MERKUR

Heft 09/10 / September 2008

Neugier. Vom europäischen Denken

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Ausschnitte aus dem Doppelheft September/Oktober 2008, Nr. 712/713
Neugier. Vom europäischen Denken

Welchem Wunder ist es zu danken, dass sich die Welt so dramatisch zugunsten des Westens verändert hat? Woher bezieht Europa sein Wohlstandsprivileg? Es ist die Schicksalsfrage der Menschheit: Warum wurde die Menschheit gerade um das Jahr 1800 aus der Malthusianischen Falle befreit? Und warum hat sich die Wohlstandsrevolution nur in Europa ereignet? Neues Wissen allein ist dafür zwar eine notwendige, aber längst keine hinreichende Bedingung. Denn neues Wissen mag zwar seinem Erfinder zur intellektuellen Freude gereichen - solange es nicht fruchtbar wird, nützt es der übrigen Menschheit gar nichts. Das Wunder der plötzlichen europäischen Wachstumsgeschichte bleibt Deutungsaufgabe: Es geht gerade nicht nur um die Frage, wie das Neue in die Welt kommen konnte. Entscheidend für Wachstum und Wohlstand ist, wie es kommen konnte, dass das Neue einen fruchtbaren Nährboden fand. Keine Frage: Es sind die Ideen, die Wohlstand schaffen. Doch nicht alles, was eine Idee ist, ist auch von Relevanz. Häufig sind wir noch nicht einmal in der Lage, die mögliche Relevanz des Neuen zu erkennen. Schon die Römer wussten sehr viel über die optischen Eigenschaften des Glases - warum haben sie dann nicht die Brille erfunden? Wie konnte sich dagegen aus Newtons Gravitationsgesetzen die klassische Mechanik entwickeln, und wie konnte diese zur Grundlage der Sicherheitstechnik im modernen Automobilbau (und vielem mehr) werden? Offenbar müssen aus Erfindung und Entdeckung Innovationen werden, soll das Neue Wirkung entfalten. Ob Wissen fruchtbar werden kann, wird ganz entscheidend beeinflusst von den Chancen der Menschen, Teilhabe an diesem Wissen zu erwerben. Mit anderen Worten: Die wirtschaftliche Bedeutung relevanten Wissens ist abhängig von den Zugangskosten. Denn auch für das Wissen braucht es Märkte. Wo es für Wissen eine Nachfrage (und einen Preis) gibt, bilden sich Anreize für Wissensproduzenten, sich neue Ideen einfallen zu lassen. Solche Märkte können, wie alle Märkte, effizient oder weniger effizient sein. Sie können monopolistisch, oligopolistisch oder wettbewerblich organisiert sein. Das alles hat entscheidenden Einfluss auf die Zugangskosten, also die Preise, welche für die Partizipation an den Innovationen gezahlt werden müssen. Anbieter und Nachfrager beziehen daraus die Signale, ob weiteres Nachdenken, Forschen und Ideenproduzieren sich lohnen könnte. "Intellektuelle Unternehmer", die Produzenten solch neuen Wissens, werden ihre Ideen zu Markte tragen, um die Öffentlichkeit von deren Relevanz zu überzeugen. Es gibt die einen, die neue Ideen verkaufen, indem sie andere von deren Wahrheitsgehalt zu überzeugen suchen. Andere machen sich neue Ideen zu eigen , indem sie aus den vorhandenen intellektuellen Menüs das ihnen Gemäße und Nützliche auswählen. Kurzum: Die industrielle Revolution nach 1800 fiel nicht vom Himmel. Dass die Menschheit der Malthusianischen Falle entkommen konnte, ist auf explodierende Wissensmärkte vor 1800 zurückzuführen. Seit dem 15. Jahrhundert hatten sich dort nicht nur die Angebotsbedingungen - die Anreize zur Wissensproduktion - entscheidend verbessert, auch die Nachfrage nach relevantem Wissen nahm rapide zu, was an den dramatisch sinkenden Zugangskosten liegt. Der Wissenssprung der Menschheit ist eine Folge von Marktöffnung. Offene Märkte sind immer ein Segen für die Menschheit. Das zeigt sich nicht zuletzt an den Wissensmärkten in der europäischen Moderne. Besonderes Verdienst gebührt Francis Bacon (1561 bis 1626), der zum Propheten einer "industriellen Aufklärung" wurde, vertrat er doch die Auffassung, dass Wissen sozial und kollektiv organisiert und verteilt werden müsse und dass es dessen prometheischer Zweck sei, von der Gesellschaft zur Steigerung des Wohlstands angewandt zu werden.
Rainer Hank, Was weiß der Markt schon Neues?

