MERKUR

Heft 11 / November 2012

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Zitate aus dem Novemberheft 2012, Nr. 762

Das Wichtige in Bezug auf den Roman ist, dass jede mögliche Sicht auf Rumkowski vorkommt. Der Roman lässt so etwas zu. Deshalb bringt es mich stets so aus der Fassung, wenn ich gefragt werde, wie ich Rumkowski persönlich sehe, ob er richtig oder falsch gehandelt hat. Mir bleibt nur der Verweis auf den Roman. Im Roman ist die Frage noch immer offen, von einer Antwort ist er weit entfernt. Die Frage wird immer offen bleiben. Das hier ist natürlich das wichtigste Argument gegen diejenigen, die befürchten, dass die Romanfiktion an die Stelle der tatsächlichen Ereignisse tritt. Der Roman interessiert sich für Zusammenhänge, nicht für einzelne Fakten oder Vorkommnisse.

Steve Sem-Sandberg, Realität des Holocaust und Spielraum der Fiktion

 

In der Bundesrepublik wurde 1968 die erst sechs Jahre zuvor erlassene Baunutzungsverordnung zugunsten einer höheren Ausnutzung der Grundstücke und einer Verflechtung der Nutzungen novelliert. Grundstückseigner und Bodenspekulanten profitierten von den nun erlaubten höheren Baudichten. Mit steigenden Geschosszahlen ließen sich aus den Grundstücken höhere Renditen ziehen. »Make no little plans, make it big«, lautete eine Parole, die aus einem anderen, dem späten 19. Jahrhundert stammte und von dem Chicagoer Architekten und Planer Daniel Burnham in die Welt gesetzt worden war. Nun fand sie wieder Gehör.

Wolfgang Pehnt, Im Riesenland Brobdingnag

 

Der Ausweg aus der Krise soll »mehr Europa« erfordern. Wie alternativlos ist ein solcher Ausweg wirklich? Wer sich der Mühe unterzieht, die Prozeduren des Krisenmanagements zu studieren und die Empfehlungen, die im Rahmen des »Europäischen Semesters« in großer Zahl ergehen und zuweilen in großer Geschwindigkeit durchgewunken werden, wird ins Grübeln kommen: Wird man so dem Umstand gerecht, dass die sozioökonomischen Divergenzen in der erweiterten Union eben nicht, jedenfalls nicht gleichförmig, einschmelzen, sondern sich vertiefen? Kann man so die desintegrativen Wirkungen der neoliberalen Eingriffe in die Kapitalismen der Union korrigieren?

Christian Joerges, Recht und Politik in der Krise Europas

 

Dass eine kerneuropäische Politik heute und in absehbarer Zukunft nur in enger Kooperation zwischen Deutschland und Frankreich möglich ist, dürfte außer Frage stehen ... Diese Politik fordert von Deutschland und Frankreich ein hohes Maß an kompromissbereiter Abstimmung untereinander und macht auf dieser Basis gemeinsame diplomatische Anstrengungen in den Beziehungen mit den anderen EU-Staaten notwendig ... Und für diese Politik müsste auch und nicht zuletzt in den beteiligten Staaten und Gesellschaften um Zustimmung und Unterstützung geworben werden ... Gewiss, insgesamt eine schwere politische Aufgabe. Indes, wie anders wäre das Versprechen, Europa werde aus der Krise gestärkt hervorgehen, zu erfüllen? Jedenfalls nicht durch eine deutsche Hegemonie!

Werner Link, Integratives Gleichgewicht und gemeinsame Führung

 

Das schmale Büchlein Pornotopia von Beatriz Preciado sticht aus diesem Berg der Belanglosigkeit und Biederkeit deutlich heraus, vielleicht gerade weil die Autorin weder aus dem lokalen Umfeld der Gestaltungsreform noch aus dem disziplinären Umfeld der universitären Designgeschichte kommt. Dass sich die philosophisch im französischen Poststrukturalismus beheimatete Kulturwissenschaftlerin, die sich auf Queer-Theory spezialisiert hat, ausgerechnet mit Hugh Hefner und seinem Herrenmagazin Playboy beschäftigt, ist zunächst so überraschend wie ihre Ausgangsthese: Preciado nimmt Hefner in seinem Selbstanspruch ernst, er habe mit seiner Zeitschrift die amerikanische Gesellschaft verändern wollen.

Christian Demand, Designkolumne

 

Immerhin ist es ja auffällig, dass die Religionsgeschichte ebenfalls das Unselbstverständlichwerden von Religion reflektiert. Man konstatiert eine abnehmende Wunderhäufigkeit bei wachsender Heiligenmenge und entsprechend extensiver Auslegung des Wunderbegriffs. Man registriert eine Umstellung göttlicher Mitteilungen von stark situationsabhängiger zu schriftlicher Autorität: direkte Ansprache an die Gesamtpopulation bei Adam und Eva, dann ausgewählte Kommunikationspartner in face-to-mask-Situationen mit brennenden Dornbüschen, Wolken etc., dann Propheten als Sprachrohre, dann der eigene Sohn, und zurück bleiben schließlich Texte und Organisationsfragen.

