MERKUR

Heft 06 / Juni 2015

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Zitate aus dem Juniheft, Nr. 793

Auf der einen Seite werden Drittmittelprojekte auch dazubenutzt, laufende Kosten der Universität zu finanzieren. Man versucht also, die tatsächliche finanzielle Schwäche der Universität auf allen möglichen Ebenen – von Infrastrukturen bis zum Personal – über Drittmittelprojekte auszugleichen. Auf der anderen Seite, und das ist im Moment die schwärzeste Seite, werden irrsinnige Mengen an Nachwuchswissenschaftlern produziert, denen kaum neugeschaffene Dauerstellen an den Universitäten gegenüberstehen. Das ist dramatisch, die Produktion von traurigen Wissenschaftlerbiografien jetzt bereits absehbar.

Armen Avanessian/JosephVogl, Universität und Intellektualität     

 

Die 125000 Wissenschaftler allein an den Universitäten müsstenum die rund 24000 Dauerprofessuren kämpfen – von denen bis 2018 freilich durchschnittlich nur 700 pro Jahr überhaupt neu besetzt werden müssen. Es gibt einige wenige wissenschaftliche Mitarbeiterpositionen ohne Befristung, die ab und an besetzt werden, doch gibt es dazu wenige Zahlen, und breit ausgeschrieben werden solche Stellen fast nie. Wie viele befristet beschäftigte Promovierte tätig sind, kann keiner so ganz genau sagen. Diese Karrieren enden meist in einem Alter um die 45 Jahre. Meinen eigenen Berechnungen zufolge gelangt von denjenigen, die formal für eine Professur geeignet (also beispielsweise habilitiert) sind, nur ein Drittel am Ende auf eine feste Stelle. Der Rest muss gehen.

Remigius Bunia, Von Häuptlingen und den übrigen Forschern

 

Gefördert wird eine grundsätzlich ödipale Struktur, die sichauch sprachlich in »Betreuungsverhältnissen« niederschlägt, die zwischen Doktormüttern und -vätern (heißen andernorts: advisors, Ratgeber )bestehen. Diese fallen zwar nach der Promotion aus, ab da muss das Kind dann allein zum Schwimmtraining und Ballettunterricht fahren, aber die Struktur ist gesetzt: Familien (insbesondere: bildungsbürgerliche Familien, aus denen so gut wie alle kommen, die in der Universität überhaupt diesen Punkt erreichen) sind Enttäuschungszusammenhänge, und zwar nicht solche, in denen nach dem Wegfall von Verblendung eine geläuterte Rationalität Einzug hält, sondern solche, in denen Leistung potentiell entweder mit Stolz oder Liebesentzug verrechnet wird.

Hanna Engelmeier, Die Gretchenfrage

 

Eine der Eigenheiten der Bewegung, die sich selbst »Islamischer Staat« nennt, ist ihr Sinn fürs Phantasmagorische. Sie versteht instinktiv, dass sie ihren Kampf ins Reich der Imagination tragen muss, um ihre realen Begrenzungen zu kompensieren. Rückschlägen auf dem Schlachtfeld zum Trotz kann sie so unsere kollektive Psyche besetzen, wo ihre Brutalität und die Vorliebe fürs blutige Spektakel ihre Kraft nur verstärken. Der »Islamische Staat« ist vielleicht weniger böse als tatsächlich diabolisch. Wie der Satan der Heiligen Schrift ist er eine Kreatur, die vielen vieles zu bieten hat, von verstörendem Reiz, und erbeherrscht einen tödlichen Trick: Er bringt uns dazu, dass wir uns im Glauben, das Richtige zu tun, auf den Weg der Selbstzerstörung begeben.

Sarah Birke/PeterHarling, Der »Islamische Staat« hinter den Spiegeln

 

Der Siegeszug der modernen Wissenschaften, von der Archäologie und Frühgeschichte bis hin zur Geologie und Theorie der Evolution, stellte nachund nach die jeweils göttlich gestifteten Zeitordnungen in Frage. In vielen Gemeinschaften, von den Aborigines in Australien bis hin zu zahlreichen indianischen Gruppen in Nordamerika, lösten sich kosmologisch abgesicherte Gewissheiten über das Alter der Welt, den Beginn der Zeit oder den Zusammenhang zwischen tiefer Vergangenheit und Gegenwart auf.

Sebastian Conrad, Weltzeit, Fortschritt, Tiefenzeit

 

Hubert Winkels  beharrte vielmehr darauf, das reflektive Erhabenheitspotential des Kritikers – und sei es als Phantomschmerz – im Gedächtnis zu bewahren, um dann in einer halsbrecherischen dialektischen Volte aus dem gar nicht erhabenen Leben der allseits vernetzten exemplarischen Literaturbetriebsnudel Hubert Winkels zu berichten. Und so blätterte er sehr detailliert seinen Terminkalender für das Jahr 2015 auf, von Moderationen zu Vorträgen, von den Jurysitzungen für den Preis der Leipziger Buchmessezum nächsten Literaturfestival: im nächsten halben Jahr keine freie Minute. Zum Lesen und Denken und Schreiben kommt man dabei, wie er offen bekannte, eher nur zwischendurch.