Im Blick auf die Weltgeschichte fragt es sich, ob überhaupt irgendwo vor der europäischen Neuzeit das Neue, also das (in der Regel doch) Unerprobte, also Riskante als solches für gut und dem Alten überlegen angesehen werden konnte. Spricht nicht an sich das meiste für die Bewahrung dessen, was man kennt, was durch Erfahrung bekräftigt ist? Gewiß , man kann dies und jenes verbessern. Manches ist unpraktisch, und man sollte es ändern. Altes, Verbrauchtes muß auch immer wieder durch Junges, Neues ersetzt werden. Aber das sind Einzelheiten. Das führt noch nicht dazu, daß man in dubio gegen das Alte und für das Neue ist. Auch wenn eine ganze Ordnung aus den Fugen gerät, konnte man dann vor der europäischen Neuzeit so leicht dazu kommen, eine neue an ihre Stelle zu setzen? Liegt es nicht sehr viel näher, eine Wiederherstellung des Alten anzustreben, was allenfalls indirekt, da Wiederherstellung in politicis stets auch Veränderung ist, gewisse Neuerungen mit sich brächte? Konkret gesagt: Setzt nicht die Bevorzugung des Neuen, weil es neu, also angeblich gut ist, den Gedanken des Fortschritts voraus? Des Fortschritts zum immer Besseren? Und gibt es den vor der europäischen Neuzeit?
Christian Meier, Das Neue und die Grenzen der Polis

Wer nach den Neuerungen in der Spätantike fragt, steht vor einem gemischten Befund: Vieles verschwindet, vieles kommt hinzu. Kurzlebige Gebilde wie das Vandalenreich entstehen neben zukunftsträchtigen Formationen, so das Frankenreich. Neuheit wird mal positiv, mal negativ gewertet, kann Singuläres wie Periodisches bezeichnen. Neues Licht mit neuen Schatten erscheint, insbesondere das Christentum mit Nächstenliebe und Glaubenskrieg. Auf nahezu allen Lebensgebieten gibt es beschleunigt Veränderungen, die Jacob Burckhardt als Kennzeichen einer historischen Krise charakterisiert hat. Sie erklären, weshalb wir die spätrömische Zeit als Epochenschwelle von der Antike zum Mittelalter deuten. Verlust und Gewinn gehen Hand in Hand. Das lässt sich nicht kompensieren, nur konstatieren. So beklagt Burckhardt in seinen Weltgeschichtlichen Betrachtungen, " daß in der Völkerwanderung so unendlich vieles von den höchsten Errungenschaften des menschlichen Geistes unterging", aber begrüßt es, " daß die Welt dabei erfrischt wurde durch neuen gesunden Völkerstoff". Heute würde man das wohl anders formulieren, den Gedanken aber beibehalten. Denn gemeint ist die den damals entstehenden Völkern beschiedene Zukunft. Tatsächlich war die welthistorisch bedeutsamste Veränderung in der Spätantike die Entstehung der Völker Europas, innerhalb wie außerhalb des Imperium Romanum . Darauf verwies ebenso Theodor Mommsen am Schluss seiner Berliner Vorlesung über die Römische Kaisergeschichte am 15. August 1886: Griechentum und Römertum gingen zwar "unter, aber neues Leben sproß aus den Ruinen. Die lateinische Rasse, das Römertum mit Germanentum durchsetzt, erschien. Gewandelt, aufgelöst bestand das Römertum so fort und aus dem alten Stamm sproßten in glücklicherer Zeit frische Blüten".
Alexander Demandt , Neuerungen in der Spätantike

