MERKUR

Heft 06 / Juni 2013

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Zitate aus dem Juniheft, Nr. 769

»Lebensdaten unbekannt« meldete in dem Katalog der Berlinischen Galerie das Biogramm zu Max Missmann, und das erzeugte ein Triumphgefühl, denn es ließ sich stante pede gründlich ändern. Ich wusste, wer Max Missmann war, wusste seine Lebensdaten und einiges mehr. Und ich konnte dies Wissen an idealer Stelle platzieren: bei der fotografischen Sammlung der Berlinischen Galerie, die mittels Lichtbildern die verlorene große Stadt in der Imagination wieder zusammensetzte. Max Missmann, ein seit der Kindheit tief vertrauter Name, würde aufhören, mit seinen Fotografien in irgendeinem nordhessischen Schrank zu ruhen. Er träte haargenau an der Stelle wieder in Erscheinung, an die er gehörte.

Michael Rutschky, Die Mappen meines Großvaters

 

Im Paradigma der Aufarbeitung kommen beide großen Zugkräfte unseres heutigen Umgangs mit der Vergangenheit zur Deckung: zum einen der Wunsch nach Vergangenheitsüberwindung durch moralische, wissenschaftliche und politische Befreiung; und zum anderen die Sehnsucht nach einer Vergangenheitsvergewisserung, die in der erfahrenen Nähe zum Gestern einen wesentlichen Teil der identitätsstiftenden Geborgenheit erlebt. Eben dies macht das Paradigma der Aufarbeitung über den Fall der DDR hinaus zu einem epochalen Zug unserer Zeit und das Wort »Aufarbeitung« zum Epochenbegriff für unsere Gegenwartsbeziehung zur Katastrophengeschichte des 20. Jahrhunderts.

Martin Sabrow, »Vergangenheitsaufarbeitung« als Epochenbegriff

 

Der kleistsche Held ist ein »Übertreiber seiner Leidenschaft«, sagt Stefan Zweig. Er übertreibt seine Passion auf beängstigende Weise, handelt verstörend, erschreckend – selbst für den, der ihn zu lieben bereit ist. Michael Kohlhaas ist nicht einfach ein respektabler Mann in den Fängen eines korrupten Rechtssystems. Er ist auch ein Wahnsinniger, ein manischer Mensch, ein Querulant im pathologischen Sinn, der in irrationaler Rachsucht jeden Ausgleich zurückweist, noch seine Familie und sein eigenes Leben dafür drangibt. Die Marquise von O... ist nicht nur una donna in gamba , die ihr Leben in die eigenen Hände nimmt, sondern auch ein zutiefst verstörender Charakter, der sich mit dem eigenen Vergewaltiger verheiratet.

Fabian Goppelsröder, Eloquente Stille

 

Das Französische ist vermutlich auch für die vielen Präpositionen und Adverbien verantwortlich, die im IAE so gehäuft verwendet werden. Viele der übernommenen stilistischen Eigenheiten sind überdies gar nicht für das Französische ganz allgemein charakteristisch als vielmehr für den elaborierten schriftlichen Stil im Französischen, wie er von den Poststrukturalisten gepflegt und in manchen Fällen auch parodiert wurde (der Unterschied ging bei der Übersetzung meist verloren). Dieser gehobene schriftliche Ausdruck zeichnet sich durch endlos lange Sätze mit hypotaktischen Fügungen aus sowie durch die ausführliche Verwendung des Partizip Präsens oder Perfekt. Daraus wurden geradezu die Erkennungszeichen des Stils, in dem heute international über Kunst geschrieben wird.

Alix Rule / David Levine, International Art English

 

Familienförderung steht derzeit hoch im Kurs. Familien sind ein zentrales Thema der Politik, und ihre Förderung kann kaum auf Gegenwehr rechnen: Wer will schon als familien- oder gar kinderfeindlich gelten? Dennoch ist eine genaue Analyse auch für familienfördernde Instrumente geboten. Die Einsicht, dass nicht alles, was Familien irgendwie zugute kommt, auch effektive Familienförderung ist, scheint sich allmählich durchzusetzen, freilich bislang noch ohne politische Konsequenzen. Die Einsicht ist leider weniger nützlich als vielfach angenommen. Denn sogleich stellt sich die Frage nach dem Maßstab: Wonach bemisst sich eigentlich »effektive« Familienförderung? An der Steigerung der Geburtenrate? Weitere Fragen folgen auf dem Fuße: Muss Familienförderung allen Familien nützen oder nur manchen? Wenn der Staat auswählen darf, welche Familien er fördert, nach welchen Kriterien? Ist Familienförderung unbegrenzt zulässig?

Ute Sacksofsky, Rechtskolumne

 

Die Entdeckung des Hässlichen in der Malerei des 18. und 19. Jahrhunderts war Werner Hofmanns Ausgangspunkt; damit und danach war die Aufgabe für alle Ausdrucksmittel vorgezeichnet: »die Benennung jener tieferen und umfassenderen Lebensmächte, die jenseits der ästhetischen Übereinkünfte gelten und wirken«, um wieder aus seinem erstem Text für den Merkur zu zitieren. Heute ist das alles selbstverständlich und weit vorangeschritten – an der Universität Wien sind sechstausend Studenten im Bereich Medien eingeschrieben. Das Bewundernswerte an Hofmanns medienübergreifendem Ansatz ist hingegen, dass das damals überhaupt nicht Selbstverständliche für ihn völlig selbstverständlich war.

