MERKUR

Heft 04 / April 2016

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Zitate aus dem Aprilheft, Nr. 803

MigrantInnen siedelten sich oft dort an, wo sie ankamen: in Berlin Schlesier am Schlesischen Tor, Flüchtlinge vor russischen Pogromen mit jiddischem Dialekt im Scheunentorviertel, deutsch-polnisch Zweisprachige in den östlichen Stadtteilen; in Hafenstädten siedelten sie oft nahe der Anlegestellen in billigen Quartieren; im Ruhrgebiet, wo es bei Beginn der Industrialisierung kaum Städte gab, überall. Essen hatte 1871 bei Reichsgründung 50 500 EinwohnerInnen, 43 Jahre später 320 500; Duisburg 1871 30 500, 1914 waren es 252 750. Die Menschen kamen miteinander zurecht. Von Überfremdung war nicht die Rede.

Dirk Hoerder, Überfremdung?


Wie verträgt sich die umfassende Kontrolle der Politiken der Mitgliedstaaten mit dem »Grundsatz der begrenzten Einzelermächtigung«, demzufolge die Union nur innerhalb der Grenzen der Zuständigkeiten tätig wird, die ihr die Mitgliedstaaten übertragen haben? Berechtigt der Umstand, dass die in den Verträgen niedergelegten Anforderungen an eine Vertragsänderung unüberwindbar erscheinen, zum Aufbau eines »Ersatzunionsrechts«, das in zwischenstaatlichen Abmachungen verbindlich regelt, was im Europarecht nicht erreichbar ist? Dürfen die Versprechungen der Europäischen Grundrechts-Charta für belanglos erklärt werden, weil die Krisenpolitik den Rahmen des Europarechts gesprengt hat? Wie steht es um ein Parlament und die Souveränität eines Staats, deren politische Autorität in demokratischen Wahlen legitimiert wurde, wenn sich seine Entscheidungsmacht auf die Anerkennung oder Ablehnung andernorts festgelegter Konditionen beschränkt?

Christian Joerges, Pereat iustitia et fiat mundus?


Das Frankreich, von dem jetzt [nach dem Ersten Weltkrieg] erzählt wird, hat den Krieg gewonnen, doch es ist kein Sieger; es ist wirtschaftlich am Boden, ausgeblutet, eine ganze Generation von Männern umgekommen oder physisch und psychisch versehrt, die Familien sind zerstört; der Sieg hat nichts genützt, das Land, voller Selbstzweifel, weiß nicht weiter, die Gesellschaft ist zerrissen wie eh und je, das Land der Sieger besteht aus einer Handvoll Siegern und Millionen Betrogenen, ein neuer Krieg ist längst nicht mehr undenkbar. Mit anderen Worten: So kann und wird es nicht bleiben. Die Lösungsvorschläge aber sind dieselben wie am Vorabend des Weltkriegs, nur noch weiter radikalisiert. Bezeichnend, dass Giono, Céline und Drieu la Rochelle sich im Zweiten Weltkrieg der kollaborationswilligen Vichy-Regierung annähern werden.

Wolfgang Matz, Besiegte Sieger


Die europäischen Spuren des mondialisme als Weltpolitik führen uns zurück bis zu Immanuel Kants Reflexionen über den kosmopolitischen Pfad, der vom Krieg über die »ungesellige Geselligkeit« der Menschen und den Antagonismus der Staaten zum ewigen Frieden führen werde; oder zu Germaine de Staëls zu Beginn des 19. Jahrhunderts entwickelter Konzeption eines kosmopolitischen Europa der Nationalitäten; oder zu Giuseppe Mazzinis Traum von der »Verbrüderung der Völker«. Ihren produktiven Höhepunkt erlebte die Verbindung von liberalem Patriotismus und weltpolitischem mondialisme allerdings an der Wende zum 20. Jahrhundert und, was überraschen mag, während des Ersten Weltkriegs.

