MERKUR

Heft 04 / April 2010

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Aus dem Aprilheft 2010, Nr. 731 Der brandenburgische Ministerpräsident Platzeck hat für die neueste Trendwende in der Diskussion über die DDR die Tür weit aufgestoßen, als er die Koalition seiner SPD mit der Partei Die Linke damit begründete, dass die Bevölkerung der DDR nun endlich in der Demokratie der Bundesrepublik ankommen müsse. Wenn schon Kurt Schumacher seinerzeit den Schergen der SS die Hand gereicht habe, so könne es doch im Blick auf den kleinen Unrechtsstaat der DDR nicht anrüchig sein, mit der Linken eine Regierung zu bilden. Die hinter dieser Auffassung stehende Faustregel für das Verhältnis zwischen Aufarbeitung und Integration lautet: Die Aufarbeitung einer vergangenen Diktatur und die Integration ihrer Träger und Mitläufer schließen sich aus. Man kann nicht beides gleichzeitig bekommen. In den fünfziger Jahren herrschte in der Bundesrepublik das "kommunikative Beschweigen" (Hermann Lübbe) der Untaten der Vergangenheit, und die Täter, Parteigänger und Mitläufer des Verbrecherstaates wurden mit offenen Armen in die Demokratie aufgenommen. Adenauer wusste übrigens tatsächlich sehr genau, was er tat. Er hatte ein klares Bewusstsein davon, dass sich ein gutes Gedächtnis und die Gründung der Demokratie nach 1945 nicht miteinander vertrugen. In den Jahren seit 1989 dagegen gab es zwar eine fortlaufende und intensive Aufarbeitung der DDR und ihres Unrechts, aber die Vorbehalte vieler Ostdeutscher gegen Demokratie und Rechtsstaat wurden nicht geringer, und das Schema einer Spaltung in westdeutsche Demokraten hier und ostdeutsche Antidemokraten dort ist immer noch in Gebrauch. So dass jetzt eine gleichsam nachholende Integration der Ostdeutschen nötig ist, die offenbar am besten dadurch gelingen soll, dass die Linke zur Regierungspartei gemacht wird. Doch was ist seit 1989/1990 in Sachen Aufarbeitung der DDR-Diktatur tatsächlich geschehen, und was kann man über ihre Wirkungen sagen? Und wie weit trägt der Vergleich mit der Bundesrepublik der fünfziger Jahre? Helmut König, Aufarbeitung oder Integration? Wenn Zizek die revolutionäre Linke dazu anhält, die liberalen Skrupel gegenüber dem Terror zu ignorieren, schlägt er folgendes Verhaltensmuster vor: "Um bis zum Äußersten unmissverständlich und brutal zu sein, lässt sich eine Lektion lernen von Hermann Görings Antwort zu Beginn der vierziger Jahre auf die Frage eines fanatischen Nazis, warum er einen bekannten Juden vor der Deportation schütze: ´Wer bei mir Jude ist, bestimme ich.´ ... Wer bei uns links ist, bestimmen wir, und wir sollten deshalb liberale Vorwürfe der Widersprüchlichkeit einfach ignorieren." (Die schlägerhafte Aggressivität des neuen Stils bei der "Linken" erinnert eher an Tony Soprano als an Karl Marx.) Und was sollen wir von diesem Satz in In Defense of Lost Causes halten? "Die einzige wahre Lösung der ´Judenfrage´ ist die ´Endlösung´ (ihre Vernichtung), denn die Juden ... sind das letzte Hindernis für die ´Endlösung´ der Geschichte selber, für die Überwindung von Trennungen in einer allumfassenden Einheit und Flexibilität." Zizeks Idee der Revolution − "dieser magische Augenblick enthusiastischer Einheit eines kollektiven Willens" − ist in Wirklichkeit mehr Mussolini als Marx. Die Revolution wird vergeistigt als eine Eruption des Lacanschen "Realen", phantasiert als ein "Ereignis" im Sinne Badious, sie