MERKUR

Heft 08 / August 2011

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Aus dem Augustheft 2011, Nr. 747

Ein syrischer Intellektueller, im Frühjahr von der Journalistin einer großen deutschen Tageszeitung nach der europäischen Reaktion auf die arabischen Aufstände gefragt, hatte nichts als Lob und Dankbarkeit für die militärische und politische Unterstützung. Er nahm ausdrücklich, und das war absehbar, ein Land aus: Deutschland. Ohne auf das wie auch immer Begründbare, aber eben auch Verkniffene, Unsouveräne der deutschen Diplomatie bei der Uno-Abstimmung weiter einzugehen, vielmehr sich ohne Wenn und Aber mit dem abschätzigen Urteil darüber in den meisten westlichen Staaten identifizierend, gab er eine nicht alltägliche Begründung für das deutsche Verhalten im Abseits: Im Unterschied zu fast allen europäischen Nationen, aber auch zu den Traditionen einiger muslimischer und arabischer Staaten habe Deutschland niemals ein Empire besessen. Das erkläre die schwerfällige, langsame Reaktion zu allem, was jenseits seiner Grenzen passiere. Die Deutschen seien zwar geschickte, einfallsreiche Tüftler im Kleinen, aber ohne wirklichen Ehrgeiz im Großen, geschweige denn hätten sie Welterfahrung, und die Kanzlerin und ihr Außenminister seien der behäbige, sozusagen hausfrauliche oder steuerrechtliche Ausdruck dieses Unvermögens. Nun ist es ja nicht so, als ob es keine deutsche Kritik an der Selbstisolation gegeben hätte. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung und der Spiegel haben das Problem früh thematisiert. Der frühere sozialdemokratische Außenminister Frank-Walter Steinmeier hat die Isolation im Parlament gegeißelt. Vor allem aber ist die Tatsache festzuhalten, dass der Verteidigungsminister Thomas de Maizière im Bundestag nicht nur das Verhalten der Kanzlerin und des Außenministers bezüglich Libyen indirekt kritisiert hat, sondern für die Zukunft ein deutsches militärisches Engagement in exotischen Zonen als wahrscheinlich, aber auch für politisch und moralisch notwendig erklärte, unter Zustimmung aller Parteien außer der Linken. Wie weit dies eine wirkliche Änderung der politischen Position bedeutet, bleibt abzuwarten. Etwa solchen Einsätzen zuzustimmen, aber sich praktisch nicht an ihnen zu beteiligen, kann in Zukunft auch nicht überzeugen. Denn inzwischen hat sich die Befürchtung, irgendwie endgültig zweitklassig zu sein und auch einen gewaltigen Vertrauensverlust bei den europäischen und amerikanischen Verbündeten erlitten zu haben, im bräsigen innenpolitischen Alltag der Bundesrepublik wieder abgemildert. De Maizières Erklärung war eine theoretische für die Zukunft. Die deutsche Praxis sieht noch immer anders aus. Solche Mentalität ändert sich nicht über Nacht. Die sich erneut widersprechenden Äußerungen des Außen- und des Verteidigungsministers demonstrierten das nachdrücklich. Das Aussitzen, so zeigte sich, war nicht nur die Eigenschaft des einst dafür berühmten Kanzlers, es ist die Eigenschaft seiner Schülerin und der Mehrheit der deutschen Politiker und ihrer Wähler.

Karl Heinz Bohrer, Projekt Kleinstaat

 

 

Es gibt kollektive Selbstbilder, die zu Beschimpfungen berechtigen, zu Anklagen, zu Hassausbrüchen und zu Mordaufrufen. Die Kampagne gegen den französischen Historiker Olivier Pétré-Grenouilleau 2005/2006 markiert einen vorläufigen Höhepunkt. Pétré-Grenouilleau hatte darauf hingewiesen, dass der transatlantische Sklavenhandel nicht auf einer Stufe mit der Schoah steht, dass es die Afrikaner waren, die sich gegenseitig versklavten, um ihre Sklaven an die Araber und an die Europäer zu verkaufen. Historiker stehen betreten vor diesem Phänomen: Die physischen Zuckungen des eingebildeten Leidens ganzer Kollektive verheeren den medialen Raum. Solche Kollektive sehen ihre Vorfahren als Opfer von Erniedrigungen und leiten aus dem Status, Nachfahren zu sein, Ansprüche aller Art ab, memorialpolitische, symbolische, moralische, finanzielle. Sie erfinden sich ein kollektives Gedächtnis, das desto abstruser wird, je fanatischer sie es vor sich hertragen. Wer das tut, muss sich freilich darauf gefasst machen, dass die historische Wahrheit anders aussieht als dieses politisierte Gedächtnis und dass er sich plötzlich als Nachfahre auch von Tätern wiederfindet. Gegen das Zurkenntnisnehmen solcher Wahrheit helfen dann nur noch Verleumdung, Hass und − letztlich − Gewalt. Pierre Nora hat sich deshalb auf dem letzten Historikertag im September 2010 in Amsterdam dafür ausgesprochen, die Gesetze zur Gedächtnispolitik zu suspendieren. Es geht hierbei weniger um Gedächtnispolitik; es geht um Kategorien und Verfahren in der Forschungspraxis.

