MERKUR

Heft 07 / Juli 2012

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Zitate aus dem Juliheft, Nr. 758

Die Physikerin setzt auf Demoskopie, Stimmungsbilder in den Medien, auf emotionale Großwetterlagen und populäre Affektströme. Intuition spielt eine Rolle, eine machtsichere Witterung, die sich nicht länger mit traditionsbewehrten Prinzipien aufhält. Dieser Stil hat mit dem kohlschen Patriarchengestus nichts mehr zu tun. Er rückt die eigene Person ganz kalkuliert aus dem Zentrum der Aufmerksamkeit. Die Wirkung auf die politische Auseinandersetzung ist eine mäßigende, zivilisierende. Selbstverständlich könnte man angesichts dieser unmondänen Regentin auch die Fortsetzung der Provinzialität in der deutschen Politik beklagen, nun halt östlicher, protestantischer, preußischer. Dagegenspricht allerdings, dass das Umfeld, in dem sie auftritt, inzwischen einurbanes und kosmopolitisches geworden ist.

Thomas E. Schmidt, Die Physikerin

 

Dass es sich bei der Idee vom naturverbundenen »edlen Wilden« um eine alte Form der Zivilisationskritik handelt, die auf romantischen Projektionen beruht, braucht die Wortführer der Indigenen freilich wenig zu kümmern. Sollte man es ihnen denn auch verübeln, dass sie, deren Vorfahren von den Europäern noch ein gutes Jahrhundert zuvor als »primitive Urmenschen« angesehen worden waren, sich heute mit einem so viel freundlicheren Fremdbild identifizieren? Entschieden verwunderlicher ist, dass es auch die Vereinten Nationen in ihre offiziellen Verlautbarungen übernommen haben. Denn hier wird mit einem Mal ein Argument eingeführt, das die rational begründeten Rechtsordnungssysteme westlicher Provenienz, auf denen bisher noch alle Beschlüsse der Weltorganisation beruht hatten, sprengt.

Karl-Heinz Kohl, Die Rechte der Indigenen

 

Ich deutete meinerseits die persönliche Beziehung zu Doktor Sandberger an und gab einschlägige Geschichten aus meiner Heimatstadt zum Besten, zum Beispiel die von den in der Nachbarschaft wohlgelittenen beiden ehemaligen SS-Soldaten in unserer Straße, von denen der eine unter der Fuchtel seiner Frau stand, während der andere seine bei der SS gewonnenen Fähigkeiten in gemäßigter Form als Pfadfinderführer weiter verwendete. Ich sprach auch vom Wirt des »Bratwurstglöckle«, unserer Stammkneipe als Schüler, der immerhin SS-Major gewesen war und gelegentlich kurz vor der Sperrstunde launig Nazilieder anstimmte, ohne dass das weiter gestört hatte. Anders als Herr Eisenmann, der einzige verbliebene Jude im Ort, der Buchhändler, immer noch umgeben von Isolation und einem für uns Kinder fast körperlich spürbaren Tabu. Man nahm ihm wohl übel, dass man bei der Vernichtung der Juden mitgewirkt hatte.

Karl Heinz Götze, Tübinger Frakturen

 

Von Schwarz gibt es mehr als nur eine Kulturgeschichte, dem Weiß widmete Herman Melville in Moby Dick ein ganzes Kapitel, und Edgar Allan Poe delirierte in Arthur Gordon Pym angesichts von Weiß. Jede Primärfarbe kann mit mehreren Bänden aufwarten, doch im Lateinischen gibt es nicht einmal ein Wort für Grau. Eine Feier der Schönheit von Grau ist beinahe undenkbar, eher eine Ästhetik seiner Hässlichkeit. Wer erinnert sich nicht an den grauen Ostblock, dessen Antikonsumismus sich im Übermaß der Farbe Grau darstellte. Diesen Eindruck gaben zahlreiche Augenzeugen beiderseits des Eisernen Vorhangs wieder, der ebenfalls grau war. Unstrittig ist, dass die Zweite Welt den Untergang allein aufgrund ihrer Grauheit verdient hatte.

