MERKUR

Heft 07 / Juli 2015

Das könnte Sie interessieren

Rom

Die Biographie eines Weltreichs

Soll und Haben

Die doppelte Buchführung und die Entstehung des modernen Kapitalismus

Bismarck

Größe – Grenzen – Leistungen

Raubtier Mensch

Die Illusion des Fortschritts
Diese Ausgabe erwerben
Printausgabe vergriffen, Artikel als PDF erhältlich, siehe unten

Zitate aus dem Juliheft, Nr. 794

Coups de foudre gehen anders. A und B würden sich gerne sofort wieder vergessen. Aber nein: Auf einem Empfang, vor Gericht, in einer Konferenz oder bei einer Auktion treffen die generischen As und Bs sich wieder, überrascht und wenig erfreut. Das Hochgefühl am Anfang jeder Liebesbeziehung bleibt aus. Man kann dieses Motiv einige Male wiederholen. In dem Film, den ich sah, kollidierte A viermal mit B, jedes Mal aus eigenem Verschulden oder Ungeschick oder Zufall. Einmal geben sie sich die Hand, und crazy glue fesselt sie aneinander – A hatte nämlich gerade handwerklich gearbeitet. Crazy glue ist natürlich das Stichwort, könnte schon Titel sein. 

 

Wolfgang Kemp, Sie schon wieder

 

 

 

Die Übersetzungen in die Rotation bringen den realistischen Fortsetzungsroman ins Rollen: Er kann massenhaft und also billig gedruckt werden, er kann gleichzeitig in den zusammenwachsenden Städten gelesen werden, im Gaslicht auch abends und nachts. Zwischen den monatlichen Ausgaben erscheinen Rezensionen und Gegenrezensionen der gelieferten Kapitel, in den Lesevereinen wird über sie debattiert. Die Laufzeit beträgt meistens anderthalb Jahre. Diese Verschraubung von Maschinen- und Erzählbewegung hatte zur Konsequenz, dass das Drängen der Kontinuitätsfrage – wird es weitergehen, und wenn, wie? – in die Produktions- und Rezeptionsgegebenheiten ausgelagert werden konnte.

 

Helmut Müller-Sievers, Kinematik des Erzählens

 

 

 

Wenn Schwab in diese Handke-Kontroverse kein Herzblut investierte, erklärt sich das auch daraus, dass er sich mit seiner Merkur-Herausgeberschaft einen Wunsch erfüllte, der viele Feuilletonisten in ihren späteren Jahren bewegt: weg von den Träumereien der Kultur, hin zur wirklichen Wirklichkeit, vom Feuilleton aus gesehen: zur Politik. »Politisieren!«, sagte er mal bei einem der wenigen Programmgespräche, politisieren müsse man den Merkur.

 

Michael Rutschky, Mein Jahr beim Merkur

 

 

 

Die Aufmerksamkeit verlagert sich vielmehr auf ein nervöses normatives Feld, und dort wird Kommunikation als Performance von politischer Stetigkeit aufgeführt. Es steht allerdings nicht von vornherein fest, ob der hier inszenierte gesellschaftliche Konformismus geglaubt oder kritisch an die Medien zurückverwiesen wird. Und Stetigkeit heißt auch nicht Friedlichkeit. Je steiler die Erregungskurve in solchen diskursiven Saturnalien ausfällt, desto besser.

 

Thomas E. Schmidt, Aufschrei

 

 

 

Dass Geschichte und damit Veränderungen nur geschehen, nicht gemacht werden können, ist die Behauptung, die in einem der zentralen Begriffe des gegenwärtigen Denkens steckt. Das ist der Begriff der Evolution. Evolution, das Denken der Veränderung als evolutionäres Geschehen, ist die Grundkategorie, die die Wissenschaften vom gesellschaftlichen und vom natürlichen Leben, die Soziologie und die Biologie, miteinander teilen. Darin ist Evolution der antirevolutionäre Begriff.

 

Christoph Menke, Philosophiekolumne

 

 

 

Die parallele Lektüre der Autobiografie Die Nacht ist Leben von Sven Marquardt, nicht allein notorisch weltberühmter Türsteher des Berghain, sondern auch Fotograf und mithin Archivar subkultureller Szenen der DDR, drängt sich schon allein deshalb auf, weil auch hier, im sogenannten Osten, der Weg von Punk zu Techno ganz selbstverständlich erscheint, aber doch merklich anders verläuft. Wie bei Westbam, aber eben aus anderer Perspektive, wird auch bei Marquardt die Geschichte von Techno in Vor- und Nebengeschichten eingebettet, die aus Sicht der sonst gängigen Selbstbeschreibungen weit abzuführen scheinen, aber gerade deshalb einen klareren Blick ermöglichen.