Egon Flaig, Warum gibt es kein historisches Trauma?

 

 

Die zur Erziehungswissenschaft aufgeputzte Pädagogik hat ihre Chance gehabt; und schlecht genutzt. Von den Gesetzen der Pädagogik, die Hellmut Becker mit großer Geste in Aussicht gestellt hatte, ist kein einziges entdeckt worden, und es sieht auch nicht danach aus, als würde sich das demnächst ändern. Die Pädagogik ist eben keine Wissenschaft, nicht einmal eine Erfahrungswissenschaft, sondern das, was Platon eine "tribé tis" nannte, eine gewisse Betriebsamkeit, Gerieben- und Durchtriebenheit, mehr nicht. Den Großen Auftritt hatte sie immer dann, wenn es ums Wortemachen ging: Statt von der Allgemeinbildung sprach sie lieber von den extrafunktionalen Fähigkeiten, die dann der Reihe nach in Schlüsselqualifikationen, Bildungsstandards oder Basiskompetenzen umgetauft wurden. Was hat uns das gebracht? Hat es uns Kosten erspart, Pisa verhindert oder dem Bildungsschlaraffenland, das auszumalen die Berufspädagogen nie müde geworden sind, auch nur einen Schritt näher gebracht? Der Fortschritt zur Bildungsgesellschaft war ja doch immer an die restlose Entfesselung der Produktivkräfte gebunden: Erst der Überfluss werde den Sprung ins Reich der Freiheit möglich machen und erlauben, "den bisherigen geistigen Besitz einer Minderheit endlich für alle Kinder des Volkes zu öffnen", so seinerzeit der Frankfurter Pädagogikprofessor Heinz-Joachim Heydorn. Wer glaubt das noch? Wahrscheinlich hätte man sich den ganzen, gewaltig teuren Aufwand für eine Schulreform an Haupt und Gliedern sparen können, wenn man sich auf ein paar realistische Ziele beschränkt, die aber dann auch konsequent angesteuert hätte: die Lehrer gründlich auszubilden, genug von ihnen einzustellen und den laut Lehrplan vorgesehenen Unterricht tatsächlich auch zu erteilen − dem ärgerlichsten von allen Missständen also einfach dadurch abzuhelfen, dass man sich an die Vorschrift hält. So handfeste, theoretisch unattraktive Forderungen waren aber nichts für ein Fach, das den verrückten Ehrgeiz entwickelt hatte, die Schule immer wieder neu zu erfinden.

Konrad Adam, Lässt sich Bildung umverteilen?

 

 

