MERKUR

Heft 06 / Juni 2011

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Invasion der Barbaren

Die Entstehung Europas im ersten Jahrtausend nach Christus

Invasion der Barbaren

Die Entstehung Europas im ersten Jahrtausend nach Christus
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Aus dem Juniheft 2011, Nr. 745

Moshe Zimmermann, einer der Autoren der Arbeit über das Auswärtige Amt, wünscht sich, dass aus der Geschichte gelernt wird. Wer wünschte sich das nicht! Aber man lernt aus der Geschichte nicht, indem man auf sie blickt und über sie urteilt, als sei sie die Gegenwart. Man lernt Zivilcourage gegenüber totalitären Vereinnahmungen nicht, wenn sie präsentiert wird, als habe sie nach 1933 nicht mehr gekostet, als heute ein Aufbegehren gegenüber staatlichen oder gesellschaftlichen Institutionen kostet. Man lernt nicht, sich auch noch als Getriebener seiner Verantwortung bewusst zu sein, wenn man um das Verständnis für das Getrieben- und zugleich Verantwortlichsein anderer gebracht wird. Man lernt Widerständigkeit nicht, indem man einübt, sich vom Mainstream moralischer Selbstgewissheit und -gerechtigkeit tragen zu lassen. Geschichte lehrt keine Rezepte. Sie lehrt, dass alles schon anders war und dass alles auch anders sein kann. Sie lehrt, am Anderssein der Vergangenheit einen Sinn für das zu entwickeln, was in der Gegenwart anders sein kann und in der Zukunft anders sein wird, und dafür, was in altem und neuem Gewand wiederkehrt. Sie lehrt das Leben mit Alternativen − dass Alternativen einem begegnen und man sie bewältigen muss, aber auch, dass man sie suchen und dass man sie gestalten kann. Sie lädt dazu ein, die Welt verschieden zu interpretieren, sie utopisch neu zu entwerfen und sie zu verändern.

Bernhard Schlink, Die Kultur des Denunziatorischen

 

Im Ernstfall des unmittelbaren Zusammenpralls einander ebenbürtiger Kulturen entpuppen sich interkulturelle Projekte als Schönwettervisionen. Für die Länder der Europäischen Union auf dem Weg zu multikulturellen Gesellschaften sind die Ränder Europas, der Nahe Osten, der Balkan oder der Kaukasus, Menetekel. Integration und interkulturelle Dialoge, auf die Westeuropäer ihre Hoffnung setzen, sind dort keine Themen. Viel ist schon erreicht, wenn wie heute auf dem Balkan eine Koexistenz zwischen ethnischen und religiösen Gruppen gelingt. Auch die Koexistenz ist kein Naturzustand. Sie muss, wie der Frieden, gestiftet werden. Das Konzept der Koexistenz kann als realistischer Mittelweg zwischen den drohenden Kämpfen und einer oft illusionären Interkulturalität und Integration der Religionen und Kulturen dienen.

Heinz Theisen, Koexistenz der Religionen

 

Das, was zu Beginn dieses Jahres in Ägypten passiert ist, hat uns im Westen kalt erwischt. Das politische Establishment hatte sich jahrzehntelang daran gewöhnt, dass am Nil ein Regime an der Macht war, das uns außenpolitisch zu Diensten war; die Frage, ob sein Verhalten im Inneren unseren Vorstellungen von Demokratie und Menschenrechten entsprach, wurde nicht ernsthaft gestellt und spielte bei diplomatischen Kontakten kaum eine Rolle, nicht einmal in der inzwischen ritualisierten und damit entschärften Form, die wir heute China gegenüber praktizieren. Entsprechend groß war die Ratlosigkeit, als sich abzeichnete, dass es ganz so bequem wohl nicht weitergehen würde. Anders die Reaktion der meisten Medien: Hier war man auch überrascht, fand es aber erst einmal positiv, dass "das ägyptische Volk" sich gegen die Herrschaft, die offensichtlich massiv gegen unsere Standards von "good governance" verstieß, in so wirkungsvoller Weise erhob, den Rücktritt der Führungsfigur erzwang und Demokratie forderte. Vielleicht haben unsere politischen Vorstellungen ja doch universale Gültigkeit, und die Probleme Ägyptens sind zu lösen, wenn unser System der politischen Willensbildung eingeführt wird. Der Ruf nach Demokratie, über den westliche Intellektuelle so begeistert sind, deckt aber wohl nicht in voller Breite die Motivation der Menschen ab, die sich gegen die für die arabische Welt charakteristische Kombination aus Stagnation und Kleptokratie aufgelehnt haben. Überall ist da vom Mangel an Perspektiven die Rede, von der Verbesserung der Lebensverhältnisse, von der Zukunft, die man gern hätte − alle diese Ausdrücke sind Umschreibungen für den simplen Wunsch nach einem höheren Einkommen.

