MERKUR

Heft 07 / Juli 2014

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Zitate aus dem Juliheft, Nr. 782

Das Iowa-Seminar erlangte damals hohes nationales Ansehen, indem es aus den Ängsten und Hoffnungen des Kalten Kriegs Kapital schlug. Darin ähnelte ihm keines der nach seinem Vorbild gegründeten Programme für Kreatives Schreiben. Kein anderes Programm wurde auf den Hochglanzseiten von Look und Life derart gefeiert. Kein anderes Programm erhielt zu Beginn derart viele Sponsorengelder von Konzernen wie Maytag und US Steel und Quaker Oats und Reader´s Digest. Keinem anderen Programm wurde von der Asia Foundation, dem Außenministerium und der CIA solches Interesse entgegengebracht.

Eric Bennett, Wie Iowa die Literatur plattgemacht hat

 

Hitlers geheime Denkschrift ist das eigentliche Gründungsdokument der deutschen Kunstgummiindustrie, auch wenn sie in deren Hochglanzpublikationen nie zitiert wird. Sie ist es jedenfalls in höherem Maße als die gern gezeigten Patentschriften von Fritz Hofmann und anderen Chemikern, die mit Kunstgummi befasst waren. Kohle + Kalk + Hitler (als Katalysator) => Buna-S. Das ist die eigentliche Reaktionsgleichung, nach der der deutsche Kunstgummi in die Welt kam, gemeinsam mit dem Volkswagen, den Autobahnen und schließlich mit den Blitzkriegen.

Jens Soentgen, Buna N/S

 

Als ich im Hotel Bukovina in Chernivtsi eincheckte, wurde mir eine blonde, blauäugige, rundliche und gepflegte, Englisch sprechende Frau als In-Tourist-Begleiterin zugewiesen. Sie hatte ihr Material offenkundig gut auswendig gelernt und teilte mir in einem unpersönlichen Ton mit: »Die Bukowina hasste die österreichische Herrschaft, und nach dem Ersten Weltkrieg hasste sie die Rumänen. Im Jahr 1941 kam es zu einem großen Aufstand, weil die Bukowiner Teil der Sowjetunion werden wollten. Leider marschierten aber die Deutschen ein. Heute jedoch sind die Bukowiner glücklich unter sowjetischer Herrschaft.«

Edith Lynn Beer, Bukowina 1979

 

Ich wollte eine Engländerin finden, heiraten meinetwegen, und meine frühe Prägung suggerierte mir, dass Frauen, die stundenlang Gemälde anschauen, geeignet seien. Allemal geeigneter als Frauen, die sich stundenlang die Fußnägel anpinseln. Moderne Frau mit antiker Wurzel, ungefähr so hatte ich mir das vorgestellt.

Ulf Erdmann Ziegler, Wo das Herz ist

 

Fortschritt? Gibt es auch: Das aus Steuergeldern gebaute »Privatfußballstadion« des Ministerpräsidenten (zehn Meter von seinem Haus entfernt), das unlängst eingeweiht wurde. Presseberichten zufolge hätte diese Inauguration genauso gut in Nordkorea stattfinden können. Allerdings darf man kritisieren – so weit funktioniert die Demokratie. Doch gegen den allmächtigen Ministerpräsidenten kann man nichts tun ... insofern ist das auch eine Diktatur. Inzwischen ist er so weit, dass ihm Kritik nichts mehr anhaben kann. Er begnügt sich mit der uneingeschränkten Macht. Ein weiser Mann. Interessant wäre zu wissen, wie er ohne die EU-Gelder auskommen würde.

Ungarn nach der Wahl. Ein Interview mit András Bruck

 

Erst 1966 wurde das Deutsche Jagd- und Fischereimuseum an seinem heutigen Standort, in der 1803 säkularisierten Augustinerkirche in der Münchner Innenstadt, in Trägerschaft einer öffentlichen Stiftung wiedereröffnet. Der Kern der Sammlung blieb dabei derselbe, der ausgeprägte Trophäenkult ebenso, und weil das auch in der Folge offenbar keinem der Verantwortlichen sonderlich problematisch vorkam, hingen jahrzehntelang drei eindrucksvolle Geweihtrophäen kapitaler Hirsche in der ehemaligen Apsis der Kirche, die Reichsjägermeister Hermann Göring in seinem ostpreußischen Jagdrevier Rominten geschossen und mit dessen rot-schwarzem Wappen hatte markieren lassen.

Christian Demand , Memorialkolumne. Schwieriges Gedenken

 

Müsste der Kopf eines Organs, das zur Kontrolle eines Apparats vorgesehen ist, dessen Vertretern nicht gegenübersitzen? Die Sitzordnung, die nicht festgelegt scheint (jede ankommende Rundfunkrätin nimmt sich ihr Namensschild aus der Nähe des Buffets und stellt es an den Platz, den sie einnimmt), wird für den Außenstehenden im Laufe der Beratung immer deutlicher als Abdruck der Macht- und Sympathieverhältnisse lesbar. Man könnte fast eine Gleichung aufstellen: Je weiter entfernt vom Präsidium aus Rundfunkrats- und RBB-Führung gesessen wird, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit von Opposition.

