MERKUR

Heft 09 / September 2014

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Zitate aus dem Septemberheft 2014, Nr. 784

Wenn man von Geheimdienstkontrolle spricht und vom Schutz der Bürgerrechte, dann reicht es nicht, in den abhörsicheren Räumen des Parlamentarischen Kontrollgremiums oder im NSA-Untersuchungsausschuss nach Geheimdienstskandalen zu suchen. Vielmehr müssen sich die Parlamentarier selbst der Kritik stellen und sich die Frage gefallen lassen, ob sie in der bisherigen deutschen Geheimdienstpolitik und damit zusammenhängend im gesamten Bereich der elektronischen Kommunikation den richtigen Kurs eingeschlagen haben. Das ist offensichtlich nicht der Fall, wie die vom Bundesrechnungshof monierten Defizite bei der Cyber-Abwehr zeigen.
Wolfgang Krieger, Das Parlament und die Geheimdienste

Denn die neue deutsche Lust an Legitimationsfragen ist die Kehrseite des Unbehagens an der Transformation des Verfassungsstaats. Die Inter- und Supranationalisierung politischer Herrschaft, der Aufstieg neuer Mächte, kurz: die Zerfaserung des Verfassungsstaats machen die Rechtfertigung politischer Macht aufs Neue tiefgreifend problematisch. Postdemokratie, Pluralisierung, Neofeudalismus oder Hegemonie sind die Stichworte einer vielfach beschworenen »neuen« Legitimationskrise, Entfremdungsgefühle beim Eintritt in neue, großräumigere Formen der politischen Aufgabenerfüllung ihr Motor.
Florian Meinel, Die Legalisierung der Legitimation

Suhrkamps Ikonoklasmus war dem Glauben an die Macht der Theorie geschuldet; das Ergebnis wirkt aus heutiger Sicht so nüchtern wie eine protestantische Kirche. Was bleibt, ist der Eindruck intellektueller Strenge, die ans Frugale grenzt. In der grauen Literatur aus der Blütezeit des Neomarxismus erreichte diese Haltung ihren Höhepunkt. Im Schrifttum von Achtundsechzig firmierten Bilder als Medien des schönen Scheins. Irgendwo auf der Strecke zwischen damals und heute muss sich ein Paradigmenwechsel ereignet haben.
Philipp Felsch, Kritik der Bleiwüste

Erst nachdem ich Ernst Robert Curtius gelesen und Aby Warburg entdeckt hatte, begann mein wirklicher und dauerhafter Auszug aus dem Kosmos der Suhrkamp-Kultur. Damit endeten aber auch für längere Zeit meine regelmäßigen Ausflüge nach Paris und es begannen die nach London. Der Strukturalismus als Denkweise sollte mir nie mehr abhandenkommen; tatsächlich ließ er sich zwanglos mit der Ikonografie verbinden. Aber mit Warburg kamen neue Welten in Sicht, die ich weder in Frankfurt noch in Paris kennengelernt hatte, die Antike und das Eigenleben der Bilder.
Ulrich Raulff, Die Orange

Verzicht würde dann zu dem paradoxen Ergebnis führen, dass eine Volkswirtschaft, die sich Verzicht leisten will, nicht nur hochproduktiv sein muss, sondern auch die asymmetrischen sozialen Folgen einer Subventionierung von Angebot und Teilen der Nachfrage klaglos zu tragen bereit ist. Für wenig entwickelte Volkswirtschaften kommt Verzicht daher einfach deshalb nicht in Frage, weil sie ihn sich nicht leisten können. Und für hochentwickelte Volkswirtschaften wird mit Verzicht die Zuchtrute der Produktivitätssteigerung in den Nichtverzichtsbereichen der Wirtschaft umso härter. Das ist ein riskantes Spiel.
Werner Plumpe, Ökonomiekolumne. Wachstum

Den Wachstumsraten der Gegenwartsbilder, bedingt allein schon durch die anhaltende Verbreitung kamerafähiger Gadgets (smarte Telefone, Uhren, Brillen, Windjacken, Kühlschränke) und neuer Alltagspraktiken bildbasierter Kommunikation (vom Selfie zum Sexting), entspricht dabei die kontinuierliche Digitalisierung filmischer Archivbestände. Wo früher Kopien restauriert und aufbewahrt wurden, entstehen heute Web-Editionen und Streaming-Kataloge. Auch die zirkulierenden Geschichtsbilder nehmen also zu. Der Medienwandel hat zu anschwellenden Archivströmen geführt, die immer mehr Gegenwartsansichten aufnehmen und zugleich bildhistorische Vorräte erschließen.
Simon Rothöhler, Filmkolumne. Desktop-Arbeit

Die durchaus reichhaltigen Berichte zur römischen Frühzeit sind nichts als Treibsand. Die frühesten römischen Geschichtsschreiber verfassten ihre Werke acht Generationen nach dem Zwölftafelgesetz; zudem sind ihre Werke allesamt verloren, und man muss darauf bauen, diese in noch späteren, erhaltenen Schriften irgendwie aufgehoben zu finden. Außerdem liegt gerade in den Erzählungen zur Gründung Roms ihr sagenhafter Charakter offen zutage.
Uwe Walter, Sieben Könige in der Siebenhügelstadt?