ist gegen die Demokratie selber gerichtet und voller Verachtung für den Willen der Mehrheit. Mit anderen Worten: Zizeks Revolutionstheorie ist faschistisch. Er schreibt: "Man sollte also eine doppelte Gleichung aufstellen: göttliche Gewalt = unmenschlicher Terror = Diktatur des Proletariats." Wir sollten von Robespierre lernen, dass "gerechte und strenge Bestrafung der Feinde die höchste Form der Gnade ist" und dass "Strenge und Barmherzigkeit im Terror zusammenfallen". Und da steht nun die neue "Linke", die Arme über der Brust verschränkt oder in die Seiten gestemmt, mit hervorspringendem Kinn auf irgendeinem Balkon und doziert über göttliche Gewalt und eine neue Ordnung. Zizeks "lost cause" meint die Idee des revolutionären Terrors, von oben herab eine utopische Ordnung zu erzwingen. Er zitiert den französischen Revolutionär Saint-Just − "Was das Allgemeinwohl hervorbringt, ist immer schrecklich" − und fügt die Fußnote hinzu: "Diese Worte sollten nicht als eine Warnung gegen die Versuchung, das Allgemeinwohl gewaltsam in einer Gesellschaft durchzusetzen, aufgefasst werden, sondern im Gegenteil als eine bittere Wahrheit, die es rückhaltlos zu unterstützen gilt." Ließe es sich noch klarer formulieren? Alan Johnson, Ein bisschen Terror darf dabeisein Le Corbusier bedeutete für die Architektur, was Pol Pot für die Gesellschaftsreform war. Eigentlich lässt sich für seine Aktivitäten noch weniger eine Entschuldigung finden als für die Pol Pots, denn anders als der Kambodschaner hatte Le Corbusier große Talente, ja sogar geniale Züge. Bedauerlicherweise nutzte er seine Begabung für destruktive Zwecke, und es ist kein Zufall, dass er bereitwillig sowohl Stalin als auch der Vichy-Regierung diente. Wie Pol Pot wollte er mit dem Jahre Null beginnen: Vor mir war nichts, nach mir wird alles sein. Durch ihre bloße Anwesenheit löschten die mit Rohbeton verkleideten rechteckigen Türme, von denen er besessen war, Jahrhunderte von Architektur aus. Es gibt kaum eine Stadt in England, um nur eine Nation zu nennen, deren Stadtbild nicht von Architekten und Stadtplanern ruiniert wurde, die sich von Le Corbusiers Ideen hatten anregen lassen. Werke über Le Corbusier beginnen oft mit einer Lobrede, die seiner Bedeutung gilt, in der Art von "Er war der bedeutendste Architekt des 20. Jahrhunderts". Freund und Feind stimmen in diesem Urteil überein, aber "Bedeutung" ist bekanntlich ein moralisch wie ästhetisch mehrdeutiger Begriff. Lenin war schließlich auch einer der bedeutendsten Politiker des 20. Jahrhunderts, aber dabei geht es um seinen Einfluss auf die Geschichte, nicht um seine Verdienste: für Le Corbusier gilt das ebenfalls. Doch so wie Lenin auch dann noch verehrt wurde, als seine Greuel jedermann hätten klar sein müssen, so wird auch Le Corbusier weiterhin verehrt. Ja seine Vergötterung erfährt zur Zeit eine Art Neubelebung. Nicholas Fox Weber hat gerade eine gründliche und überwiegend positive Biographie veröffentlicht, und der Kunstbuchverlag Phaidon hat ein sehr umfangreiches und teures Buch herausgegeben, das sich liebevoll mit dem Werk Le Corbusiers beschäftigt. Darüber hinaus wurde vor kurzem eine hagiographische Le-Corbusier-Ausstellung in London und Rotterdam gezeigt. Theodore Dalrymple, Der totalitäre Architekt Der Versuch der Moderne, neue Bilder aus dem Geist der Analyse und der Abstraktion zu schaffen, ist im besten Falle in der ästhetischen Beliebigkeit von