Matthias Dell, Medienkolumne. Die 78. Rundfunkratssitzung des RBB

 

Die Rechtssammlungen Mesopotamiens sind nicht als Kodifikationen im modernen Sinn zu verstehen, bieten aber im heute anerkannten Entstehungskontext der Schreiberschulen einen wirklichkeitsgetreuen Blick auf den Rechtsalltag. Zugleich handelt es sich unübersehbar um Dokumente politischer Steuerungs- und Reformbemühungen – ihre tatsächliche Geltung als Normen war also mindestens intendiert.

Guido Pfeifer, Wirtschaft, Recht und Gerechtigkeit im alten Mesopotamien

 

Amerika mied James Baldwin nicht zuletzt, um Nachstellungen wegen seiner Homosexualität zu entgehen. Schwarze Machos wie Eldridge Cleaver, Mitbegründer der Black Panther Party und Autor des Kultbuches Soul on Ice (deutsch 1969), verhöhnten ihn als »faggot«, der sich von den Weißen habe entmannen lassen. Cleaver beschimpfte ihn als »Martin Luther Queen« und urteilte, schwarzer Selbsthass habe Baldwin zum »beschämendsten, fanatischsten, kriecherischsten Weißenliebchen unter allen schwarzen Schriftstellern unserer Zeit« verdorben.

Claus Leggewie, Im Jahr des James Baldwin

 

Müssen Philologen Shakespeare, müssen sie Kafka lieben ? Oder stört die Liebe zu Kafka eher die Arbeit an Kafka? Es scheint so, dass die Frage falsch gestellt ist. Die Liebe zu Kafka ist offensichtlich keine ausreichende Grundlage dafür, dass wir jemanden einen Philologen nennen würden. Zugleich wäre es eine eigentümliche Annahme, denen, die der Kafka- Philologie ihre Lebenszeit widmen, zu unterstellen, sie stünden ihrem Gegenstand und ihrer Tätigkeit gleichgültig gegenüber. Ist Cordelia gleichgültig, bloß weil sie intellektuell rechtschaffen ist? Die Zahl derer, die Shakespeare lieben, übersteigt – glücklicherweise – die Zahl derer bei weitem, denen man philologische Shakespeare-Expertise zutraut.

Marcel Lepper, Philologendämmerung?

 

Gysins Permutationsgedichte waren nicht einfach eine modernisierte Form der Textcollage. Wie überall, wo das Digitale Einzug hält, gibt es plötzlich einen Sprung: Gysin ersetzte das Materiegeschnipsel durch einen Algorithmus, der ohne analoges Trägermedium auskommt. Mit Sommervilles Hilfe schuf er etwas noch nie Dagewesenes – digitale Literatur. Sein »permutation poem« ist ein »Gedicht«, das kein Ding mehr ist, sei es eines aus Tinte und Papier oder ein fertiges »Werk«. Es ist ein Unding aus flirrenden Elektronenimpulsen, ein Unwerk, das jederzeit weiter permutiert und verarbeitet werden kann, weil es nie zu einem Endzustand gerinnt, sondern fließend bleibt. Was Gysin voraussah, war die Entmaterialisierung des Textes. Er ahnte die flüssige Wirklichkeit unserer digitalen Welt.

Hannes Bajohr, Schreibenlassen

 

Zuweilen meinen die Vögel mich, warnen vor mir, wenn sie mich durch die Landschaft streifen sehen, durch den Wald. Sie verraten mich an die anderen Tiere, auch sie können fliehen, als Teil dieses Schwarms der Aufmerksamkeit. Dieser Schwarm ist nicht für mich, er ist nicht gegen mich, er ist mit mir. Ich schreite weiter, finde das Dickicht.

Günter Hack, Mit unsichtbaren Vögeln gehen

 

Der gut zwanzig Jahre jüngere Johnson weiß genau, wo er bei Frisch ansetzen muss, um an dessen Ego-Schwachstellen herumzukratzen. Nämlich an Frischs Situation als mit der Linken sympathisierender, wenn auch bourgeoiser, finanziell abgesicherter, ins Alter gekommener Westschriftsteller, der befürchtet, den Zenit seiner schriftstellerischen Laufbahn bereits überschritten zu haben, aber von anderen natürlich genau so nicht wahrgenommen werden möchte.

Stephan Herczeg, Journal (XVI)

MERKUR Jahrgang 68, Heft 782, Heft 07, Juli 2014
broschiert
ISSN: 0026-0096

Autoren in dieser Ausgabe

Eric Bennett, Jens Soentgen, Edith Lynn Beer, Ulf Erdmann Ziegler, Christian Demand, Matthias Dell, Guido Pfeifer, Claus Leggewie, Marcel Lepper, Hannes Bajohr, Günter Hack, Stephan Herczeg,


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