Ekkehard Knörer, Neuigkeitenaus dem Betrieb

 

Insbesondere wenn das Kriegsrecht vor dem Hintergrund der Kriegstechnik zur Verhandlung steht, droht die rechtliche Rede zu einer heroischen und fantasmatischen zu werden. Das Schießpulver hat die Heldenepik nicht nur nicht außer Kraft gesetzt, die Heldenepik ist längst zum imaginären Richter über das Schießpulver mutiert. Man erkennt jedenfalls deutlich, dass es in letzter Instanz der heroische Zweikampf ist, der bis heute für das ius inbello modellbildend gewirkt hat.

Claude Haas, ZumTriumph des Helden in der Drohnendebatte

 

Noch schärfer kritisiert wurde die Politik der seit dem März 1930 amtierenden Reichsregierung unter Heinrich Brüning, der angeblich aus außenpolitischem Revanchismus heraus Deutschland mit seiner Sparpolitik in den Abgrund führte, um zu beweisen, dass das Land die Reparationen nicht bezahlen konnte. Bei genauerem Hinsehen verhielten sich die meisten Länder jedoch nicht anders. Der britische Premier Ramsay MacDonald und sein Finanzminister Philip Snowden beispielsweise pflegten in der Krise ihren ausgeprägten antifranzösischen Affekt und verfolgten konsequent die Interessen des Empire.

Roman Köster, Dieneue Ordnung nach dem Ersten Weltkrieg

 

Wo nicht auf Familienidylle gesetzt wird, zeigt sich die organizistische Semantik gelegentlich in der harscheren Version einer Zuchtmetaphorik. Diese suggeriert, dass gute Forschung und Lehre nicht einfach nachwachsen, sondern einer invasiveren Form der »Ermöglichung« bedürfen. Im Leitbild der Universität Bielefeld wird der Austausch von Ideen als »cross-fertilization«, also als »Mischbefruchtung« bezeichnet. In Freiburg bekenntman sich nur zu »geistigen Wurzeln«; in Göttingen ist die Rede von »fruchtbaren Innovationen«; in Erlangen-Nürnberg sucht man die »Keimzellen« von Erfolg; in Oldenburg das »fruchtbare Zusammenspiel der Führungskreise« und »Forschungskerne«. Noch offensiver formuliert man an der Leuphana Universität Lüneburg: Hier ist ein Zentrum mit dem Namen »Innovations-Inkubator« eingerichtet worden, das als»Brutkasten für Ideen« deklariert wird.

Julika Griem/RuthKnepel/Jan Wilm, Zwischen Netz und Nest

 

Die Wettbewerbe innerhalb des deutschen Wissenschaftssystemshaben fraglos zu einer höheren Dynamik geführt, aber gelegentlich auch zu einer Kurzatmigkeit bei denjenigen, die sich diesen Wettbewerben stellen (müssen). Dies betrifft allerdings bei weitem nicht nur etablierte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Im Gegenteil sind oft sie es, die den Druck weitergeben. Solche Projekt- und Antragsvorhaben werden in der Regel in erster Linie von Postdocs und Promovierenden entwickelt und sind oft eine hervorragende Qualifizierungsmöglichkeit für eine weitere wissenschaftliche Karriere. Kritisch wird es nur dann, wenn diejenigen, deren geistiges Kapital in solchenVorhaben steckt, noch nicht einmal namentlich genannt werden und sich von kurzzeitigen zu immer kurzzeitigeren arbeitsvertraglichen Befristungen hangeln müssen – erstaunlicherweise trifft dies besonders häufig Wissenschaftlerinnen.

Beate Scholz, DieZukunft der Reform

 

Viele Kurse werden nur noch von »adjuncts« unterrichtet – eine Art akademisches Proletariat, das sich ohne jegliche Aussicht auf feste Stellen von Semester zu Semester hangelt. Manchen Schätzungen zufolge kommt landesweit nur noch ein Drittel der Lehrenden in den Genuss von Lebenszeitstellen oder Assistenzprofessuren mit Aussicht auf eine feste Professur (tenure track); der Rest muss zusehen, wie er über die Runden kommt. Im schlimmsten Fall wird man zum »freeway flyer« – jemand, der über die Autobahnen von einem sich als Universität verkaufenden »office park« zumnächsten rast, ohne festes Einkommen und ohne Chancen, jemals eine reguläre Professur anzutreten.

Jan-Werner Müller, Die Krisen der amerikanischen Hochschulen

 

Eine Touristin muss sich übergeben, was man schon wieder nachvollziehen kann, denn Paris ist ja in seiner einheitlich übertriebenen Hübschheit auf eine gewisse Weise auch fast schon zum Kotzen schön. Doch dann kommt irgendeine Eiffelturmservicekraft, wischt alles auf, und die anderen anwesenden Touristen bemühen sich, schnellstmöglich ihren angewiderten Gesichtsausdruckwieder abzulegen, um wenigstens auf ihren Selfies unbekümmert und glücklichauszusehen.

Stephan Herczeg, Journal(XXVII)

MERKUR Jahrgang 69, Heft 793, Heft 06, Juni 2015
112 Seiten, broschiert
ISSN: 0026-0096

Autoren in dieser Ausgabe

Armen Avanessian, Joseph Vogl, Remigius Bunia, Hanna Engelmeier, Sarah Birke, Peter Harling, Sebastian Conrad, Ekkehard Knörer, Claude Haas, Roman Köster, Julika Griem, Ruth Knepel, Jan Wilm, Beate Scholz, Jan-Werner Müller, Stephan Herczeg,







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