MERKUR

Heft 04 / April 2012

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Zitate aus dem Aprilheft, Nr. 755

Die Ironie des Vorgangs besteht darin, dass die peinliche Befolgung bürokratischer Abläufe die Macht der Bürokraten nicht erweitert, sondern ganz im Gegenteil gerade beschränkt. Machen sie ihre Arbeit gut, bringen sie sich als Individuen gleichermaßen zum Verschwinden. In der Hand hätten sie den Bürger nur, wenn sie jenseits der eng definierten Ermessensspielräume des Rechtsstaats aus eigener Machtvollkommenheit auf dessen »Bedürfnisse« eingehen könnten. Das wären dann sizilianische Verhältnisse. In den »failing states« der Europäischen Union hat das Bürokratiedefizit zu einer Unterentwicklung von Demokratie und Rechtsstaat geführt. Im Athener Parlament beschlossene Steuergesetze gelten im Land ebenso wenig wie auf einem sizilianischen Dorf die bürgerlichen Rechte aus der republikanischen Verfassung Italiens.

Ralph Bollmann, Lob der Bürokratie

 

Die systemische Differenz zwischen fachlicher und politischer Rationalität ist nicht einfach so zu begreifen, dass die Verwaltung sine ira et studio zwischen richtig und falsch zu unterscheiden wüsste, während die Politik allein nach politischer Opportunität handelte und allenfalls zufällig eine richtige oder sinnvolle Entscheidung träfe. Politik und Verwaltung treffen vielmehr Entscheidungen und Bewertungen im Rahmen ihres jeweiligen Horizonts. Diese können mal mehr und mal weniger konvergieren. Einen objektivierbaren übergreifenden Maßstab für richtig und falsch gibt es aber nicht. Allerdings kann die Gegenüberstellung beider Rationalitäten eine produktive Spannung erzeugen, die die Politik anregt, fachliche Aspekte in ihren Entscheidungen nicht gänzlich außer Acht zu lassen, während die Verwaltung dafür sensibilisiert wird, dass politische Entscheidungen immer auch konsensbedürftig und ihre Auswirkungen nicht vollends absehbar sind.

Helmut Fangmann, Politik und Verwaltung

 

Aber jetzt müssen wir in Europa über die Richtung sprechen, in die das Schiff fahren soll. Die lautesten Stimmen fordern Erweiterung der Rettungsschirme, Ausdehnung der Eurozone, Ausweitung der Europäischen Union in alle Richtungen hin. Aber ein Problem verschwindet nicht, wenn man es vergrößert – es wird nur blasser. Zudem wird der Grundsatz vergessen: Große Systeme muss man mit einer Vielzahl kleiner Eingriffe steuern. Der Kern der Lösung besteht darin, die Europäischen Verträge nicht nur als das gemeinsame Abenteuer, also als Joint Venture zu verstehen, sondern in ihnen die seit Jahrtausenden bewährten Konstruktionsprinzipien von Austausch und Gesellschaftsverträgen aufzunehmen. Die Verträge müssen (erstmals) ein Stück von der politischen Konstruktion wegrücken, weil sie sonst das Grundgesetz des sozialen Lebens, die faire Ausgewogenheit von Geben und Nehmen, nicht abbilden können. Verpflichtungserklärungen, die sich auf das Papier beschränken, auf dem sie vorgelegt werden, können diesen Zweck nicht erfüllen.

Benno Heussen, Europa als Fusionsobjekt

 

Wegen seiner Betonung der moralischen Komponente in der Politik hält man Czartoryski oft für einen romantischen Utopisten und realpolitischen Verlierer. Beides ist nur teilweise richtig. Eigentlich war er ein Aufklärer, der seinen Kant und Rousseau ebenso gut kannte wie Montesquieu, Hume und Hobbes. Zwar baute er als konservativer Liberaler ausdrücklich christliche Werte in seine politische Philosophie ein, doch der überschwängliche Messianismus der polnischen Nationaldichter war ihm suspekt. Auch gescheitert war er nur teilweise. Zwar erwies sich seine »russische Option« der polnischen Politik als Trugschluss, doch in Wien hat er trotz allem einiges erreicht. Vor allem den offiziellen Widerruf der Teilungsakte von 1785 und des Petersburger Protokolls, in dem die drei Teilungsmächte sich dazu verpflichteten, selbst den Namen Polens aus dem politischen Diskurs zu tilgen. Dank Czartoryski gab es wieder einen polnischen Bauern auf dem europäischen Schachbrett, die »polnische Frage« war wieder offen.