Auf der Fahrt in die Normandie, Höhe Péronne, zögere ich jedes Mal einige Sekunden, ob ich nicht von der Autobahn ab und nach Péronne hinein soll, um mir im Historial de la Grande Guerre die Dokumente zur Schlacht an der Somme anzusehen. Einmal war ich fast soweit, denn eine Ausstellung von Jacques Tardi war angekündigt. Putain de guerre , Die wahre Geschichte vom unbekannten Soldaten , Varlot soldat , Das Ende der Hoffnung , Für Volk und Vaterland : Titel einiger seiner Comicalben, in denen er den Wahnsinn des Ersten Weltkriegs gezeichnet hat: den zynischen Umgang der Befehlshaber beider Seiten mit Menschenleben, das sinnlose Sterben in Schlachten, die der britische Militärhistoriker Basil Liddell Hart mit den Worten "Nothing but stupid mutual mass-slaughter" zusammenfasste. Trotz Tardi: Ich bin nicht abgebogen. Die Neugier, näher an diesen, den letzten Teil der Geschichte von Vaters Vater heranzukommen, mehr Einblick zu gewinnen, kämpfte in mir mit dem Widerstand, dass Dokumente wie Fotos, Filme und Gegenstände mich überrumpeln, meine Phantasie ins Unerträgliche reizen könnten, wie es der Film Westfront von G. W. Pabst getan hatte, nach dessen Anschauen ich wochenlang von Albträumen geplagt war. Von Tardi gezeichnet, waren mir ein weggeschossenes Gesicht, abgerissene Arme und Beine, heraushängende Gedärme irgendwie (durch die künstlerische Gestaltung?) erträglich gewesen, konnte ich hinschauen, aber schon im Spielfilm− obgleich ich mir immer wieder sagte: "Es sind nur Schauspieler. Sie tun nur so. Da steht die Filmkamera" − sah ich in diesem oder jenem Soldatendarsteller Vaters Vater, stellte ich mir ihn in den gefährlichen Frontszenen, dem entsetzlichen Gemetzel vor. "Somme. An der Somme": Mehr hatte ich von meinem Vater nie erfahren. Genaueres, so vermute ich, wusste er auch nicht. Wo, an welchem Teil der Frontlinie sein Vater im Schützengraben gelegen, gekämpft, wo und wie er gefallen war: Woher hätte Vater das auch wissen sollen?

Alfred Gulden, Müde Krieger

 

 

In Seebeck

Aus Kieseln machten wir den Weg.
  Abends ein Feuer. Tisch und Stuhl.
  Wir fügten den Fremden dazu.
Das waren wir, unsere Nacktheit

nach dem Bad, im braunen Licht.
  Ein Tropfen Wein auf der Lippe des Krugs,
  der zitterte, fiel und nicht fiel.
So waren wir durchaus froh.

Wir lernten fragen wie ein Kind.
  Womit atmet der Grashalm?
  Was sieht ein Facettenauge?
Warum so viel Pelz auf dem Flügel?

Der Fremde stand auf und gab Antwort:
  Ich bin nicht ratlos, und das Leben ist,
  wenn ich es will, schön, wie ich es will.
Der Krug machte die Runde bis zu ihm.

Joachim Sartorius, Sieben Gedichte

 

 

Wer über Schinkel liest, befindet sich rasch mitten in der Diskussion um Ansprüche und Berufsethos der Baumeister. Da lohnt es sich, wieder einmal hinzuschauen, auch jenseits kunsthistorischer Neugier. Man entdeckt dann, wie Schinkel ein modernes, der bürgerlichen Gesellschaft gemäßes Berufsbild des Architekten formulierte, der im höchsten Verstand Künstler, Erzieher, Entertainer und Staatsbaumeister zugleich sein müsste: "Der Architect ist seinem Begriff nach der Veredler aller menschlichen Verhältnisse, er muß in seinem Wirkungskreise die gesammte schöne Kunst umfassen. Plastik, Malerei und die Kunst der Raumverhältnisse nach Bedingungen des sittlichen und vernunftgemäßen Lebens des Menschen schmelzen bei ihm in einer Kunst zusammen." Der Berliner Kunsthistoriker Andreas Haus hat diese Selbstverpflichtung dem ersten Kapitel seiner Monographie Karl Friedrich Schinkel als Künstler vorangestellt. Mit diesem Buch beginnt die neueste Schinkelforschung, und es gibt bislang keine bessere Gesamtdarstellung.

Jens Bisky, Architekturkolumne

 

 