Uwe Simson, Der Fall Ägypten

 

Ein von manchen als Islamisierung Europas, von anderen als Versagen der Europäer bei der Integration der Muslime bezeichneter Prozess ist in Frankreich an einen kritischen Punkt gelangt. Zu den beunruhigendsten Erscheinungsformen dieses Konflikts gehört die Entstehung einer besonderen Form von Gewalt, die mehr ist als die Summe ihrer Teile. Eine Auswahl aktueller Nachrichten liest sich wie ein Katalog von schwerer Körperverletzung, Messerstecherei, Erschießen, Brandstiftung und Plünderung; Angriffe auf Lehrer, Polizisten, Feuerwehrleute, alte Damen und Rentner; Revierkämpfe, Stammeskämpfe, Morde wegen Frauen, wegen Gesten, wegen gar nichts; tote Jugendliche, mörderische Jugendliche, über das Schlachtfeld einer ganzen Nation verstreute Leichen. Gibt es einen Zusammenhang zwischen dieser endlosen Reihe anscheinend disparater krimineller Vorkommnisse und den bei aufrührerischen Unruhen und Demonstrationen offen zur Schau gestellten Identitätsmarkern − Kufiyagesichtsmasken, Hisbollahfahnen, Intifadaparolen, islamischen Anfeuerungsrufen? Die generelle Tendenz in Frankreich, Informationen zurückzuhalten, und die bewusste Entscheidung, ethnische und religiöse Symbole auszublenden, führt zu einer Berichterstattung des weißen Rauschens über Kriminalität. Namen, Fotos und Hintergrundinformationen über die Täter, Verdächtigen und Opfer werden gewöhnlich verheimlicht, besonders wenn es um Informationen geht, die das Image der Muslime beschädigen könnten. Es gibt jedoch umfangreiches Beweismaterial, dass die Immigration mit einer spezifisch islamischen Abneigung gegenüber den Juden, Verachtung westlicher Werte und anderen antisozialen Einstellungen einherging, die durch religiösen Eifer verstärkt und durch den Konflikt zwischen einer autoritären Familienstruktur und der permissiven französischen Gesellschaft verschärft wurden. Viele in Frankreich geborene Muslime der zweiten und dritten Generation, die darauf bedacht sind, sich fernzuhalten von einer "französischen" Identität, sind nicht weniger anfällig für diese Einflüsse als erst vor kurzem Immigrierte.

Nidra Poller, Intifada in Frankreich

 