Es gab einmal eine Zeit, da die Neugier in nicht wenigen Bereichen des Lebens als ein Laster galt. Heute gilt sie in vielen Bereichen als Tugend. Doch solche einfachen Geschichten - vom Mythos zum Logos, von einem Laster zu einer Tugend oder umgekehrt - sind bekanntlich trügerisch. Sie sind es nicht allein, weil sich derlei historische Verschiebungen stets weit komplexer vollziehen, sie sind es auch, weil die sachlichen Grenzen zwischen Tugenden und Lastern (wie die zwischen Mythos und Logos) erheblich diffuser sind, als es in short stories dieser Art sichtbar werden kann. Zumal das Verhältnis von Tugenden und Lastern ist notorisch verwickelt. Denn anders als in der Logik lauert hier in der Bivalenz von Anfang an die Ambivalenz. Diese betrifft die tatsächlichen oder vermeintlichen Primär-, Sekundär-, und Tertiärtugenden gleichermaßen. Diese extreme Behauptung muss ich hier freilich auf sich beruhen lassen. Sie soll aber andeuten, dass es alles andere als einen Zufall, sondern vielmehr einen exemplarischen Befund darstellt, dass die Neugier, als Tugend betrachtet, nicht in jeder Hinsicht unverdächtig, und als Laster gesehen, nicht in jeder Hinsicht verdächtig ist. Wer irgendeine Tugend verstehen will, muss nicht allein ihre prekäre Stellung zu anderen Tugenden, sondern ebenso ihre heikle Abgrenzung zum Laster begreifen. Im zehnten Buch seiner Confessiones geißelt Augustinus die " curiositas " in doppelter Hinsicht als das Laster einer gottvergessenen und darin ignoranten Aufmerksamkeit für die irdischen Angelegenheiten. Sie erscheint zumeinen als eine andachtsferne Lust am Angenehmen und Schönen, zum anderen als eine betäubende Lust "zu erfahren und zu erkennen" (" libido experiendi noscendique "). "Neugier" im heutigen Verständnis leitet sich wesentlich von dieser zweiten Bedeutung her. Sie ist nicht primär eine Begierde zu schauen, sondern primär eine Begierde zu wissen. Zwar lebt auch die erste Bedeutung weiter, etwa wenn jemand sagt, er sei neugierig auf St. Petersburg oder die Everglades, aber selbst in solchen Wendungen spielt meist das Verlangen nach einer Erweiterung der Weltkenntnis, nach Erfahrung und Bildung hinein. Neugier, in unseren Tagen, ist eine Affäre mit dem Wissen: ein Verlangen nach Neuem, das sich, sobald es bekannt wird, schon wieder in Altes verwandelt; ein Verlangen nach Kenntnissen, das sich mit keinem Zustand der Erkenntnis abzufinden vermag.
Martin Seel , Neugier als Laster und als Tugend

Als ich 1986 zu einem längeren Feldforschungsaufenthalt in eine traditionelle Dorfgemeinschaft im Osten der indonesischen Insel Flores aufbrach, hatte das Computerzeitalter gerade begonnen, auch in unserem Alltag Einzug zu halten. Laptop und Videorecorder sollten zwar erst Jahre später zur Standardausrüstung des Ethnographen gehören, doch hatte mir ein Freund einen kleinen batteriebetriebenen Schachcomputer mitgegeben, damit ich mir an den vermutlich allzu langweiligen Abenden die Zeit vertreiben konnte. Das im Vergleich zu den Möglichkeiten heutiger Computer mehr als simple Gerät faszinierte mich. Wie es funktionierte und wie es meinem elektronischen Gegner immer wieder gelang, mich so schnell mattzusetzen, war und ist mir im Übrigen auch heute noch ein Rätsel. In dem Haus, das uns katholische Missionare zur Verfügung gestellt hatten, packte ich es anfangs nur aus, wenn keiner der Einheimischen zugegen war. Ich hatte schlichtweg Angst, dass mich diese offensichtliche Hexerei bei den Dorfbewohnern, deren Alltag von zahllosen Ritualen begleitet war, die der Verehrung ihrer Ahnen, der Abwehr böser Geister und der Austreibung von Krankheiten dienten und die moderne Techniken nur vom Hörensagen kannten, in Verruf bringen könnte. Als ich dann doch einmal den Versuch wagte, mein Spielgerät einigen Bewohnern des Dorfes vorzuführen, war meine Enttäuschung groß. Dass der Computer meine Züge so glänzend parierte und dass er offensichtlich selbständig zu denken und zu handeln verstand, verblüffte sie entschieden weniger als mich. Die elektronische Revolution hat selbsttätige Maschinerien hervorgebracht, deren Funktionsmechanismen nur noch Spezialisten verstehen. Vor allem in ihrer Anfangsphase hat sie bei uns eine Wiederkehr magischer Vorstellungen und Praktiken bewirkt. Inzwischen haben wir uns an unsere neuen elektronischen Lebenspartner gewöhnt. Sie sind uns selbstverständlicher geworden. Angehörige einer Kultur, für die die Belebtheit und Selbsttätigkeit der Dinge nie in Frage stand, stellt der Umgang mit den neuesten Erzeugnissen der Technik vor geringere Probleme. Sie erwecken ihre Neugier kaum, weil sie sich problemlos in das überkommene Weltbild einfügen lassen. In diesem Fall kam ein weiterer Umstand hinzu. In einer bäuerlichen Subsistenzgesellschaft , deren Mitglieder den ganzen Tag gemeinsam auf dem Feld verbringen und ihr abendliches Vergnügen in Geselligkeiten finden, konnte man mit einem solchen Spielgerät nichts anfangen. Es diente keinem praktischen Zweck. Da interessierten sie sich schon weit mehr für die Kerosin- und Taschenlampen, die wasserdichten Aluminiumboxen, die Messer und vor allem die kleine Stahlaxt, die wir ebenfalls mitgebracht hatten: Dinge, deren Gebrauchswert auf der Hand lag.
Karl-Heinz Kohl, Erstbegegnungen