Adam Krzemiński, Polens Erfahrung mit Europa

 

Sybille Lewitscharoff hat im Herbst einen schmalen Roman über einen der größten Philosophen des 20. Jahrhunderts vorgelegt. Lewitscharoff, Trägerin vieler Literaturpreise, ist eine schwäbische Tüftlerin mit viel Sinn für das Satirisch-Skurrile. Unvergessen ihr erster Erfolgsroman über Pong , jenes ganz ins Phantastische entrückte tragische Figürchen, in dem die Züge von Paul Valérys Monsieur Teste sich mit Hans Magnus Enzensbergers Fabelwesen aus Drache und Nelke spätsurrealistisch gekreuzt zu haben scheinen. Der Philosoph Hans Blumenberg (1920-1996) ist da aus ganz anderem Stoff und auch von anderem Format. Hat uns die Dichterin über ihn etwas zu sagen, das vor der Herausforderung seines Werkes Bestand hat?

Birgit Recki, Philosophiekolumne

 

Die meisten Soziologen interpretieren Ökonomisierung dabei als illegitimen Übergriff und eine Art Korruption, indem Märkten ausgesetzt wird, was nicht auf Märkte gehört. Da aber den Dingen nicht anzusehen ist, ob sie auf einen Markt gehören, umfasst die Ökonomisierungsdiagnose dann so unterschiedliche Sachverhalte wie die Existenz privater Telefongesellschaften (die billiger anbieten als vormals die staatlichen) und privater Fernsehsender, denen gegenüber Zeitungen in Privatbesitz jedoch noch nie als Beleg für eine »Kommodifizierung« der öffentlichen Meinung angeführt wurden.

Jürgen Kaube, Soziologiekolumne

 

Eine Frage lässt Herrndorfs Roman denn doch offen: die nach dem Sinn. Er ist nicht leicht herauszusieben aus dem Sand der Wüste, dem ewig gleichförmigen Nihil. Ein kleines glitzerndes Partikel findet sich aber vielleicht doch. Es ist ein elementares, der Ratio nicht untergeordnetes Gefühl: das Mitleid mit dem Lebendigen. Selbst Helen, die Carl gefesselt im unterirdischen See zurücklässt, wird am Ende von diesem Gefühl angehaucht. Sie wartet in Targats Terminal auf ihren Rückflug in die Staaten, der Abflug verzögert sich. Im Café erinnert sie das blau gemusterte Porzellan an die gemeinsamen Frühstücke mit dem Mann, dem sie die Amnesie nicht glaubte. Sie nimmt sich einen Leihwagen und fährt zur Mine zurück, um nach Carl zu sehen. Und damit folgt sie seinem Ruf. Im Moment der äußersten Verzweiflung nämlich ruft Carl im Dunkeln, er schreit den Namen, »der ihm schon die ganze Zeit auf der Zunge gelegen hatte. Jetzt hallte er von den Wänden wider ins Nichts.«

Michael Maar, Er hat´s mir gestanden

 

De Monchaux hat Spacesuit (vielleicht ein bisschen zu clever) als eine Reihe von Schichten konstruiert, wobei jede einzelne mit den einundzwanzig Schichten korrespondiert, aus denen der Raumanzug A7L der Apollo-Missionen bestand. Der Autor schwelgt geradezu in kuriosen Details aus der Materialgeschichte der Welt, und nach der Lektüre von Spacesuit geht einem der Gesprächsstoff auf Dinnerpartys nicht so schnell aus: Wussten Sie, dass die amerikanische Regierung mit ihren vielen Dokumentaraufnahmen der Atomversuche auf dem Bikini-Atoll eine weltweite Verknappung von Filmmaterial verursachte? Oder dass das Datensicherungssystem der Apollo-Mission erst in binären Mustern entworfen und dann physisch in Seile verwebt wurde? Und dass nur Schneiderinnen dazu in der Lage waren, diese Arbeit fachgerecht auszuführen?

