MERKUR

Heft 08 / August 2016

Heft 807: Schwerpunkt: China heute

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 Zitate aus dem Augustheft, Nr. 807

Selbst der flüchtige Besucher kann die Biotope von Subkulturen erkennen, die in jüngerer Vergangenheit gewachsen sind. Die Anlaufstellen neuer Lifestyle-Gemeinden reichen mittlerweile von alternativen Cafés bis hin zu Wirtschaftsclubs, von Bioläden zu Anlageberatern und von Montessori-Schulen zu deutschen Biergärten oder äthiopischen Restaurants. Hinzu kommt ein sichtbarer Grad an Internationalisierung, die mittlerweile viele Stadtviertel vor allem in den Metropolen prägt. Daneben tat sich jedoch auch eine soziale Schere auf. War man in den achtziger Jahren noch eine der egalitärsten Gesellschaften der Erde, ist die Kluft zwischen arm und reich in China mittlerweile größer als in anderen Teilen Ostasiens geworden.

Dominic Sachsenmaier, Chinas Metropolen im Wandel


Das Studium war eine intellektuelle Herausforderung und in überraschendem Maße frei von Zensur, wenngleich jede Kritik an der Kommunistischen Partei tabu war. Währenddessen musste sie weiterhin parallel zwei Stunden pro Woche Unterricht in patriotisch-politischer Bildung besuchen. Vormittags las sie, wie in der Studienordnung vorgeschrieben, Thomas Hobbes und Hans Morgenthau. Nachmittags schweifte sie mit ihren Gedanken ab, wenn ihr zum hundertsten Mal von Mao Zedongs Denken und Deng Xiaopings Theorie erzählt wurde.

Alec Ash, Die Einzelkinder: Fred


Die Bewohner des Wa-Staats haben sich durchweg pragmatisch verhalten. In einem Umfeld, das von Krieg und Gewalt geprägt war, haben es manche Wa verstanden, gezielt ihren Nutzen zu ziehen, sei es in ihrer Positionierung zwischen China und Burma, in ihrer Politik gegenüber der lokalen Opiumproduktion oder in ihrem Verhandeln mit chinesischen Geschäftsleuten. Die Hierarchien und Ungleichheiten in der lokalen Gesellschaft sind immens angewachsen. Aber es ist sicher nicht nur die Elite in der Partei, die sich pragmatisch verhält. Und eventuelle Gegensätze innerhalb der lokalen Gesellschaft stehen einer neuen Wa-Identität gegenüber, die eben diese Gegensätze akzeptabel macht.

Hans Steinmüller, Der Wa-Staat


Hinzu kam, dass das Scheitern der klassischen Entwicklungshilfe Anfang der siebziger Jahre kaum mehr ignoriert werden konnte. In einer begrenzten Welt schien das Modernisierungsdenken der Entwicklungsexperten, ja sogar das wachstumsbasierte westliche Zivilisationsmodell selbst fragwürdig. Und so kippte die Planungs-, die Fortschritts- und Industrialisierungseuphorie des vorangegangenen Jahrzehnts für viele Intellektuelle Westeuropas und der Vereinigten Staaten in ihr Gegenteil um, in eine Form der Selbstkritik. 

David Kuchenbuch, »Fernmoral«


Ein Gesetz des rein nationalen Rechts würde unter solchen Bedingungen niemals beschlossen werden. In Bezug auf Vertragswerke des internationalen Rechts ist der demokratische Legitimationsbedarf aber keineswegs niedriger. Im Gegenteil, denn die getroffene Festlegung reicht oft wesentlich weiter. Ein rein nationales Gesetz kann, wie auch ein rein unionales, im Prinzip jederzeit geändert werden, wenn die politischen Präferenzen sich ändern. Einmal eingegangene völkerrechtliche Bindungen wird man dagegen nicht nach Belieben wieder los.

Gertrude Lübbe-Wolff, Rechtskolumne. Geheimniskrämerei bei TTIP


Das angeblich vollständig durch private Spender finanzierte Ensemble besteht aus einem ausgesprochen ernst dreinblickenden russischen Elitesoldaten in voller Montur mit Patronentaschen und geschulterter Maschinenpistole, dem ein kleines Mädchen mit beiden Händen einen Blumenstrauß entgegenstreckt. Um die Stiefel des Soldaten streift, den Kopf in die Höhe gereckt, traulich ein struppiges Kätzchen. Auf den Pressefotos erinnern die monochromen Figuren trotz leichter Überlebensgröße inmitten der bunten, sie umringenden Menge aus örtlichen Politikern, russisch-orthodoxen Geistlichen, Veteranen, Kosaken und Schaulustigen an die aufwändig kostümierten »lebenden Statuen«, denen man in Touristenmetropolen begegnet.

Christian Demand, Memorialkolumne


Wenn das Einzelkind homosexuell ist, wird es sehr schwierig. W. zum Beispiel fand, nach unzähligen gescheiterten Verkupplungsversuchen durch seine Mutter, eine geniale Lösung und überredete eine Lesbe, die von ihrer eigenen Familie ebenfalls unter Druck gesetzt wurde, ihn zu heiraten. Aber als seine Mutter sie das erste Mal zu Gesicht bekam, brach der Plan in sich zusammen: »Sie ist nicht hübsch genug, meinen Enkel auszutragen!« W. war gezwungen, erneut auf die Suche zu gehen. Zum letzten Frühlingsfest hat er seiner Mutter einen langen Brief geschrieben (zehntausend Wörter), in dem er reinen Tisch macht – und ihr seine sexuelle Orientierung erklärt. Aber er hat ihn nicht abgeschickt. Er sagte mir, er habe Angst, dass sie erst ihn und dann sich selbst umbringen würde.