Es hat in den neunziger Jahren eine Bewegung gegeben, die unter dem Stichwort "Kunst als Dienstleistung" die Besucher nicht mit Werken konfrontierte, sondern zum Essen, Aufwärmen und Schlafen ins Museum holte. Allein die Zahl der von Künstlerhand im Kontext von Museen und Ausstellungen eröffneten Restaurants, Bars, Kantinen und "relaxation areas" würde einen langen Katalog ergeben. Gordon Matta-Clark fing vermutlich damit an, bereits 1971. Angela Bulloch, Georgina Starr, Rirkrit Tiravanija, Heimo Zobernig heißen einige der Künstler-Wirte in den neunziger Jahren. Wurde normalerweise dazu den Künstlern auch die Hausgewalt übertragen, so nahmen Kuratoren in eigener Regie das Konzept etwa so an, wie es Hans-Ulrich Obrist in der Ausstellung Take me (I´m yours) versuchte, die er 1995 in der Londoner Serpentine Gallery organisierte. Die Ausstellung kämpfte programmatisch gegen die beiden Grundgesetze an, die in ihrer Sphäre gelten: Nicht berühren! Und: Fremdes Eigentum!, besser gesagt Eigentum, das du, Besucher, nie dein Eigen nennen kannst, weil es nämlich so teuer oder zu selten ist. Da setzten die Heiler an. Was gab es also zu berühren und "mit nach Hause zu nehmen"? Man konnte ein Essen mit einem Künstler gewinnen. Man konnte eine deutsche Zeitung einpacken, in der eine flaue Fotografie von Wolfgang Tillmans abgedruckt war, während seine Originalfotografien an der Wand "untouchable" waren. Man konnte sich mit der fotografischen Reproduktion eines banalen Gegenstandes versorgen, wie sie Hans-Peter Feldmann tausendfach zu machen liebt. Kurz, das Ganze mutete an wie eine Tombola, deren Gewinne von angefragten Firmen und Läden gestiftet wurden − viele Ladenhüter kommen da zusammen. Und dieser Tendenz zur Fürsorgeanstalt passte sich auch sehr gut der Beitrag von Christian Boltanski an, der einen ganzen Raum der Galerie als ein Altkleiderlager einrichtete, aus dessen Beständen man sich frei versorgen konnte. Künstler und Kurator hatten sich zu einer schlechten und schlichten Negation zusammengefunden: Das Billige wäre beinahe, wie das in der Kunst der Moderne die Regel ist, das Teure geworden, es blieb aber das Billige, und das Unberührbare ließ sich nur "anfummeln". Obrist: "Mit der Anweisung (Take me) strömt das spezifische, alltägliche, profane Umfeld in den Ausstellungsraum ein, sodass die Grenzen zwischen Außen- und Innenraum porös werden." Dann bedeutet das also für die Kunstsphäre, dass sie so frei ist, sich als Candyshop zu geben und Félix González-Torres eine Ecke mit einer Anhäufung von Bonbons füllen zu lassen − natürlich "free for the taking". War es das? Bemerkenswert ist nur die hier versuchte Arrondierung des Museumsangebots um das, was man beim Kindergeburtstag das Take-away nennt, die Gabe, deren therapeutisches Einwirken in der Donation einer milden Kleiderspende gipfelt.

Wolfgang Kemp, Ästhetikkolumne

 

Dass man sich an Texten die Nase blutig schlagen und dort, wo es wehtut, mit der Analyse beginnen müsse, sei die Devise des Berliner Literaturwissenschaftlers Joseph Vogl, stellt die FAZ bewundernd fest. Doch enthält das effekthascherische Bild mehr als die Binsenweisheit, dass Erkenntnisfortschritt oft durch Reibung zustande kommt, und die der Immunisierung des Autors dienende Unterstellung, es müsse wohl an der Memmenhaftigkeit des Lesers liegen, wenn sich am Ende der Erkenntnisfortschritt nicht einstellt? Viele solcher Überspanntheiten, zumeist in hochartifizieller Sprache, finden sich auch in Vogls Buch Das Gespenst des Kapitals, einem späten Beitrag zur grundsätzlichen Systemdebatte, die mit der Finanz- und Wirtschaftskrise ins Rollen gekommen war. Derlei nicht nur rhetorische Arroganz ist durchaus üblich in der Systemdebatte. Viele Ökonomen waren angesichts der Ereignisse zunächst in betretenem Schweigen versunken. Sie überließen damit die Diskussion ihren Kollegen aus benachbarten geisteswissenschaftlichen Disziplinen, die nun für die steilsten Sophismen Morgenluft witterten und eine überlegene Attitüde an den Tag legten. Vogl steht damit nicht allein. Noch nicht einmal seine Thesen haben Seltenheitswert; nur hat man sie kaum je so gedrechselt präsentiert bekommen. Doch hiervon sollte man sich nicht abschrecken lassen. Eine intellektuelle Auseinandersetzung lohnt sich immer. Als Leitfaden hierfür sollen im Folgenden einige ausgewählte Zitate dienen.