Funktionserfüllungen gestrandet. Der Eindruck von Beliebigkeit ist der Tod jeder ästhetischen Qualität. Eine Stadt, die außer sozialtechnischer Funktionserfüllung nichts zu bieten hat, behandelt die Stadtbewohner "als sinnliche Idioten" (Georg Franck). Europa ist trotz schwerer Verluste immer noch ein Kontinent grandioser Stadtpersönlichkeiten mit einem wertvollen architektonischen Erbe auch der Alltagswelt geblieben. Als Architekt und Stadtplaner, der gegenüber universalistischen Lösungen misstrauisch geworden ist, empfehle ich die Abkehr vom Anspruch, europaweit gültige städtebauliche Lösungsvorschläge zu machen. Das riecht nach Brüssel-Bürokratismus. Neue Bilder, die mehr sind als Kulissen einer Stadt, die von Projektmanagementfirmen gestaltet werden, entstehen nur im Rahmen von Projekten mit lokaler beziehungsweise regionaler städtebaulicher Aufgabenstellung, und sie müssen nach der Lösung der Wohnungsfrage vor allem das Thema des privaten Hausbaus auf die vorderste Position setzen. Natürlich nicht als Einzelbauwerke, sondern als Teil der Stadt auf der Grundlage stadtbaukünstlerischer Pläne. Allerdings nicht in der aggressiven Bildrhetorik des "New Urbanism", sondern im Sinne eines aufgeklärten Umgangs mit der Tradition europäischer Stadtbaukunst. Das hört sich bescheiden an, ist aber als Prozess der Neuorientierung mindestens so anstrengend wie die Neuausrichtung der SPD, der Partei, die im 20. Jahrhundert mit der Arbeit der Stadtplaner inhaltlich auf das engste verbunden war. Hans Stimmann, Verdammt zu Unwirtlichkeit oder Nostalgie? Der deutschen Musikwissenschaft global vorzuhalten, sie habe sich ihrer Rolle im Nationalsozialismus und den daraus sich ergebenden Folgelasten nicht wirklich gestellt, wäre zweifellos ungerecht. Ist doch in den letzten Jahrzehnten so mancher Titel auf den Markt gekommen, der zumindest einen Versuch in diese Richtung hin unternimmt. Zuletzt hat das gewichtige Buch von Thomas Schipperges über Heinrich Besseler deutlich gemacht, dass eine Auseinandersetzung mit dem Thema Musikwissenschaft unter Hitler ihren Namen nur insoweit verdient, als sie sich der überkommenen Frontstellung Apologie versus Anklage verweigert. Die Zeiten, in denen es entweder Nazischweine gab oder antifaschistische Helden − tertium non datur −, sind eigentlich vorbei. Nun belegt der Fall Hans Heinrich Eggebrecht jedoch eindringlich, dass der Diskurs über Musikwissenschaft im "Dritten Reich" noch weit von einer Sprache entfernt ist, die dem Nachwirken jener Vergangenheit heute im Ernst öffentlich gerecht würde. Statt einer Kultur des Zweifels, die sich der Versuchung gerade enthielte, wie in einem Gerichtsprozess über Schuld und Unschuld zu befinden, gibt das Bedürfnis nach Gewissheiten und zweifelsfreien moralischen Verhältnissen weiterhin den Ton an. Darin unterscheidet sich die akademische Welt von den Massenmedien, auf die sie herabsieht, keineswegs grundsätzlich. Richard Klein, Musikkolumne Manche Tierphilosophen halten die Wertschätzung der intellektuellen Fähigkeiten ihres Gegenstandes für neu. In Wahrheit treten im Lauf der Philosophiegeschichte drei Modelle auf. Und das eine von ihnen − es mag theriophil (von griechisch "therion": Tier) heißen − schätzt die Fähigkeiten der Tiere als hoch und die Differenz zum Menschen als gering ein. Nur das theriophobe oder besser anthropologische Modell sieht die intellektuellen Fähigkeiten des Menschen als exzeptionell