MERKUR

Heft 06 / Juni 2016

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Zitate aus dem Juni-Heft, Nr. 805

Die gerechte Ordnung von Staat und Gesellschaft erweist sich als ein Gefüge von aufeinander aufbauenden Gleichheitsannahmen und begründbaren und vermittelbaren Ungleichbehandlungen. Auf der Grundannahme der Gleichheit aller Bürger und Bürgerinnen bauen soziale, steuer- und wahlbezogene Gleichheitsannahmen auf, die tatsächlich selbstverständlich gewordene Ungleichheitsbehandlungen sind.

Bernhard Schlink, Praktische Gerechtigkeit

Über die sozialen Medien wird das Einzelwesen mit einer Macht ausgestattet, die historisch beispiellos ist. Hier erscheint ein neuer Typus des political animal: der Social-Media-Guerilla, der seine Gefolgschaft nutzt wie ein Warlord, der seine Truppen in Stellung bringt. Weil sich bei merklich verkürzten Aufmerksamkeitsspannen vor allem grobe Vereinfachungen zur Mobilisierung der Anhänger eignen, sind es vor allem viszerale Instinkte, die auf eine größere Gemeinschaft überspringen. Ob und wo ein Thema Hype-Charakter annimmt, obliegt nicht mehr den Hütern der klassischen Öffentlichkeit, sondern wird in Echtzeit über die sozialen Medien ausgehandelt. Das ist ein Strukturwandel der Öffentlichkeit.
Martin Burckhardt, Im Netz der kleinen Brüder

Immer noch funktioniert die Biologisierung des Sozialen. Das zu durchschauen, dabei mag uns die alte Rassenanthropologie helfen. Wie von einem Narren am mittelalterlichen Hof lassen wir uns den Spiegel vorhalten, so dass wir von ihr (ausgerechnet von ihr!) lernen können: wie man soziale Ordnungsvorstellungen mit dem Schleier wissenschaftlicher Objektivität verhüllt, wie man sein eigenes, beengtes Weltbild zur Welt schlechthin erklärt, wie man Brandbeschleuniger liefert und sich die Hände in Unschuld wäscht.
Thomas Etzemüller, Was können wir von der Rassenanthropologie lernen?

Die Rechtswissenschaft, insbesondere diejenige, die in Nähe der Staatsrechtslehre operiert, ist von Herrschaft geradezu besessen. Man beschäftigt sich mit Recht, um es zu beherrschen und damit Herrschaft möglich zu machen. Die Literatur über Souveränität reißt nicht ab. Normen sollen dabei Instrumente in der Hand der Juristen sein. Die Rechtswissenschaft verspricht sich und anderen Verbindlichkeit mit zwei Elementen: einer Norm, die Grund der Verbindlichkeit ist, und einem Subjekt, das die Norm setzt oder anwendet, und das mit einem souveränen Vermögen ausgestattet ist, so etwas zu tun. Theorien, die Normen als Vorgang einer solchen Unterscheidung verstehen, an der ein Grund „aufreißt“ und die damit auch noch das Subjekt der Norm spaltet, sind in dieser Rechtswissenschaft nicht gern gesehen.
Fabian Steinhauer, Abstand nehmen

Historisch könnte man die Möglichkeiten, die einem in anderen Kontexten dissidenten Künstler bei der Aufnahme in die (west)deutsche Kulturwelt offenstehen, als den Unterschied zwischen Wolf Biermann und Thomas Brasch bezeichnen. Während der eine, Biermann, jene Reflexe bedient, die von ihm erwartet werden und dafür auf eine Karriere und lebenslange Meinungsführerschaft auf seinem Spezialgebiet (DDR-Regime) hoffen darf, reibt sich der andere, Brasch, im Versuch auf, die richtigen, weil differenzierenden Beschreibungen für seine Lage zu finden („Bleiben will ich, wo ich nie gewesen bin“).
Matthias Dell, Medienkolumne