Ich sitze auf der Insel Elba, ich sitze auf einem Felsen am Meer. Open City , den Roman, der mir gefallen hat wie lange keiner, habe ich zugeklappt, ich lese nun Der Graf von Monte Christo . Das passt sehr gut, denn die Insel Monte Christo kann ich von meinem Felsen sehen. Wie das perfekte Eiland ragt sie (und sieht ganz nah aus, aber das täuscht, es sind mindestens dreißig Seemeilen) vor mir aus dem Wasser. Das blaue Wasser wird in der Übersetzung, die ich lese − das Haus, in dem ich wohne, steht voller deutscher Bücher − immer das Mittelländische Meer genannt. Den Grafen von Monte Christo habe ich schon einmal gelesen, lange her, ich muss dreizehn oder vierzehn gewesen sein. Kommt mir allerdings so vor, als wäre das damals ein dünneres Buch gewesen, eine gekürzte Fassung, ein Jugendbuch, denn in der Ausgabe, die ich jetzt in der Hand habe (eine ältere, von Aufbau, die keinen Übersetzer angibt), folgen auf den Schatzfund des Helden um Seite dreihundert herum noch fünfhundert Seiten Gesellschaftsroman. Ich springe durch die ersten, sehr schematisch angelegten, unerträglich operndeutlichen Kapitel. Spannend wird es ab der Verhaftung des Helden Edmond. Mit seiner Gefangenschaft auf dem Château d´If beginnt der Bildungsroman, die Gefängnisjahre auf der Felseninsel vor Marseille sind Lehr- und Studienjahre des zukünftigen toskanischen Zufallsgrafen (so nennt er sich später einmal). Der weise Abbé Faria aus dem Kerker nebenan wird, welch ein Privileg, sein Privatlehrer. Von ihm lernt er mehrere Sprachen, studiert mit ihm Mathematik, er lernt die Welt. Den eigentlichen Schatz, mit dem er später wuchern wird, hat er also schon gehoben − lange bevor er das Gold auf der Insel findet und zu all seinem Wissen noch Phantastillionen hinzugewinnt. Mir gefällt die Idee, dass die Bildung das eigentliche Kapital darstellt, für das man sich eben ein paar Jahre in Gefangenschaft begeben muss − leider war ich, schade, während meiner Schul- und Studienjahre nie lange genug eingesperrt.

David Wagner, Literaturkolumne

 

 

The Last Pagans of Rome ist nicht weniger als ein Lebenswerk, oder genauer, es ist das Werk einer Generation, in der Cameron eine überragende Erscheinung darstellte. Denn wir dürfen den emotionalen Druck nicht vergessen, der an der Entstehung des falschen Bildes von den letzten Heiden beteiligt war. Nicht zufällig wurde das Szenario eines verzweifelten letzten Gefechts des Paganismus mit besonderem Engagement in den unmittelbar auf den Zweiten Weltkrieg folgenden Jahren vertreten, denn darin kamen die Ängste einer Nachkriegswelt zum Ausdruck. Für die Gelehrten in Europa und Amerika, die gerade erst dreißig Jahren voller Gewalt und ideologischer Intoleranz entkommen waren, nur um mit dem neu sich ausbreitenden Schatten des Kalten Krieges konfrontiert zu werden, schien der Kampf zwischen einem liberalen Paganismus und einem intoleranten Christentum wie eine Vorahnung der Albträume ihrer eigenen Zeit. Viele der Gelehrten, die diese Sicht des Endstadiums des Paganismus vertraten, hatten Exil und Schlimmeres erdulden müssen. Die große Traurigkeit einer Generation, die solche Dunkelheit durchmessen hatte, lastet auf ihrem Werk. Nur ein Jahrzehnt später kam der Nachkriegsgeneration das alles etwas übertrieben vor. Ein derart larmoyanter Sinn fürs Melodramatische, der auf so lückenhaftem Beweismaterial beruhte, erregte sogleich bei vielen von uns jenen kreativen Ärger, der leider immer schon ein Kennzeichen der Jugend war − selbst auf einem so respektablen und respektvollen Gebiet wie der alten Geschichte. Camerons großartiges Buch wird deshalb von vielen von uns gelesen werden, als ob es ein besonders gut gelauntes Klassentreffen wäre. Wir können vergnügt in den sechziger Jahren verweilen, als Cameron bereits der Torschützenkönig der vielen Spiele war, die wir, die Heimmannschaft angehender Erforscher der Spätantike, gegen die Mächte des Irrtums, der Überinterpretation und Sentimentalität bestritten. Mittlerweile aber ist fast ein halbes Jahrhundert vergangen. The Last Pagans of Rome ist das Buch einer ganzen Generation. Ein Muster an Gelehrsamkeit und argumentativer Integrität und zugleich ein Buch, das noch zu vielen künftigen Generationen sprechen wird.

