MERKUR

Heft 08 / August 2011

Diese Ausgabe erwerben
Printausgabe vergriffen, Artikel als PDF erhältlich, siehe unten
Karl Heinz Bohrer

Projekt Kleinstaat

« zurück zum Inhalt

Zitate:

Ein syrischer Intellektueller, im Frühjahr von der Journalistin einer großen deutschen Tageszeitung nach der europäischen Reaktion auf die arabischen Aufstände gefragt, hatte nichts als Lob und Dankbarkeit für die militärische und politische Unterstützung. Er nahm ausdrücklich, und das war absehbar, ein Land aus: Deutschland. Ohne auf das wie auch immer Begründbare, aber eben auch Verkniffene, Unsouveräne der deutschen Diplomatie bei der Uno-Abstimmung weiter einzugehen, vielmehr sich ohne Wenn und Aber mit dem abschätzigen Urteil darüber in den meisten westlichen Staaten identifizierend, gab er eine nicht alltägliche Begründung für das deutsche Verhalten im Abseits: Im Unterschied zu fast allen europäischen Nationen, aber auch zu den Traditionen einiger muslimischer und arabischer Staaten habe Deutschland niemals ein Empire besessen. Das erkläre die schwerfällige, langsame Reaktion zu allem, was jenseits seiner Grenzen passiere. Die Deutschen seien zwar geschickte, einfallsreiche Tüftler im Kleinen, aber ohne wirklichen Ehrgeiz im Großen, geschweige denn hätten sie Welterfahrung, und die Kanzlerin und ihr Außenminister seien der behäbige, sozusagen hausfrauliche oder steuerrechtliche Ausdruck dieses Unvermögens. Nun ist es ja nicht so, als ob es keine deutsche Kritik an der Selbstisolation gegeben hätte. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung und der Spiegel haben das Problem früh thematisiert. Der frühere sozialdemokratische Außenminister Frank-Walter Steinmeier hat die Isolation im Parlament gegeißelt. Vor allem aber ist die Tatsache festzuhalten, dass der Verteidigungsminister Thomas de Maizière im Bundestag nicht nur das Verhalten der Kanzlerin und des Außenministers bezüglich Libyen indirekt kritisiert hat, sondern für die Zukunft ein deutsches militärisches Engagement in exotischen Zonen als wahrscheinlich, aber auch für politisch und moralisch notwendig erklärte, unter Zustimmung aller Parteien außer der Linken. Wie weit dies eine wirkliche Änderung der politischen Position bedeutet, bleibt abzuwarten. Etwa solchen Einsätzen zuzustimmen, aber sich praktisch nicht an ihnen zu beteiligen, kann in Zukunft auch nicht überzeugen. Denn inzwischen hat sich die Befürchtung, irgendwie endgültig zweitklassig zu sein und auch einen gewaltigen Vertrauensverlust bei den europäischen und amerikanischen Verbündeten erlitten zu haben, im bräsigen innenpolitischen Alltag der Bundesrepublik wieder abgemildert. De Maizières Erklärung war eine theoretische für die Zukunft. Die deutsche Praxis sieht noch immer anders aus. Solche Mentalität ändert sich nicht über Nacht. Die sich erneut widersprechenden Äußerungen des Außen- und des Verteidigungsministers demonstrierten das nachdrücklich. Das Aussitzen, so zeigte sich, war nicht nur die Eigenschaft des einst dafür berühmten Kanzlers, es ist die Eigenschaft seiner Schülerin und der Mehrheit der deutschen Politiker und ihrer Wähler.

MERKUR Jahrgang 65, Heft 747, Heft 08, August 2011
broschiert
ISSN: 0026-0096

Autoren in dieser Ausgabe

Karl Heinz Bohrer, Egon Flaig, Konrad Adam, Alfred Gulden, Joachim Sartorius, Jens Bisky, David Wagner, Peter Brown, Christian Schröder, Horst Meier, Christoph Markschies, Wolfgang Marx, Hans Dieter Schäfer,


Unser Service für Sie

Zahlungsmethoden
PayPal (nicht Abos),
Kreditkarte,
Rechnung
weitere Infos

PayPal

Versandkostenfreie Lieferung
nach D, A, CH

in D, A, CH inkl. MwSt.
 
weitere Infos

Social Media
Besuchen Sie uns bei


www.klett-cotta.de/im-netz
Facebook Twitter YouTube
Newsletter-Abo

Klett-Cotta-Verlag

J. G. Cotta’sche Buchhandlung
Nachfolger GmbH
Rotebühlstrasse 77
70178 Stuttgart
info@klett-cotta.de