MERKUR

Heft 08 / August 2011

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Wolfgang Marx

Was tut weh, wenn es wehtut?

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Zitate:

Warum ist es so schwer, geradezu unmöglich, Menschen von der Schädlichkeit systematischer Schmerzzufügung zu überzeugen, obwohl doch psychologische Forschung längst gezeigt hat, wie wenig effektiv Bestrafungen für die Unterdrückung unerwünschten Verhaltens tatsächlich sind und vor allem, dass Gewalterfahrungen traumatisieren und damit zu lebenslangen Störungen und Beeinträchtigungen führen können? Warum bleiben Körperstrafen und Folter allgegenwärtig in weiten Teilen der Welt? Liegt das daran, wie Skeptiker vermuten, dass Kultur eben gar kein solider Überbau ist, sondern allenfalls ein dünner Firnis, ein Lack, der sehr schnell ab ist, wenn die Probleme größer werden? Oder ist das Rational des Schmerzzufügens am Ende gar selber Teil des Überbaus? Lehren nicht die großen Weltreligionen, unendlich wiederholtes Quälen sei Ausdruck göttlicher Gerechtigkeit, ja vielleicht sogar einer Art übergöttlicher moralischer Physik? Ist das am Ende der Grund, warum die merkwürdigen Mythen von der Auferstehung des Fleisches oder der ewig erneuten Inkarnation entwickelt worden sind? Denn so viel ist klar, einem immateriellen Geist kann man nicht mit Daumenschrauben und glühenden Zangen zuleibe rücken. Folter ist ein Angriff auf den lebendigen Leib. Wenn es aber göttlicher Wille ist, dass Menschen in einer jenseitigen Welt Höllenqualen ohne Ende erleiden oder gar schon im Hier und Jetzt auf offenem Markt ausgepeitscht, verstümmelt oder gesteinigt werden sollen, mit welchen Argumenten kann man die Gläubigen davon abhalten, dergleichen dann auch zu praktizieren? Da die überlieferten heiligen Texte archaische Moralvorstellungen absolut setzen und für alle Zukunft festschreiben wollen, ist es nicht leicht, den Schmerz gewissermaßen zu säkularisieren, ihm die metaphysische Überhöhung als Instrument göttlicher Gerechtigkeit wieder zu nehmen. Genau darauf aber käme es an, nämlich zu erklären, dass der Schmerz so banal ist wie der Gestank von verbranntem Gummi oder das Kratzen eines Griffels auf einer Schiefertafel. Seine Funktion ist so schlicht wie die einer Haustürglocke, die uns, wenn sie tönt, darauf aufmerksam macht, dass da draußen etwas ist, auf das wir reagieren sollten. Man kann sich jetzt freilich fragen, ob dieses Alarmsystem wirklich so unerträglich schrill angelegt werden musste. Der Vorzug dieser Einrichtung liegt auf der Hand, sie erzwingt sofortige Aufmerksamkeit und rasches Handeln und erweist sich dadurch als Hüter unserer physischen Intaktheit. Das zahlte sich schnell aus. Die Nachteile zeigten sich erst spät, viel zu spät für die vergleichsweise langsam greifenden Mittel der Evolution. Zwar haben sich bei in sozialen Verbänden lebenden Tieren Mechanismen entwickelt, die verhindern sollen, dass Artgenossen sich gegenseitig beschädigen, gar umbringen; aber was bei Wölfen noch grosso modo funktioniert, bewährt sich spätestens bei den Primaten nicht mehr, am wenigsten bei Homo sapiens. Metaphorisch gesprochen hat die Natur die Gefährlichkeit des Gehirns als Allzweckwaffe schlicht übersehen und es versäumt, entsprechende Hemmungsmechanismen zu entwickeln. So ist aus dem Instrument, das unsere physische Intaktheit gewährleisten soll, unversehens ein Sicherheitsrisiko für unsere psychische Intaktheit geworden. Da hat sich ein Zugang zu unserer Innerlichkeit aufgetan, breit wie ein Scheunentor und genauso schwer zu verteidigen. Die Folgen sind fatal. In einer Welt, in der es keinen Ort der Unerreichbarkeit gibt, ist es nicht immer möglich, Freiheit und Würde aus eigener Kraft zu bewahren. Es wäre daher dringlich, nicht nur für das uns fehlende Fell, den Mangel an Reißzähnen, an Schnelligkeit und Körperkraft eine kulturelle Kompensation zu schaffen, sondern auch für den Mangel an Hemmungen, physische Gewalt anzuwenden. Aber erst seit den Tagen der Aufklärung − und das war in der Menschheitsgeschichte gerade einmal vor ein paar Sekunden − hat es nennenswerte Versuche gegeben, die physische Unantastbarkeit des Menschen zu einem unveräußerlichen Grundwert zu erheben, global gesehen mit enttäuschendem Erfolg und immer wieder begleitet von herben Rückschlägen. Dennoch möchte ich auf der These beharren, dass der Umgang mit dem Schmerz und dem Ausgeliefertsein nicht nur des Menschen, sondern aller leidensfähigen Kreatur, ein relevanterer Gradmesser für den Stand der Kultur einer Gesellschaft ist als die Höhe von Wolkenkratzern.

MERKUR Jahrgang 65, Heft 747, Heft 08, August 2011
broschiert
ISSN: 0026-0096

Autoren in dieser Ausgabe

Karl Heinz Bohrer, Egon Flaig, Konrad Adam, Alfred Gulden, Joachim Sartorius, Jens Bisky, David Wagner, Peter Brown, Christian Schröder, Horst Meier, Christoph Markschies, Wolfgang Marx, Hans Dieter Schäfer,


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