MERKUR

Heft 05 / Mai 2012

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Zitate aus dem Maiheft, Nr. 756

Erst mit einer Beteiligung von mindestens 30 Prozent können Frauen in Vorständen, Gremien etc. zeigen, was sie wirklich können. Solos – einzelne Frauen in Männergruppen – leisten nicht das, was sie eigentlich leisten können, weil sie sich permanent als Solo fühlen, behaupten, beweisen müssen. Ein oder zwei Frauen pro Aufsichtsrat, Vorstand, Kommission, Abteilung oder Fakultät reichen da nicht aus. Erst ab ungefähr einem Drittel Frauen kippt die Wahrnehmung: Nicht mehr das Geschlecht steht im Vordergrund, sondern die Sache, um die es geht. Geschlecht als Kategorie der Wahrnehmung und Selbstpräsentation ist besonders greifbar, wenn zu einer Gruppe von Männern eine einzige Frau kommt: »Gender walks in«. Männer untereinander sind einfach nur konkurrierende oder kooperierende Subjekte. Kommt eine Frau hinzu, ist plötzlich jeder und jede ein geschlechtliches Wesen, und dieser Subtext ist beteiligt an den Verhandlungen.

Beate Rössler, Frauen verzweifelt gesucht?

 

Allgemeiner lässt sich formulieren, dass individualisierte und ergebnisfixierte Leistungsorientierung nicht primär vom Bürgertum ausging und von dort in andere soziale Gruppen diffundierte. Vielmehr etablierte sie sich quer zu bestimmten Gruppen in der im ausgehenden 19. Jahrhundert entstehenden Massengesellschaft – und setzte gerade die Bürgerlichen schließlich unter Druck. Unter Druck gerieten Männer aus dem etablierten Bürgertum aber nicht allein, weil sie sich nun mitunter mit leistungsorientierten »Emporkömmlingen« messen mussten, wie die Aufsteiger jener Zeit pejorativ genannt wurden. Hinzu kam, dass sich um die Jahrhundertwende eine neue Sozialtechnologie etablierte, der standardisierte Leistungstest.

Nina Verheyen, Unter Druck

 

Der amerikanische Komponist David Cope hat in den letzten drei Jahrzehnten ein Computerprogramm entwickelt, das viele tradierte Vorstellungen über Originalität und Kreativität beim Komponieren von Musik in Frage stellt. Der biographische Ausgangspunkt seiner Experiments in Musical Intelligence – kurz »Emmy« genannt und zugleich Name des Kompositionsprogramms, mit dem diese Experimente durchgeführt wurden – reicht ins Jahr 1981 zurück. Mit einem Opernauftrag in der Hand wurde Cope damals von einer quälenden Schreibblockade heimgesucht. Da er sich nicht in der Lage sah, selbst kompositorische Entscheidungen zu treffen, unternahm er den Versuch, mit Hilfe des Computers seinen eigenen Stil zu modulieren, die Blockade also technisch zu überwinden. Der direkte Selbstversuch führte allerdings nicht zum erhofften Erfolg – Cope wusste offenbar zu wenig über den eigenen Kompositionsstil. In der Klassischen Musik dagegen kannte er sich bestens aus, sodass er schließlich begann, deren Stile zu imitieren. Dabei gelangte Cope zu Resultaten, die für die einen verblüffend und für die anderen schockierend waren: Er konnte rein computergenerierte Werke im Stil von Bach, Mozart, Beethoven, Chopin, Mahler und Rachmaninov erzeugen, die von Experten bei verschiedenen Blindtests als Originale »identifiziert« wurden.

Harry Lehmann, Virtuelle Musik

 

Ich habe den Eindruck, dass das Gleichgewicht zwischen Interessen und Idealen, das in unserer westlichen Politik über lange Zeit Bestand hatte, sich gegenwärtig deutlich in Richtung der Ideale verschiebt. Getragen wird diese aktuelle Entwicklung, wie könnte es anders sein, vom Glauben an die soziale Gerechtigkeit als Ideal. Und wie viele Ideale verführt auch dieses dazu, die menschliche Natur verändern zu wollen, anstatt auf sie einzugehen. In diesem speziellen Fall wird dazu das gesamte Spektrum an Antidiskriminierungsbestrebungen aufgeboten, die unter den Begriff der »political correctness« fallen.

