MERKUR

Heft 08 / August 2011

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David Wagner

Literaturkolumne . Lesen auf einer Insel

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Zitate:

Ich sitze auf der Insel Elba, ich sitze auf einem Felsen am Meer. Open City, den Roman, der mir gefallen hat wie lange keiner, habe ich zugeklappt, ich lese nun Der Graf von Monte Christo. Das passt sehr gut, denn die Insel Monte Christo kann ich von meinem Felsen sehen. Wie das perfekte Eiland ragt sie (und sieht ganz nah aus, aber das täuscht, es sind mindestens dreißig Seemeilen) vor mir aus dem Wasser. Das blaue Wasser wird in der Übersetzung, die ich lese − das Haus, in dem ich wohne, steht voller deutscher Bücher − immer das Mittelländische Meer genannt. Den Grafen von Monte Christo habe ich schon einmal gelesen, lange her, ich muss dreizehn oder vierzehn gewesen sein. Kommt mir allerdings so vor, als wäre das damals ein dünneres Buch gewesen, eine gekürzte Fassung, ein Jugendbuch, denn in der Ausgabe, die ich jetzt in der Hand habe (eine ältere, von Aufbau, die keinen Übersetzer angibt), folgen auf den Schatzfund des Helden um Seite dreihundert herum noch fünfhundert Seiten Gesellschaftsroman. Ich springe durch die ersten, sehr schematisch angelegten, unerträglich operndeutlichen Kapitel. Spannend wird es ab der Verhaftung des Helden Edmond. Mit seiner Gefangenschaft auf dem Château d´If beginnt der Bildungsroman, die Gefängnisjahre auf der Felseninsel vor Marseille sind Lehr- und Studienjahre des zukünftigen toskanischen Zufallsgrafen (so nennt er sich später einmal). Der weise Abbé Faria aus dem Kerker nebenan wird, welch ein Privileg, sein Privatlehrer. Von ihm lernt er mehrere Sprachen, studiert mit ihm Mathematik, er lernt die Welt. Den eigentlichen Schatz, mit dem er später wuchern wird, hat er also schon gehoben − lange bevor er das Gold auf der Insel findet und zu all seinem Wissen noch Phantastillionen hinzugewinnt. Mir gefällt die Idee, dass die Bildung das eigentliche Kapital darstellt, für das man sich eben ein paar Jahre in Gefangenschaft begeben muss − leider war ich, schade, während meiner Schul- und Studienjahre nie lange genug eingesperrt.

MERKUR Jahrgang 65, Heft 747, Heft 08, August 2011
broschiert
ISSN: 0026-0096

Autoren in dieser Ausgabe

Karl Heinz Bohrer, Egon Flaig, Konrad Adam, Alfred Gulden, Joachim Sartorius, Jens Bisky, David Wagner, Peter Brown, Christian Schröder, Horst Meier, Christoph Markschies, Wolfgang Marx, Hans Dieter Schäfer,


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