Peter Brown, Was wir den Christen verdanken

 

 

Casanova gehört zu den Gestalten der Weltgeschichte, die vollkommen hinter ihrem eigenen Mythos verschwunden sind. Mit den erotischen Abenteuern, die er in seinen Memoiren ausbreitet, hat er die Phantasie von Autoren und Regisseuren so nachhaltig beflügelt, dass man ihn im Nachhinein für eine fiktive Figur halten könnte. Sein Name ist zum Synonym eines Verführers und Eroberers geworden, bis heute gilt Casanova als Inkarnation des ungezügelten Mannes, der genau weiß, was die Frauen wollen. Dass er auch ein philosophischer Kopf und begnadeter Schriftsteller war, der Autor der "größten Selbstdarstellung des 18. Jahrhunderts", so Hans Blumenberg, ist in Vergessenheit geraten. Dieses Defizit hat mit der unglücklichen Editionsgeschichte seines Hauptwerks zu tun. Casanova hatte die Geschichte meines Lebens , ein literarisches Monument von über viertausend Seiten, ab 1790 im böhmischen Schloss Dux geschrieben, wo er als Bibliothekar für den Grafen von Waldstein arbeitete. Das in französischer Sprache verfasste Manuskript war 1821, dreiundzwanzig Jahre nach Casanovas Tod, von seinem Erben an den Leipziger Verleger Friedrich Arnold Brockhaus verkauft worden. Eine erste deutsche Ausgabe wurde 1828 zum Skandalerfolg. Doch als der Verlag angegriffen wurde, das "unmoralische Werk" überhaupt herausgebracht zu haben, sah Brockhaus sich gezwungen, die Handschrift wegzusperren und jeden Zugang zum Text zu untersagen. In Frankreich kursierten die Memoiren nur in verfälschenden Rückübersetzungen aus dem Deutschen oder in Übersetzungen, die um "allzu wollüstige Passagen" gekürzt worden waren. Eine vollständige Version der Geschichte meines Lebens konnte erst 1964 erscheinen. Ihr Happy End fand diese Editionsgeschichte im Februar 2010, als die Pariser Bibliothèque Nationale das Manuskript zu einem Kaufpreis von gut sieben Millionen Euro von der Familie Brockhaus erwarb. Nun ist Casanova dort angekommen, wo er hingehört, im Allerheiligsten der französischen Literatur.

Christian Schröder, "Sie sind ein sehr schöner Mann"

 

Am Tag zwei des Störfalls von Fukushima betonte Kanzlerin Merkel noch, die deutschen Kernkraftwerke seien "verantwortbar" und "heute Abend sicher"; aber am nächsten Tag wurde die "Energiewende" eingeleitet: Die Laufzeitverlängerung muss weg, ein Ausstiegsfahrplan her und jede Menge erneuerbare Energien! Was den einen als Wahltaktik oder allzu späte Vernunft gilt, ist den anderen ein "fiebriger Ausstiegswahn", eine Panikpolitik, die Stimmungen bedient; ja ein deutscher Sonderweg, der in den "Anti-Atomstaat" führt. Jetzt "muss das Restrisiko neu bewertet" werden, erklären Befürworter der Atomtechnik. Was heißt neu? Und wie wurde es bislang bewertet − in technischer, rechtlicher und politischer Hinsicht? Darf man diesem Restrisiko nach dem 11. September 2001 auch einen Angriff mit Flugzeugen zuschlagen? Oder nach Fukushima den bislang für unmöglich gehaltenen Ausfall aller Kühlsysteme? Was versteht man eigentlich unter einem Restrisiko? Und welche Schutzpflichten des Staates lassen sich aus dem Grundrecht auf Leben und körperliche Unversehrtheit herleiten? Gegen die Atomwirtschaft wird seit den siebziger Jahren gleichsam fundamentaljuristisch eingewendet, die Nutzung der Kernenergie verstoße gegen die Verfassung: Weil eine hochriskante Technologie, die keine Fehler erlaubt und noch für künftige Generationen extreme Gefahrenpotentiale birgt, die Frage aufwirft, ob sie überhaupt verantwortet werden darf. Diese Frage ist hochaktuell, indes nach herrschender Meinung seit Jahrzehnten erledigt. Denn das Grundgesetz selbst, heißt es in einer Entscheidung des Verfassungsgerichts, hat die "Nutzung der Kernenergie zu friedlichen Zwecken" durch eine Kompetenznorm "im Grundsatz als zulässig gebilligt". In der Tat: Dasselbe Grundgesetz, das dem Bund für diese Materie die Gesetzgebung ermöglicht, kann schwerlich unter Berufung auf Grundrechte in eine Verfassung uminterpretiert werden, die Atomkraftwerke von vornherein verbietet − selbst wenn man geneigt ist, die Schutzpflicht eines Staates, der Atomanlagen zulässt, sehr hoch zu veranschlagen. Nach der Weichenstellung, die auf eine verfassungsändernde Zweidrittelmehrheit des Jahres 1959 zurückgeht, ist die Nutzung der Atomkraft möglich, wenn auch nicht als Verfassungsauftrag vorgeschrieben. Das sollte man weder kleinreden noch den "bio-pazifistischen Widerstand" dagegen zur Staatsfeindschaft stilisieren. Das Atomgesetz von 1959 hat einen radikalen Wandel erlebt: Stand ursprünglich die Förderung im Zentrum, so zielt die rot-grüne Novelle des Jahres 2002 nur noch darauf ab, "die Nutzung der Kernenergie ... geordnet zu beenden".

