MERKUR

Heft 04 / April 2010

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Printausgabe vergriffen, Artikel als PDF erhältlich, siehe unten
Stephen T. Asma

Grüne Schuld . Umweltschutz als Religion

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Zitate:

Als ich mir neulich die Zähne putzte, schimpfte mich mein sechsjähriger Sohn aus, weil ich das Wasser zu lange laufen ließ. Ich wurde streng zurechtgewiesen, und am Ende seiner Lektion fragte er mich aufrichtig empört: "Liebst du denn die Erde nicht?" In der letzten Zeit hat er sich auch noch auf die Energiefrage verlegt, flitzt tugendhaft beflissen im Haus umher und macht das Licht selbst dann aus, wenn ich es gerade brauche. Er scheint der Umweltsünden wegen ebenso gestresst und besorgt zu sein, wie ich es einst in meinen römisch-katholischen Kindheitstagen der Masturbation wegen war. Auf einer Party gestand unlängst ein Freund den anderen Gästen, dass er eigentlich nicht recycelt: Es war, als ob diese beiläufige Bemerkung die Luft aus dem Raum gesaugt hätte − ich glaube, sogar der DVD-Player setzte für einen Moment aus. Schlagartig wurde er zum Paria: Ein Häretiker war in der rechtgläubigen Gemeinde entdeckt worden. Während der anschließenden empörten Standpauken waren die Gesichter verzerrt von moralischer Entrüstung. Viele von denen, die sich leidenschaftlich für die Rettung des Planeten engagieren, rechtfertigen ihre intensiven Gefühle mit dem Hinweis auf die Wichtigkeit der Probleme und die damit verbundenen hohen Risiken. Sie haben sicher recht, was die Wichtigkeit betrifft. Es gibt tatsächlich Umweltprobleme, und es müssen Schritte unternommen werden, sie zu lösen. Aber es gibt auch noch einen anderen Weg zum Verständnis der eigentümlichen Leidenschaft, die mit unserem Wunsch, uns umweltfreundlich zu verhalten, einhergeht. Friedrich Nietzsche bemerkte als erster, dass wir immer noch religiöse Gefühle wie Schuld und Entrüstung empfinden, auch wenn wir nicht mehr religiös sind. Er erklärte, dass wir in einer postchristlichen Welt lebten − die Kirche bestimmt das politische und wirtschaftliche Leben nicht mehr −, aber kulturell werden wir weiterhin von jüdisch-christlichen Werten bestimmt. Und diese Werte sind nicht unmittelbar klar ersichtlich − es sind nicht die Zehn Gebote oder eine einzelne besondere Glaubenslehre, sondern eine allgemeine moralische Sichtweise. Man kann unser verschleiertes Wertsystem besser erkennen, vergleicht man es mit dem Wertesystem, das dem Christentum voranging. Für die Heiden hatten Ehre und Stolz einen hohen Wert, bei den Christen aber waren es Sanftmut und Demut; bei den Heiden gab es öffentliche Schande, bei den Christen private Schuld; bei den Heiden wurde die Hierarchie gefeiert, mit überlegenen und inferioren Menschen, die Christen erstrebten Egalitarismus; und bei den Heiden lag die Betonung auf Gerechtigkeit, während die Christen Barmherzigkeit betonten: die andere Wange hinhalten. All diesen Werten lag Nietzsche zufolge eine Art Psychologie zugrunde: eine von Ressentiment und Schuld bestimmte Psychologie. Jede Kultur vernimmt den Ruf des Gewissens − die Stimme der inneren Selbstkritik. Die westliche christliche Kultur aber hat Nietzsche und Freud zufolge ein gleichsam hypertrophes Gewissen. Unsere Haltung der Schuld gegenüber ist vergleichsweise extrem, und in unserer Kultur des Sündenfalls oder der Erbsünde und des Standes der Sünde fühlen wir uns schon dafür schuldig, dass wir überhaupt existieren. Im Innersten der westlichen Kultur steht das Gefühl, dass wir unwürdig sind. Woher stammt dieses Gefühl?

MERKUR Jahrgang 64, Heft 731, Heft 04, April 2010
broschiert
ISSN: 0026-0096

Autoren in dieser Ausgabe

Chaim Noll, Helmut König, Alan Johnson, Theodore Dalrymple, Hans Stimmann, Richard Klein, Otfried Höffe, Siegfried Kohlhammer, Walter Laqueur, Ralph Bollmann, Stephen T. Asma, Michael Esders, Wolfgang Schömel,


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