Jürgen Kaube, Soziologiekolumne

 

Ironischerweise nähert sich der frühsozialistische Projektemacher hier einer Komplementärfigur an, die für gewöhnlich gerade umgekehrt als Ikone kapitalistischer Freiheit gilt: dem Unternehmer oder Entrepreneur. Dieser ist – so Joseph Schumpeter, sein Theoretiker und Apologet – ein »energischer Typus«, der »neue Kombinationen durchsetzt«. Engels ist ein Unternehmer, der seinen wirtschaftlichen Erfolg im globalen Baumwollgeschäft in seine gleichfalls globalen revolutionären Projekte reinvestiert. Er ist ein Unternehmer in Sachen Weltrevolution, und dazu gehört die minutiöse Beobachtung der kapitalistischen »Empirie« – zu Zwecken der eigenen Kapitalakkumulation wie zu deren revolutionärer Überwindung.

Patrick Eiden-Offe, Frederick Engels, Entrepreneur

 

Die Texte eint eher eine allgemeine Verwunderung über den sogenannten Konsens der Demokraten, der es unmöglich macht, gegen die Demokratie zu sein. Während man überhaupt keine Probleme hat, Leute und Medien zu finden, die mit einem gegen den Kapitalismus schimpfen, scheint die Demokratie als Herrschafts- und Regierungsform tabu zu sein. Wer sich kritisch zur Demokratie in ihrer parlamentarischen Spielart äußert oder versucht einen Streit über die Demokratie zu entfachen, wird zum Paria abgestempelt. In dieser Situation hat der französische Verleger des Buches die angesprochenen Intellektuellen gefragt, ob es für sie noch Sinn macht, sich als Demokraten zu bezeichnen – und wenn nein, warum nicht; wenn ja, gemäß welchem Verständnis des Begriffs.

Cord Riechelmann, Politik oder Polizei?

 

Im Mittelpunkt aller dieser Kataloge, Richtlinien und Programme steht die Qualität. Sie soll bewahrt und gesichert, nach Möglichkeit verbessert, auf jeden Fall bewertet werden. Aber wie macht man das? Gewiss hat jeder eine Vorstellung von dem, was Qualität bedeutet; um greifbar zu werden, bedarf die Idee jedoch des Gegenstands. Sie ist ja nicht direkt zu fassen, an sie kann man sich nur, wie es bei Platon heißt, »erinnern«; und diese Erinnerung wird sich nicht irgendwann und irgendwie, sondern nur im Blick auf etwas Konkretes, auf eine Sache oder eine Person einstellen. Gerade darauf glauben die Qualitätsmanager allerdings verzichten zu können. Sie reden so, als müsse man nur genug Daten, Umfragewerte und ähnliches zusammentragen, um so etwas wie die reine, nackte Qualität zu erkennen.

Konrad Adam, Wie Qualität gemanagt wird

 

Was also lernen wir, wenn wir den philosophischen Diskurs der Anthropologie unter die Lupe nehmen? Zunächst einmal, dass es einen solchen Diskurs zwischen circa 1770 und 1860 überhaupt gegeben hat, denn wir hatten es vergessen. Mit Kants Anthropologievorlesungen hebt er an, sofern sich die späteren Wortführer allesamt auf ihn (kritisch) zurückbeziehen. Und er verschwindet zu einer Zeit, als Darwins Entstehung der Arten in ganz Europa eine Gründungswelle anthropologischer Gesellschaften auslöst. Zweitens erfährt man, wie die Philosophen ... die Verhältnisse zwischen Leib und Seele, Natur und Kultur, Körper und Geist verhandeln, indem sie einerseits die neuesten physiologischen und biologischen und andererseits die aktuellen psychologischen und kulturgeschichtlichen Erkenntnisse aufgreifen und verarbeiten.

Marc Rölli, Das anthropologische Erbe

 

Beigesetzt wurde er »christusgleich« in der Apostelkirche von Konstantinopel. Nach der Beisetzung verstrich auffällig viel Zeit, bis die Söhne zu Nachfolgern proklamiert wurden. Aber war nicht, wie Konstantin Olbrich treffend vermutet, auch Jesus als Christus auferstanden und seinen Jüngern bei Emmaus erschienen? Was, wenn dann Konstantin als Christus redivivus wiederkommen würde, um seine Nachfolge höchstselbst vorzunehmen? So vergingen über dreieinhalb Monate, bis am 9. September 337 seine Söhne Constantin II., Constantius II. und Constans zu Konstantins Nachfolgern ausgerufen wurden.

Kay Ehling, Konstantin 312

 

In seinem schönsten Gesang über die Amsel erzählte Heaney von einer frühen Begegnung von Vogel und Mensch: Als der Heilige Kevin von Glendalough in seiner viel zu engen Zelle betete und dabei einen seiner Arme aus dem Fenster strecken musste, nutzte ein Amselweibchen die Gelegenheit, ein Nest in seiner offenen Handfläche zu bauen. Der Heilige harrte aus, bis die Küken ausgeflogen waren, Heaney schildert die Qualen, die Kevin hat auf sich nehmen müssen, aus Respekt vor dem Leben.

Günter Hack, Gesang der einäugigen Amsel


MERKUR Jahrgang 66, Heft 762, Heft 11, November 2012
broschiert
ISSN: 0026-0096

Autoren in dieser Ausgabe

Steve Sem-Sandberg, Wolfgang Pehnt, Christian Joerges, Werner Link, Christian Demand, Jürgen Kaube, Patrick Eiden-Offe, Cord Riechelmann, Konrad Adam, Marc Rölli, Kay Ehling, Günter Hack, Ekkehard Knörer,


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