an, dass sie den Tieren so schlicht abgesprochen werden. Theriophil ist beispielsweise der Mathematiker, Philosoph und Guru Pythagoras. In seiner Seelenwanderungslehre sieht er zwischen Mensch und Tier keinen prinzipiellen psychischen Unterschied. In der Neuzeit ist nachdrücklich theriophil der Skeptiker und Moralist Montaigne. Jeder Selbstüberschätzung abhold, bestreitet er dem Menschen alle angeblichen Sonderfähigkeiten: Auch Tiere besäßen nämlich Affekte, Tugenden, Voraussicht und eine zum Lernen befähigende Urteilskraft. Weil man das Innere von Tieren nicht kenne, könne man sie nicht einmal für frei von Religion erklären. Ein anderer Mathematiker hingegen, zugleich Physiker und Metaphysiker, legt auf die Differenz wert. Auch wenn die verbreitete Einschätzung als theriophob die Position überspitzt, trifft doch die Kennzeichnung als anthropophil zu. Im Rahmen der Grundunterscheidung von Seele/Geist und Körper, von "res cogitans" und "res extensa", von denkenden und ausgedehnten Wesen, hält Descartes die Tiere für Maschinen, die allerdings empfindungsfähig und von Gott unvergleichlich besser geordnet seien, als der Mensch je eine Maschine erfinden könnte. Das dritte Modell nimmt eine umsichtigere Bewertung vor. Es ist der überragende Zoologe der Antike, der noch von Darwin überaus hochgeschätzte Aristoteles, der einen mittleren Weg zwischen Theriophilie und Anthropophilie einschlägt, nämlich die Wertschätzung der Tiere mit klarem Differenzbewusstsein verbindet. Aufgrund einer für die damalige Zeit ungewöhnlich reichen Erfahrung, ergänzt um eine ontologische Toleranz, ist ihm jede ontologische Geringschätzung von Tieren fremd. Er spricht allen Tieren den Tast- und Geschmackssinn zu, den freibeweglichen auch die höheren Sinne des Sehens und Hörens, außerdem Lust- und Schmerzempfindungen und die Fähigkeit des Begehrens. Einige verfügen sogar über Vorstellungskraft und die Fähigkeit des Erinnerns. Otfried Höffe, Philosophiekolumne Man hat Europa in den letzten Jahren nicht viel Respekt gezeigt. 2010 in Kopenhagen wurde es ignoriert: Präsident Obama hielt es nicht für nötig, an verschiedenen Besprechungen mit europäischen Politikern teilzunehmen, Russland hat Druck ausgeübt, China zeigte sich gleichgültig. Die Vereinten Nationen sind ein verlässlicher Gradmesser in dieser Hinsicht: Europa hilft den Entwicklungsländern viel mehr als der Rest der Welt zusammengenommen, nämlich mit 60 Milliarden Dollar im Jahr. Europa und die USA zusammen bestreiten mehr als die Hälfte des Budgets der Uno. Man sollte annehmen, dass solche "soft power" einen Machtfaktor darstellt. Doch der europäische Einfluss in der Uno wird immer schwächer: Ob es sich um den Massenmord im Sudan handelt, ob um Simbabwe, Burma, die Bekämpfung des Terrorismus oder was auch immer − wo es um schwere Verletzungen der Menschenrechte, ja um Genozid geht, bleiben Europa und der Westen bei Abstimmungen regelmäßig in der Minderheit, ihre Proteste werden abgelehnt, ihre Vorschläge ignoriert. Noch deutlicher ist diese Tendenz in der UN-Menschenrechtskommission, in der Europa völlig einflusslos geworden ist. Die europäischen Vertreter in dieser Organisation betrachten ihre Tätigkeit als reine Zeitverschwendung und würden, wenn es nach ihnen ginge, den Sitzungen fernbleiben. Denn der Mehrheit geht es keineswegs um die Verteidigung von Menschenrechten und die Verhütung von Genozid, sondern um eine völkerrechtlich