MERKUR

Heft 08 / August 2015

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MERKUR / 2015 / 08

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Zitate:

Zitate aus dem Augustheft 2015, Nr. 795

Wer sich zu Hause vor allem um seine jüngeren Geschwister kümmern muss oder um den elterlichen Haushalt oder aber im Laden steht statt die Schulbank zu drücken oder, weil er keine Lehrstelle findet, sein Glück als Hilfsarbeiter im Ausland sucht, ist »bildungsfern«. Wer also früh im Leben und ungefragt Verantwortung für sich und andere übernehmen muss, gilt in der Taxonomie der empirischen Bildungsforschung höchstwahrscheinlich als »bildungsfern«. Wer hingegen mit 25 oder 30 Jahren noch nicht so recht weiß, was er mit seinem Leben anfangen will, ist wahrscheinlich »bildungsnah«. Wohl sitzt er in Seminaren oder Hörsälen, vielleicht mit den Jahren zunehmend verunsichert, verdattert und etwas schlaff,  aber er tut etwas für seine Bildung. Was dieses »Etwas« ist, weiß er selber möglicherweise umso weniger, je länger er da sitzt. 

Roland Reichenbach, Über Bildungsferne

 

 

 

Statt angesichts des Pegida-Phänomens panisch zu erschrecken, mag es vielleicht fürs Erste für die Stadtfans und Stadtskeptiker genügen, stadt- und gesellschaftsgeschichtliche Distanz zu gewinnen: Bereits vor dieser plötzlichen Demonstrationsemergenz 2014/2015 ist Dresden in mindestens drei weiteren Debatten Initiativpunkt gesamtgesellschaftlich tief irritierenden und zugleich äußerst relevanten und folgenreichen Zanks gewesen, der jeweils eine gesamtdeutsche, ja eventuell europäische Funktion hatte und hat.

Joachim Fischer, Hat Dresden Antennen?

 

Populisten interessieren sich gar nicht für die Partizipation der Bürger an sich; ihre Kritik gilt nicht dem Prinzip der politischen Repräsentation als solchem, sondern den amtierenden Repräsentanten, die das Volk angeblich gar nicht verträten. Oder, drastischer und mit einem bei Pegida-Veranstaltungen populären Slogan gesagt: Die derzeitigen Volksvertreter sind eigentlich »Volksverräter«. Wenn Populisten ein Referendum fordern, dann nicht, weil sie einen offenen Diskussionsprozess unter den Wählern auslösen wollen, sondern weil die Bürger bitteschön bestätigen sollen, was die Populisten immer bereits als den wahren Volkswillen erkannt haben.

Jan-Werner Müller, Populismus: Theorie und Praxis

 

 

Es finden sich kaum noch explizit Frauen benachteiligende Normen in der Rechtsordnung. Formale Gleichbehandlung ist weitgehend erreicht. Doch materielle Gleichberechtigung liegt noch in weiter Ferne. In der jetzigen zweiten Phase muss sich Diskriminierungsbekämpfung mit den Institutionen der Gesellschaft beschäftigen, die zwar geschlechtsneutral konstituiert sind, aufgrund ihrer Auswirkungen aber tatsächliche Chancengleichheit verhindern.

Ute Sacksofsky, Rechtskolumne

 


In der Tat erhöht die kontinuierliche Vermehrung potentieller Gedenkanlässe zwangsläufig auch den aufmerksamkeitsökonomischen Druck und setzt so eine Dynamik in Gang, die die Hoffnung auf überschaubare Verhältnisse voraussetzt und sie doch zugleich ad absurdum führt. Natürlich kann man 2015 den 125. Jahrestag der Unterzeichnung des Helgoland-Sansibar-Vertrags (1. Juli), den 50. der Einführung elektronischer Briefsortieranlagen bei der Deutschen Bundespost (31. Mai), den 25. der Ablehnung des Beitrittsgesuchs der Türkei durch die Europäische Gemeinschaft (5. Februar) oder auch den 20. der Fernmeldeverkehr-Überwachungs-Verordnung (18. Mai) in vielen Zusammenhängen zum Thema machen. Aber man kann es ebenso auch bleiben lassen.

Christian Demand, Memorialkolumne

 

 

Mit dem Verweis auf Geschenke und Salonfähigkeit wird man dem, was hier zu erklären wäre, nicht gerecht. Hockerts schreibt, dass Hitler »nach kurzer Haft« seine Karriere als Politiker fortsetzen konnte. Das ist nicht nur die halbe Wahrheit, das ist ein Euphemismus, denn Hitler setzte ja in der Haft, mit dem Wohlwollen der bayerischen Behörden, seine Karriere fort. Er hielt – man schaue sich nur die Besucherlisten an – in Landsberg Hof und benutzte die Haft, um sich als Kämpfer und Märtyrer zu stilisieren. Er benutzte sie aber vor allem auch dazu, sein Manifest Mein Kampf zu schreiben. Nicht Hitlers stilistische Fähigkeiten trugen zum Erfolg des Buches bei, sondern die literarisch versierten Eliten, sie recherchierten das Material und boten sich bereitwillig als Ghostwriter an.

