MERKUR

Heft 03 / März 2010

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Printausgabe vergriffen, Artikel als PDF erhältlich, siehe unten
W. A. Pannapacker

Geständnisse eines Middlebrow-Professors

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Zitate:

Als ich Anfang zwanzig war und Student der höheren Fachsemester in den Geisteswissenschaften, lud ich eine kleine Gruppe von Freunden und Bekannten in meine Wohnung ein. Es dauerte nicht lange, bis die Gäste anfingen, meine Bücherregale zu mustern (ich tue das heute natürlich auch, wenn ich irgendwo eingeladen bin). Ich erinnere mich, dass ich zahlreiche abgewetzte Anthologien besaß, mindestens hundert Taschenbuchausgaben von Klassikern, die Compact Edition of the Oxford English Dictionary (die ich als Prämie des "Book of the Month"-Clubs erhalten hatte), etwa sechs Exemplare der literaturwissenschaftlichen Fachzeitschrift PMLA und mehrere Regale mit Büchern, die ich seit meiner Kindheit aufbewahrt hatte, darunter die des Kunstbuchverlages Time-Life Library of Art und einer Serie von Sachbüchern über den Wilden Westen − in "handverarbeitetem Kunstleder". Die von mir vielleicht am meisten verehrte Bücherreihe aus meiner Kindheit waren die − stolz präsentierten − Great Books of the Western World (eine Reihe, die den Kanon der westlichen Zivilisation vorstellen sollte, von der Philosophie zur Poesie, von den Natur- und Wirtschaftswissenschaften zu Dramen und Romanen) mit ihren vierundfünfzig kunstledergebundenen Bänden: Ich erinnere mich, dass ich sie alle auf einmal für zehn Dollar auf dem Wohltätigkeitsbasar einer Kirche erstand, als ich ungefähr dreizehn Jahre alt war, und ich musste zweimal gehen, um sie in Plastikeinkaufstüten nach Hause zu schaffen. "Deine tönernen Füße werden sichtbar", sagte einer meiner Gäste, eine Kommilitonin von mir, als sie den ersten Band der Great Books aus dem Regal nahm. Ich verstand zwar die biblische Anspielung, aber ich brauchte ein paar Jahre, bis ich die Bedeutung dieser Bemerkung begriff: Das kulturelle Milieu, aus dem ich kam, war dubios. Es war, als versuchte ich, an der Universität durch Täuschungsmanöver erfolgreich zu sein.

MERKUR Jahrgang 64, Heft 730, Heft 03, März 2010
broschiert
ISSN: 0026-0096

Autoren in dieser Ausgabe

Egon Flaig, Heinz Theisen, Otfried Höffe, Thomas E. Schmidt, Michael Roes, Rachid Boutayeb, Lothar Müller, Jens Bisky, Hansjörg Graf, Ulrich Schacht, Gerd Roellecke, W. A. Pannapacker, Kai Spanke,


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