Dass das Neue nur um den Preis des Verlusts des Alten zu haben ist, hat Hermann Bahr 1900 in seinem Artikel Japanische Ausstellung unmissverständlich formuliert: "Jedes neue Mittel, das eine Zeit in der Kunst erwirbt, wird später einmal zum Hindernis, indem es auf keiner Stufe erlaubt ist, Alles zugleich zu besitzen, und sich jeder Gewinn von Neuem mit einem Verlust von Altem bezahlt macht." Schöpferische Zerstörung scheint also auch in der Kunst der Königsweg zum Neuen zu sein. Wie aber, wenn es doch erlaubt (und möglich) wäre, "Alles zugleich zu besitzen" und der Gewinn von Neuem nicht um den Preis des Verlusts von Altem erkauft werden müsste? Von unserem heutigen Kenntnisstand aus gesehen ist es paradox, dass Bahr seine Regel ausgerechnet anlässlich der japanischen Kunst formuliert, denn die japanische Kunst, die japanische Kultur insgesamt zeichnet sich eben dadurch aus, dass sie die - in der Regel friedliche - Koexistenz des Alten und des Neuen ermöglicht, ja ihr sogar förderlich ist.
Siegfried Kohlhammer, Das Alte und das Neue in der japanischen Kultur

Dass alles Neue alt sei, ist ein biblischer Topos. Der antike Redakteur salomonischer Sentenzen hat dem Gemeinplatz, es gebe nichts Neues unter der Sonne, eine Gestalt gegeben, die Jahrtausende überdauert hat. Wie um die Wahrheit der Weisheit zu bestätigen, wird die Formel durch alle Zeitalter hindurch immer wieder und wieder zitiert. Nietzsches Zarathustra lehrt, dass "alle Dinge ewig wiederkehren" und alles daher schon "ewige Male" dagewesen sei, und die Anhänger des Posthistoire haben sie vielfältig variiert. Jede Entwicklung sei bereits abgewickelt, schreibt Arnold Gehlen 1960, und was nun noch komme, sei bereits vorhanden. Auch dieser Sentenz ist eine lange Laufbahn beschieden. Die diesen Topoi immanente zyklische Zeitauffassung bekommt einen unübersehbaren konservativen Touch, wenn sie in den Gegensatz zu einem linearen Modell gerät, das Fortschritt zu denken gestattet. Während im zyklischen Modell "aller Wechsel der Dinge" niemals etwas "Neues unter der Sonne hervorlockte" und es auch schlechthin undenkbar war, "etwas prinzipiell anderes in die politische Welt einzuführen", wie Reinhart Koselleck ausführt, gehört zur linearen Form der Zeit die Eigenschaft einer Zukunft, die unabwendbar Neues mit sich bringt. Dieses Neue kann nicht als bloße Variante des Schon-Gewesenen verstanden werden. Die Zukunft jeder Gegenwart kehrt also nicht aus der Vergangenheit wieder. Sie ist prinzipiell offen für das Noch-nie-so-Gewesene , für Neues. Dies schließt teleologische Geschichtsmodelle aus, denn sie arbeiten zwar mit linearer Zeit, doch ist die Zukunft keineswegs offen, sondern bekannt. Das Ziel aller Entwicklung hat sich (einigen Weisen, Avantgardisten, Führern) offenbart, und was immer sich ereignet, kann den Weg dorthin nur bremsen oder beschleunigen. Dass man sich des Eintretens der Zukunft in die Gegenwart gewiss sein kann, weil die Vergangenheit mit ihr kausal verknüpft ist, gehört typisch zu der philosophischen Tradition des deutschen Idealismus und seiner marxistischen Erben bis zum späten 20. Jahrhundert, und auch die konservative politische Theologie ging von der Überzeugung aus, dass der vorherbestimmte Gang der Geschichte allenfalls aufzuhalten war, etwa durch Carl Schmitts Katechon . Dass "eine neue Zeit" heraufziehe, gehört zum Pathos aller linken oder rechten, religiösen oder atheistischen, völkischen oder kommunistischen Bewegungen, denen der Glaube gemeinsam war, über den Geschichtsverlauf von der Vergangenheit in die Zukunft und daher auch über die Gestalt des Neuen genau im Bilde zu sein. Das Neue ist in diesen teleologischen Modellen nur eine Projektion des Alten. Diese Zeitsemantiken sind aus der Sicht Niklas Luhmanns heute Geschichte. Seine Soziologie hat er mit einem einfachen Argument auf eine andere Grundlage gestellt: "Halten wir fest, daß alles, was geschieht, gleichzeitig geschieht. Das heißt auch: alles, was geschieht, geschieht zum ersten und zum letzten Mal". Dies schließt die Möglichkeit eines kausalen Zugriffs eines Systems auf seine gleichzeitig gegebene Umwelt aus. Und wenn alles, was passiert, zum ersten und letzen Mal so passiert, dann wiederholt sich nichts, und die Vorstellung eines "linearen Kontinuums" zerbricht. Ein Beobachter mag noch zwischen vorher und nachher unterscheiden und den Übergang von einem Zustand zum anderen als kausal, als Wunder, als Sprung oder sonstwie beschreiben, doch sind die Beobachtungen abhängig von den kontingenten historischen und kulturellen Bedingungen ihrer Möglichkeit, also von Gesellschaft, nicht von Natur oder Gott. Ob ein Beobachter etwas Neues ausmacht in dem Ereignis, das er beobachtet, hängt also vor allem davon ab, welche Zeitmodelle in Anschlag gebracht werden.
Christina Bartz / Niels Werber, Zyklik

