MERKUR

Heft 04 / April 2010

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Otfried Höffe

Philosophiekolumne . Wie stark ähneln wir unseren biologischen Verwandten?

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Zitate:

Manche Tierphilosophen halten die Wertschätzung der intellektuellen Fähigkeiten ihres Gegenstandes für neu. In Wahrheit treten im Lauf der Philosophiegeschichte drei Modelle auf. Und das eine von ihnen − es mag theriophil (von griechisch "therion": Tier) heißen − schätzt die Fähigkeiten der Tiere als hoch und die Differenz zum Menschen als gering ein. Nur das theriophobe oder besser anthropologische Modell sieht die intellektuellen Fähigkeiten des Menschen als exzeptionell an, dass sie den Tieren so schlicht abgesprochen werden. Theriophil ist beispielsweise der Mathematiker, Philosoph und Guru Pythagoras. In seiner Seelenwanderungslehre sieht er zwischen Mensch und Tier keinen prinzipiellen psychischen Unterschied. In der Neuzeit ist nachdrücklich theriophil der Skeptiker und Moralist Montaigne. Jeder Selbstüberschätzung abhold, bestreitet er dem Menschen alle angeblichen Sonderfähigkeiten: Auch Tiere besäßen nämlich Affekte, Tugenden, Voraussicht und eine zum Lernen befähigende Urteilskraft. Weil man das Innere von Tieren nicht kenne, könne man sie nicht einmal für frei von Religion erklären. Ein anderer Mathematiker hingegen, zugleich Physiker und Metaphysiker, legt auf die Differenz wert. Auch wenn die verbreitete Einschätzung als theriophob die Position überspitzt, trifft doch die Kennzeichnung als anthropophil zu. Im Rahmen der Grundunterscheidung von Seele/Geist und Körper, von "res cogitans" und "res extensa", von denkenden und ausgedehnten Wesen, hält Descartes die Tiere für Maschinen, die allerdings empfindungsfähig und von Gott unvergleichlich besser geordnet seien, als der Mensch je eine Maschine erfinden könnte. Das dritte Modell nimmt eine umsichtigere Bewertung vor. Es ist der überragende Zoologe der Antike, der noch von Darwin überaus hochgeschätzte Aristoteles, der einen mittleren Weg zwischen Theriophilie und Anthropophilie einschlägt, nämlich die Wertschätzung der Tiere mit klarem Differenzbewusstsein verbindet. Aufgrund einer für die damalige Zeit ungewöhnlich reichen Erfahrung, ergänzt um eine ontologische Toleranz, ist ihm jede ontologische Geringschätzung von Tieren fremd. Er spricht allen Tieren den Tast- und Geschmackssinn zu, den freibeweglichen auch die höheren Sinne des Sehens und Hörens, außerdem Lust- und Schmerzempfindungen und die Fähigkeit des Begehrens. Einige verfügen sogar über Vorstellungskraft und die Fähigkeit des Erinnerns.

MERKUR Jahrgang 64, Heft 731, Heft 04, April 2010
broschiert
ISSN: 0026-0096

Autoren in dieser Ausgabe

Chaim Noll, Helmut König, Alan Johnson, Theodore Dalrymple, Hans Stimmann, Richard Klein, Otfried Höffe, Siegfried Kohlhammer, Walter Laqueur, Ralph Bollmann, Stephen T. Asma, Michael Esders, Wolfgang Schömel,


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