Horst Meier, Restrisiko

 

 

Fällt es vielleicht auch deswegen gegenwärtig so schwer, Lehre und Forschung zusammenzuhalten, weil die beständige Behauptung ihrer Einheit genauso thetisch bleibt wie die Formel von der "Einheit der Wissenschaft" in den idealistischen Texten des frühen 19. Jahrhunderts oder die Rede von Einheit des All-Einen in den neuplatonischen Texten der Spätantike? Lehre und Forschung sollten wohl wechselweise aufeinander bezogen sein, sie sollten nicht nebeneinander stehen oder auf Kosten des jeweils anderen profiliert werden, aber die rituelle Beschwörung ihrer Einheit hilft wenig bei dem alltäglichen Geschäft der Organisation von Lehre und Forschung. Gleiches gilt für die Einheit der Wissenschaften in der "universitas litterarum", heute gern "Comprehensive University" oder "Volluniversität" genannt: Bei rund viertausend Spezialdisziplinen helfen die schlichten Ordnungskategorien aus Zeiten, als es nur die bekannten vier klassischen Fakultäten gab, kaum mehr. Einheit kann höchstens noch, wie bei Kant, eine regulative Idee im Prozess wissenschaftlichen Arbeitens sein, ist als etwas "noch nicht ganz Gefundenes und nie ganz Aufzufindendes zu betrachten", um einmal den Kantianer Humboldt gleichsam gegen den Neuplatoniker Humboldt in Stellung zu bringen (Über die innere und äußere Organisation der höheren wissenschaftlichen Anstalten in Berlin) . In ganz ähnlicher Weise sollte man kritisch mit den Resten des antifranzösischen Affektes im Humboldtschen Universitätsmodell umgehen und nicht beständig den unterkomplexen Dualismus verzweckter Ausbildung und zweckfreier Bildung wiederbeleben: Schon in der Schrift Kants über den Streit der Fakultäten von 1798 ist deutlich, dass in einer modernen Universität beides zu geschehen hat. Auch hier hilft die rituelle Beschwörung ihrer Unvereinbarkeit nur wenig beim alltäglichen Geschäft der Organisation von Bildung wie Ausbildung an einer Hochschule. Während Kant noch glaubte, eine einzelne höhere Fakultät könne die Aufgabe übernehmen, die "universitas litterarum" in der Vielfalt spezialisierter Ausbildung zu erhalten wie zu pflegen, müssen sich heute alle Wissenschaftsdisziplinen dieser Pflicht stellen und können sie nicht an vermeintlich höhere Fakultäten delegieren. Die eigentliche Gefahr des idealistischen Überschwangs des klassischen deutschen Universitätsreformmodells vom Beginn des 19. Jahrhunderts, dessen verdrängte Reste in den Reformdebatten zweihundert Jahre nach der Berliner Gründung von 1809/1810 immer noch zu beobachten sind, besteht wie bei jedem solchen Überschwang darin, dass er urplötzlich in Zynismus oder Fatalismus umschlägt. Von dem Chicagoer Altpräsidenten Maynard Hutchins stammt der despektierliche Satz, dass der Zusammenhalt der Wissenschaften an dieser amerikanischen Universität nur noch durch ihn selbst und das Heizungssystem garantiert werde, das Ende der gemeinsamen Beheizung der Universitätsgebäude aber noch in seine Amtszeit fallen werde (sie ging übrigens 1951 zu Ende). Damit solche leicht zynischen Blicke auf die Wirklichkeit der Universität bloße Apercus bleiben und die Arbeit an der Verbesserung der Verhältnisse weitergehen kann, muss man sich die idealistischen Eierschalen des klassischen deutschen Bildungs- und Universitätsdiskurses wie auch ihre Konsequenzen für die Realität des Bildungssystems bewusstmachen. Gleiches gilt in Zeiten eines längst globalisierten Diskurses natürlich auch für die letzten Reste eines anderswo längst überwundenen antifranzösischen Affektes.