Karen Horn, Ökonomiekolumne

 

Allenthalben wird dem Westen nachgesagt, seine Gesellschaften scheuten den Krieg, seine Bürger seien nicht länger willens zu sterben für Volk und Vaterland − geschweige denn für die Verteidigung von Freiheit und Demokratie außerhalb der eigenen Landesgrenzen. Die westlichen Demokratien zeigten sich kriegsmüde, verweichlicht und hedonistisch verdorben. Größere Opfer in gewaltsamen Konflikten wollten sie sich nicht mehr zumuten. Kaum ein Tag verging in den letzten Jahren, an dem das Kriegsgeschehen in Afghanistan oder im Irak nicht durch diese Brille gesehen wurde. Die These vom einstmals heroischen Westen jedoch basiert vor allem auf Mythen und Legenden. Die historische Rückschau birgt eine grundlegend andere Erzählung. Athens Blütezeit begann mit einer politischen Dummheit: Im Jahre 500 vor Christus beschlossen die ionischen Städte in Kleinasien, vom Perserreich abzufallen. Sie baten die Griechen um militärischen Beistand. Sparta lehnte ab. Athen, das ebenfalls gegen die persische Hegemonie rebellierte, entsandte die erste Angriffsflotte in der Geschichte der Demokratie. Nach anfänglichen Erfolgen endete das Unternehmen in einer vernichtenden Niederlage. Athens Volksversammlung lehnte fortan jedes weitere Hilfsgesuch vom Kriegsschauplatz ab, so verzweifelt die Anfragen auch waren. Militärisch war die athenische Expeditionsstreitmacht zwar nicht besonders ins Gewicht gefallen. Politisch reichte ihre Entsendung aber aus, um die Perser zu einer Strafaktion gegen die Ionier und ihre Verbündeten zu veranlassen. Die Perserkriege gegen das griechische Festland waren die Folge. Erst jetzt, da sich die Athener von Angreifern in Übersee zu Verteidigern ihrer Heimat wandelten, konnten sie die Perser besiegen und selbst zur antiken Supermacht aufsteigen − ein für Griechenland doch noch glückliches Ende, das der Anfang des heutigen Europa war.

Thomas Speckmann, Wie unheroisch ist der Westen?

 

Die von Sarrazin vorgeschlagenen politischen Lösungen der Probleme sind relativ gemäßigt und ähneln manchen der neuen Reformen der Labour Party in England: strengere Einwanderungskontrollen und Sprachtests für Neuankömmlinge, eine Entwicklung hin zu obligatorischer Staatsangehörigkeit für schon lange im Land lebende Einwanderer, eindeutiger Schwerpunkt auf dem Deutschunterricht an den mehrheitlich von Einwandererkindern besuchten Schulen. Sarrazin ist auch besorgt darüber, dass das Wohlfahrtssystem zur Abwendung vom Gastland führt, den Unternehmungsgeist schwächt und die Integration am Arbeitsplatz, für die Länder wie Amerika bekannt sind, verhindert, und deshalb empfiehlt er Probezeiten für die Immigranten, bevor sie Anspruch auf Sozialhilfe haben. Die Regierung reagiert bereits auf einige dieser Vorschläge. Im Grunde stellt Sarrazins Nüchternheit eine begrüßenswerte Gegenposition zu dem Wunschdenken der Achtundsechzigergeneration dar. Der frühere Finanzsenator von Berlin, der wie ein Soldat in des Kaisers Heer aussieht, gehört zur Gruppe der Außenseiter. Man kann sich leicht vorstellen, dass er kleinere Tumulte bei den Abendeinladungen linker Berliner auslöst. Ein Großteil seiner Argumentation ist scharfsichtig und kenntnisreich, aber er konnte der Versuchung zur Provokation sowohl beim Thema Intelligenz wie beim Thema Unterschicht − die zu definieren er sich nie die Mühe macht − nicht widerstehen. Aber dass dieses Buch trotz seiner Provokationen einen solchen Einfluss ausübte, bedeutet für Deutschland einen wichtigen Schritt vorwärts − nicht nur bei der Konfrontation mit bisherigen Versäumnissen der Einwanderungspolitik, sondern auch bei der Überbrückung der großen Kluft zwischen der öffentlichen Meinung und der politischen Klasse und folglich bei der Verhinderung eines deutschen Haider.

