MERKUR

Heft 04 / April 2010

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Ralph Bollmann

Klimareform . Wissenschaft und Politik versuchen, gut Wetter zu machen

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Zitate:

Es waren selige Zeiten, als der Smalltalk über das Wetter noch ein Refugium des Unpolitischen war. Die Politik könne nur über Themen streiten, die der Mensch selbst zu beeinflussen vermöge, schrieb der Publizist Christian Graf von Krockow 1976 in einem Buch über Reform als politisches Prinzip. "Zum Beispiel gibt es noch keine wirksame Technik, das Wetter nach Wunsch zu programmieren. Deshalb gibt es noch keine Wetterpolitik und kein Wetterrecht, keine Wetterbürokratie und keinen Wetterminister, keinen Konflikt oder gar Krieg um das Wetter." Was in den Siebzigern noch als illusorisch galt, ist drei Jahrzehnte später Realität geworden. Auf der Klimakonferenz Ende dieses Jahres in Mexiko werden Wetterminister und Wetterbürokraten aus rund zweihundert Staaten erneut versuchen, mit einer globalen Wetterpolitik künftigen Wetterkriegen vorzubeugen. Spätestens seit dem gescheiterten Gipfel in Kopenhagen ist klar geworden, dass das Weltklima Gegenstand einer globalen Reformpolitik ist − und dass sie mithin den Friktionen jeglicher Reformpolitik unterliegt. Die Dimension des Problems verleitet Politik und Öffentlichkeit zu der Annahme, es gebe für die Klimapolitik keine historischen Präzedenzfälle. Das ist falsch, denn die Quantität einer Aufgabe schlägt in der Politik nicht automatisch in eine neue Qualität der prozessualen Abläufe um. Deren Mechanismen sind über alle Jahrhunderte der Beschleunigung und des ökonomischen Wachstums bemerkenswert konstant geblieben. Daher erstaunt die Naivität, mit der die Politik die Aufgaben der Klimareform angeht, ohne das vermeintliche Debakel des vorausgegangenen Reformzyklus zumindest analysiert zu haben. Dabei lässt sich aus dem als Scheitern empfundenen Verlauf der rot-grünen Sozialreformen über die Chancen und Risiken einer globalen Klimapolitik einiges lernen. Das beginnt schon mit der wissenschaftlichen Analyse des Problems. Dass es sich beim Klimawandel um ein Phänomen der harten Naturwissenschaft, bei Globalisierungsfolgen oder demographischem Wandel hingegen um den Gegenstand der angeblich weichen Sozialwissenschaft handelt, macht allenfalls einen graduellen Unterschied. Nur das Phänomen an sich ist in beiden Fällen weitgehend unbestritten: dass sich die Temperatur in der Atmosphäre durch die Verbrennung von Kohlenstoff erhöht, dass die Menschen in den Industriestaaten älter werden und weniger Kinder bekommen. Welche Auswirkungen das im Einzelnen hat, entzieht sich in beiden Fällen der exakten Prognose. Beim Klima herrscht nicht einmal völlige Einigkeit, ob die Temperaturen in Mitteleuropa langfristig wirklich steigen oder ob sie durch eine veränderte Meeresströmung sogar dramatisch sinken könnten. Auch auf dem Feld der demographischen Entwicklung bleibt der künftige Verlauf von Geburtenraten, Einwanderung, Erwerbsquoten und allgemeinem Arbeitsmarkt im Dunkeln, zumal sich die Unsicherheit durch die Wechselwirkungen der einzelnen Faktoren noch erhöht. Die Fehlerquoten, mit denen Zukunftsprognosen in der Vergangenheit stets behaftet waren, lassen die verbreitete Skepsis gegenüber vorausschauenden Reformen auf den ersten Blick plausibel erscheinen. Galten Motorisierung und automobile Gesellschaft in den sechziger und siebziger Jahren noch als Verheißung, so erscheinen sie vor dem Hintergrund von Energie- und Klimakrise als Bedrohung. War einst die globale Überbevölkerung die Folie für Untergangsprognosen, so werden vergleichbare Szenarien heute auf das entgegengesetzte Phänomen der regionalen Bevölkerungsschrumpfung projiziert. Angesichts derart brüsker Perspektivwechsel erscheint es vernünftig, den real existierenden Lebensstandard der Gegenwart nicht aufgrund von unsicheren Zukunftsszenarien einzuschränken.

MERKUR Jahrgang 64, Heft 731, Heft 04, April 2010
broschiert
ISSN: 0026-0096

Autoren in dieser Ausgabe

Chaim Noll, Helmut König, Alan Johnson, Theodore Dalrymple, Hans Stimmann, Richard Klein, Otfried Höffe, Siegfried Kohlhammer, Walter Laqueur, Ralph Bollmann, Stephen T. Asma, Michael Esders, Wolfgang Schömel,


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