MERKUR

Heft 04 / April 2014

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Zitate aus dem Aprilheft, Nr. 779

Der Lebensstandard wuchs auch in den nicht wohlhabenden Bevölkerungsschichten, in Deutschland seit den 1860er Jahren. Der Wandel wurde zur weitverbreiteten Normalerfahrung, die Verhältnisse erschienen als veränderbar – als veränderbarer und weniger schicksalhaft gegeben als früher. Der Bildungsstand stieg. Öffentliche Räume entstanden, in denen Intellektuelle und Medien eine rasch wachsende, oftmals kritische Rolle spielten. In der Konsequenz wurden viele Menschen weniger geduldig, anspruchsvoller, kritischer. Insofern folgte die verstärkte Kritik am Kapitalismus aus seinen Erfolgen.

Jürgen Kocka, Kritik und Verheißung in der Geschichte des Kapitalismus

 

Die Integration gesellschaftlicher Interessen und Belange, also auch die Rechtfertigung kollektiv verbindlicher Entscheidungen, kann in Einheitsformeln nicht mehr gelingen. Und das betrifft vor allem die grundlegenden und weitreichenden, fast immer endgültigen und unveränderbaren Entscheidungen. Die Gestaltung des Gemeinwesens wird vielmehr, soll sie nicht überhaupt scheitern, im »gehegten Konflikt« stattfinden müssen. Es ist eben kein »ganzes Volk« mehr überzeugend anzurufen, dessen »gemeines Wohl« eine Gestaltungsentscheidung rechtfertigen könnte, und zwar gerade auch denjenigen Einzelnen oder Gruppen gegenüber, die unter der Entscheidung werden leiden müssen. Endlager für Atommüll oder hochtoxische Industrieabfälle sind notwendig. Sie sind aber denjenigen schlechterdings unzumutbar, die durch sie gefährdet werden, und das ist inzwischen oft genug die gegenwärtige und künftige Bevölkerung ganzer Landstriche.

Helge Rossen-Stadtfeld, Volksherrschaft, Governance, ,Öffentlichkeit

 

Während der offiziellen Unabhängigkeitsfeier hatte Lumumba einen vor Wut erstarrten belgischen Monarchen in einer flammenden Rede mit der Gewalt, Demütigung und dem Rassismus des kolonialen Systems konfrontiert. »Wir haben erleben müssen, dass man uns verhöhnte, beleidigte, schlug, tagaus, tagein, von morgens bis abends«, rief er den verblüfften Anwesenden zu, »nur weil wir Neger waren. Niemand von uns wird je vergessen, dass man einen Schwarzen selbstverständlich duzte – nicht etwa, weil man ihn als Freund betrachtete, sondern weil das ehrbare Sie den Weißen vorbehalten war.« Das hatte – vor laufenden Kameras und der versammelten Riege der Diplomaten – noch kein schwarzer Politiker gewagt.

Andreas Eckert, Nationalhelden und Väter der Nation in Afrika

 

Am 1. Juli 1960 wird Vincent Swart entlassen. Doch ist die Zeit des Ein- und Ausgesperrtseins damit noch lang nicht vorbei. Sie beginnt im Grunde erst jetzt. Vincent Swart wird unter Hausarrest gestellt. Vincent Swart darf weder öffentlich sprechen noch publizieren. Vincent Swart muss dabei zusehen, wie seine Ehe vor die Hunde geht. Vincent Swart verliert fast all seine Freunde. Vincent Swart versucht nach England zu gelangen. Vincent Swart schafft es gerade mal bis Swaziland. Hier geht es nicht weiter – Sackgasse. Vincent Swart kehrt um. Er geht zurück nach Johannesburg. Die Teufel erwarten ihn schon.