Art und Grad, Umfang und Ausmaß, Intensität und Extensität der Neugier entscheiden über das Verhältnis von Tradition und Modernität. Das war schon zu Beginn der Moderne so, das gilt auch Anfang des 21. Jahrhunderts. Die entgrenzte Neugierde scheint modern zu sein. Wenn also Tradition und Moderne als Gegensätze gefasst werden, wie das meist geschieht, dann müsste man die Tradition als "altgierig" bezeichnen. Gut ist, was bewährt, überliefert und vertraut ist: Altgierde ist gut - so will es die Tradition in konservierender Absicht. Die Moderne markiert dagegen eine Umwertung: Das Neue gilt als gut, weil anders, fremd und zum Staunen veranlassend; das Alte ist schlecht, weil veraltet, verbraucht und langweilig. Die Tradition leidet an Neophobie, die Moderne huldigt der Neophilie . Friedrich Rückert wusste: "Die Neubegierde spielt, die Wißbegierde zielt / die Wißbegierde schaut, die Neubegierde schielt." Spielen und Schielen einerseits, Zielen und Schauen andererseits trennen Neu- von Wissbegierde. Was wir bei Kindern gutheißen, die Neugier als Triebfeder des Lernens und der Erfahrung, das fürchten wir im zwischenmenschlichen Verkehr unter Erwachsenen. Die Engländer unterscheiden daher auch " curiosity " von " inquisitiveness ", um das Inquisitorische der Attacke auf die Intimitätsreserve des Anderen auszuzeichnen. Diese Neugierde mutiert im Alltag zum distanzlosen Klatsch mit zweifacher Wirkung: "Für die Teilnehmer selbst ist Klatsch unterhaltend und, sofern er ihre Neugierde stillt, befriedigend. Auf die Opfer dagegen übt Klatsch eine bedrohliche Wirkung aus. Sie ängstigen sich vor dem Gerede der anderen Leute." Kein Wunder also, dass fast alle Benimm- und Anstandsbücher vor dieser Art schamloser zwischenmenschlicher Neugierde warnen, weil es ihr an Anstand, Takt, Diskretion, Feingefühl und Vornehmheit gebricht. Auch die Berufswelt heute fordert zwar unermüdlich die "soft skills " wie kommunikative Kompetenz, Extrovertiertheit und alle anderen Eigenschaften, die für die reibungslose zwischenmenschliche Interaktion im Geschäftsverkehr notwendig sind. Neugierige Mitarbeiter machen sich indes rasch unbeliebt, weil man ihnen neben Klatschsucht auch den Hang zur Intrige zutraut. Exzessive Neugier in diesem Sinne vergiftet den Vorschuss an Vertrauen im Alltag, ohne den kein " business " funktioniert. Was ethisch perhorresziert wird, kann dennoch faktisch florieren, gerade weil es verpönt, aber lustvoll zu sein scheint. Auch diese profane alltagsweltliche Neugier ist heute mehr denn je entfesselt. Das gilt für die Angebots- wie die Nachfrageseite: Selten war die "Tyrannei der Intimität" (Richard Sennett ) so verbreitet wie heute, wenn man die narzisstische Selbst- und Fremdbespiegelung in Internetformaten wie Facebook , YouTube oder StudiVZ betrachtet, von der Boulevardpresse ganz zu schweigen, mit ihrer Neugier, am Lebensstil der Prominenten voyeuristisch teilzuhaben. Auf der Nachfrageseite sticht die ungezügelte Neugier bei Unternehmen und Staat ins Auge, Mitarbeiter, Konsumenten und Bürger "auszuwittern", wie Kant das genannt hat. Während das Spielen und Schielen Verdacht erregt, fällt der Strahl ethischer Billigung ungebrochen auf das Zielen und Schauen: die Wissbegierde. Dieser heilige "Wille zum Wissen" scheint in der Moderne vollends entfesselt worden zu sein. Insofern ist Goethes Faust, dieses monströse Erkenntnistier, eine durch und durch moderne, wenn auch ambivalente Figur. Vielleicht hilft ein etwas ungewöhnliches, weil abstraktes Konstrukt, diesen Umbau von Tradition auf Modernität und die Entgrenzung der Neugier als "Wille zum Wissen" zu veranschaulichen. Georges Dumézil und Georges Duby haben das trianguläre Schema für den indogermanischen Sprachraum entwickelt, um Sozialstruktur und Bau traditionaler Gesellschaften in Europa zu erklären. Sie unterscheiden drei Funktionen, welche die drei Stände wahrnehmen: das Beten übernehmen die " oratores ", das Kämpfen besorgen die " bellatores ", und für das Arbeiten sind die " laboratores " zuständig. Die damit verknüpften Institutionen der Religion und Kirche, der Politik und Regierung, der Wirtschaft und Gesellschaft bringen drei Typen von Wissen als Ausdrucksformen ihrer funktions- und institutionenspezifischen Gewissheit hervor: Heilswissen, Herrschaftswissen und Leistungswissen. Der Bau der traditionalen Gesellschaften beruht nun auf einer großen Koalition von Religion und Politik, von " oratores " und " bellatores ", um Wirtschaft und Gesellschaft, die " laboratores ", zu beherrschen. Diese einfache hierarchische Konstellation verschiebt sich in folgenreicher Weise in der Moderne. Denn jetzt dominiert eine große Koalition aus Politik und Wirtschaft, die sich aus der Gesellschaft ausdifferenziert, währenddessen die Religion bei aller zunächst noch traditionellen Wertschätzung für Heilsziele "entzaubert" wird, wie Max Weber das nennt, und ihre unangefochtene Herrschaftsposition einbüßt.
Hans-Peter Müller, Über das Verhältnis von Tradition und Modernität