abgesegnete Möglichkeit, sich lästiger westlicher Einmischung zu entziehen. Wie lässt sich dieses fatale Schwinden europäischen Einflusses erklären? Nicht in Hinblick auf einen einzelnen Umstand: Im Großen und Ganzen ist es nur eine Widerspiegelung des Wandels der Kräfteverhältnisse in der Welt überhaupt. Europas große Stärke war einmal seine Wirtschaft, aber das ist vorbei. Es ist immer noch ein guter Kunde, aber viel mehr nicht. Man sucht weder seine Ratschläge noch Vermittlung und gewiss nicht seine Ermahnungen. Womöglich wird sich der alte Kontinent erholen, aber eine führende Stellung wird Europa nicht mehr innehaben. Walter Laqueur, Sind die europäischen Blütenträume schon verwelkt? Es waren selige Zeiten, als der Smalltalk über das Wetter noch ein Refugium des Unpolitischen war. Die Politik könne nur über Themen streiten, die der Mensch selbst zu beeinflussen vermöge, schrieb der Publizist Christian Graf von Krockow 1976 in einem Buch über Reform als politisches Prinzip. "Zum Beispiel gibt es noch keine wirksame Technik, das Wetter nach Wunsch zu programmieren. Deshalb gibt es noch keine Wetterpolitik und kein Wetterrecht, keine Wetterbürokratie und keinen Wetterminister, keinen Konflikt oder gar Krieg um das Wetter." Was in den Siebzigern noch als illusorisch galt, ist drei Jahrzehnte später Realität geworden. Auf der Klimakonferenz Ende dieses Jahres in Mexiko werden Wetterminister und Wetterbürokraten aus rund zweihundert Staaten erneut versuchen, mit einer globalen Wetterpolitik künftigen Wetterkriegen vorzubeugen. Spätestens seit dem gescheiterten Gipfel in Kopenhagen ist klar geworden, dass das Weltklima Gegenstand einer globalen Reformpolitik ist − und dass sie mithin den Friktionen jeglicher Reformpolitik unterliegt. Die Dimension des Problems verleitet Politik und Öffentlichkeit zu der Annahme, es gebe für die Klimapolitik keine historischen Präzedenzfälle. Das ist falsch, denn die Quantität einer Aufgabe schlägt in der Politik nicht automatisch in eine neue Qualität der prozessualen Abläufe um. Deren Mechanismen sind über alle Jahrhunderte der Beschleunigung und des ökonomischen Wachstums bemerkenswert konstant geblieben. Daher erstaunt die Naivität, mit der die Politik die Aufgaben der Klimareform angeht, ohne das vermeintliche Debakel des vorausgegangenen Reformzyklus zumindest analysiert zu haben. Dabei lässt sich aus dem als Scheitern empfundenen Verlauf der rot-grünen Sozialreformen über die Chancen und Risiken einer globalen Klimapolitik einiges lernen. Das beginnt schon mit der wissenschaftlichen Analyse des Problems. Dass es sich beim Klimawandel um ein Phänomen der harten Naturwissenschaft, bei Globalisierungsfolgen oder demographischem Wandel hingegen um den Gegenstand der angeblich weichen Sozialwissenschaft handelt, macht allenfalls einen graduellen Unterschied. Nur das Phänomen an sich ist in beiden Fällen weitgehend unbestritten: dass sich die Temperatur in der Atmosphäre durch die Verbrennung von Kohlenstoff erhöht, dass die Menschen in den Industriestaaten älter werden und weniger Kinder bekommen. Welche Auswirkungen das im Einzelnen hat, entzieht sich in beiden Fällen der exakten Prognose. Beim Klima herrscht nicht einmal völlige Einigkeit, ob die Temperaturen in Mitteleuropa langfristig wirklich steigen oder ob sie durch eine veränderte Meeresströmung sogar dramatisch sinken könnten. Auch auf dem Feld der demographischen Entwicklung