Christoph Markschies, Einheit in Vielfalt?

 

 

Warum ist es so schwer, geradezu unmöglich, Menschen von der Schädlichkeit systematischer Schmerzzufügung zu überzeugen, obwohl doch psychologische Forschung längst gezeigt hat, wie wenig effektiv Bestrafungen für die Unterdrückung unerwünschten Verhaltens tatsächlich sind und vor allem, dass Gewalterfahrungen traumatisieren und damit zu lebenslangen Störungen und Beeinträchtigungen führen können? Warum bleiben Körperstrafen und Folter allgegenwärtig in weiten Teilen der Welt? Liegt das daran, wie Skeptiker vermuten, dass Kultur eben gar kein solider Überbau ist, sondern allenfalls ein dünner Firnis, ein Lack, der sehr schnell ab ist, wenn die Probleme größer werden? Oder ist das Rational des Schmerzzufügens am Ende gar selber Teil des Überbaus? Lehren nicht die großen Weltreligionen, unendlich wiederholtes Quälen sei Ausdruck göttlicher Gerechtigkeit, ja vielleicht sogar einer Art übergöttlicher moralischer Physik? Ist das am Ende der Grund, warum die merkwürdigen Mythen von der Auferstehung des Fleisches oder der ewig erneuten Inkarnation entwickelt worden sind? Denn so viel ist klar, einem immateriellen Geist kann man nicht mit Daumenschrauben und glühenden Zangen zuleibe rücken. Folter ist ein Angriff auf den lebendigen Leib. Wenn es aber göttlicher Wille ist, dass Menschen in einer jenseitigen Welt Höllenqualen ohne Ende erleiden oder gar schon im Hier und Jetzt auf offenem Markt ausgepeitscht, verstümmelt oder gesteinigt werden sollen, mit welchen Argumenten kann man die Gläubigen davon abhalten, dergleichen dann auch zu praktizieren? Da die überlieferten heiligen Texte archaische Moralvorstellungen absolut setzen und für alle Zukunft festschreiben wollen, ist es nicht leicht, den Schmerz gewissermaßen zu säkularisieren, ihm die metaphysische Überhöhung als Instrument göttlicher Gerechtigkeit wieder zu nehmen. Genau darauf aber käme es an, nämlich zu erklären, dass der Schmerz so banal ist wie der Gestank von verbranntem Gummi oder das Kratzen eines Griffels auf einer Schiefertafel. Seine Funktion ist so schlicht wie die einer Haustürglocke, die uns, wenn sie tönt, darauf aufmerksam macht, dass da draußen etwas ist, auf das wir reagieren sollten. Man kann sich jetzt freilich fragen, ob dieses Alarmsystem wirklich so unerträglich schrill angelegt werden musste. Der Vorzug dieser Einrichtung liegt auf der Hand, sie erzwingt sofortige Aufmerksamkeit und rasches Handeln und erweist sich dadurch als Hüter unserer physischen Intaktheit. Das zahlte sich schnell aus. Die Nachteile zeigten sich erst spät, viel zu spät für die vergleichsweise langsam greifenden Mittel der Evolution. Zwar haben sich bei in sozialen Verbänden lebenden Tieren Mechanismen entwickelt, die verhindern sollen, dass Artgenossen sich gegenseitig beschädigen, gar umbringen; aber was bei Wölfen noch grosso modo funktioniert, bewährt sich spätestens bei den Primaten nicht mehr, am wenigsten bei Homo sapiens. Metaphorisch gesprochen hat die Natur die Gefährlichkeit des Gehirns als Allzweckwaffe schlicht übersehen und es versäumt, entsprechende Hemmungsmechanismen zu entwickeln. So ist aus dem Instrument, das unsere physische Intaktheit gewährleisten soll, unversehens ein Sicherheitsrisiko für unsere psychische Intaktheit geworden. Da hat sich ein Zugang zu unserer Innerlichkeit aufgetan, breit wie ein Scheunentor und genauso schwer zu verteidigen. Die Folgen sind fatal. In einer Welt, in der es keinen Ort der Unerreichbarkeit gibt, ist es nicht immer möglich, Freiheit und Würde aus eigener Kraft zu bewahren. Es wäre daher dringlich, nicht nur für das uns fehlende Fell, den Mangel an Reißzähnen, an Schnelligkeit und Körperkraft eine kulturelle Kompensation zu schaffen, sondern auch für den Mangel an Hemmungen, physische Gewalt anzuwenden. Aber erst seit den Tagen der Aufklärung − und das war in der Menschheitsgeschichte gerade einmal vor ein paar Sekunden − hat es nennenswerte Versuche gegeben, die physische Unantastbarkeit des Menschen zu einem unveräußerlichen Grundwert zu erheben, global gesehen mit enttäuschendem Erfolg und immer wieder begleitet von herben Rückschlägen. Dennoch möchte ich auf der These beharren, dass der Umgang mit dem Schmerz und dem Ausgeliefertsein nicht nur des Menschen, sondern aller leidensfähigen Kreatur, ein relevanterer Gradmesser für den Stand der Kultur einer Gesellschaft ist als die Höhe von Wolkenkratzern.