Ein Legitimationsproblem der Bundesrepublik lag in der schwer fixierbaren Verheißung des Neuen. Es war völlig unklar, auf welcher moralischen Grundlage das politische und soziale Leben neu geordnet werden sollte, denn das monströse Ausmaß der nationalsozialistischen Verbrechen hatte jede Traditionsgewissheit erschüttert. Das Kriegsende setzte sogleich geistige Besinnungs- und Orientierungsprozesse in Gang, in denen um die historische Deutung der "deutschen Katastrophe" gerungen wurde. Eine vorher emphatisch auf Unterscheidung vom Westen beharrende Ideologie des deutschen Weges wandelte sich nun zur Interpretation eines verhängnisvollen deutschen Irrwegs in der Moderne. Der Nationalsozialismus versperrte den Weg für einen unvermittelten Rückgriff auf deutsche Denktraditionen, standen diese doch von Fichte bis Nietzsche, von Hegel bis Max Weber im Verdacht, den antiliberalen Zeitgeist mitgeprägt zu haben, der Hitlers Weg an die Staatsspitze ermöglichte. Es herrschte also gleichzeitig das Bedürfnis nach einer umfassenden Inventur von geistigen Traditionsbeständen und nach Neuorientierung. Weder sollte eine neue politische Kultur als Oktroi der Westalliierten empfunden werden, noch konnte man allein der Kraft eines reflexiven Rückgriffs auf Stränge einer eigenen liberalen, aber stets problematischen politischen Ideengeschichte vertrauen. Vor allem brachte es die mit 1933 offenbar gewordene Anfälligkeit weiter Teile des Bürgertums und seiner Intellektuellen mit sich, dass kaum glaubwürdiges Personal für die anspruchsvolle Aufgabe eines solchen Umwertungsvorgangs verfügbar war. Nicht zuletzt deshalb machte der wie auch immer geartete Neuanfang eine umfassende Gewissensprüfung erforderlich; das Neue konnte nicht einfach postuliert oder herbeigeschrieben werden, ohne dass der betreffende Autor den überzeugenden Beweis seiner Integrität, Aufrichtigkeit oder gegebenenfalls seiner Läuterung lieferte. Die Rede von der "Stunde Null" artikuliert diese Sehnsucht nach Neubeginn in ganz offensichtlicher Weise - und beschreibt gleichzeitig einen Tiefpunkt, von dem aus es nur noch aufwärts gehen kann. Der mit dieser Wendung implizierte Neustart verlangt die radikale Abwendung von der unmittelbaren Vergangenheit, die Trennung von einer bisherigen Erfahrungswelt, die ihre Gültigkeit verwirkt hat. Doch wie weit sollte sich das Verdikt über die deutsche Geschichte erstrecken? Schon bald unterstellten die schärfsten Kritiker dem jungen Staat restaurative Tendenzen. Heute assoziieren wir damit die alsbald erfolgte Wiedereingliederung einer nationalsozialistisch belasteten Führungsschicht in Wirtschaft und Politik.
Jens Hacke, Im Sattel der Moderne

