MERKUR

Heft 08 / August 2011

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Hans Dieter Schäfer

Erkundungen (III) . Von Lübeck nach München

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Zitate:

Während der Fahrt komme ich mit einem Mann über Lys Assia ins Gespräch, ihre größten Erfolge waren O mein Papa, Wenn die Glocken hell erklingen sowie die deutsche Fassung von Doris Days Que sera, sera. Eine Weile vertreiben wir uns die Zeit, noch andere Hits aus den fünfziger Jahren ins Gedächtnis zu rufen, doch erst nachdem der Mann ausgestiegen ist, fällt mir der Banana Boat Song von Harry Belafonte ein. Das Lied hörte ich zum ersten Mal auf einer Klassenfahrt in München. Vor dem Hotel Vier Jahreszeiten stand ein Dienstmann in grüner Schürze, der die Türen der Autos öffnete. Mit einer unglaublichen Leichtigkeit strömte die Luft über die Feldherrnhalle und den Odeonsplatz; die Löwen vor der Residenz wärmten die Brust in der Sonne, alles war Blau, strahlend. Die durchsichtige reine Luft, die wie aus Kupfer geschmiedeten Baumwipfel im Englischen Garten − was für eine Ruhe, was für einen Reichtum atmete das alles, als ob es den rauchbezogenen Himmel über München, das Alarmgeheul der Sirenen und die Soldaten auf Urlaub, die an der Front x Tode starben, nicht gegeben hätte. Der Morgen war heiß und dursterfüllt, nachdem wir die Maschinen im Deutschen Museum besichtigt hatten. Flussaufwärts beobachteten wir einen Mann in mittleren Jahren, der im Gehen, während er sein Fahrrad durch den Sand schob, plötzlich und laut zu singen begann: "Come, Mister / Tally man, tally me banana. / Daylight come und we wan´ go home. / Lift six / Foot, seven foot, eight foot bunch! / Daylight come and we wan´ go home." Wir machten in einem Lokal Pause, wo Maurer mit kalkbeschmutzten Hosen beim Weißwurstfrühstück saßen, an anderen Tischen packten Hausfrauen die Einkäufe aus, eine befühlte den Stoff für ein neues Kleid, um die Qualität zu überprüfen. Die Musikbox spielte ohne Unterlass, und kaum war der Banana Boat Song zu Ende, hob der Arm ihn schon wieder auf den Plattenteller. Der in die Höhe geschleuderte und in einzelne Laute akzentuierte Ruf hatte etwas Aufsässiges: "Day-o, day-ay-o / Daylight come and we wan´ go home. / Day, we say day, we say day, we say day, we say day / We say day-ay-o / Daylight come und we wan´ go home." Am Anfang war leiser Trommelwirbel zu hören, dann dumpfes Schlagen, mit dem der Chor einsetzte. Dazwischen erklang die Stimme des Sängers mit einer solchen Kraft, dass das Ohr die Töne kaum aufzunehmen vermochte, bis sie gegen Ende abgedämpft verschwanden, als wollte der Song nicht ohne Wehmut mitten im Wirtschaftswunder sein Ende andeuten.

MERKUR Jahrgang 65, Heft 747, Heft 08, August 2011
broschiert
ISSN: 0026-0096

Autoren in dieser Ausgabe

Karl Heinz Bohrer, Egon Flaig, Konrad Adam, Alfred Gulden, Joachim Sartorius, Jens Bisky, David Wagner, Peter Brown, Christian Schröder, Horst Meier, Christoph Markschies, Wolfgang Marx, Hans Dieter Schäfer,


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