MERKUR

Heft 04 / April 2010

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Wolfgang Schömel

Rotenfels

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Zitate:

Der Weg zur Bastei führt am Abgrund entlang, links fällt der Blick hinunter ins zweihundert Meter tiefer liegende Flusstal. Vor Jahrzehnten hat Philipp Gefühle über diesen Pfad getragen, die jetzt mit einer Wucht aufsteigen, als sei überhaupt keine Zeit vergangen. Die rätselhafte, ins Weite und ins Weltall reichende Sehnsucht der Frühpubertät, damals, als er nachts hier oben war, Sternbilder lernte mit dem Gedanken, zu gegebener Zeit jemanden darüber zu unterrichten. Vielleicht dann, wenn man zusammen im Gras liegen würde. Ist das eigentlich jemals vorgekommen im späteren Leben, all die Jahre hindurch mit Brigitte? Irgendwann werden sie doch zusammen eine sternklare Nacht erlebt haben? Wie auch immer, es ist ganz anders gekommen. Niemals hat er jemandem Sternzeichen erklärt. Kein Zweifel, dies alles hat er die ganzen Jahre in sich gehabt, ohne es zu wissen, auf diesem Felsen hat er immer gestanden, diesen Weg ist er immer gegangen, bis heute. Die Stelle, an der er gerade anhält, die karge, trockene, rötlich-gelbe Erde. Zur Rechten die krüppligen Traubeneichen mit dem eisenharten Holz: Auch in diesem Frühjahr sind sie spät dran mit dem Blattaustrieb, auch jetzt steht das Gras längst hoch und hellgrün im Saft, die Buchen- und Lindenblätter wechseln schon zum dunkleren Grün, sie haben ihre zarten Tage hinter sich. Die Spaziergänge mit dem ersten Mädchen, in das er verliebt war. Endlich konnte er die Kenntnisse über die seltene Fauna hier oben anwenden. Neben der Sternenkunde waren sie seine zweite Waffe. "Schau doch, hier: die Felsenbirne! Und sieh dort: das Bergsteinkraut, die Küchenschelle, der Sommerwurz!" Wenn die Hitze über dem Porphyrgeröll flimmerte, war die Hochzeit des Lebens gekommen. Der vom Gipfelkreuz und vom leichten Höhenschwindel geheiligte Blick sank demütig hinunter von der Bastei auf den Fluss, glitt hinaus in die Ferne, über das Land, über die Hügel, sanft, als wolle er sie streicheln. Danach kamen die Sättigung, die Ruhe, das Einverständnis mit dem Dasein. Aber auch der gefährliche Abweg sieht aus wie damals: über den Grat zu dem vorgelagerten Felsenturm mit dem winzigen Plateau, das keinen halben Quadratmeter groß ist. Dort draußen hockend, vor vierzig Jahren, verbrachte er eine halbe Nacht im rasenden Liebesleid. Einzuschlafen hätte den Absturz bedeutet.

MERKUR Jahrgang 64, Heft 731, Heft 04, April 2010
broschiert
ISSN: 0026-0096

Autoren in dieser Ausgabe

Chaim Noll, Helmut König, Alan Johnson, Theodore Dalrymple, Hans Stimmann, Richard Klein, Otfried Höffe, Siegfried Kohlhammer, Walter Laqueur, Ralph Bollmann, Stephen T. Asma, Michael Esders, Wolfgang Schömel,


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