David Goodhart, Thilo Sarrazin fordert die Achtundsechziger heraus

 

Ein Wortgespenst geht um in Europa und hat sogleich die öffentliche Debatte erobert: das Retortenwort von der "christlich-jüdischen Wurzel" Europas und vor allem Deutschlands. Über Parteigrenzen hinweg wird diese Wurzel seit einiger Zeit gehegt und gepflegt. Man darf vermuten, dass damit dem alten Postulat einer "Leitkultur" neues Leben eingehaucht werden soll. Sozusagen als Pendant zur Mitteilung des Bundespräsidenten, auch der Islam "gehöre" heute zu Deutschland. Um diesen viel umstrittenen Satz annehmbar zu machen, musste er mit einer christlich-jüdischen Wurzel versüßt werden. Die neue Genealogie deckt sich indes nicht mit dem überkommenen Selbstverständnis. Es besagte, dass die Identität der modernen westlichen Demokratien in der Aufklärung gründet. Auch hier blieben Fragen. Welche Aufklärung war gemeint? Der Rationalismus der Franzosen, der Empirismus der Briten? Schließt konsequente Aufklärung den Abschied von aller Religion ein und ist gleichbedeutend mit radikaler Religionskritik? Oder hilft sie den "Glutkern" von Religion bewahren? Jede Frage nach Herkunft ist schwierig. Nicht nur im Leben des Einzelnen. Es scheint aber der Herkunftsfragen doch zu bedürfen, nicht nur in Sonntagsreden. Gesucht wird eine Mitte. Eine Mitte jenseits technokratischer Handlungsoptionen und sozialstaatlicher Stellschrauben und zugleich diesseits des großen Rausches, der "starken Gründe zusammenzusein", wie Peter Sloterdijk sagt. Doch leicht verflüchtigt sich die Identitätssuche in Floskeln. Und wenn man es in einer hochspezialisierten Zeit genauer wissen möchte und die Wissenschaften befragt, bleibt von den großen Worten oft nur Marmorstaub zurück. Wie also ist es um die "christlich-jüdische" Wurzel bestellt? Ist es eine Wurzel, oder sind es deren zwei? Hätten wir es mit einer einzigen Wurzel zu tun, so wäre die Kontinuität der Heilsgeschichte die maßgebliche Instanz und nichts trübte die ebenso triviale wie berechtigte Einsicht, des vielfachen christlichen Antijudaismus zum Trotz, dass Jesus gläubiger Jude war und seine Predigt wie sein Leben dem jüdischen Gesetz folgten. Selbst für kurze Identitätsformeln ist die Spannung zwischen Judentum und Christentum, Altem und Neuem Bund zu groß, um ausgeblendet zu werden. Paulus trug den Konflikt in sich aus. Noch Jude (auch römischer Bürger), schon Angehöriger eines Glaubens, mit dem das Gesetz gerade sein Ende finden sollte. Sein Römerbrief ist auch als Psychogramm dieses Widerstreits zu lesen. Eines Widerstreits, der den großen jüdisch- christlichen Bogen problematisch macht.

Harald Seubert, "Christlich-jüdische Wurzeln"?

 