Glenda Sluga, Geschichtskolumne


Kaum jemand dürfte ernsthaft davon ausgehen, dass die Großstadtregion Berlin auf diesen immensen Wachstumsschub hinreichend vorbereitet ist. Von den Umlandgemeinden erwartet – bisweilen zu Unrecht – ohnehin niemand große Handlungsstärke. Doch auch das Vertrauen in die Tatkraft der Hauptstadt ist dramatisch geschrumpft. Der schlechte Ruf Berlins als »Failed Stadt« gründet auf den (Fehl)Leistungen einer dringend reformbedürftigen, über lange Zeit kaputtgesparten und überalterten öffentlichen Verwaltung – Lageso, Bürgerämter, Baustellenversagen bei Staatsoper und Großflughafen. Dazu kommen die schwierige doppelte politische und administrative Struktur (Senat und Bezirke) sowie eine von den beiden Ländern Berlin und Brandenburg alles andere als aktiv geförderte gemeinsame Landesplanung.

Harald Bodenschatz, Urbanismuskolumne


Vertreter des »Korrelationismus«, wie Meillassoux alle Varianten des Gedankens nennt, die Welt entstehe aus der Bezugnahme eines Subjekts auf Objekte – und zu denen er letztlich alle anderen philosophischen Positionen der Gegenwart zählt –, erscheinen bei ihm als Menschen, die ihre transzendentale Obdachlosigkeit nicht wahrhaben wollen. Der Erfolg des spekulativen Realismus unter den Philosophen besteht auch darin, dass niemand eine solche Rolle spielen möchte. Aber wie kann man dann gegen den Absolutismus des Transfiniten argumentieren, wenn es keinen Weg zurück in die alte Unendlichkeit gibt? Wie lässt sich der Figur des Transfiniten gerecht werden, ohne den Menschen aus der Welt zu verbannen?

Tobias Keiling, Unendlichkeit


Mit der (Französischen) Revolution setzt das ein, was Carl Flügel »the great masculine renunciation«, die »große männliche Entsagung« genannt hat: die Uniformierung der männlichen Kleidung, durch die Männer den zuvor mindestens gleichberechtigt erhobenen Anspruch auf Schönheit und Erotik im Tausch für den Ausdruck politischer Gleichheit an die Frauen abtreten. In dieser Zeit, als Reflex auf die demokratischen Umwälzungen, »man abandoned his claim to be considered beautiful«. Mode wird nun zu einer exklusiv weiblichen Domäne, denn im Gegensatz zur uniformierten Männermode individualisierte sich im Zug der Revolution die Frauenmode.

Philip Manow, »Die Frisur sitzt« – politische Haare


Das Sammelsurium dessen, was uns auszeichnen soll und andere beherzigen müssen, zerfällt in zwei Blöcke: einerseits Werte, andererseits Praktiken. Entlang dieser Linie entzweien sich auch die politischen Strategien: Führungsspitzen wollen sicherstellen, dass geheiligte Grundrechte bekannt sind; Bürgermeister legen mehr Gewicht auf praktische Regeln. Oben geht es um Abschiebung oder Aussperrung, unten um Anweisung oder Arrangement. Köln ist nicht zuletzt deshalb ein Ort des »Aufschreis« (Jens Spahn) geworden, weil »die Frau« das perfekte Vehikel ist, um beide Sphären miteinander kurzzuschließen, so dass die Domplatte vom Rummelplatz zum Schlachtfeld mutieren konnte.