Kenneth Minogue, Der Konflikt zwischen Ideal und Interesse

 

Für Flaig verfügen nur Individuen über eine Erinnerung, Gruppen hingegen seien nur »im metaphorischen Sinne Gedächtnisträger« und daher nicht mehr als »kollektive Quasisubjekte«. Den »selbstgebastelten Gedächtnissen« von Glaubensgemeinschaften, deren »imaginäre Wunden« nicht zu bluten aufhörten, stünde jedoch die »historische Wahrheit« entgegen. Wer oder was genau damit gemeint sein soll, bleibt ebenfalls diffus. Flaig bemüht keine Beispiele. Gerade der universale Anspruch seines Angriffs ist jedoch fragwürdig. Nicht nur irritiert das Postulat einer allgemeingültigen historischen Wahrheit, auch in anderer Hinsicht rührt er an Grundsätzliches: Gibt es ein kollektives Erinnern oder besser gefragt, kann es – wie Kritiker des Gruppenkonzeptes behaupten – ein rein individuelles Erinnern geben?

Bodo Mrozek, Zur Frage des kollektiven Erinnerns

 

Die aktuelle Diskussion um Privatsphäre und Selbstvermessung ist eine neue Runde dieser Auseinandersetzung mit der Frage, was eigentlich passiert, wenn das bisher Unsichtbare sichtbar gemacht wird. Und wahrscheinlich hat die Hinwendung zum privaten Datensammeln auch damit zu tun, dass mittlerweile die halbe Welt uns bis auf die Knochen durchleuchtet und über detaillierte Daten aus unserem Privatleben und Konsumverhalten verfügt, nur wir selbst nicht. Schließlich ist die Quantified-Self-Bewegung auch eine Reaktion auf das zunehmende Wissen darüber, wie Wahrnehmung und Erinnerung uns systematisch in die Irre führen. Die sich in den letzten zwanzig Jahren mehrende Forschung auf diesem Gebiet und Bestseller wie Dan Arielys Predictably Irrational untergraben das Vertrauen in die Rationalität des eigenen Verhaltens und unserer Erklärungen für dieses Verhalten.

Kathrin Passig, Unsere Daten, unser Leben. Internetkolumne

 

Volle Religionsfreiheit im Sinne eines Grund- oder Menschenrechtes einer jeden Person begegnet uns erst in der bemerkenswert modernen Paulskirchenverfassung von 1848/49. Dort heißt es in Paragraph 144: »Jeder Deutsche hat volle Glaubens- und Gewissensfreiheit. Niemand ist verpflichtet, seine religiöse Überzeugung zu offenbaren.« Paragraph 145 normiert: »Jeder Deutsche ist unbeschränkt in der gemeinsamen häuslichen und öffentlichen Übung seiner Religion.« Absolut Innovatives hält Paragraph 147 Absatz 3 mit der religiösen Vereinigungsfreiheit bereit: »Neue Religionsgesellschaften dürfen sich bilden; einer Anerkennung ihres Bekenntnisses durch den Staat bedarf es nicht.« Dieser Dreiklang von Gewissens-, Kultus- und Vereinigungsfreiheit erwies sich als stilbildend für spätere Verfassungen wie diejenige Weimars oder der Bundesrepublik Deutschland.

Horst Dreier, Kleine Verfassungsgeschichte der Religionsfreiheit. Rechtskolumne

 

Die Dynamik des Kapitalismus, die unaufhaltsam vorrückende »Frontier«, das schwere Los von Indianern und Schwarzen, Rasse und Klasse – all diese Probleme der amerikanischen Gesellschaft können weder ein schwacher Zentralstaat noch die Menschen selbst allein lösen. Vielmehr sind es alle möglichen Formen intermediärer Assoziationen der Zivilgesellschaft, die Verbände und Klubs auf der Grundlage säkularisierter Sektenorganisation: Das ist jedenfalls das wesentliche Resultat seiner Amerikareise, die sich in seinem Werk an mehreren Stellen, vor allem aber in seinem berühmten Sektenaufsatz, niederschlagen sollte.

