MERKUR

Heft 11 / November 2010

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Rainer Hank

Warnung vor dem Schlaraffenland . Aspekte einer Theorie der Knappheit

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Zitate:

Der Kekstest geht so: Einmal reicht man den Testpersonen einen Teller mit zehn Keksen, von dem sie einen probieren sollen. Ein andermal sind nur zwei Kekse auf dem Teller. Deutlich attraktiver fanden die Probanden die Kekse, wenn es weniger von ihnen gab. Besonders aufschlussreich war eine kleine Variation der Versuchsanordnung. Da wurde zunächst ein Teller mit zehn Keksen gereicht, der noch vor der Geschmacksprobe durch einen mit zwei Keksen ersetzt wurde. Sagte man den Versuchspersonen beispielsweise, dass sich der Versuchsleiter geirrt habe und für das Experiment nur zwei Kekse vorgesehen seien, änderte das relativ wenig. Nahm man den Probanden hingegen von den zehn Keksen acht weg mit dem Hinweis, man brauche diese für die anderen Experimente, wurden sie in den Augen der Versuchspersonen schlagartig viel wertvoller. Das kann man als die Urszene einer Theorie der Knappheit bezeichnen. Unsere Wertschätzung für die Dinge des Lebens steigt allein durch eine Verringerung des Angebots. Knappheit und Begehren gehen eine enge Verknüpfung ein: je knapper, umso begehrenswerter. Es ist, als ob wir immer genau das als wertvoll empfinden, was knapp ist. Was da ist, wie der Sand am Meer, wird von uns wenig beachtet. Doch wenn es wenig davon gibt, steigert das unsere Wertschätzung. Knappheit bezieht sich auf alle möglichen Dinge, die rar im Angebot sind: "die soziale Wahrnehmung von Beschränkungen", wie der Soziologie Niklas Luhmann in Die Wirtschaft der Gesellschaft sagt. Doch sollen diese "Dinge" längst nicht auf die klassischen Güter und Dienstleistungen des Wirtschaftslebens begrenzt bleiben: Knapp sind nicht nur die Güter und Ressourcen dieser Welt, sondern einfach alles, was Menschen begehren: Ämter und Berufe, Prämien, echte Freundschaften: Knappheit ist eine Conditio humana. Sie bringt zwar schon im Begriff das Bedauern darüber zum Ausdruck, dass wir unsere unendlichen Wünsche und Bedürfnisse nicht realisieren können und nicht alles haben können, was wir wollen. Doch hüten wir uns davor, den Zwang der Knappheit nur negativ zu interpretieren: Knappheit ist eine gute Sache, lautet meine These. Denn diese Grundbedingtheit unserer Existenz ist ein Mangel, der mit Gewinn an Lebensqualität und Freiheit verbunden ist.

MERKUR Jahrgang 64, Heft 738, Heft 11, November 2010
broschiert
ISSN: 0026-0096

Autoren in dieser Ausgabe

Rainer Hank, Bernhard Schlink, Heinz Theisen, Paul Kennedy, Thomas Krüger, Jürgen Kaube, Otfried Höffe, Michael Rutschky, Christian Schröder, Wolfgang Marx, David Klett, Sabine Beppler-Spahl, Jens Soentgen,


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