Während klassische Maschinen gerade das Reich des Physischen bearbeiten, nehmen die neuen ihm etwas von seinem Gewicht. Was man mit ihnen tun kann, verwirklicht sich nicht immer gleich in drei Dimensionen, und so scheinen sie noch die ewige, gebieterische Ordnung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft aufzuheben. " Delete ", das ist vielleicht die schönste ihrer Möglichkeiten. Die Universalmaschine Computer setzt das Ideal der Multifunktionalität in reiner, berückend geschmeidiger Weise um. Mit dem Computer ist die Maxime des Gebrauchs nicht mehr die richtige Bedienung der Knöpfe für einige wenige Abläufe, sondern die Auswahl zwischen unendlich vielen Angeboten. Es haben sich ganz neue Kulturtechniken der Apparatenutzung entwickelt, was sich unter anderem daran beobachten lässt, wie ein Gerät in Betrieb genommen wird. Wer noch aus dem Zeitalter vor dem Computer stammt, studiert Gebrauchsanweisungen, geht Schritt für Schritt vor, versucht Fehler zu vermeiden. Digital Sozialisierte dagegen arbeiten eher nach dem Prinzip " trial and error ". Wo sich eine Operation als untauglich erweist, wird sie rückgängig gemacht, hässliche Spuren hinterlässt dieser Vorgang selten, beschädigt, verbogen, verkratzt wird nichts. Natürlich ist die digitale Universalmaschine auch ein Arbeitsgerät, aber, und darauf kommt es hier an: diese Funktion ist eben nur eine unter sehr vielen. Die Maschine passt sich Arbeit und Freizeit an, manchmal muss man, häufiger noch kann man sie benutzen. Der Gebrauch, der zur Auswahl geworden ist, tritt als Spiel auf, als Aktion und Reaktion im Rahmen eines klar definierten Als-ob-Geschehens mit eigenen Regeln, eigenen Identitäten, eigenen Zielen. Das muss nicht sofort kulturpessimistische Reflexe auslösen - Unernst, Infantilisierung , Spaßfixierung -, denn seit Friedrich Schiller steht ebenso die idealistische Interpretation zur Verfügung, dass der Mensch nur da ganz Mensch sei, wo er spielt. Das Spiel ist für Schiller das Gebiet der Freiheit und wird als Paradigma ästhetischer Erfahrung genommen. Folgerichtig also, wenn der Computer, der große Spielapparat, auch als Kunstmaschine zum Einsatz kommt.
Beate Meierfrankenfeld, Mensch und Maschine im digitalen Zeitalter

