MERKUR

Heft 04 / April 2010

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Walter Laqueur

Sind die europäischen Blütenträume schon verwelkt?

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Zitate:

Man hat Europa in den letzten Jahren nicht viel Respekt gezeigt. 2010 in Kopenhagen wurde es ignoriert: Präsident Obama hielt es nicht für nötig, an verschiedenen Besprechungen mit europäischen Politikern teilzunehmen, Russland hat Druck ausgeübt, China zeigte sich gleichgültig. Die Vereinten Nationen sind ein verlässlicher Gradmesser in dieser Hinsicht: Europa hilft den Entwicklungsländern viel mehr als der Rest der Welt zusammengenommen, nämlich mit 60 Milliarden Dollar im Jahr. Europa und die USA zusammen bestreiten mehr als die Hälfte des Budgets der Uno. Man sollte annehmen, dass solche "soft power" einen Machtfaktor darstellt. Doch der europäische Einfluss in der Uno wird immer schwächer: Ob es sich um den Massenmord im Sudan handelt, ob um Simbabwe, Burma, die Bekämpfung des Terrorismus oder was auch immer − wo es um schwere Verletzungen der Menschenrechte, ja um Genozid geht, bleiben Europa und der Westen bei Abstimmungen regelmäßig in der Minderheit, ihre Proteste werden abgelehnt, ihre Vorschläge ignoriert. Noch deutlicher ist diese Tendenz in der UN-Menschenrechtskommission, in der Europa völlig einflusslos geworden ist. Die europäischen Vertreter in dieser Organisation betrachten ihre Tätigkeit als reine Zeitverschwendung und würden, wenn es nach ihnen ginge, den Sitzungen fernbleiben. Denn der Mehrheit geht es keineswegs um die Verteidigung von Menschenrechten und die Verhütung von Genozid, sondern um eine völkerrechtlich abgesegnete Möglichkeit, sich lästiger westlicher Einmischung zu entziehen. Wie lässt sich dieses fatale Schwinden europäischen Einflusses erklären? Nicht in Hinblick auf einen einzelnen Umstand: Im Großen und Ganzen ist es nur eine Widerspiegelung des Wandels der Kräfteverhältnisse in der Welt überhaupt. Europas große Stärke war einmal seine Wirtschaft, aber das ist vorbei. Es ist immer noch ein guter Kunde, aber viel mehr nicht. Man sucht weder seine Ratschläge noch Vermittlung und gewiss nicht seine Ermahnungen. Womöglich wird sich der alte Kontinent erholen, aber eine führende Stellung wird Europa nicht mehr innehaben.

MERKUR Jahrgang 64, Heft 731, Heft 04, April 2010
broschiert
ISSN: 0026-0096

Autoren in dieser Ausgabe

Chaim Noll, Helmut König, Alan Johnson, Theodore Dalrymple, Hans Stimmann, Richard Klein, Otfried Höffe, Siegfried Kohlhammer, Walter Laqueur, Ralph Bollmann, Stephen T. Asma, Michael Esders, Wolfgang Schömel,


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