bleibt der künftige Verlauf von Geburtenraten, Einwanderung, Erwerbsquoten und allgemeinem Arbeitsmarkt im Dunkeln, zumal sich die Unsicherheit durch die Wechselwirkungen der einzelnen Faktoren noch erhöht. Die Fehlerquoten, mit denen Zukunftsprognosen in der Vergangenheit stets behaftet waren, lassen die verbreitete Skepsis gegenüber vorausschauenden Reformen auf den ersten Blick plausibel erscheinen. Galten Motorisierung und automobile Gesellschaft in den sechziger und siebziger Jahren noch als Verheißung, so erscheinen sie vor dem Hintergrund von Energie- und Klimakrise als Bedrohung. War einst die globale Überbevölkerung die Folie für Untergangsprognosen, so werden vergleichbare Szenarien heute auf das entgegengesetzte Phänomen der regionalen Bevölkerungsschrumpfung projiziert. Angesichts derart brüsker Perspektivwechsel erscheint es vernünftig, den real existierenden Lebensstandard der Gegenwart nicht aufgrund von unsicheren Zukunftsszenarien einzuschränken. Ralph Bollmann, Klimareform Als ich mir neulich die Zähne putzte, schimpfte mich mein sechsjähriger Sohn aus, weil ich das Wasser zu lange laufen ließ. Ich wurde streng zurechtgewiesen, und am Ende seiner Lektion fragte er mich aufrichtig empört: "Liebst du denn die Erde nicht?" In der letzten Zeit hat er sich auch noch auf die Energiefrage verlegt, flitzt tugendhaft beflissen im Haus umher und macht das Licht selbst dann aus, wenn ich es gerade brauche. Er scheint der Umweltsünden wegen ebenso gestresst und besorgt zu sein, wie ich es einst in meinen römisch-katholischen Kindheitstagen der Masturbation wegen war. Auf einer Party gestand unlängst ein Freund den anderen Gästen, dass er eigentlich nicht recycelt: Es war, als ob diese beiläufige Bemerkung die Luft aus dem Raum gesaugt hätte − ich glaube, sogar der DVD-Player setzte für einen Moment aus. Schlagartig wurde er zum Paria: Ein Häretiker war in der rechtgläubigen Gemeinde entdeckt worden. Während der anschließenden empörten Standpauken waren die Gesichter verzerrt von moralischer Entrüstung. Viele von denen, die sich leidenschaftlich für die Rettung des Planeten engagieren, rechtfertigen ihre intensiven Gefühle mit dem Hinweis auf die Wichtigkeit der Probleme und die damit verbundenen hohen Risiken. Sie haben sicher recht, was die Wichtigkeit betrifft. Es gibt tatsächlich Umweltprobleme, und es müssen Schritte unternommen werden, sie zu lösen. Aber es gibt auch noch einen anderen Weg zum Verständnis der eigentümlichen Leidenschaft, die mit unserem Wunsch, uns umweltfreundlich zu verhalten, einhergeht. Friedrich Nietzsche bemerkte als erster, dass wir immer noch religiöse Gefühle wie Schuld und Entrüstung empfinden, auch wenn wir nicht mehr religiös sind. Er erklärte, dass wir in einer postchristlichen Welt lebten − die Kirche bestimmt das politische und wirtschaftliche Leben nicht mehr −, aber kulturell werden wir weiterhin von jüdisch-christlichen Werten bestimmt. Und diese Werte sind nicht unmittelbar klar ersichtlich − es sind nicht die Zehn Gebote oder eine einzelne besondere Glaubenslehre, sondern eine allgemeine moralische Sichtweise. Man kann unser verschleiertes Wertsystem besser erkennen, vergleicht man es mit dem Wertesystem, das dem Christentum voranging. Für die Heiden hatten Ehre und Stolz einen hohen Wert, bei den Christen aber waren es Sanftmut und Demut; bei den Heiden gab es öffentliche Schande, bei den Christen private