MERKUR

Heft 12 / Dezember 2011

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MERKUR / 2011 / 12

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Zitate:

Zitate aus dem Dezemberheft 2011, Nr. 751

Als ich Kurt Scheel auf seine Frage, was ich denn vorhätte, antwortete: "Musil", reagierte er trocken. Vielleicht erbleichte er auch ob der irgendwie mystisch klingenden Antwort. Das war bei unserem ersten Treffen, ein Jahr bevor ich 1984 die Herausgeberschaft übernahm, er aber schon drei Jahre als Redakteur die Zeitschrift von innen und außen im Griff hatte. Was meinte ich eigentlich mit dieser Antwort? Zeitschriften, jedenfalls die im Gedächtnis gebliebenen in- und ausländischen, hatten immer etwas gewollt: Sei es, dass sie ein literarisches Programm oder sogar ein generell geistiges Konzept hatten, zum Beispiel ein kulturkritisches, Karl Kraus´ Die Fackel . Mir war aber wohlbewusst, dass seit Friedrich Schlegels Athenäum und seit solchen berühmten Periodika zwischen der Jahrhundertwende und dem Ersten Weltkrieg, geschweige nach dem Zweiten, ein bestimmtes Pathos überholt war, ganz bestimmt auch viele Ideen selbst. Nichtsdestotrotz schien mir auf den Merkur noch immer eine intellektuelle Herausforderung zu warten, die sich neben dem vorherrschenden Kursbuch , der Bibel der Linksintelligenz, sehen lassen könnte. Mit dem Namen "Musil", der gerade Gegenstand eines meiner Bielefelder Seminare war, meinte ich wohl, wenn ich das recht erinnere, nichts anderes als eine vage Idee von moderner Ästhetik und Diagnostik der Zeit. Mir kam dabei entgegen, dass die bis dahin vorherrschende sozialhistorische und ideologiekritische Perspektive auf alles und jedes durch ein neues Interesse an rein ästhetischen Fragestellungen Konkurrenz bekommen hatte. Nicht zuletzt durch die französischen "neuen Philosophen" Deleuze, Lyotard und Derrida als auch durch den enormen Einfluss des amerikanischen Literaturwissenschaftlers Paul de Man, jedenfalls in akademischen Zirkeln, die für den Merkur nicht unwichtig waren.

Karl Heinz Bohrer, Ästhetik und Politik

 

Regelmäßig gelesen habe ich den Merkur erst ab 1977, und das kam so: Ich war ein aufstrebender junger Germanist, der eigentlich nur noch schnell seine Dissertation über "Arno Schmidt und seine Leser" schreiben musste, sich dann habilitieren und bald darauf einen Ruf annehmen würde − doch bevor ich endgültig in den Zwängen einer akademischen Karriere gefangen sein sollte, wollte ich mir nach gut hanseatischer Art noch ein wenig den Wind um die Nase wehen lassen und, sozusagen, die rezeptionsästhetischen Hörner abstoßen. Und nun war ich also Lektor an der Staatlichen Universität Hiroschima, DAAD-Lektor obendrein, was mir das Privileg gab, über die Mittlerorganisation Inter Nationes kostenlos zwei deutsche Publikationen zu abonnieren und per Luftpost zuschicken zu lassen. Ich wählte, nicht sehr originell, als wöchentliche Liebesgabe aus der alten Heimat die Zeit und zur monatlichen Erbauung eben den Merkur . Ich kannte die Zeitschrift aus meinem Studium, hatte sie immer wieder einmal im Lesesaal durchgeblättert und mich dann doch festgelesen, eher missmutig und unter dem Motto: Man muss seine Gegner kennen. Kursbuch , Frankfurter Hefte , für die Hartgesottenen Das Argument oder Prokla : Das waren die Blätter, die den Weg wiesen und wussten, was ein um das richtige Klassenbewusstsein ringender kleinbürgerlicher Student brauchte, um dermaleinst ein zuverlässiger Bündnispartner des Proletariats und gefestigter linker Intellektueller zu werden. Der Merkur also. Die Autoren − linke, liberale, konservative − waren klug und nicht selten provozierend gebildet, konnten auch, was mir besonders schmerzhaft auffiel, besser schreiben, eleganter, sarkastischer als die verdienten Genossen im Bergwerk der Prokla . Doch war Besser-Schreiben nicht sowieso eine bourgeoise Marotte und wurde in unserer spätkapitalistischen, dem verdienten Untergang geweihten Welt naturgemäß überschätzt? Ich war jedenfalls entschlossen, die Augen offenzuhalten und diesen Elégants, die in schöner Verpackung falsches Bewusstsein verbreiten wollten, unnachsichtig auf die manikürten Finger zu schauen.

