MERKUR

Heft 04 / April 2010

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Michael Esders

Pleitegeier am Ende des Tunnels . Der Aphorismus im politischen Marketing

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Zitate:

"Bei den Großen kommt der Bundesadler, bei den Kleinen der Pleitegeier." Dies ist ein fast inflationär zitierter Spruch aus dem Wahlkampfjahr 2009. Ein Satz mit Multiplikationsgarantie, Verbalmunition im politischen Tagesgeschäft und zugleich ein nahezu klassischer Aphorismus. Der Satz stammt von Guido Westerwelle, ob er selbst oder ein Ghostwriter der Autor ist, wird sich vermutlich nicht klären lassen. Ein solcher Satz braucht keinen Kontext, keine Begründung oder Herleitung. Seine Prägnanz verdankt er einem syntaktischen Parallelismus, der mit einer doppelten semantischen Antithese (groß/klein, Bundesadler/Pleitegeier) verschränkt ist. Die triftige Metapher überbietet die Triftigkeit jeder Argumentation. Selbst dem sprachlich schon recht abgenutzten "Pleitegeier" wachsen in kontrastierendem Bezug zum "Bundesadler" neue Flügel. Zugleich ist sprachliche Pointierung in dieser Äußerung kein Selbstzweck. Vielmehr verdichtet sich in der Sentenz eine zentrale Position der FDP im letzten Bundestagswahlkampf: Die Kritik an einem aus Sicht der Liberalen überzogenen staatlichen Dirigismus in Krisenzeiten, von dem überdies nur Großkonzerne profitieren. In Zitateforen im Netz sind eine Reihe weiterer Aphorismen von Westerwelle überliefert: "Wenn es nach den Grünen gegangen wäre, bestünde das Handy immer noch aus zwei mit einer Kordel verbundenen Joghurtbechern." Oder aus jüngerer Zeit: "Das (Konjunkturpaket) ist wie Currywurst mit Mayo ohne Pommes." Bei manchen dieser Sentenzen ist die Anlehnung an die aphoristische Tradition so offensichtlich, dass sie in die Nähe des Plagiats geraten: "Die Regierung widerspricht allen Lehrsätzen der Mathematik: Die Summe von Nullen kann durchaus eine stattliche Zahl ergeben." Die Pointe sitzt. Aber nur, weil das geneigte Publikum nicht wissen dürfte, dass sie geborgt ist. "Ich stimme mit der Mathematik nicht überein", schreibt der polnische Satiriker und Aphoristiker Stanislaw Jerzy Lec in seinen Unfrisierten Gedanken. "Ich meine, dass die Summe von Nullen eine gefährliche Zahl ist." Ganz ähnlich heißt es beim tschechisch-deutschen Aphoristiker Gabriel Laub in Denken verdirbt den Charakter: "Die Stärke der Millionen beruht auf den Nullen." Laub widmet der Null sogar eine ganze Aphorismengruppe mit 17 Texten. Viele Sentenzen Westerwelles, der 2009 vom Verband der Redenschreiber deutscher Sprache (VRdS) zum besten politischen Redner gekürt und für seine "originellen Bilder" gelobt wurde, sind polemischer Natur. Dabei handelt es sich meist um satirische Abbreviaturen, die auf die Regierungsparteien zielen. Dies legt den Schluss nahe, dass sich aphoristisches Sprechen in der Oppositionsrolle besonders eignet, dass es vor allem dort ein probates sprachliches Mittel ist, wo Aufmerksamkeit und mediales Echo nicht qua Amt und Anlass gesichert sind. Für diesen Befund spricht, dass der Aphoristiker Westerwelle nach der Regierungsübernahme sich zumeist jener staatstragenden Diktion befleißigt, von der er sich früher mit großem medialem Erfolg abgesetzt hatte. Was freilich nicht bedeutet, dass der polemische Aphoristiker in Westerwelle ("spätrömische Dekadenz") gänzlich verstummt ist.

MERKUR Jahrgang 64, Heft 731, Heft 04, April 2010
broschiert
ISSN: 0026-0096

Autoren in dieser Ausgabe

Chaim Noll, Helmut König, Alan Johnson, Theodore Dalrymple, Hans Stimmann, Richard Klein, Otfried Höffe, Siegfried Kohlhammer, Walter Laqueur, Ralph Bollmann, Stephen T. Asma, Michael Esders, Wolfgang Schömel,


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