 

Eckhard Schumacher, Popkolumne

 

 

 

Mit Professor Moriarty, Fantômas und Dr. Mabuse betreten vor rund hundert Jahren drei neuartige Superschurken die Bühne. Verbrechen begehen sie nicht zum Lebensunterhalt, sondern aus Leidenschaft. Sie sind Getriebene, unterwegs in Expresszügen, Automobilen, Schiff en oder Pferdedroschken, auf der Flucht vor ihren Häschern und stets dem nächsten Coup nachjagend. Ihre Allgegenwart ist ein Symptom jenes »Zeitalters der Nervosität«, von dem der Mentalitätshistoriker Joachim Radkau im Hinblick auf das wilhelminische Kaiserreich spricht.

 

Christian Schröder, Jahrhundertschurken

 

 

 

Entgegen meiner sonstigen Arbeitsweise habe ich all das, was hier steht, in einem Zug niedergeschrieben. Es floss, einschließlich dieses Satzes, nur so aus mir heraus. Deshalb, ich bitte um Verzeihung, springt dieser Text ein wenig hin und her – wobei, halt, lieber Leser, Sie wissen ja, Autoren lügen. Trotz aller Ehrlichkeitsparadigmen, sie lügen fast immer, wenn sie von sich und ihrer Arbeitsweise erzählen sollen.

 

David Wagner, Sie essen Aal gehen tanzen 

 

 

 

Die beiden Konzerne könnten gegensätzlicher kaum sein: Der gefürchtete CEO von Pepsi, Donald Kendall, pflegte zu dieser Zeit bei Sitzungen noch den Brauch, sich von einem schwarzen Butler in weißem Jackett auf einem Silbertablett Pepsi im Kristallbecher servieren zu lassen, zwischen den Lippen eine Havanna. Mit den Konzernen prallen zwei Welten aufeinander, elitäres Fortune-500-Establishment hier, jungenhaft-esoterische Internetökonomie dort, noch die Monteure erfüllen bei Pepsi einen Dresscode, der dem Apple-Management vollkommen fremd ist.

 

Philipp Schönthaler, Porträt des Managers

 

 

 

Es geht bei teleologischen Interpretationen nicht um die Frage, was etwas anderes verursacht, sondern als was man etwas hinsichtlich seines intentionalen Hintergrunds interpretiert. Teleologische Interpretationen können demnach Ereignisse immer nur im Nachhinein verständlich machen, sie sind aber nicht für Voraussagen geeignet. Und das ist das Problem bezüglich der Wirtschaftswissenschaften, jedenfalls dann, wenn es um Prognosen geht.

 

Tobias Schmidt, Zur Hybris makroökonomischer Prognosen

 

 

 

Was mir an der Etikette am besten gefiel, war, dass sie einem die Möglichkeit gab, einen Schutzwall um sich selbst und seine Gefühle zu ziehen. Indem man den Vorschriften des Buchs folgte, konnte man sich durch eine schreckliche Lage schleppen und hinterher die weißen Handschuhe in den Wäschekorb werfen und einfach weitermachen wie vorher.

 

Paul Ford, Höflichkeit

 

 

 

Doch nicht nur der Fink lebte auf der Antenne, er musste seinen Lieblingsplatz mit einem nicht ungefährlichen Antagonisten teilen: dem Antennenspecht. Der Antennenspecht war ein Buntspecht, auch er ein Männchen; er lebte eigentlich im Nachbarblock, von wo aus man ihn über die Dächer anfliegen sah. Auf der Antenne angekommen, schwang er seinen Körper elegant herum, hängte sich an ihren Stamm und trommelte los. Das hohle Metall verstärkte sein Signal enorm, was dem Specht nicht zu missfallen schien.

 

Günter Hack, Ort und Kraft des Grünfinks

 

 

 

Hintereinander schlendern teilnahmslos afrikanische Frauen in knallbunten großgemusterten Kleidern, orthodoxe Juden mit hohen schwarzen Hüten, dezent geschminkte französische Rentnerinnen im Kostüm und franko-algerische Jugendliche in Sweatpants an den Maschinengewehren der Soldaten vorbei und tragen klischeemäßig ihre doofen Baguettes mit sich herum, die sie sich mehrmals täglich frisch kaufen müssen.

 

Stephan Herczeg, Journal (XXVIII)


MERKUR Jahrgang 69, Heft 794, Heft 07, Juli 2015
104 Seiten, broschiert
ISSN: 0026-0096

Autoren in dieser Ausgabe

Wolfgang Kemp, Helmut Müller-Sievers, Michael Rutschky, Thomas E. Schmidt, Christoph Menke, Eckhard Schumacher, Christian Schröder, David Wagner, Philipp Schönthaler, Tobias Schmidt, Paul Ford, Günter Hack, Stephan Herczeg,


Unser Service für Sie

Zahlungsmethoden
PayPal (nicht Abos),
Kreditkarte,
Rechnung
weitere Infos

PayPal

Versandkostenfreie Lieferung
nach D, A, CH

in D, A, CH inkl. MwSt.
 
weitere Infos

Social Media
Besuchen Sie uns bei


www.klett-cotta.de/im-netz
Facebook Twitter YouTube
Newsletter-Abo

Klett-Cotta-Verlag

J. G. Cotta’sche Buchhandlung
Nachfolger GmbH
Rotebühlstrasse 77
70178 Stuttgart
info@klett-cotta.de