Wolfgang Marx, Was tut weh, wenn es wehtut

 

 

Während der Fahrt komme ich mit einem Mann über Lys Assia ins Gespräch, ihre größten Erfolge waren O mein Papa , Wenn die Glocken hell erklingen sowie die deutsche Fassung von Doris Days Que sera, sera . Eine Weile vertreiben wir uns die Zeit, noch andere Hits aus den fünfziger Jahren ins Gedächtnis zu rufen, doch erst nachdem der Mann ausgestiegen ist, fällt mir der Banana Boat Song von Harry Belafonte ein. Das Lied hörte ich zum ersten Mal auf einer Klassenfahrt in München. Vor dem Hotel Vier Jahreszeiten stand ein Dienstmann in grüner Schürze, der die Türen der Autos öffnete. Mit einer unglaublichen Leichtigkeit strömte die Luft über die Feldherrnhalle und den Odeonsplatz; die Löwen vor der Residenz wärmten die Brust in der Sonne, alles war Blau, strahlend. Die durchsichtige reine Luft, die wie aus Kupfer geschmiedeten Baumwipfel im Englischen Garten − was für eine Ruhe, was für einen Reichtum atmete das alles, als ob es den rauchbezogenen Himmel über München, das Alarmgeheul der Sirenen und die Soldaten auf Urlaub, die an der Front x Tode starben, nicht gegeben hätte. Der Morgen war heiß und dursterfüllt, nachdem wir die Maschinen im Deutschen Museum besichtigt hatten. Flussaufwärts beobachteten wir einen Mann in mittleren Jahren, der im Gehen, während er sein Fahrrad durch den Sand schob, plötzlich und laut zu singen begann: "Come, Mister / Tally man, tally me banana. / Daylight come und we wan´ go home. / Lift six / Foot, seven foot, eight foot bunch! / Daylight come and we wan´ go home." Wir machten in einem Lokal Pause, wo Maurer mit kalkbeschmutzten Hosen beim Weißwurstfrühstück saßen, an anderen Tischen packten Hausfrauen die Einkäufe aus, eine befühlte den Stoff für ein neues Kleid, um die Qualität zu überprüfen. Die Musikbox spielte ohne Unterlass, und kaum war der Banana Boat Song zu Ende, hob der Arm ihn schon wieder auf den Plattenteller. Der in die Höhe geschleuderte und in einzelne Laute akzentuierte Ruf hatte etwas Aufsässiges: "Day-o, day-ay-o / Daylight come and we wan´ go home. / Day, we say day, we say day, we say day, we say day / We say day-ay-o / Daylight come und we wan´ go home." Am Anfang war leiser Trommelwirbel zu hören, dann dumpfes Schlagen, mit dem der Chor einsetzte. Dazwischen erklang die Stimme des Sängers mit einer solchen Kraft, dass das Ohr die Töne kaum aufzunehmen vermochte, bis sie gegen Ende abgedämpft verschwanden, als wollte der Song nicht ohne Wehmut mitten im Wirtschaftswunder sein Ende andeuten.

Hans Dieter Schäfer, Erkundungen (III)

MERKUR Jahrgang 65, Heft 747, Heft 08, August 2011
broschiert
ISSN: 0026-0096

Autoren in dieser Ausgabe

Karl Heinz Bohrer, Egon Flaig, Konrad Adam, Alfred Gulden, Joachim Sartorius, Jens Bisky, David Wagner, Peter Brown, Christian Schröder, Horst Meier, Christoph Markschies, Wolfgang Marx, Hans Dieter Schäfer,

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