MERKUR

Heft 01 / Januar 2019

Heft 836

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Zitate aus Merkur, Nr. 836, Januar 2019

Dass ausgerechnet jemand wie Martin Schulz sich so freigiebig mit Demokratiegefährdungsdiagnosen zeigt, muss überraschen, wo doch er wie fast kein Zweiter die ganze Alternativlosigkeit europäischer Politik verkörpert, wie sie dann auch in die deutsche hineinragt. Denn "Europa" als zentrales Element deutscher Staatsräson motivierte ja in beiden Krisen, der Euro- und der Flüchtlingskrise, eine Politik, die zuhause die außerparlamentarische Kritik provozierte, weil die parlamentarische ausblieb, und schließlich der AfD in den Bundestag verhalf.
Philip Manow, Der Extremismus der Mitte

Überall in Europa konnten die Parteien der extremen Rechten den größten Stimmenzuwachs in den Regionen verbuchen, die während der letzten Jahrzehnte diesbezüglich den größten Aderlass hinnehmen mussten. Das legt nahe, dass auch in Mitteleuropa die illiberale Wende eng mit dem Massenexodus vor allem junger Leute und den demografischen Ängsten zu tun haben könnte, die durch die Abwanderung ausgelöst wurden.
Ivan Krastev/Stephen Holmes, Osteuropa erklären


Und schon sind Sie auf der Lyriklesung angekommen, haben einen bescheidenen einstelligen Betrag bezahlt, balancieren ein Glas mediokren, nicht ganz durchgekühlten Riesling auf dem linken Knie und lehnen sich zurück. Es sind diese Lesungen, womit Dichterni ihr Geld verdienen; die Bücher sind es nicht. Allein die eilfertige Bereitschaft zur Verkörperung des Ausgedachten – in einem sehr armen, dem ärmsten Theater.
Monika Rinck, Das Ungesagte meinen

Aber in Zeiten der XXL-Literatur kann einem auch etwas fehlen; man gerät gelegentlich ins Grübeln, ob bei der Maximalanreicherung, einschließlich üppiger Ausflüge ins Phantastische oder anders Exzessive, das dann zu einem "Zeitenpanorama" sich verdichtet (oder auch nicht), etwas verloren geht, in der Überfülle das Fehlen fehlt. Will man nicht als modernistischer Nörgler gelten, behält man dergleichen besser für sich; es sei denn, man hätte einen kleinen Trumpf in der Hinterhand. Meiner heißt Maruan Paschen.
Eva Geulen, Literaturkolumne

Ankunft im Herzen der Nebelproduktion. Auf der Bühne stapeln sich die Apparaturen. Ein ganzes Spektrum von Nebelmaschinen lagert die mittelständische, vom Bankrott bedrohte Fabrik, in der Thom Luz' Inszenierung Girl from the Fog Ma¬chine Factory (2018) spielt, eine Koproduktion der Kaserne Basel mit verschiedenen Produktionshäusern: große, kleine, mittlere, solche, die auf Bodennebel spezialisiert sind, und die neuesten Modelle aus China, die mit ferngesteuerten Schwenkköpfen Licht und Nebel zugleich gezielt in alle Richtungen ausstoßen können.
Eva Behrendt, Theaterkolumne

Ist ein Schriftsteller oder eine Schriftstellerin eine interessante Protagonistin? Ich bin mir da gar nicht so sicher. Und ich verstehe auch nicht, warum ich schon wieder, und das sehr gerne und mit größtem Vergnügen, ein mehrbändiges Werk lese, dessen Hauptfigur ein Schriftsteller ist – aber Moment, nein, hier ist die Hauptfigur ja Schriftstellerin und nicht männlich. Nach der Lektüre der Schriftsteller-Romane von Tomas Espedal, Karl Ove Knausgård und nach Emmanuel Carrères Ein russischer Roman ist das schon eine Abwechslung.
David Wagner, Um zu erzählen. Rachel Cusks Lebensromane