Das war er also, der Großstadtdschungel, nach dem ich mich in der geordneten Perspektivlosigkeit meines deutschen Daseins immer gesehnt hatte: Nach zwei Tagen Fahrt im Kleinbus, in den ich das allernötigste Hab und Gut verladen hatte, war ich von einem idyllischen westdeutschen Städtchen mit restaurierten Fachwerkhäusern, sauberen Straßen und ohne besondere Vorkommnisse im letzten noch vor der Wende erbauten Plattenbauviertel Sofias angekommen. Die langgezogenen Betonblöcke mit meist acht Stockwerken und fünf Treppenaufgängen lagen im Abendlicht da wie gestrandete Walfische. Nachträglich verglaste Balkone, in denen die Menschen wegen der kleinen Wohnungen meist ihre Küchen installiert hatten, reflektierten das Sonnenlicht. In der Ferne gärte im aufsteigenden Dunst der Kegel des Witoscha, ein bulgarischer Kilimandscharo. Das Gefühl, wirklich in einem Dschungel gelandet zu sein, stellte sich aber nicht nur deshalb ein, weil die damals, zur Jahrtausendwende, noch streunenden Rudel ausgesetzter Hunde einem vermittelten, man könne jeden Moment zerfleischt werden. Es ergab sich vielmehr als Summe kleiner Dinge, die nach deutschen Maßstäben nicht in Ordnung waren. Wacklige oder schiefe Gehsteigplatten machten meiner Neigung, gedankenverloren durch die Gegend zu schlurfen, schon bald ein Ende. Riesige Schlaglöcher im Asphalt der Straßen warnten: Einen einzigen Schritt nicht aufgepasst, und du liegst mit gebrochenen Knochen auf der Nase. Und als ich gerade gelernt hatte, aufmerksam auf den Boden vor mir zu schauen, stieß ich mir beim Versuch, eine Busfahrkarte zu kaufen, den Kopf an den Metallstangen einer Zeitungsbude, die Menschen von mehr als 1,70 Meter Körpergröße mit Beulen bestraften. Abgesägte Laternenpfähle und geklaute Kanaldeckel, von verarmten Leuten im Wirtschaftscrash der Wende bei findigen Buntmetallzwischenhändlern gegen amerikanische Dollars verscherbelt, stimulierten die Phantasie des fremden Beobachters und ließen ihn nach den größeren Zusammenhängen fragen. Nachts wurde dies Wildreservat, von nur wenigen verbliebenen Straßenlaternen notdürftig erhellt, in eine Atmosphäre lauernder Lebendigkeit getaucht. Ich stellte mir vor, dass fremdartige Raubtiere unsichtbar zwischen den ächzenden Betonklötzen, den summenden und klackenden Stromverteilerhäuschen und dem Rascheln der Müllcontainer, in denen der Wind nach Essen wühlte, umherstrichen. Manchmal hörte man sie sogar, wenn eine der zahllosen Autoalarmanlagen losheulte und gleich darauf ein Rudel Hunde in deren Jaulen einstimmte, als hätte es Beute gemacht. Die Wachheit, die dies alles in mir erzeugte, war anstrengend, aber sie euphorisierte mich auch. Im Gegensatz zu der Wachheit in Deutschland, die auf bestimmte Aufgaben oder Interessen beschränkt war, war dies hier eine notwendige Wachheit, eine Wachheit, von der mein Überleben abhing. Und so glich die erste Fremderfahrung, die ich in Bulgarien machte, einem Muskelkater, der nicht etwa darauf verwies, dass ich mich verändert hatte, sondern sehr schmerzhaft darauf, was bisher in mir brachgelegen hatte!

Thomas Frahm, Im Kokon der Fremde

 

Die Aufklärung, die sich um die Mitte des 18. Jahrhunderts in Hispanoamerika ausbreitete, hatte sehr unterschiedliche Auswirkungen. Sie trug zwar einerseits zur Abschaffung der Sklaverei bei, förderte die wirtschaftliche Entwicklung und stärkte die Unabhängigkeitsbewegung, doch werden diese unbestreitbar positiven Errungenschaften dadurch relativiert, dass die breiten Bevölkerungsschichten ihre Hauptrolle in der Kunst und in der Rechtsschöpfung fast vollständig verloren. Die Religionspolitik der Bourbonen förderte das Spanische als einzige oder zumindest maßgebliche Sprache der Katechese. Und nicht nur das: In Staaten wie Argentinien und Chile, in denen der Barock weniger einflussreich gewesen war und die Aufklärung sich rascher durchgesetzt hatte, begannen die liberalen Regierungen des 19. Jahrhunderts mit der "Conquista del Desierto" (Eroberung der Wüste) beziehungsweise der "Pacificación de la Araucanía" (Befriedung Araukaniens), was zur Folge hatte, dass die indigene Bevölkerung entweder niedergemetzelt oder in Reservaten eingeschlossen wurde. Hieraus lässt sich schließen, dass die Aufklärung in Hispanoamerika in gewisser Hinsicht weit weniger fortschrittlich gewesen ist als in Europa. Und dies ist nicht das erste Mal, dass eine Philosophie in der Alten und in der Neuen Welt ganz unterschiedliche Resultate hervorbringt. Die Ideen des Aristoteles dienten im Europa des 13. Jahrhunderts der Sache der Freiheit und wurden drei Jahrhunderte später in Amerika dazu benutzt, gegen die Anerkennung der Rechte der indigenen Bevölkerung zu argumentieren! Andererseits war der Barock in Amerika möglicherweise viel flexibler und toleranter als in Europa. Jedenfalls entsteht der Eindruck, dass die europäischen Schöpfungen sich durch die Berührung mit der Neuen Welt zutiefst verändern.