Schuld; bei den Heiden wurde die Hierarchie gefeiert, mit überlegenen und inferioren Menschen, die Christen erstrebten Egalitarismus; und bei den Heiden lag die Betonung auf Gerechtigkeit, während die Christen Barmherzigkeit betonten: die andere Wange hinhalten. All diesen Werten lag Nietzsche zufolge eine Art Psychologie zugrunde: eine von Ressentiment und Schuld bestimmte Psychologie. Jede Kultur vernimmt den Ruf des Gewissens − die Stimme der inneren Selbstkritik. Die westliche christliche Kultur aber hat Nietzsche und Freud zufolge ein gleichsam hypertrophes Gewissen. Unsere Haltung der Schuld gegenüber ist vergleichsweise extrem, und in unserer Kultur des Sündenfalls oder der Erbsünde und des Standes der Sünde fühlen wir uns schon dafür schuldig, dass wir überhaupt existieren. Im Innersten der westlichen Kultur steht das Gefühl, dass wir unwürdig sind. Woher stammt dieses Gefühl? Stephen T. Asma, Grüne Schuld "Bei den Großen kommt der Bundesadler, bei den Kleinen der Pleitegeier." Dies ist ein fast inflationär zitierter Spruch aus dem Wahlkampfjahr 2009. Ein Satz mit Multiplikationsgarantie, Verbalmunition im politischen Tagesgeschäft und zugleich ein nahezu klassischer Aphorismus. Der Satz stammt von Guido Westerwelle, ob er selbst oder ein Ghostwriter der Autor ist, wird sich vermutlich nicht klären lassen. Ein solcher Satz braucht keinen Kontext, keine Begründung oder Herleitung. Seine Prägnanz verdankt er einem syntaktischen Parallelismus, der mit einer doppelten semantischen Antithese (groß/klein, Bundesadler/Pleitegeier) verschränkt ist. Die triftige Metapher überbietet die Triftigkeit jeder Argumentation. Selbst dem sprachlich schon recht abgenutzten "Pleitegeier" wachsen in kontrastierendem Bezug zum "Bundesadler" neue Flügel. Zugleich ist sprachliche Pointierung in dieser Äußerung kein Selbstzweck. Vielmehr verdichtet sich in der Sentenz eine zentrale Position der FDP im letzten Bundestagswahlkampf: Die Kritik an einem aus Sicht der Liberalen überzogenen staatlichen Dirigismus in Krisenzeiten, von dem überdies nur Großkonzerne profitieren. In Zitateforen im Netz sind eine Reihe weiterer Aphorismen von Westerwelle überliefert: "Wenn es nach den Grünen gegangen wäre, bestünde das Handy immer noch aus zwei mit einer Kordel verbundenen Joghurtbechern." Oder aus jüngerer Zeit: "Das (Konjunkturpaket) ist wie Currywurst mit Mayo ohne Pommes." Bei manchen dieser Sentenzen ist die Anlehnung an die aphoristische Tradition so offensichtlich, dass sie in die Nähe des Plagiats geraten: "Die Regierung widerspricht allen Lehrsätzen der Mathematik: Die Summe von Nullen kann durchaus eine stattliche Zahl ergeben." Die Pointe sitzt. Aber nur, weil das geneigte Publikum nicht wissen dürfte, dass sie geborgt ist. "Ich stimme mit der Mathematik nicht überein", schreibt der polnische Satiriker und Aphoristiker Stanislaw Jerzy Lec in seinen Unfrisierten Gedanken. "Ich meine, dass die Summe von Nullen eine gefährliche Zahl ist." Ganz ähnlich heißt es beim tschechisch-deutschen Aphoristiker Gabriel Laub in Denken verdirbt den Charakter: "Die Stärke der Millionen beruht auf den Nullen." Laub widmet der Null sogar eine ganze Aphorismengruppe mit 17 Texten. Viele Sentenzen Westerwelles, der 2009 vom Verband der Redenschreiber deutscher Sprache (VRdS) zum besten politischen Redner gekürt und für seine "originellen Bilder" gelobt wurde, sind polemischer Natur. Dabei handelt es