MERKUR

Heft 05 / Mai 2015

Das könnte Sie interessieren

Rom

Die Biographie eines Weltreichs

Soll und Haben

Die doppelte Buchführung und die Entstehung des modernen Kapitalismus

Bismarck

Größe – Grenzen – Leistungen
Diese Ausgabe erwerben
Printausgabe vergriffen, Artikel als PDF erhältlich, siehe unten

Zitate aus dem Maiheft 2015, Nr. 792

In einem Interview mit der FrankfurterAllgemeinen Zeitung hat Reinhard Kardinal Marx, der neue Vorsitzende derBischofskonferenz, ernsthaft gesagt: »Gebt uns die Sterbenden, denn wir sindganz besonders für die Leidenden und Sterbenden da.« Warum eigentlich? WeilJesus von Nazareth einen grausamen Kreuzestod gestorben ist? Oder weil Caritasund Diakonie sich einbilden, in Sachen palliativer Sterbebegleitung kompetenterzu sein als andere Akteure, etwa säkulare Hospizvereine? Sind »die Leidenden undSterbenden« vielleicht auch aus finanziellen Motiven für Caritas und Diakonieeine interessante Klientel?

Friedrich Wilhelm Graf,Apodiktische Ethik mit Lügen.

 

Die Jugendlichen der Achtziger wuchsen überwiegend in demBewusstsein eines nahen Weltuntergangs auf. Unklar blieb lediglich, ob dasWaldsterben, der Atomkrieg oder die Kernschmelze in einem Kraftwerk dieKatastrophe herbeiführen würde; auch galt eine geplante Volkszählung alsmöglicher Einstieg in eine neue Diktatur. Nicht alle diese Gefahren warenfiktiv, am allerwenigsten das Risiko eines atomaren Zusammenpralls derdamaligen Supermächte. Skurril erscheint aus heutiger Sicht das Ausmaß, in demsich der Fortschrittsglaube auf einmal ins Gegenteil verkehrte und so das vertrauteDenkmuster auf paradoxe Weise fortsetzte.

Ralph Bollmann, Dasferne Land

 

Blumenberg hat in Münster offenbar in dem Bewusstseingelebt, dass ihm die Zeit für das, was er sich zu erarbeiten vorgenommen hatte,knapp würde. Deshalb die Restriktion auf eine Form der Lehre, die ein Maximum anProduktivität mit einem Minimum an kommunikativem Aufwand zu verbindenerlaubte. Es liegt kein großes Wagnis in der Behauptung, dass seine Studentendavon profitiert haben. Es gab eine Formel, die Blumenberg gelegentlich inseine Vorlesungen einfließen ließ und die offenkundig pro domo auf dieseEntscheidung Bezug nahm: »Philosophieren, meine Damen und Herren, lernt man,indem man zuhört, wie es gemacht wird.«

Birgit Recki, Gegendie Absolutismen der Wirklichkeit  

 

Es ist der im 17. Jahrhundertbeginnende Weg zu skizzieren, der uns in die Gegenwartssituation führt. Das 17.Jahrhundert ist die Zeit, in der Europa in alle anderen Weltregionen ausgreift,diese kolonialisiert und mittels Handel, religiöser Mission, auch mittels derAusbreitung von Bildung und Gelehrsamkeit alle Regionen der Welt erstmals zueinem weltweiten Sozialzusammenhang zusammenführt. Im gleichen Prozess fälltauf, dass es nicht nur eine oder wenige Religionen gibt, dass vielmehr überallin den Regionen der Welt Religion und Religionen existieren.

Rudolf Stichweh, Soziologiekolumne.Religion als globale Kategorie

 

So versteckt der Vorwurf auch daherkommt, stellt BlumenbergArendt hier auf die Seite Thomas Manns und suggeriert damit, sie habe ihr Judentumso weit verleugnet, dass sie eben keine genuine Feindin Hitlers mehr seinkonnte, sondern nur noch eine kontingente. Arendt als Parvenü – dieses Urteilist so ungerecht, dass es fast nur mit der tiefen Verletzung eigener Identitätzu erklären ist.

Hannes Bajohr, DerPreis der Wahrheit

 

Die Klimadebatte belegt aus der Sicht derAkteur-Netzwerk-Theorie wieder einmal, dass es auch in den Wissenschaften umParteiungen geht, die sich so gut wie möglich vernetzen, um ihre Perspektive undihre Interessen durchzusetzen. Und von Carl Schmitt kann man lernen, dassgerade die Inanspruchnahme wissenschaftlicher Objektivität samt der damit angeblichverbundenen weltanschaulichen und politischen Neutralität eine Waffe impolitischen Kampf ist, der den Gegner stets auf der Seite der Subjektivität, derInteressen, Ideologien und Parteilichkeit platziert.

