MERKUR

Heft 11 / November 2015

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Zitate aus dem Novemberheft, Nr. 798

In akademischer Prosa beträgt die Substantivhäufigkeit normalerweise um die 30 Prozent. In Weltbankberichten war sie von Anfang an höher und stieg immer weiter an. Als rhetorisches Mittel eignet sich der Nominalstil perfekt, um die »Welt« in die »Bank« zu holen. Eine chaotische Aufzählung disparater Wirklichkeiten, die ein endlos expandierendes Universum evoziert. Wir werden zum Bewundern und Staunen animiert, aber nicht zum kritischen Verstehen.

Franco Moretti/Dominique Pestre, Banksprech

 

Menschen, die sich jeder Diskussion über ihre Motive entziehen wollen, akzeptieren keine medizinische Indikation, sie wollen auch dem Tod gegenüber Herr ihrer selbst bleiben – vielleicht, um ihm auf diese Weise seine Grenzen zu zeigen? Dahinter stecken große, existentielle Grundentscheidungen jedes Einzelnen, und man kann mit großem Recht fragen: Wie weit sind wir noch am Rand des Todes anderen oder der Gesellschaft gegenüber verpflichtet, uns da hineinreden zu lassen?

Benno Heussen, Irritationen am Rand des Todes

 

Als eine kleine Kunstausstellung in Mittelschweden im Sommer 2007 drei mit schneller Hand hingeworfene Zeichnungen des Konzeptkünstlers Lars Vilks zurückwies, die den Propheten Mohammed als Hund mit Menschenkopf zeigten, galten die Blätter augenblicklich und selbstverständlich als Karikaturen – obwohl man sie schlicht für Spottbilder oder auch nur für Kritzeleien hätte halten können, denn sie haben mit dem physiognomischen Denken der Karikatur offenbar wenig zu tun. Als Karikaturen aber wurden sie in einer Zeitung reproduziert, an ihnen entfachte sich eine öffentliche Debatte, und sie wurden, was für Karikaturen nicht unwesentlich ist, als gesellschaftlich notwendige Reklamation eines Rechts auf die Freiheit der Meinung und der Kunst behandelt.

Thomas Steinfeld, Karikatur



Wer in allzu hohen, harmonistischen Tönen den globalen Glaubensfrieden predigt und beschwört, wirkt gar nicht friedensstiftend, sondern provoziert nur neue Spannungen – etwa zwischen den Anhängern des behaupteten Universalismus und Verteidigern des Eigenrechts ihrer Tradition – und intensivierten Glaubensstreit in den verschiedenen Konfessionen und Religionen.

Friedrich Wilhelm Graf, Religionskolumne



Der eitle Jahrmarktbudenbetreiber Plasberg, der das rätselhafte Glück hatte, an einem besonders tiefen Tiefpunkt der öffentlich-rechtlichen Polit-Talkshow für einen kritischen Journalisten gehalten zu werden, spricht nicht nur, wie Herrmann, das N-Wort aus, er hat auch keine Scheu, Ranga Yogeshwar auf rüde-unhöfliche Weise vors Loch seiner frivolen Gaudi an der Reizwortproduktion zu schieben.

Matthias Dell, Medienkolumne



Man sieht, dass der eigentlich explosive Begriff von Rosas Theorie weniger der Begriff der Beschleunigung als vielmehr der Begriff der gesteigerten »Handlungs- und Erlebnisepisoden« ist. Nur in dem Maße, in dem wir angehalten sind oder uns selbst anhalten, in gleichbleibende Zeitsequenzen mehr Tätigkeiten zu integrieren, deren befriedigende Ausführung eigentlich mehr Zeit als die vorhandene oder eingeräumte erfordert, kann es zu einer Beschleunigung des Lebenstempos kommen, die psychisch belastende Folgen zeitigt.

Martin Hartmann, Fröhlicher Fatalismus


Zürcher Hochschule der Künste, September 2015, eine Veranstaltung des »Instituts für Theorie«. Den Vormittag über ist auf mittlerer Flughöhe über Digitales und Analoges diskutiert worden, am Nachmittag erkundigt sich eine Dozentin bei den Studierenden, ob denn überhaupt allen klar sei, was die beiden Begriffe bezeichnen. Lange Schweigepause. »Dann versuch ich es mal«, sagt schließlich eine Studentin, »digital ist Einwegkommunikation und analog ist Mehrwegkommunikation.« Decken Sie den folgenden Text ab und denken Sie kurz darüber nach, wie Sie den Unterschied erklären würden.

Kathrin Passig/Aleks Scholz, Schlamm und Brei und Bits



Die deutschen Bildungsbürger wirken wie aus einem leicht verblassten Märchenfilm über die friedliche Nachkriegszeit in Europa. Sie sind auf ihren Erkundungstouren in Wanderstiefeln und Funktionsjacken unterwegs. Ihre Stadtführerin hat im Anschluss an die Ostpreußentour gerade noch einmal betont, dass das Baltikum nicht aus einem einzelnen Staat besteht. Und so üben sie: Tallin – Estland, Riga – Lettland und Vilnius – Litauen. Alle drei sind souveräne Staaten. Noch.

Felix Ackermann, Der Krieg vor der Haustür

 

Fahren zum Grundlsee, lang ist er, bis zum Ende, fahren ein wenig herum und wenden, sitze vorne, fahren dann bis zum Toplitzsee, enger Weg, dort sehr verwunschen, steigen aus, kraxeln am Ufer entlang, es gibt eigentlich keinen Weg, leider ist´s kühl und regnerisch, immer wieder fallen Tropfen, T. sieht all die Bäume, die im Wald liegen, Käferbäume, sagt er, die müssten weg.

David Wagner, Schauen sie nicht doch zurück



Der wichtigsten Metapher, die sich Menschen von ihnen gebildet haben, entsprechen die Vögel jedoch nicht: Sie sind nicht frei. Sie fliehen stets auf einem schmalen Korridor zwischen Zwang und Mangel.

Günter Hack, Die Reisen des Wiedehopfs



Hier, mein Freund, nimm dieses grellfarbige, primitiv zusammengeflochtene Freundschaftsband aus unverwüstlichem Bicolor-Kunststoff mit ganz viel Weichmachern drin, das mich neunzig Cent gekostet hat, verknote es fünffach um dein Handgelenk und trage es so lange, bis es von alleine wieder abfällt.

Stephan Herczeg, Journal (XXXII)


MERKUR Jahrgang 69, Heft 798, Heft 11, November 2015
104 Seiten, broschiert
ISSN: 0026-0096

Autoren in dieser Ausgabe

Franco Moretti, Dominique Pestre, Benno Heussen, Thomas Steinfeld, Matthias Dell, Martin Hartmann, Kathrin Passig, Aleks Scholz, Felix Ackermann, David Wagner, Günter Hack, Stephan Herczeg,


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