MERKUR

Heft 06 / Juni 2011

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Wolfgang Kemp

Ästhetikkolumne . Das Museum als therapeutische Anstalt

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Zitate:

Es hat in den neunziger Jahren eine Bewegung gegeben, die unter dem Stichwort "Kunst als Dienstleistung" die Besucher nicht mit Werken konfrontierte, sondern zum Essen, Aufwärmen und Schlafen ins Museum holte. Allein die Zahl der von Künstlerhand im Kontext von Museen und Ausstellungen eröffneten Restaurants, Bars, Kantinen und "relaxation areas" würde einen langen Katalog ergeben. Gordon Matta-Clark fing vermutlich damit an, bereits 1971. Angela Bulloch, Georgina Starr, Rirkrit Tiravanija, Heimo Zobernig heißen einige der Künstler-Wirte in den neunziger Jahren. Wurde normalerweise dazu den Künstlern auch die Hausgewalt übertragen, so nahmen Kuratoren in eigener Regie das Konzept etwa so an, wie es Hans-Ulrich Obrist in der Ausstellung Take me (I´m yours) versuchte, die er 1995 in der Londoner Serpentine Gallery organisierte. Die Ausstellung kämpfte programmatisch gegen die beiden Grundgesetze an, die in ihrer Sphäre gelten: Nicht berühren! Und: Fremdes Eigentum!, besser gesagt Eigentum, das du, Besucher, nie dein Eigen nennen kannst, weil es nämlich so teuer oder zu selten ist. Da setzten die Heiler an. Was gab es also zu berühren und "mit nach Hause zu nehmen"? Man konnte ein Essen mit einem Künstler gewinnen. Man konnte eine deutsche Zeitung einpacken, in der eine flaue Fotografie von Wolfgang Tillmans abgedruckt war, während seine Originalfotografien an der Wand "untouchable" waren. Man konnte sich mit der fotografischen Reproduktion eines banalen Gegenstandes versorgen, wie sie Hans-Peter Feldmann tausendfach zu machen liebt. Kurz, das Ganze mutete an wie eine Tombola, deren Gewinne von angefragten Firmen und Läden gestiftet wurden − viele Ladenhüter kommen da zusammen. Und dieser Tendenz zur Fürsorgeanstalt passte sich auch sehr gut der Beitrag von Christian Boltanski an, der einen ganzen Raum der Galerie als ein Altkleiderlager einrichtete, aus dessen Beständen man sich frei versorgen konnte. Künstler und Kurator hatten sich zu einer schlechten und schlichten Negation zusammengefunden: Das Billige wäre beinahe, wie das in der Kunst der Moderne die Regel ist, das Teure geworden, es blieb aber das Billige, und das Unberührbare ließ sich nur "anfummeln". Obrist: "Mit der Anweisung (Take me) strömt das spezifische, alltägliche, profane Umfeld in den Ausstellungsraum ein, sodass die Grenzen zwischen Außen- und Innenraum porös werden." Dann bedeutet das also für die Kunstsphäre, dass sie so frei ist, sich als Candyshop zu geben und Félix González-Torres eine Ecke mit einer Anhäufung von Bonbons füllen zu lassen − natürlich "free for the taking". War es das? Bemerkenswert ist nur die hier versuchte Arrondierung des Museumsangebots um das, was man beim Kindergeburtstag das Take-away nennt, die Gabe, deren therapeutisches Einwirken in der Donation einer milden Kleiderspende gipfelt.

MERKUR Jahrgang 65, Heft 745, Heft 06, Juni 2011
95 Seiten, broschiert
ISSN: 0026-0096

Autoren in dieser Ausgabe

Bernhard Schlink, Heinz Theisen, Uwe Simson, Nidra Poller, Wolfgang Kemp, Karen Horn, Thomas Speckmann, David Goodhart, Harald Seubert, Thomas Frahm, Joaquín García-Huidobro, Jochen Rack,


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