Wolfgang Martynkewicz, Über Hitlers München

 


Die Wandlung ist Tollers Evangelium der Revolution. Es gehört zu den bekanntesten Stücken des expressionistischen Theaters, und seine Premiere hat nicht nur die Berliner Tribüne als Avantgardetheater etabliert, sie hat auch Fritz Kortner, der den Friedrich spielte, zum spektakulären Start seiner Karriere verholfen. Die sensationellen Aspekte des Bühnendebüts aber verbergen seine Schattenseiten. Als das Stück Furore machte, waren Tollers Hoffnungen schon an der historischen Wirklichkeit zerschellt, und während er als Dramatiker gefeiert wurde, saß er längst im Gefängnis. Er durfte keine einzige Aufführung seiner ersten Stücke sehen, und seinen meteorischen Aufstieg in den frühen Jahren der Weimarer Republik erlebte er aus der Perspektive einer engen Zelle.

Jakob Hessing, Wer ist ein Klassiker der Moderne?

 

 

Parolen ersetzen Argumente und diffuse Unzufriedenheit ein klares Handlungskonzept innerhalb des parlamentarischen Systems. Die strikt ökonomische Argumentation der Wirtschaftsliberalen à la Henkel wird um emotionale Faktoren erweitert, so dass sich nicht selten erhebliche Widersprüche in der Argumentation ergeben. Da es aber dem Rechtspopulismus nicht um stringente Argumentation, sondern hauptsächlich um Mobilisierungserfolge geht, werden klare Feindbilder aufgebaut. Der Kampf gegen den Islam kann daher sowohl – wie bei den Liberalkonservativen – laizistisch als auch kulturkämpferisch christlich-abendländisch begründet werden. Man kann für oder gegen Putin, für oder gegen Kapitalismus und die Banken sein, in jedem Fall ist man gegen den angeblichen linken Meinungsterror, Gender Mainstreaming, Feminismus und die sogenannte kindliche Frühsexualisierung. Die vier bis fünf Topthemen werden ständig wiederholt, damit die Erregungskurve konstant hoch bleibt.

Stefan Kleie, Rechte Mobilmachung 

   

Kann man durch die gepflegten Hauszeilen des Straßendorfs Lidice westlich von Prag gehen, ohne an die nationalsozialistische Auslöschung des Dorfes 1942 zu denken und irgendwo im Hinterkopf das Bronzedenkmal der stummen Kinder zu haben, die unverwandt auf die Stelle schauen, an der ihre Väter um gebracht wurden? Ist in der polnischen Kleinstadt südlich von Krakau, die den Namen Oświęcim trägt, ein Leben möglich, das nicht an der Last des Namens Auschwitz zu tragen hat und unbefangen damit umgeht, dass der österreichische Kaiser bis 1918 den Titel eines Herzogs von Auschwitz trug oder das Eishockeyteam von Unia Oświęcim bereits mehrfach polnischer Meister wurde? Auch in der großen Ausstellung »Germany: Memories of a Nation« des British Museum in London gibt es kein Weimar, dem nicht sein Schatten folgte.

Martin Sabrow, Schattenorte

    

Aber ist es nicht die Aufgabe der Historie, sich um Formen der erinnernden Identitätsbildung zu kümmern, ist nicht »Erinnerung« der Sinn des Historischen überhaupt? Betrachtet man die beständige und teils rabiate Auswahl der Stoffe und Themen, die das historische Geschäft begleitet, einmal genauer, bemerkt man, dass dessen reale Praxis weit mehr mit Vergessen als mit Erinnerung zu tun hat. Geschichtsschreibung und damit auch historische Erinnerung ist eben nicht einfach nur ein Vorgang des Festhaltens, sondern wesentlich des Bevorzugens bestimmter Aspekte der Vergangenheit – und damit immer auch ein Vorgang des Aussiebens.

Achim Landwehr, Kulturelles Vergessen

   

Tatsächlich stellt Benthams Verwandlung in eine Statue seiner selbst keine Aberration, sondern die Summe des utilitaristischen Denkens dar. Geht es hier zunächst darum, der Materie noch den letzten Nutzen abzupressen, den sie dem Glück der Überlebenden bieten kann, besitzt die Auto-Ikone eine zweite, aus Benthams Sicht vielleicht noch sehr viel gewichtigere Funktion. Denn indem sie den Platz des Lebenden übernimmt, verstopft sie jenes Loch, aus dem die Ungeheuer der Vernunft hervorkriechen, all jene Fiktionen, denen Benthams philosophischer Hass gegolten hat.

Martin Burckhardt, Der Meister aller Selfies

   

In den kleinen Vorgärten blühen Buschrosen hinter barockisierenden Metallgitterzäunen, die Mülltonnen sind geschickt hinter Hecken versteckt. Hier scheinen nur Akademikerehepaare mit Festanstellung, zwei Autos, fünf Fahrrädern und drei Kindern zu wohnen oder rüstige Rentner, die jeden Werktag morgens um halb zehn mit ihren Trolleys den Tageseinkauf im Supermarkt erledigen. Ich überlege mir kurz, ob ich die Menschen aus meinem alten Viertel vermissen soll, die morgens mit Kaffeebechern und ab sechzehn Uhr mit Bierflaschen in der Hand durch die Gegend rannten.

Stephan Herczeg, Journal (XXIX)

 

 

 

 


MERKUR Jahrgang 69, Heft 795, Heft 08, August 2015
broschiert
ISSN: 0026-0096

Autoren in dieser Ausgabe

Roland Reichenbach, Joachim Fischer, Jan-Werner Müller, Ute Sacksofsky, Christian Demand, Wolfgang Martynkewicz, Jakob Hessing, Stefan Kleie, Martin Sabrow, Achim Landwehr, Martin Burckhardt, Stephan Herczeg,


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