Francis Nenik, Zu Tode gelebt. Die Geschichte des Edward Vincent Swart

 

Norman Bel Geddes war ein rastloser Projektemacher. Es gibt kaum einen Lebensbereich, dem er während seiner vier Jahrzehnte dauernden Tätigkeit als Industriedesigner keine Aufmerksamkeit gewidmet hätte. Er entwarf mit seinem Mitarbeiterstab Möbel, Radiogeräte, Modeschmuck, Getränkeautomaten, Schreibmaschinen, Küchengeräte, Gasherde, Staubsauger, Logos, Anzeigenkampagnen, Prospekte, Bücher, Plakate, Schaufensterdekorationen, Showrooms, Messestände, Verpackungen, Verkaufsvitrinen. In seinem Nachlass finden sich aber ebenso Unmengen an Entwürfen für alle nur vorstellbaren (und unvorstellbaren) Verkehrsmittel einschließlich der gesamten sie umgebenden Infrastruktur.

Christian Demand, Designkolumne. »I have seen the future«

 

Netzwerke der Partizipation an Wissensflüssen verweisen auf digitale Infrastrukturen des Wissens. Man kann diesen Umbruch gut an Akten des Lesens in Prozessen digitaler Wissenssuche untersuchen. Eine jüngere Fallstudie verwendete mit Blick auf Naturwissenschaftler und Mediziner den Begriff des »strategischen Lesens«. Die Lektüre und Wissenssuche erfolgt am Bildschirm auf der Basis von Zeitschriftendatenbanken. Die Literatur wird hochgradig fragmentiert konsultiert, und die Lektüre vollzieht eine sehr schnelle Migration durch Wissensräume, bei denen Anschlussmöglichkeiten in die nur als ausschnittweise relevantes Fragment wahrgenommenen Texte bereits eingebaut sind. Dies ist eine Welt jenseits der philologischen Zuwendung zum Text, die sich auch die über Lektüre laufende Wissenssuche nur noch im Modus des flow vorstellen kann.

Rudolf Stichweh, Wissensordnungen und Wissensproduktion im 21. Jahrhundert

 

Es ist Horaz, der sich auf den geradezu spielerischen Wechsel dieser Masken besonders gut versteht, und dem es gerade dadurch gelingt, Individualität und Gemeinschaft permanent aufeinander zu beziehen. Aber das ist nicht die einzige Motivation: Vielmehr verrät nahezu jede seiner persönlichen Einlassungen sein Wissen um die Unmöglichkeit, ein Selbstverhältnis direkt oder distanzlos darzustellen, da es immer schon verschiedenen (inner- und außerliterarischen) kommunikativen Diskursen unterliegt.

Melanie Möller, Nähe auf Distanz: Antike und moderne Autobiografie

 

Das physiologische Modell des Hörens, der Hörempfindlichkeiten und der körperlichen Reaktionen auf Klänge, auf dem das Audiodatenformat MP3 beruht, hat eine zweifelhafte Geschichte. Es ist das Hörmodell einer empirischen Studie von Harvey Fletcher aus den 1920er Jahren, die mit dem Ziel in Auftrag gegeben worden war, den Kapital- und Effektivitätsinteressen des Großbankiers J.P. Morgan zu gehorchen. Dieses Hörmodell wurde also nicht mit dem Ziel entwickelt, musikalische Aufnahmen in ihrem Reichtum möglichst wirksam über die ganze Bandbreite körperlichen Hörvermögens zu übermitteln, sondern sein Ziel war die größtmögliche Reduktion von Sprachaufnahmen: Wie wenig muss ich einem Hörer (es gab nur wenige, männliche Probanden, junge Ostküstenstudierende aus wohlhabenden Akademikerdynastien) bieten, damit er das am Telefon gesprochene Wort noch irgendwie erkennen kann?

Holger Schulze, Körper und Klang

 

Am 24. Oktober 1972 beorderte Ägyptens Präsident Anwar al-Sadat den Obersten Rat der Streitkräfte zu sich. Er offenbarte den überraschten Generälen, dass er gedenke, Israel anzugreifen und befahl die Ausarbeitung entsprechender Pläne. Da Ägypten den israelischen Streitkräften alleine nicht gewachsen war, schmiedete Sadat im April 1973 eine Kriegsallianz mit Syriens Präsident Hafiz al-Assad. Ende September bis Anfang Oktober 1973 begannen die beiden Verbündeten unter dem Deckmantel eines Manövers, ihre Truppen entlang des Suezkanals und auf den Golanhöhen zu konzentrieren. In Jerusalem löste dies ein gewisses Unbehagen aus. Israels Geheimdienst ging jedoch bis zum Morgen des Angriffs von einem Bluff aus.