Roosten Woo, Die Architektur des Raumanzugs

 

Das Phänomen der Ironie entwirft Avanessian einleitend in einer dreistufigen theoretischen Annäherung, die der gesamten Untersuchung die Richtung weist und deren elementares Anliegen darin besteht, diese sprachliche Figur aus dem engen Rahmen einer Trope im herkömmlichen rhetorischen Sinne herauszulösen. Eine richtig verstandene »Rhetorologie« kann demnach nicht bei einer »versöhnlichen« Konzeption von Ironie haltmachen, der eigentliche und uneigentliche Aussage letztlich nahtlos und ohne semantische Verluste miteinander vermittelbar erscheinen, als ob der indirekte Modus des Sagens lediglich einen Umweg zu klar kodifizierbaren Sinngehalten darstellte. Derartige dialektische, konsenstheoretische und transzendentalpragmatische Ansätze erfassen, wie der Autor gegen ihre entsprechenden philosophiegeschichtlichen Repräsentanten bis hin zur Gegenwart einwendet, nur eine Dimension der Ironie beziehungsweise des ironischen Diskurses.

Martin Urmann, An den Rändern der Ironie

 

In den neuen und neuesten Medien herrscht ein bislang beispielloser Instantismus. Die Zeitspanne zwischen einem Ereignis und ersten Meldungen in Onlinemedien wird ebenso immer kürzer wie die Verfallszeit einer Information: In Livetickern, Livestreams, Statusmeldungen und Newsfeeds herrscht ein unaufhörliches Stakkato des Jetzt, Jetzt, Jetzt. Der Informationskosmos Zeitung und das Format der Fernsehnachrichten orientierten sich noch am Tageszyklus, aber dieser und andere »natürliche« Zeitzyklen verlieren in der Produktion und Rezeption von Informationen rapide an Bedeutung. Tagesaktualität ist Vorzeit, Postkutsche. Als Echtzeit ist Gegenwart allgegenwärtig, sieben Tage in der Woche und 24 Stunden am Tag.

Michael Esders, Echtzeit

 

Was aber macht die Tractatus -Philosophie zu einem Programm, das, einmal in Gang gesetzt, am Ende zu seiner Selbstzerstörung führt? Oder, um es auf Wittgensteins Weise zu sagen: Warum muss man die Leiter (seine Überlegungen) wegwerfen, nachdem man über sie hinaufgestiegen ist (zu der Einsicht, dass alles, was zu dieser Einsicht geführt hat, durch diese ad absurdum geführt wird)? Um das zu verstehen, muss man sich vergegenwärtigen, dass es die zentrale Aufgabe des Tractatus ist zu klären, ob, und wenn ja, wieso es möglich ist, mit Hilfe der Sprache die Welt zu beschreiben oder, wie Wittgenstein sagen würde, sie abzubilden. Seine Intuition in dieser Sache ist, dass es eine Gleichheit der inneren Strukturen von Sprache und Welt gibt und dass sich die innere Struktur der Wirklichkeit in der Sprache zeigt.

Wolfgang Marx, Vom Wegwerfen der Leiter

 

Mein Cousin fragt, ob ich unsere vor einigen Jahren verstorbene Großmutter vermisse. Anstatt einfach »Yes!« zu sagen, erläutere ich die Komplexität meines Verhältnisses zu unserer Großmutter: Ich habe sie ja nur drei Mal für je sechs Wochen gesehen, im Prinzip kannte ich sie kaum, aber immer habe ich sie als sehr netten und umsorgenden Menschen empfunden. Das Gesicht meines Cousins versteinert. Um mir die einzig korrekte Antwort auf die Großmutterfrage abzuholen, erkundige ich mich retour, ob er sie denn vermisse. Ohne zu zögern sagt er »Of course« und lässt dabei zischend Luft aus seinem Mund entweichen; ich verstehe genau, was das heißt: Nur ein Unmensch antwortet hier anders.

Kai Spanke, Alles im Fluss

 

MERKUR Jahrgang 66, Heft 755, Heft 04, April 2012
broschiert
ISSN: 0026-0096

Autoren in dieser Ausgabe

Ralph Bollmann, Helmut Fangmann, Benno Heussen, Adam Krzemiński, Birgit Recki, Jürgen Kaube, Michael Maar, Rosten Woo, Martin Urmann, Michael Esders, Wolfgang Marx, Kai Spanke, Christian Demand, Ekkehard Knörer,


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