Marc Schweska, Grau

 

Es ist nicht ganz klar, wo der Wahlkampf entlang der Unterscheidung zwischen der Politik und dem Politischen einzuordnen wäre. Als Spektakel, als Karneval, als rituelle Anarchie scheint er an der Schnittstelle zwischen Ordnung und Unordnung angesiedelt: Er beendet eine alte Ordnung und begründet eine neue – die Zwischenzeit jedoch ist herrschaftslos, wenn auch nicht vollkommen regellos. Helmut Schmidt erwartete 1969 im Bundestagswahlkampf dreißig Tote. Auch wenn es glücklicherweise anders gekommen ist und die Geschichte der bundesdeutschen Wahlkämpfe nicht mehr entfernt an die endemische politische Gewalt der Zwischenkriegszeit erinnert, zeigt sich an der schmidtschen Erwartung doch der politische Ausnahmestatus, den der Wahlkampf in der Demokratie besitzt.

Philip Manow, Politikkolumne

 

Der Zeithorizont von Historikern ist nach rückwärts beschränkt und nach vorne blockiert: Über die Zukunft glauben sie gar nichts sagen zu können, die Gegenwart überlassen sie stillschweigend den (anderen) Sozialwissenschaften, deren eigener Hang zur Geschichte früher einmal größer war als heute. Historiker messen die Zeit nicht besonders genau, können sie in ihren Texten nicht so formklar fixieren, wie Musiker dies in einer Partitur tun. Philosophische Zeittheorien, etwa die der Phänomenologie, finden sie für ihre eigene Arbeit zu kompliziert. Was die Zeit betrifft, sind Historiker also hoffnungslose Dilettanten. Und dennoch: Will man die Art ihrer Erkenntnisleistung auf einen einzigen Begriff bringen, dann wäre es platt zu sagen, sie erforschten so etwas Vages, im Nebel des Erinnerns und Verschweigens Verborgenes wie die Vergangenheit. Nein: Historiker sind auf ihre besondere Weise Fachleute für Veränderungen in der Zeit.

Jürgen Osterhammel, Geschichtskolumne

 

Der australische Kultur- und Medientheoretiker McKenzie Wark ist auch ein Wissenschaftler – ein recht erfolgreicher sogar, obwohl er mit seinen fünfzig Jahren nach deutschen Standards als »Nachwuchs« gelten könnte. Er lehrt an der renommierten New School in New York, und seine Bücher erscheinen in den großen amerikanischen Universitätsverlagen. Er versteht sich aber nicht nur als Wissenschaftler, sondern auch, und zwar primär, als Aktivist; Wark geht es um die theoretische wie praktische Demonstration gegen die bestehenden Zustände. Als Motto auf seiner Homepage findet sich Marx´ elfte Feuerbachthese: »Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert , es kömmt drauf an, sie zu verändern .« Also doch, wieder einmal, noch einmal und jetzt erst recht? Aber wie und in wessen Namen?

Jörn Etzold, Ausbruch aus dem 21. Jahrhundert?

 

Aber Sinclairs Blick auf Hackney ist frei von Ironie, auch wenn er im Titel seines Buches auf eine große alte Music Hall anspielt: »Der rosenrote Endpunkt des Rathausbezirks. Mit seinen mächtigen Lettern: hackney empire .« Es ist Sinclairs eigenes Reich, das er in- und auswendig kennt und mit einer Autorität beschreiben kann, wie sie nur aus jahrelanger inniger Vertrautheit erwächst. Ziemlich am Anfang des Buches bekennt er, dass der Niederschrift vierzig Jahre des Sammelns von Informationen vorausgegangen waren. Der ständige Wandel der Stadtlandschaft brachte es jedoch mit sich, dass vermeintlich gesichertes Wissen sich als obsolet entpuppte, überholt wurde von neuen Fakten und Beobachtungen, die neu eingeordnet werden mussten.