Joaquin García-Huidobro

 

Die meisten ausländischen Mitbürger, mit denen ich im Alltag zu tun habe, sind in handwerklichen Berufen tätig. Mein Schneider, der eine Hose für sieben Euro kürzt, floh 2004 aus dem Irak nach Deutschland, der Koch in dem vietnamesischen Imbiss kam 1979 mit der Cap Anamur in die Bundesrepublik, ein Philippine machte bei meinem letzten Umzug die Malerarbeiten, der Fliesenleger war Slowake, Rumänen schleppten die Möbel. Vor allem aber prägen die Türken die Kleinökonomie der Stadt, wie zum Beispiel der Elektrohändler, der gebrauchte Spülmaschinen und Kühlschänke verkauft und sich noch die Mühe macht, defekte Geräte eigenhändig zu reparieren. Mein Friseur hat einst in Kurdistan als Elektriker gearbeitet, bevor ihn die wirtschaftliche Not und die Bedrohung durch das türkische Militär nach Deutschland führten, wo er das Haareschneiden lernte, weil sein Handwerksabschluss nicht anerkannt wird. Von seinem Einkommen ernährt er seine Familie in Kurdistan, aber seine Frau kann er nur alle zwei Jahre sehen, woran seine Ehe inzwischen gescheitert ist. Wenn mein Computer streikt, suche ich den kleinen Laden im Westend auf, geführt von einem Palästinenser, der Ende der neunziger Jahre mit seinem Bruder aus dem Gazastreifen nach Deutschland kam. Bei Herrn Ahmed herrscht eine freundlich-entspannte Atmosphäre, auch laienhafte Fragen werden nicht von oben herab, sondern geduldig und ausführlich beantwortet, und die moderaten Preise entsprechen dem Einkommensniveau von Migranten, die einen Großteil der Kunden ausmachen: Menschen aus Afrika oder Indien, die im Internet- Callshop nebenan mit ihren Verwandten zu Hause telefonieren. Einer der Computertechniker ist ein muslimischer Somalier, der 1994 nach der missglückten amerikanischen Intervention in den Bürgerkrieg auswanderte und eine Deutsche heiratete, mit der ein Kind hat. Nach der Scheidung überlegte er, nach London umzuziehen, wo man, wie er sagte, als gelernter Programmierer mehr verdienen kann. Da er durch seine Heirat deutscher Staatsbürger ist und somit in den Genuss der europaweiten Freizügigkeit kommt, hätte er für den Ortswechsel nicht einmal ein Visum gebraucht. Allerdings zögerte er mit seinem Entschluss so lange, bis die Finanzkrise Großbritannien traf mit allen Folgen von Arbeitslosigkeit und sozialer Unsicherheit. So blieb er doch lieber in München, wo es zwar keine nennenswerte afrikanische Community gibt, der er sich kulturell noch immer zugehörig fühlt, aber auch so gut wie keine Arbeitslosigkeit.

Jochen Rack, Neue Bilder aus der globalisierten Welt

MERKUR Jahrgang 65, Heft 745, Heft 06, Juni 2011
95 Seiten, broschiert
ISSN: 0026-0096

Autoren in dieser Ausgabe

Bernhard Schlink, Heinz Theisen, Uwe Simson, Nidra Poller, Wolfgang Kemp, Karen Horn, Thomas Speckmann, David Goodhart, Harald Seubert, Thomas Frahm, Joaquín García-Huidobro, Jochen Rack,


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