Hans-Peter Müller, Max Weber in Amerika

 

Man findet bei Machiavelli keinerlei Ursache, die ihren Effekten vorausgeht, kein moralisches oder theologisches Prinzip. Das Denken bewegt sich nicht in der Notwendigkeit der vollendeten Tatsache, sondern in der Kontingenz der noch zu vollendenden Tatsache. Bei Machiavelli kann alles stattfinden, es muss aber nicht. Es gibt keine Garantien für das Gelingen und für die Dauer des Gelingens. Alles hängt immer wieder neu von den Bedingungen und Begegnungen ab, die niemals im Vorhinein berechenbar sind. Und was es heißt, die Tatsache der Kontingenz in den Ereignissen materialistisch zu denken, davon handeln Althussers späte Schriften in bewundernswert offener Form.

Cord Riechelmann, Kontingenz, materialistisch

 

Immanuel Kant erwähnt schon im Titel seines geschichtsphilosophischen Haupttextes Idee zu einer allgemeinen Geschichte (1784) dessen »weltbürgerliche« Absicht. Die globale Perspektive, die er darunter versteht, ist nicht die des Global Player, der sich in allen Metropolen der Welt bewegt, aber nirgends zu Hause ist. Gemeint ist vielmehr ein Ziel der Geschichte, in dem sich alle Menschen wiederfinden können; nennen wir es ein weltbürgerliches oder kosmopolitisches Ziel. Als gelernter Viertelhistoriker weiß ich, dass Historiker die genannte Zielperspektive für zu spekulativ halten und dafür gute Gründe haben. Aber Philosophen können weder noch wollen sie Historiker sein. Allenfalls werfen sie mit Kant den Fachhistorikern, sofern sie einen Alleinvertretungsanspruch erheben, eine »zyklopische Gelehrsamkeit« vor, da ihnen »ein Auge fehlt, das Auge der Philosophie«.

Otfried Höffe, Weltgeschichte als Rechtsfortschritt?

 

Im Erfolg der Piraten zeigt ein neuer Zeitgeist seine Konturen. Folgt man dieser Prämisse, stellen sich andere Fragen: Warum gibt es gerade jetzt eine neue Partei? Warum ist ihr zentrales Thema das Internet? Warum ist die Partei so attraktiv? Welche Ideologien, welche individuellen Wünsche, welche kollektiven Erwartungen führen zum Erfolg der Piratenpartei? Und weiter: Welche Erwartungen weckt die Piratenpartei selbst? Wie kann sie ihnen entsprechen? Welche Potentiale für politische Enttäuschung bauen sich im selben Zug wie die Erwartungen auf? Noch sitzt die Piratenpartei nicht im Bundestag. Sie muss und kann noch keine politischen Versprechen einlösen. Was aber wird passieren, wenn die Ideen plötzlich institutionalisiert werden müssen?

Stefan Schulz, Zwischen Netzwerk und Organisation

 

Erinnern als kollektive Vergangenheitsarbeit bedeutet im allgemeinen Verständnis die seelische Wiederaneignung der Geschichte nach Gewalterfahrungen, politischem Terror und Trauma – im Wechselspiel von individueller und kollektiver Auseinandersetzung. Der regressive Sog traumatisch verwurzelter Ohnmacht kann durch nachvollziehendes Wissen aufgehalten werden, denn Menschen werden qua Verstehen zu Subjekten ihrer Geschichte. Das gesellschaftliche Teilen und Mitteilen dieser Geschichte erlöst, weil es sowohl im Einzelnen als auch gesellschaftlich gebrochene Bezüge wiederherstellt. Kognitive Langzeitfolgen von Traumatisierungen – wie etwa Konfusion, Fragmentierung der Erinnerung und Dissoziation – lösen sich im Prozess der gesellschaftlichen Auseinandersetzung auf; ein Gefühl von Kohärenz, nachträglicher rationaler Ordnung und damit potentieller Kontrollierbarkeit stellt sich her.

Vera Kattermann, Endlich fertig erinnert?


MERKUR Jahrgang 66, Heft 756, Heft 05, Mai 2012
broschiert
ISSN: 0026-0096

Autoren in dieser Ausgabe

Beate Rössler, Nina Verheyen, Harry Lehmann, Kenneth Minogue, Bodo Mrozek, Kathrin Passig, Horst Dreier, Hans-Peter Müller, Cord Riechelmann, Otfried Höffe, Stefan Schulz, Vera Kattermann, Ekkehard Knörer,


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