Alan Jacobs, Der Geisterbeschwörer

 

Baulücke, Stadtbrache, leeres Gelände: Der heute auch im Deutschen gebräuchliche Begriff des »terrain vague« lässt sich ebenso schwer bestimmen, wie er sich übersetzen lässt. Seine Geschichte ist wenigstens in ihren Anfängen kaum von der Literaturgeschichte zu trennen. Zum ersten Mal taucht der Ausdruck vor genau zweihundert Jahren in einem Hauptwerk der französischen Romantik auf, in Chateaubriands Tagebuch seiner Reise von Paris nach Jerusalem. Dort bezieht er sich auf ein Ruinenfeld am Rande Athens, das Anlass zu schwärmerischen Betrachtungen bietet. Erst ab 1830, wahrscheinlich zuerst bei Balzac, wird der Begriff auch im Hinblick auf die Peripherie und die Ruinen von Paris verwendet. Damit beginnt die bemerkenswerte Karriere des »terrain vague« in der Literatur, die ich an einigen prominenten Beispielen nachzeichnen will. Allerdings lässt sie sich nur vor dem Hintergrund der stürmischen Entwicklung des städtischen Raums an der Schwelle zur Moderne begreifen.

Wolfram Nitsch, Terrain vague

 

Wer das Land sucht, der verlasse die Stadt. Am besten zu Fuß, denn die geringe Geschwindigkeit hilft bei der Wahrnehmung kleiner Unterschiede und langsamer Veränderungen. Die Ausfallstraßen, Fernstraßen und Autobahnen sind selbst Korridore der Urbanität, in denen der Autofahrer – durch Hinweisschilder, Werbetafeln, Markierungen und den standardisierten Straßenbau selbst – den kommunikativen Stadtraum kaum verlässt. Diese Botschaften sind angepasst auf die Wahrnehmung des Autofahrers durch Größe, Abstände, Positionen, Reflektoren, Beleuchtung und auch die Knappheit der Sprache selbst (wenn sie noch verwendet wird). Dies alles überhaupt wahrzunehmen (die monströsen Ausmaße von Autobahnschildern etwa) geschweige denn das zu betrachten, was der Autofahrer mit seiner Geschwindigkeit alles nicht sieht, erfordert die Langsamkeit des Fußgängers.

Rasmus Althaus, Land

 

Einige Regionen, in denen Menschen unter den Bedingungen eines überkommenen Landnutzungssystems lebten, hielt man für Paradiese. Sie lagen ganz in der Nähe der eng begrenzten Regionen der fruchtbaren Küstenebenen am Mittelmeer, in denen man dauerhaft Ackerbau betreiben konnte. Dort entwickelten sich frühe Zivilisationen, etwa in der Argolis und in der Umgebung von Athen, später entsprechend in Italien. In den nahen Bergen war dies nicht möglich. Dort zogen Hirten mit ihren Herden über Land. Nur an wenigen Stellen im Gebirge konnte zeitweilig Ackerbau betrieben werden. Staaten bildeten sich dort nicht heraus. Eine dieser rückständigen Regionen war Arkadien, eine Landschaft am Fluss Eurotas auf der Peloponnes.

Hansjörg Küster, Arkadien als halboffene Weidelandschaft

 

Interessanterweise kommunizieren die spanischen Demonstranten mit den gleichen Handzeichen, die auch die Occupy-Bewegung benutzt. In Madrid wie in New York bedeutet zum Beispiel das Kreisen der Finger über dem Kopf »du redest zu lange«. Die Ähnlichkeit der Gesten suggeriert eine Verbindung zwischen den Protesten – keine heimliche politische Verschwörung, sondern eine Verbindung über das Internet, geprägt von der Führungslosigkeit der Bewegung, unabhängigen Organisatoren, der Überwindung von Grenzen und der Verbindung verschiedener Kulturen.

Guy Sorman, Die neuen Rebellionen


MERKUR Jahrgang 66, Heft 758, Heft 07, Juli 2012
broschiert
ISSN: 0026-0096

Autoren in dieser Ausgabe

Thomas E. Schmidt, Karl-Heinz Kohl, Karl Heinz Götze, Marc Schweska, Philip Manow, Jürgen Osterhammel, Jörn Etzold, Alan Jacobs, Wolfram Nitsch, Rasmus Althaus, Hansjörg Küster, Guy Sorman, Ekkehard Knörer,


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