Wovon sprechen wir, wenn wir vom Neuen sprechen? Im Jahr 2008 ist es einfach dies: Man lege Daumen und Zeigefinger zusammen und bewege sie langsam auseinander. Diese Geste erzählt Bände. Nein, keine Angst, es geht in diesem Text zwar um Mobiltelefone, aber nicht um UMTS und GPS und Digitalgedöns als Stammtischthema des Datenproletariats. "Dass es mit der Kunst des Erzählens zu Ende geht", schrieb Walter Benjamin. Diese Hypothese soll hier überprüft werden. Lassen Sie uns, lieber Leser, gemeinsam über einen ganz besonderen Markt bummeln. Der Mobilfunkmarkt gilt als die innovativste Branche der Welt. Das Mekka der Mobilfunkbranche aber ist Barcelona, genauer: der Mobile World Congress, die wichtigste Handymesse der Welt. Jeden Februar findet hier ein Jahrmarkt der Zukunftssehnsucht statt, ein Basar des Übermorgen. Lassen Sie uns herumstöbern: Was ist das Neue? Woher kommt es? Wohin geht es? Auf in die erste Halle. Viele Aussteller auf der Handymesse hassen dieses Zeichen. Das Zeichen steht für Einfachheit, für Intuition, für das Neue, für die Zukunft. Nehmen Sie also ein beliebiges Handy in die linke Hand. Mit der Rechten Hand machen Sie das Zeichen: Daumen und Zeigefinger zusammen auf den Bildschirmlegen, dann langsam auseinanderziehen . Nichts passiert, weil das Gerät keinen berührungsempfindlichen Bildschirm hat, sondern auf eine Tastatureingabe wartet. Also noch einmal die Geste. Nichts. "Nein, das ist nicht wie beim iPhone ", ist dann der entnervte Refrain der armen Hostessen am Ausstellerstand. "Das ist kein iPhone , aber dafür kann dies Handy" - und es folgt eine Litanei aus Kürzeln wie UMTS, HSDPA, DVB-T, GPS ... Das iPhone ist der Inbegriff des Neuen, seit es im Januar 2007 von Steve Jobs, dem charismatischen Gründer der Firma Apple, vorgestellt wurde. Das iPhone ist ein Handschmeichler, dessen Vorderseite nicht von Tasten und Schaltern und Antennenstummeln verunziert wird, sondern ein flächendeckendes Display aus Glas bietet, fast wie eine abstrakte Skulptur. "Love at first touch ", verspricht die Werbung. Das Apple-Telefon verheißt dabei nicht nur Sinnlichkeit und Einfachheit, sondern auch Universalität: "Mobiles Surfen in seiner schönsten und einfachsten Form". Vor allem aber hat das Gerät eine derartig intuitive Menüführung, dass Sie fast meinen, das Gerät erahne Ihre innersten Wünsche. Neigen Sie zum Beispiel das iPhone zur Seite, kippen automatisch die Bilder mit, denn es verfügt über einen Neigungssensor. Und dann die Gestenerkennung: Einfach ein Foto oder eine Internetseite aufrufen, Daumen und Zeigefinger auf dem berührungsempfindlichen Bildschirm zusammenlegen, sie sanft auseinanderbewegen , schon wird das jeweilige Bild vergrößert. Eine vollendete Technik ist ununterscheidbar von Magie, hat der Autor Arthur Clarke einst sinngemäß gesagt. Jesusphone , so wird das iPhone bisweilen spöttisch genannt, weil es Erlösung verspricht von vielen Zumutungen der Handywelt, von frickeligen Menüs, von knauserigen Minibildschirmen, von garstigen Plastikgehäusen. Und nun das erste Paradox: Das Jesusphone ist im Februar 2008 rein technisch weit abgeschlagen von der Konkurrenz. Es kann all die Kürzel nicht, mit denen die Wettbewerber auftrumpfen, es kann kein UMTS, kein DVB-T, kein GPS, kein Flash. Das iPhone ist nicht besonders innovativ im technischen Sinne. Und dennoch lässt es all die anderen Neuigkeiten ringsum alt aussehen.
Hilmar Schmundt , Vorsprung durch Erzähltechnik

MERKUR Heft 712/713, Heft 09/10, September 2008
broschiert mit Schutzumschlag
ISSN: 0026-0096

Autoren in dieser Ausgabe

Volker Gerhardt, Norbert Bolz, Rainer Hank, Jörg Lau, Christian Meier, Jürgen Paul Schwindt, Alexander Demandt, Enno Rudolph, Martin Seel, Friedrich Pohlmann, Helga Nowotny, Karl-Heinz Kohl, Siegfried Kohlhammer, Paul Michael Lützeler, Hans Ulrich Gumbrecht, Niels Werber, Christina Bartz, Karsten Fischer, Hans-Peter Müller, Jens Hacke, Thomas Speckmann, Jason Potts, Beate Meierfrankenfeld, Hilmar Schmundt, Ralf Bönt, Michael Rutschky,


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