MERKUR

Heft 08 / August 2011

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Christoph Markschies

Einheit in Vielfalt? . Über das Humboldtsche Universitätsideal und die gegenwärtigen Probleme der deutschen Universitäten

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Zitate:

Fällt es vielleicht auch deswegen gegenwärtig so schwer, Lehre und Forschung zusammenzuhalten, weil die beständige Behauptung ihrer Einheit genauso thetisch bleibt wie die Formel von der "Einheit der Wissenschaft" in den idealistischen Texten des frühen 19. Jahrhunderts oder die Rede von Einheit des All-Einen in den neuplatonischen Texten der Spätantike? Lehre und Forschung sollten wohl wechselweise aufeinander bezogen sein, sie sollten nicht nebeneinander stehen oder auf Kosten des jeweils anderen profiliert werden, aber die rituelle Beschwörung ihrer Einheit hilft wenig bei dem alltäglichen Geschäft der Organisation von Lehre und Forschung. Gleiches gilt für die Einheit der Wissenschaften in der "universitas litterarum", heute gern "Comprehensive University" oder "Volluniversität" genannt: Bei rund viertausend Spezialdisziplinen helfen die schlichten Ordnungskategorien aus Zeiten, als es nur die bekannten vier klassischen Fakultäten gab, kaum mehr. Einheit kann höchstens noch, wie bei Kant, eine regulative Idee im Prozess wissenschaftlichen Arbeitens sein, ist als etwas "noch nicht ganz Gefundenes und nie ganz Aufzufindendes zu betrachten", um einmal den Kantianer Humboldt gleichsam gegen den Neuplatoniker Humboldt in Stellung zu bringen (Über die innere und äußere Organisation der höheren wissenschaftlichen Anstalten in Berlin). In ganz ähnlicher Weise sollte man kritisch mit den Resten des antifranzösischen Affektes im Humboldtschen Universitätsmodell umgehen und nicht beständig den unterkomplexen Dualismus verzweckter Ausbildung und zweckfreier Bildung wiederbeleben: Schon in der Schrift Kants über den Streit der Fakultäten von 1798 ist deutlich, dass in einer modernen Universität beides zu geschehen hat. Auch hier hilft die rituelle Beschwörung ihrer Unvereinbarkeit nur wenig beim alltäglichen Geschäft der Organisation von Bildung wie Ausbildung an einer Hochschule. Während Kant noch glaubte, eine einzelne höhere Fakultät könne die Aufgabe übernehmen, die "universitas litterarum" in der Vielfalt spezialisierter Ausbildung zu erhalten wie zu pflegen, müssen sich heute alle Wissenschaftsdisziplinen dieser Pflicht stellen und können sie nicht an vermeintlich höhere Fakultäten delegieren. Die eigentliche Gefahr des idealistischen Überschwangs des klassischen deutschen Universitätsreformmodells vom Beginn des 19. Jahrhunderts, dessen verdrängte Reste in den Reformdebatten zweihundert Jahre nach der Berliner Gründung von 1809/1810 immer noch zu beobachten sind, besteht wie bei jedem solchen Überschwang darin, dass er urplötzlich in Zynismus oder Fatalismus umschlägt. Von dem Chicagoer Altpräsidenten Maynard Hutchins stammt der despektierliche Satz, dass der Zusammenhalt der Wissenschaften an dieser amerikanischen Universität nur noch durch ihn selbst und das Heizungssystem garantiert werde, das Ende der gemeinsamen Beheizung der Universitätsgebäude aber noch in seine Amtszeit fallen werde (sie ging übrigens 1951 zu Ende). Damit solche leicht zynischen Blicke auf die Wirklichkeit der Universität bloße Apercus bleiben und die Arbeit an der Verbesserung der Verhältnisse weitergehen kann, muss man sich die idealistischen Eierschalen des klassischen deutschen Bildungs- und Universitätsdiskurses wie auch ihre Konsequenzen für die Realität des Bildungssystems bewusstmachen. Gleiches gilt in Zeiten eines längst globalisierten Diskurses natürlich auch für die letzten Reste eines anderswo längst überwundenen antifranzösischen Affektes.

MERKUR Jahrgang 65, Heft 747, Heft 08, August 2011
broschiert
ISSN: 0026-0096

Autoren in dieser Ausgabe

Karl Heinz Bohrer, Egon Flaig, Konrad Adam, Alfred Gulden, Joachim Sartorius, Jens Bisky, David Wagner, Peter Brown, Christian Schröder, Horst Meier, Christoph Markschies, Wolfgang Marx, Hans Dieter Schäfer,


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