Niels Werber, GaiasGeopolitik

 

Responsive Design ist keine Inschrift in Capitalis Quadrataauf einem römischen Triumphbogen, zeichnet aber die dominante zeitgenössischeOperationslogik nach, macht sie im Alltag auf subtile Art und Weise sichtbar.Die neue Ordnung des typografischen Systems entspricht den neuenOrdnungsprinzipien einer Gesellschaft, die sich zunehmend auf digitale Werkzeugeund Netzwerklogik stützt. Responsive Design sagt: Wer die Verhältnisse kontrolliert,der bestimmt die Verhältnisse.

Günter Hack, ResponsiveDesign – Gestaltung und Kontrolle

 

Die Strategien zur maschinengerechten Optimierung bleibenden Texten nicht äußerlich, sondern wirken stilprägend. Weil vorrangig daslexikalische Material über den Erfolg eines Textes entscheidet, treten syntaktischeAnforderungen in den Hintergrund. Suchmaschinenbenutzer geben Suchbegriffeüblicherweise als Infinitiv oder Nominativ ein, deshalb werden auch »Keywords«bevorzugt in der Grundform verwendet. Flexionsendungen würden den Erfolg imRanking gefährden. Das Wort wird gegenüber dem Satz privilegiert, der lediglichals potentielles »Longtail-Keyword« wahrgenommen wird. 

Michael Esders, Begriffsbörsen

 

So kommen bizarre Kategorienfehler zustande wie jener ineiner Broschüre des IT-Planungsrates der Bundesregierung, die Medienkompetenzals Datenschutzstrategie empfiehlt, während sie zugleich das Schreiben vonE-Mails und die Nutzung von sozialen Online-Netzwerken als Ziel vonMedienkompetenz nennt – damit fängt aber das Problem des Datenschutzes überhaupterst an. Die Ziele Teilhabe und Datenschutz widersprechen sich also förmlich.

Max-Otto Baumann, Datenschutzversagen

 

Schröder trat 2006 als Aufsichtsratsvorsitzender in dieDienste des russischen Konzerns Gazprom. Dieser Wechsel war ein Bruch mit allenTraditionen. Denn eigentlich bleibt ein Kanzler im Dienst, er wird zum Elder Statesman.Der Staat finanziert ihm lebenslang ein Büro mit zwei Sekretärinnen, zwei Referenten,eine Limousine mit Fahrer und gewährt zusätzliche »fringe benefits«. Abgesehenvon einem Ruhegehalt in der Größenordnung von etwa 200000 Euro im Jahr, dasHinzuverdienen nicht erforderlich macht, sondern im Gegenteil ein Leben inWürde und mit Distanz zum Tagesbetrieb gestattet.

Jochen Thies, DasEnde der Bescheidenheit: der deutsche Politikbetrieb

 

Während des Essvorgangs ferngesehen und bei einem Krimihängengeblieben. Krimis mit psychopathischen, mordenden siebzehnjährigenSchülern aus Mittelklassehaushalten gefallen mir immer noch am besten. Kommtmir sehr realistisch vor, diese Überreaktion und Mordlust der Jugendlichen,während sie noch wohlbehütet bei ihren Eltern wohnen, sich auf das Abiturvorbereiten, ständig altklug daherschwätzen und so tun, als ob sie schonerwachsen wären.

Stephan Herczeg, Journal(XXVI)   


MERKUR Jahrgang 69, Heft 792, Heft 05, Mai 2015
broschiert
ISSN: 0026-0096

Autoren in dieser Ausgabe

Friedrich Wilhelm Graf, Ralph Bollmann, Birgit Recki, Rudolf Stichweh, Hannes Bajohr, Niels Werber, Günter Hack, Michael Esders, Max-Otto Baumann, Jochen Thies, Stephan Herczeg,


Unser Service für Sie

Zahlungsmethoden
PayPal (nicht Abos),
Kreditkarte,
Rechnung
 
weitere Infos

PayPal

Versandkostenfreie Lieferung
nach D, CH, A

in D und A inkl. MwSt.,
evtl. zzgl. in CH anfallende MwSt.
 
weitere Infos

Social Media
Besuchen Sie uns bei


www.klett-cotta.de/im-netz
Facebook Twitter YouTube
Newsletter-Abo

Klett-Cotta-Verlag

J. G. Cotta’sche Buchhandlung
Nachfolger GmbH
Rotebühlstrasse 77
70178 Stuttgart
info@klett-cotta.de