Außerdem hatte die Ein-Kind-Politik auch ihre guten Seiten, vor allem für Mädchen. Traditionell waren Frauen Haushaltshilfen, Gebärmaschinen oder Clankapital für Heirat und Handel. Frauen gingen nicht zur Schule und hatten den Spruch zu verinnerlichen, dass »eine Frau ohne Talent tugendhaft« sei. Analphabetismus war ihr rechtmäßiger Zustand: Sie sollten putzen, das Feld bestellen und vor allem einen männlichen Erben gebären. Sie durften nicht mit Männern an einem Tisch essen. Noch heute werden in vielen ländlichen Gebieten alle Ressourcen der Familie in den männlichen Erben investiert. Die Ein-Kind-Politik hat die Leute zur Überprüfung vieler Vorannahmen gezwungen, auch dazu, Mädchen wenigstens versuchsweise so zu behandeln, wie es sich bei einem Jungen von selbst verstand.

Sheng Yun, Kleine Kaiser


Es sind zwei völlig verschiedene Auffassungen von Literatur, die sich hier gegenüberstehen. Über dem Werk Joseph Roths liegt eine dunkle Melancholie: Seine großen Romane, Hiob und Radetzkymarsch, erzählen vom Untergang des Ostjudentums und der Habsburgermonarchie, sie sind sein Requiem für die beiden Welten, denen er entstammt. Stefan Zweig dagegen ist der Unterhaltungsschriftsteller par excellence.

Jakob Hessing, Zwei Welten von gestern


In O Cadoiro, Erín Moures Gedichtband von 2007, wird aus diesem mehrsprachigen Sprechen ein Meersprechen. Das Buch ist Dokument einer übers Wasser gehenden Liebesbeziehung zum Galizisch-Portugiesischen und dann zu einer Textsorte, die Sehnsucht, See und Über-Setzen vereint, nämlich der galizisch-portugiesischen Troubadourlyrik des 12./13. Jahrhunderts, den sogenannten cancioneiros.

Uljana Wolf, Translantische Tapisserien


Das Wichtigste an der Verfahrensordnung für das »diskursive Verfahren« Volkssouveränität sind deswegen die Regeln der Diskursbeendigung. Es muss gegen das romantische Demokratieverständnis – polemisch bei Schmitt, naiv bei Habermas – gelegentlich daran erinnert werden, dass es in der Politik nicht um Wahrheit geht, der man sich im zwanglosen Austausch der Argumente schrittweise nähern könnte. Hier besteht ja ohnehin immer die Gefahr, dass Deliberation zu Delaberation verkommt.

Philip Manow, Das Parlament, der Filibuster und die politische Romantik


Die Zeit wird von jedem Organismus anders wahrgenommen, eine Schildkröte spürt sie anders als eine Maus, der Gedanke leuchtet ein, ist fast schon zu offensichtlich. Ich akzeptiere ihn im Zwischenspeicher meines Bewusstseins, lasse ihn als Experiment auf meiner Großhirnrinde laufen. Der Zaunkönig erlebt also die Zeit in höherer Auflösung als ich. Fühlt sich eine menschliche Minute für ihn an wie eine Viertelstunde? Weniger? Mehr? Es würde immerhin erklären, warum er sich derart schnell durch seinen Lebensraum bewegen kann, ohne sich zu verletzen, durch dichtestes Gestrüpp mit Blättern und Dornen. Die hohe Auflösung der Zeit eröffnet dem Vogel den Raum.

Günter Hack, Zeit und Zaunkönig


Über Jahrzehnte hin verknipste Frau K. pro Tag mindestens einen kompletten 36er-Analogfilm. Als Motiv diente ihr alles, was ihr tagtäglich vor Augen kam: Menschen, Tiere, Wolken, Dinge, Essen, die aufgehängte Wäsche der Nachbarn und zunehmend auch Fernsehbilder. Es gab praktisch nichts, das sie nicht »wahnsinnig interessant« finden konnte, was sich zu einem guten Teil auf ihre durch kleinste Kleinigkeiten entflammbare Neugier zurückführen lässt, letztendlich aber rätselhaft bleiben muss. Die technische Qualität der Fotos spielte dabei so gut wie keine Rolle; es scheint Frau K. allein darum gegangen zu sein, sich mittels eines Fotoapparates ihrer Existenz zu versichern.

Harry Walter, Total Recall


MERKUR Jahrgang 70, Heft 807, Heft 08, August 2016
broschiert
ISSN: 0026-0096

Autoren in dieser Ausgabe

Dominic Sachsenmaier, Alec Ash, Hans Steinmüller, David Kuchenbuch, Gertrude Lübbe-Wolff, Christian Demand, Sheng Yun, Jakob Hessing, Erín Moure, Uljana Wolf, Philip Manow, Günter Hack, Harry Walter,


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