Marcel Serr, Der Jom-Kippur-Krieg

 

Wenn überall Scherben herumliegen, wird der Platz kaum noch betreten. Er verwahrlost. Indem die Scherben beiseite gekehrt werden, kann er erst wieder benutzt werden als ungefährlicher Spielraum des Nachdenkens. Am Rand des Feldes sind die Scherben der Geschichte anregend und können Gegenstand der Erforschung werden. Das Feld aber muss frei sein. Und Gründer liebte die Ränder. Als ein Scherbenaufkehren hat er wohl auch seine Arbeit am Historischen Wörterbuch der Philosophie verstanden. Von Ritter hatte er die Herausgeberschaft geerbt. Die Sammlung von Bruchstücken, von Trümmern, nimmt mehr Raum ein als das intakte Ganze, das zumindest ineinander Gefügte.

Hannes Böhringer, Scherben aufkehren

 

Für Heidegger hielt die Freundschaft [zu Husserl] bis zur Erreichung seines Lebensziels, der Professur in Freiburg; so lange musste sie halten, danach hatte sie ausgedient. Nun war er sich früh bewusst, dass er mit seiner philosophischen Entwicklung das beging, was der Fremde aus Elea in Platons Sophistes mit seiner Kritik an Parmenides nicht begehen wollte, nämlich einen Vatermord. Wenn Husserl ihn auf entsprechende Gerüchte ansprach, beruhigte er ihn mit der Versicherung, das sei »Unsinn«. Dritten gegenüber war er dagegen offen: »Mit den ›Rufen‹ wird es wohl nichts werden. Und wenn ich erst publiziert habe, wird es gar aus sein mit den Aussichten. Vermutlich merkt der Alte dann wirklich, dass ich ihm den Hals umdrehe – u. dann ist es mit der Nachfolgerschaft aus.«

Heinrich Niehues-Pröbsting, Heideggers Widmungen

 

Jeder Mensch in Mitteleuropa kennt den Eisvogel, weiß, wie er aussieht, meistens von Nahaufnahmen, oft aus der Werbung. Es hat Tradition, das Tier ganz aus der Nähe zu zeigen, als Gestalt mit Schnabel und Krallen und orangefarbenem Brustgefieder, auf einem Ast wartend, in Zeitlupe in einen klaren Bach stoßend, wobei die Kamera ihm bis unter den Wasserspiegel folgt. In Wirklichkeit ist es nicht möglich, den Eisvogel naturgetreu zu filmen. Er reflektiert das Licht nicht nur, er konzentriert es und beugt so den Raum.

Günter Hack, Eisvogels Fehler

 

Vor zwanzig Jahren hätte man das französische Buch zum doppelten Preis des deutschen in einer deutschen Buchhandlung bestellt und wäre zwei sehr langsam vergehende Wochen später vom Buchhändler persönlich per Telefon darüber informiert worden, dass es nun endlich eingetroffen sei und abgeholt werden könne. Man hätte sich in sein Auto gesetzt, um zur Buchhandlung zu fahren, so wie man ständig überall hin mit dem Auto gefahren ist, zum Bäcker, in die Uni und zum Zahnarzt. Selbst das damalige Autofahren kommt mir im Rückblick langsam vor.

Stephen Herczeg, Journal (XIII)


MERKUR Jahrgang 68, Heft 779, Heft 04, April 2014
99 Seiten, broschiert
ISSN: 0026-0096

Autoren in dieser Ausgabe

Jürgen Kocka, Helge Rossen-Stadtfeld, Andreas Eckert, Francis Nenik, Christian Demand, Rudolf Stichweh, Melanie Möller, Holger Schulze, Marcel Serr, Hannes Böhringer, Heinrich Niehues-Pröbsting, Günter Hack, Stephan Herczeg,


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