausdrücken der Akteure ist und ohne Vergegenständlichungen auskommt, taugt nicht als Orientierung für das Nachdenken über Musik.
Thomas Kabisch, Abwesenheit des Allgemeinen

Dass Jiménez’ Gedichte fremd sind, wie fremd sie sind, wie fremd sie einem deutschsprachigen Publikum sind, habe ich nicht nur im Prozess der Übersetzung erfahren, sondern auch in den Reaktionen darauf, die wiederum auf den Übersetzungsprozess eingewirkt haben. Was ist so fremd daran? Anscheinend bestehen gewaltige Unterschiede zwischen dem, was sich als die Tradition des barroco beschreiben ließe, in die sich diese Gedichte einschreiben, und dem, was die deutschsprachige Literatur als Barock fasst.
Léonce Lupette, Amphibische Gedanken

Als ich selbst nach vierzehnjähriger erzwungener Abwesenheit das anatolische Dorf Salliusagi, in dem ich meine Kindheit verbracht habe, erstmals wieder besuchte, war es mir so, als würde ich ein Museum besuchen. Das Leben, das ich in Erinnerungen aufbewahrt hatte, hatte sich in Staub verwandelt; aus den Ruinen meiner Kindheit stieg eine Wolke aus Rauch und Staub zum Himmel, die meine Augen rot werden ließ. Die verflossenen Jahre hatten einen unsichtbaren Vorhang zwischen mir, dem Ort und den Menschen gezogen.
Ahmet Cavuldak, Im Wartezimmer des Lebens

Eine Sache lernt man beim Trampen viel schneller als im sonstigen Leben: Mit Schüchternheit kommt man nicht voran. An den Raststätten der Republik, unter Unbekannten, die man niemals wiedersehen wird, darf man ein anderer Mensch sein, ein Beliebiger, da man nur für hundert Kilometer auf sich festgelegt sein wird. Ohne Angst, ausgebrochen aus dem abgesicherten Alleinsein, muss man auf die Fahrer zugehen und sich dann auf ihr Leben einlassen, soweit dies eben möglich ist, vom Beifahrersitz aus.
Leander Steinkopf, Hitchhiker’s Guide to Germany

Über Krähen ist eigentlich schon alles gesagt. Rabenvögel, so wispern die Wissenschaftssendungen, seien die intelligentesten ihrer Klasse, sie könnten Rätsel lösen, planen und sich selbst im Spiegel erkennen. Unwillkürlich imaginiere ich einen eigenen kleinen Krähentempel zu Delphi, in dem die Vögel der Antike sich selbst erkennen konnten, vielleicht in einem Spiegel aus blankgewienertem Metall. Sie hätten ihre Köpfe schiefgelegt und sich selbst so skeptisch beäugen können wie sonst nur die Menschen, die an der Straßenbahnhaltestelle Dr.-Karl-Renner-Ring darauf warten, so schnell wie möglich woandershin zu kommen.
Günter Hack, Krähen, Koren, Karyatiden

Dass es sich bei der vermeintlichen Falte gar nicht um eine Falte, sondern um die verwischte Flugbahn eines solchen Nussteilchens handeln könnte, ist aufnahmetechnisch kaum zu begründen, da es sich bei der Lichtquelle um ein Blitzgerät handeln musste, dessen ultrakurzer, sich in den Knopfaugen des Hamsters spiegelnder Lichtblitz das Flugobjekt eher im Bild festgehalten als in die Unschärfe überführt hätte.
Harry Walter, Eine Frau, ein Goldhamster und zwei Walnüsse

MERKUR Jahrgang 71, Heft 812, Heft 01, Januar 2017
104 Seiten, broschiert
ISSN: 0026-0096

Autoren in dieser Ausgabe

Stefan-Ludwig Hoffmann, Rainer Wahl, Heiner Barz, Eva Behrendt, Roland Reichenbach, Thomas Kabisch, Reynaldo Jiménez, Léonce Lupette, Ahmet Cavuldak, Leander Steinkopf, Günter Hack, Harry Walter,


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