Wolfgang Fach, Flucht und Fluch


Das Grundgesetz und die internationalen Konventionen, denen wir beigetreten sind, eröffnen eine Vielzahl von Rechten für Flüchtlinge, aber man sucht vergebens nach der Definition von Pflichten, die sie als Gegenleistung erfüllen sollten. Manches findet man in der einfachen Gesetzgebung und in den Verordnungen. Aber eine öffentliche Debatte über sie findet nicht statt. Auf den ersten Blick sehen die Flüchtlinge nur Sicherheit, Geld und ein wenig Freiheit, welche Pflichten aber auf sie zukommen und welche Chancen sie wirklich haben, ahnen sie meist nicht. Vor diesem Hintergrund klingt Angela Merkels Satz »Wir schaffen das« für viele naiv. Richtig hätte er lauten müssen: »Die schaffen das, wenn wir ihnen dabei helfen.«

Benno Heussen, Das Problem der Fairness in der Flüchtlingsfrage


Je länger ich über Popoff nachdachte, desto mehr mochte ich ihn. Und dass er knallmeschugge war, störte mich überhaupt nicht – im Gegenteil. Als ich Popoff gefunden hatte, ergab sich der Rest, ohne dass ich groß etwas hätte erfinden müssen. Eine Art Thriller in Zeitlupe schwebte mir vor: die Jagd nach dem Gottesbeweis. Eine ratternde Zugfahrt quer durch Europa. Agenten verschiedener Mächte. Nachts mit dem Auto durch polnische Wälder. Eine Reise ins Herz der europäischen Finsternis. Eine Romanze wie im Mittelalter, nur ohne Hochzeit am Schluss, denn das war mir bald klar: Diese Heldenreise führt nach ein paar Umwegen ohne Schnörkel in den Tod.

Hannes Stein, Notizen zu einem unveröffentlichten Roman


Auch auf der Ebene der Europäischen Union gibt es Lobbyisten, die sich für die Belange der »Bürger« einsetzen, ohne dass hinter ihnen Behörden oder Industrien stünden. Weil »Brüsseler Lobbyisten« einen noch schlechteren Ruf als gewöhnliche Lobbyisten haben, gibt es das Transparenzregister, in dem alle Verbände sich eintragen müssen, wenn sie sich direkt an die Kommission wenden wollen. Man kann das Transparenzregister durchsehen und findet die üblichen Verdächtigen, etwa Gentechnikgegner, einzelne deutsche Universitäten und Fahrradverbände.

Remigius Bunia, Brüssel (IV). Brüssel partizipativ


Zuerst weiß ich nicht, wer da »Papagei!« sagt, sanft und nachdrücklich, immer wieder. Bis ich ihn suchen gehe und in einem der vielen kleinen Höfe der Anlage finde: Es ist ein Papagei, leuchtend grün, als ob ein Spiegel einen winzigen Teil eines Dschungels in den granitgrauen Hof hineinreflektiert hätte. Sonnenstrahlen glänzen auf den Messingstäben seines Käfigs. »Papagei!«, sagt der Papagei, als er mich sieht. Schnell verschwindet er in der fensterlosen Box, die ihm Rückzugsraum vor der Sonne und den Menschen bietet. Der Papagei ist allein.

Günter Hack, Das Versteck des Papageis


Die Bildregie des Vaters hat den Sohn vor eine unlösbare Aufgabe gestellt. Das Glück, das er angesichts dieser im Wohnzimmer gelandeten Weltinsel empfinden soll, erinnert ihn wohl zu sehr an Hausaufgaben und Aufräumpflichten, als dass es sich auf Knopfdruck in ein strahlendes Lächeln verwandeln könnte. Sein Spielarm hängt schlaff , wie ausgekugelt, von der Schulter, als wäre es ihm ausdrücklich untersagt worden, während des fotografischen Aktes störend dazwischenzufunken. Es geht hier schließlich um nicht mehr und nicht weniger als um die fotografische Herstellung einer glücklichen Kindheit.

Harry Walter, Trauer der Vollendung



MERKUR Jahrgang 70, Heft 803, Heft 04, April 2016
112 Seiten, broschiert
ISSN: 0026-0096

Autoren in dieser Ausgabe

Dirk Hoerder, Christian Joerges, Wolfgang Matz, Glenda Sluga, Harald Bodenschatz, Tobias Keiling, Philip Manow, Wolfgang Fach, Benno Heussen, Hannes Stein, Remigius Bunia, Günter Hack, Harry Walter,


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