Die neue Popmusik-Kritik der Spex unterschied sich vom Mainstream der Populärkultur durch Nonkonformität und produktiven Hass auf "die Ästhetik von MTV, die formgewordene Verwertungslogik der Pearl Jams dieser Welt und der mit ihr verschwippschwägerten Emotionalisierungsrhetorik". In anderen Worten: Es war ein wohltuend dissidentes Schreiben und Sprechen, das bis in die zweite Hälfte der neunziger Jahre tatsächlich so einzigartig war, dass der Spex völlig zu Recht der Ehrentitel "beste Band Deutschlands" verliehen wurde.
Harun Maye, Die Spex-Jahre

Die Schande hätte sich vermeiden lassen, wenn es nur nicht diese Triebe gäbe, die immer ins Verderben führen und für die man nun büßen muss, so wie der Apotheker, der nach dem Abi-Treffen nicht betrunken die beiden Anhalterinnen hätte mitnehmen und sich von ihnen ablenken lassen dürfen, dann hätte er auch nicht Derricks Kollegen totgefahren und wäre auch nicht von den bösen Freunden der Anhalterinnen erpresst worden, deren Zwielichtigkeit ja schon einzig dadurch klar war, dass sie Anhalterinnen sind. Keine Anhalterinnen = kein Risiko = kein Verbrechen.
Robin Detje, Derrick, Walter Sedlmayr, die Schauspielkunst und ich

man stelle sich vor, die linke hand wüsste nicht, was die rechte tut – dann gehörte ihr die welt, ihre eigene ungeschickte welt. sie wäre weniger als die hälfte wert, aber glücklich. sie müsste alleine zurechtkommen und würde von tag zu tag mehr lernen. konfrontiert mit der ständigen virtuosität einer besseren hand würde sie allerdings vielleicht irgendwann resignieren und am eigenen entwurf zweifeln. man stelle sich vor, die rechte hand wüsste nicht, was die linke tut – sie wäre ganz und gar desorientiert.
Erhard Schüttpelz, zwei variationen

Das offizielle Polen sieht Deutschland nicht mehr als starken Verbündeten. PiS-nahe Medien stellen es seither systematisch als feindselig und antipolnisch dar. Das Staatsfernsehen bezeichnet die deutsche "Flüchtlings- und Multikultipolitik" als Geheimwaffe, mit der Berlin gezielt das Ende des Abendlands einleiten will.
Felix Ackermann, Herr Grzesiek und mein Großvater

An einer Ecke der Stadt sieht es aus wie in Ostberlin, an der anderen wie in New York. Neben sozialistischen Repräsentationspalästen sind die Bürotürme von Banken, Öl- und Gaskonzernen in die Höhe geschossen. Der Grundriss aus kommunistischer Zeit ist ruiniert. Gegenüber der orthodoxen Nikolaus-Kapelle, die den geografischen Mittelpunkt Russlands markiert, steht ein dekonstruktivistisch angehauchter Shopping-Komplex mit verknautschter Glasfassade, in dem Burger King und russische Telekom ihre Filialen haben. Der Rundbau des sozialistischen Globus-Theaters, durch dessen Dach es angeblich hineinregnet, schaut verwundert auf ein Gebäude, das aussieht wie ein überdimensioniertes Fabergé-Ei. Im Innern befindet sich eine Diskothek.
Jochen Rack, Nowosibirsk

Der Wagen begann, sich zu drehen. Ich geriet in Panik, sah schon die Schlagzeile: "Rumäniens prominentester Philosoph von einem Philosophiestudenten getötet." Ich beobachtete die beiden im Rückspiegel, der wie ein stiller Punkt inmitten des Wirbels von Blocks und Häusern war, und dachte mir: "Gottseidank ist es Sonntag, und die Straßen sind menschenleer." Dann geriet das Auto in einen Schneehaufen, und die Welt kam zum Stillstand. Die beiden jedoch fuhren mit ihrer Debatte fort, die Arme in der Luft, Noica nach oben deutend, Dragomir nach unten.
Catalin Partenie, Alexandru Dragomir: In der Zeit sein



MERKUR Jahrgang 73, Heft 836, Heft 01, Januar 2019
broschiert
ISSN: 0026-0096

Autoren in dieser Ausgabe

Philip Manow, Ivan Krastev, Stephen Holmes, Monika Rinck, Eva Geulen, Eva Behrendt, David Wagner, Harun Maye, Robin Detje, Erhard Schüttpelz, Felix Ackermann, Jochen Rack, Catalin Partenie,


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