Thriller sind, im besten Fall, Weltwahrnehmungsschärfungskunst. Ihre Höhepunkte, und ihre raison d'être, sind Situationen, die auf allen Ebenen hochaufgelöst sind. Psychisch, denn die Heldin oder der Held ist in größter Lebensgefahr. Zeitlich, da jede Sekunde zählt, da es in jedem nächsten Moment schon zu spät sein kann. Dadurch aber wird potentiell alles, was die Heldin umgibt, zu einem potentiellen Instrument der Rettung aus lebensgefährlicher Lage. Menschen, Dinge, alles was lebt und was unbelebt ist, rückt aus dem unthematisierten Mitsein in eine akute Präsenz.
Ekkehard Knörer, Literaturkolumne

Seit Jahrzehnten vollziehen sich Veränderungen im Verhältnis von Stadt und Land, wie sie in Frankreich längst als rurbanisation beschrieben wurden oder in England als counterurbanisation: Bestimmte Leute verlassen die Zentren der Städte, um sich an ihren Rändern anzusiedeln, einige zieht es weiter hinaus. Zur gleichen Zeit gibt es Migration in der Gegenrichtung: Andere Leute wandern aus anderen Gründen vom Land ab in die Städte; Landflucht und Landsucht gehen wohl zumeist miteinander einher.
Marcus Twellmann, Idyll aktuell

Es wäre seine Pflicht gewesen, eine sprachliche Entschlüsselung der Widersprüche zu geben, die in ihm sich vereinigten, eine Erklärung zu finden für die Vereinbarkeit des Unvereinbaren, die er erlebt hatte, und dies öffentlich auszusprechen. Kaum einer der namhaften Zeugen jener dunklen Phase der deutschen Geschichte, alles kluge Männer, hat es, über das Schweigen hinaus, je weiter gebracht als bis zu verdrucksten Ausreden und schwächlichen Rückzügen. Wäre es nicht die Aufgabe dieser im Gebrauch der Sprache so geübten Intelligenzen gewesen, darzustellen, wie man als guter Mensch und aus dem Idealismus der Jugend heraus sich für das objektiv Böse begeistern, wie man aus ihm zurückkehren kann in den Frieden von Welt und Seele, wie man sich selbst als der Eine erkennt, der einmal ein Anderer war und jetzt also zweierlei ist?
Hannelore Schlaffer, Hans Robert Jauß

Parteifreie Räume sind im sozialen System der Republik Österreich nicht vorgesehen. Sportvereine, die finanzielle Förderung wollen, müssen einem parteipolitisch zuordenbaren Dachverband angehören, selbst wer einem Automobilpannendienst beitreten will, muss sich dabei parteipolitisch deklarieren: Der ÖAMTC ist „schwarz“, der ARBÖ „rot“. Nicht zuordenbar zu sein, gilt in Österreich als sozialer Makel.
Peter Stachel, Österreich, wie es ist

Ein Genuss konnte das nicht werden. Ich erwartete das Aroma von ranzigem Achselschweiß und gegerbtem Stiefelleder. Adstringierend, würde der Weinkenner sagen. Ja, Stierhoden sind essbar, aber wehrhaft, war ich mir sicher, das Gegenteil veganer Verweichlichung. Ich erwartete eine kulinarische Katastrophe, doch ein männliches Erweckungserlebnis.
Leander Steinkopf, Die fetten Zeiten

Die unter dem Decknamen „Brasilien“ zwischen 1940 und Anfang 1943 nordwestlich von Lauffen am Neckar betriebene „Scheinanlage“ sollte den nachts einfliegenden britischen Bombern die Stadt Stuttgart vorgaukeln und sie zum Abwerfen ihrer Bomben veranlassen. Zu diesem Zweck waren auf dem „Großen Feld“ zwischen Lauffen, Brackenheim und Nordheim zahlreiche Kunstgebilde aufgebaut worden.
Harry Walter, Scheinanlage Brasilien

MERKUR Jahrgang 70, Heft 805, Heft 06, Juni 2016
104 Seiten, broschiert
ISSN: 0026-0096

Autoren in dieser Ausgabe

Bernhard Schlink, Martin Burckhardt, Thomas Etzemüller, Fabian Steinhauer, Matthias Dell, Ekkehard Knörer, Marcus Twellmann, Hannelore Schlaffer, Peter Stachel, Leander Steinkopf, Harry Walter,


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