sich meist um satirische Abbreviaturen, die auf die Regierungsparteien zielen. Dies legt den Schluss nahe, dass sich aphoristisches Sprechen in der Oppositionsrolle besonders eignet, dass es vor allem dort ein probates sprachliches Mittel ist, wo Aufmerksamkeit und mediales Echo nicht qua Amt und Anlass gesichert sind. Für diesen Befund spricht, dass der Aphoristiker Westerwelle nach der Regierungsübernahme sich zumeist jener staatstragenden Diktion befleißigt, von der er sich früher mit großem medialem Erfolg abgesetzt hatte. Was freilich nicht bedeutet, dass der polemische Aphoristiker in Westerwelle ("spätrömische Dekadenz") gänzlich verstummt ist. Michael Esders, Pleitegeier am Ende des Tunnels Der Weg zur Bastei führt am Abgrund entlang, links fällt der Blick hinunter ins zweihundert Meter tiefer liegende Flusstal. Vor Jahrzehnten hat Philipp Gefühle über diesen Pfad getragen, die jetzt mit einer Wucht aufsteigen, als sei überhaupt keine Zeit vergangen. Die rätselhafte, ins Weite und ins Weltall reichende Sehnsucht der Frühpubertät, damals, als er nachts hier oben war, Sternbilder lernte mit dem Gedanken, zu gegebener Zeit jemanden darüber zu unterrichten. Vielleicht dann, wenn man zusammen im Gras liegen würde. Ist das eigentlich jemals vorgekommen im späteren Leben, all die Jahre hindurch mit Brigitte? Irgendwann werden sie doch zusammen eine sternklare Nacht erlebt haben? Wie auch immer, es ist ganz anders gekommen. Niemals hat er jemandem Sternzeichen erklärt. Kein Zweifel, dies alles hat er die ganzen Jahre in sich gehabt, ohne es zu wissen, auf diesem Felsen hat er immer gestanden, diesen Weg ist er immer gegangen, bis heute. Die Stelle, an der er gerade anhält, die karge, trockene, rötlich-gelbe Erde. Zur Rechten die krüppligen Traubeneichen mit dem eisenharten Holz: Auch in diesem Frühjahr sind sie spät dran mit dem Blattaustrieb, auch jetzt steht das Gras längst hoch und hellgrün im Saft, die Buchen- und Lindenblätter wechseln schon zum dunkleren Grün, sie haben ihre zarten Tage hinter sich. Die Spaziergänge mit dem ersten Mädchen, in das er verliebt war. Endlich konnte er die Kenntnisse über die seltene Fauna hier oben anwenden. Neben der Sternenkunde waren sie seine zweite Waffe. "Schau doch, hier: die Felsenbirne! Und sieh dort: das Bergsteinkraut, die Küchenschelle, der Sommerwurz!" Wenn die Hitze über dem Porphyrgeröll flimmerte, war die Hochzeit des Lebens gekommen. Der vom Gipfelkreuz und vom leichten Höhenschwindel geheiligte Blick sank demütig hinunter von der Bastei auf den Fluss, glitt hinaus in die Ferne, über das Land, über die Hügel, sanft, als wolle er sie streicheln. Danach kamen die Sättigung, die Ruhe, das Einverständnis mit dem Dasein. Aber auch der gefährliche Abweg sieht aus wie damals: über den Grat zu dem vorgelagerten Felsenturm mit dem winzigen Plateau, das keinen halben Quadratmeter groß ist. Dort draußen hockend, vor vierzig Jahren, verbrachte er eine halbe Nacht im rasenden Liebesleid. Einzuschlafen hätte den Absturz bedeutet. Wolfgang Schömel, Rotenfels

MERKUR Jahrgang 64, Heft 731, Heft 04, April 2010
broschiert
ISSN: 0026-0096

Autoren in dieser Ausgabe

Chaim Noll, Helmut König, Alan Johnson, Theodore Dalrymple, Hans Stimmann, Richard Klein, Otfried Höffe, Siegfried Kohlhammer, Walter Laqueur, Ralph Bollmann, Stephen T. Asma, Michael Esders, Wolfgang Schömel,


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