Und man muss nach der Lektüre von Evelyn Barishs Biografie davon ausgehen, dass Paul de Man im Spiegel jemand anderen sah als den, den seine Freunde und Bewunderer in ihm erkannten. Wen oder was er da sah, bleibt im Wortsinn Spekulation: den Soziopathen, den Opportunisten und Nazikollaborateur, den Bigamisten, den vielfachen Lügner und Hochstapler, den Betrüger und Urkundenfälscher?
Ekkehard Knörer, Paul de Man: Leben und Nachleben

Wie oft sich die interessanten Denker als Monster erweisen. Heidegger war ein Nazi. Schmitt war ein Nazi. De Man war ein Kollaborateur, ein Dieb, ein Lügner und – das hat noch gefehlt – ein Bigamist. Oder, ein Fall anderer Art: Althusser erwürgte seine Frau und war auch an guten Tagen wohl nicht sehr freundlich zu ihr.
McKenzie Wark, Vergesst die Meisterdenker

... und jetzt sind sie alle weg: die Krimiautoren, die Pärchen, die Rentner. Nur noch ein paar vereinzelte Gestalten sitzen da und sehen nach Süden, dahin, wo sie eine Wintersonne vermuten. Wir ahnen: Ein letztes Mal vor der Abreise. Wir ahnen: Kurz vor Sonnenuntergang stehen sie dann alle auf, um zu fotografieren und verstellen sich dabei gegenseitig die Sicht.
Kathrin Röggla, Geografie überall

Was die Pythons antrieb, war eine eher propere Mittelschichtversion desselben Geistes, der die Sex Pistols oder The Who beseelte. Das waren unübersehbar britische Jungs, mit derselben zerstörerischen Unverschämtheit, der angeborenen Respektlosigkeit und dem ständigen Drang zur Verarschung – der Unterschied liegt im relativ komfortablen Hintergrund der Pythons. Deshalb war ihre Haltung gegenüber einem britischen Establishment, für das sie gleichfalls null Respekt hatten, nicht frustrierte, nihilistische Gewalt, sondern verächtliches Lachen.
Taylor Parkes, Ein wirklich feiner Sarg. Das O2-Fiasko von Monty Pythons

Das ist übrigens keine Spekulation, sondern es lässt sich experimentell nachweisen: Die generische Interpretation von Maskulina dauert länger als die wörtliche, weil Versuchspersonen eben zunächst an Männer denken und erst dann, wenn der Zusammenhang es nahelegt, vom Geschlecht weg abstrahieren. Dass es immer nur Maskulina sind, die generisch verwendet werden (und zwar nicht nur im Deutschen, sondern in fast allen Sprachen, in denen es Genus gibt), hat eine Überbetonung des Männlichen sowohl zur Ursache als auch zur Folge.
Anatol Stefanowitsch, Genderkampf

Damit man nicht auf die Idee kommt, man sei der einzige Mensch auf der Welt, der täglich ein paar Schritte geht, verfügt die App neben dem narzisstischen Menüpunkt »Ich« auch noch über die Rubrik »Alle«, die wiederum zwischen »Freunde« und »Rest der Welt« unterscheidet. Unter »Rest der Welt« sind beliebige Mitnutzer der App mit ihren erzielten Schrittzahlen aufgelistet. Das stört mich an Social-Apps am meisten: der extrem simplifizierende Blick auf Gesellschaftsformationen und -systeme. Ich finde, es sollte Schrittzähler-Apps nach Marx, Gramsci, Parsons oder Luhmann geben. Apps mit theoretischem Unterbau, die einem helfen, die Welt besser zu verstehen. Dafür würde ich dann auch 1,99 Euro im Google Play Store bezahlen, die Kontaktdaten meines Bekanntenkreises an die App-Entwicklerfirma verhökern und meine Schrittdaten für immer und ewig in irgendeiner Cloud abspeichern.
Stephan Herczeg, Journal (XVIII)

MERKUR Jahrgang 68, Heft 784, Heft 09, September 2014
103 Seiten, broschiert
ISSN: 0026-0096

Autoren in dieser Ausgabe

Wolfgang Krieger, Florian Meinel, Philipp Felsch, Ulrich Raulff, Werner Plumpe, Simon Rothöhler, Uwe Walter, Ekkehard Knörer, McKenzie Wark, Kathrin Röggla, Taylor Parkes, Anatol Stefanowitsch, Stephan Herczeg,


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