Wolfgang Kemp, Ästhetikkolumne

 

Schriftsteller, deren literarischer Rang nicht angezweifelt werden kann, waren häufig mehr oder weniger stark in die totalitären Ideologien des Jahrhunderts verstrickt, und der Skandal, dass ein großer Autor zugleich ein moralisch und politisch höchst zweifelhaftes Subjekt sein kann, ist zwar dem Antisemiten Céline und dem Kollaborateur Drieu angelastet worden, kaum je aber dem harten Stalinisten und aktiven Politiker Aragon. An diesem noch heute weithin gültigen Ideologem, dass nämlich unter den Totalitarismen des 20. Jahrhunderts der Faschismus etwas Böses, der Kommunismus jedoch eine Form des Humanismus sei, hatte Rolland ursprünglich entscheidenden Anteil; seine Tragik besteht auch darin, dass man ihn in genau dem Augenblick, da er diesen Konsens aufkündigte, nicht mehr zu hören wünschte.

Wolfgang Matz, Mitten im Getümmel

 

Nicht Enzensberger ist also der Vordenker einer praxisorientierten Medienkonzeption der neuen Linken, sondern Heißenbüttel. Dieser hat gegen die Übernahme der Ideen nicht protestiert, während er auf andere Beiträge Enzensbergers durchaus kritisch reagierte. Es gibt dafür auch konzeptionelle Gründe. Denn anders als Benjamin, Adorno, McLuhan und Enzensberger ging es Heißenbüttel nicht vornehmlich um eine Theorie der Massenmedien, sondern um die Frage, wie technische Medien literarische Darstellungen prägen. Damit unterschied er sich von einer Gruppe jüngerer Germanisten, die Anfang der siebziger Jahre mit dem Anspruch aufgetreten waren, den herrschenden Methoden der Stilanalyse und Interpretation kanonisierter Werke eine Auseinandersetzung mit Massenmedien zur Seite zu stellen. Da Heißenbüttels Beiträge für soziologische und kommunikationstheoretische Fragestellungen wenige Ansatzpunkte boten, war sein Name hier ebenfalls nicht gegenwärtig.

Detlev Schöttker, Der Vordenker

 

Forschungen zu Ameisen werden angeführt, um die Kampfweise in neuen, asymmetrischen Krieg zu erklären, um in die Soziologie eine neue, laterale, symmetrische Epistemologie einzuführen, um Möglichkeiten einer dezentralen, verteilten Kollektivität zu erkunden, um nach Alternativen zu den klassischen Massenmedien zu suchen oder um die Erde mit einem neuen Modell nachhaltiger Kooperation vor der »Tragödie der Allmende« zu retten. Ameisen schaffen es immer wieder in die Zeitungen, und niemals nur um ihrer selbst willen, sozusagen im Dienst der Berichterstattung über die jüngsten myrmekologischen Forschungen, sondern immer auch wegen des unvermeidlichen semantischen Überschusses, den sie produzieren, sobald sie nur genannt werden.

Niels Werber, Es schwärmt

 

Moderne Unternehmen müssen sich neu erfinden, wollen sie dem unverkennbaren Bedürfnis der Ingenieure, der Bürger, der Verbraucher entsprechen, nicht nur blind Kohle zu machen, sondern Sinnvolles und Nachhaltiges herzustellen und zu vertreiben. Die schiere Größe der Industriekombinate, die absolute Beinfreiheit der CEO, das Dickicht der Doppelrollen und Multifunktionen, auch der Kulturmangel der Wirtschaftskapitäne (Ausnahmen bestätigen die Regel) und ihr fehlendes Gespür für die Sozialpflichtigkeit von Eigentum passen schon lange nicht mehr in eine moderne demokratische Gesellschaft. Und die Zweifel am Kapitalismus, wie wir ihn kannten, haben seine Protagonisten längst erreicht. Es wäre gut, sie drohten nicht rituell mit Abwanderung, sondern lernten, wie nach 1945.

Claus Leggewie, Zukunft ohne Stahlbarone

 

Das ist man nun also geworden, eine aus dem reichen Ausland angereiste, alleinstehende Gentrifizierungssau, die zumindest theoretisch asiatischen oder afrikanischen Vierkopffamilien schlechtbeheizte Zweizimmerwohnungen in Arbeitsplatznähe wegschnappt und dann wahrscheinlich, in einem nächsten Schritt, das direkt gegenüber gelegene, von Nordafrikanern geführte Eckcafé in eine vegane Suppenbar mit kostenlosem WiFi umwandelt.

Stephan Herczeg, Journal (IV)


MERKUR Jahrgang 67, Heft 769, Heft 06, Juni 2013
broschiert
ISSN: 0026-0096

Autoren in dieser Ausgabe

Michael Rutschky, Martin Sabrow, Fabian Goppelsröder, Alix Rule, David Levine, Ute Sacksofsky, Wolfgang Kemp, Wolfgang Matz, Detlev Schöttker, Niels Werber, Claus Leggewie, Stephan Herczeg,


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