Kurt Scheel, Ich wollte eigentlich nie zum Merkur

 

Vom sicheren Ufer aus dem Schiffbruch (dem Unglück) anderer Leute zuschauen, der berühmte, vielfach verwendbare Topos eignet sich auch zur Beschreibung der Zeitungslektüre. In der Nacht zum Samstag, schreibt der Tagesspiegel , stürmte ein Mob in der ägyptischen Hauptstadt Kairo die israelische Botschaft. Drei Tote, über tausend Verletzte, Netanjahu nannte den Vorfall eine "gravierende Verletzung in dem Gewebe des Friedens mit Israel", doch werde sein Land am Friedensabkommen von 1979 festhalten. Only bad news is good news. Das betrifft zunächst die Wallungswerte der Nachricht, drei Tote, über tausend Verletzte, ein Kriegszustand im Kleinen, den im Großen der israelische Premierminister absagt. Aber dann muss man den Leser eintragen, der morgens daheim beim Frühstückskaffee oder im Café beim notorischen Cappuccino cum Croissant die schlechte Nachricht entgegennimmt. Er befindet sich am sicheren, am fernen Ufer, während dort draußen Ägypten und Israel, der Mob, die Angehörigen der israelischen Botschaft in Kairo auf hochwogigem Meer mit tobenden Leidenschaften kämpfen. Sie erreichen den Zeitungsleser nur in stark verdünntem Zustand, genauer: Sie mögen ihn in großer Stärke erreichen, aber das Lesen − im Café, am Frühstückstisch − schaltet die Motilität, die körperliche Handlungsbereitschaft aus. Kein Leser des Tagesspiegel legt stiekum die Zeitung nieder und macht sich nach Kairo auf, damit er an den Kämpfen um die israelische Botschaft persönlich teilnehmen kann. Sie sind heute, da er die Zeitung liest, ohnehin längst vorüber. Der Zeitungsleser ist wie der Schläfer, der sich im Traum den heftigsten Affekten ausgesetzt sehen mag. Aber er schläft. Der Vergleich trägt sogar noch einen Schritt weiter. So wie dem Traum eignet der Zeitungsnachricht ein Wirklichkeitseffekt, der Lynchmob in Kairo ist keine Erfindung der Imagination. Es geht nicht um das Lesen von Romanen.

Michael Rutschky, Das Erzählen der Zeitungen

 

In den Dörfern in dem Teil von England, in dem ich aufgewachsen bin − eine ländliche Gegend ähnlich jener "France profonde", die zur heiligen Kuh für französische Politiker geworden ist −, gab es eine Figur, die als "der Sündenesser" bekannt war: ein armer Mann, der die Aufgabe hatte, die Häuser der Landbevölkerung zu besuchen und die kollektiven Sünden der Gemeinschaft auf sich zu nehmen, wofür er als Gegenleistung eine anständige Mahlzeit erhielt. Was wir jetzt brauchen, ist eine Art von patriotischem Sündenesser, der willig ist, die volle Bösartigkeit des Empire und die damit verbundenen Ungerechtigkeiten − Sklaverei, Genozide, Hungersnöte, Ausbeutung materieller Ressourcen − zu verdauen in der Hoffnung, dass die Schwere der Schuld wenigstens gegen die nationale und nicht unbeträchtliche Summe von positiven und bleibenden Errungenschaften auf Seiten einzelner englischer Männer und Frauen aufgewogen werden könnte. Oder gar, im Hinblick auf den bewaffneten Widerstand gegen die Hegemonie Napoleons und Hitlers, auf Seiten Englands als Ganzem. In Verbindung mit dieser dringend benötigten Wiedergewinnung der Selbstachtung ist es für die Engländer wichtig zu verstehen, wie der Charakter und die Kontinuität ihrer historischen Erfahrung sie von anderen europäischen Nationen unterscheiden. Die Schüler und Studenten haben heutzutage wenig oder gar keine Ahnung von bedeutsamen Ereignissen in der gemeinsamen Geschichte der Nation vor 1900 oder von den kausalen Verbindungen zwischen ihnen. Chronologie, das schlichte Bewusstsein von Geschichte als Geschehen innerhalb eines Rahmens, der durch das Vorübergehen der Jahre, Jahrzehnte und Jahrhunderte gebildet wird, wird abgelehnt zugunsten einer Fokussierung auf isolierte Episoden, Bewegungen oder Individuen, ohne überwölbenden Sinn für die Epoche oder die kulturelle Atmosphäre, in der sie zu verorten wären. Es sollte nicht allzu schwierig sein, wenigstens die Grundlagen bestimmter Aspekte des Engländertums innerhalb einer erweiterten historischen Perspektive zu erklären und dabei die Art von Selbstmitleid und vorwurfsvoller Nostalgie à la Scruton zu vermeiden, deren Wirkung letztendlich toxisch ist. Ziemlich wahrscheinlich wird die Auflösung des Vereinigten Königreichs, wenn sie denn schließlich stattfindet, den Engländern eine robustere Anerkennung des Werts ihres hartnäckigen Individualismus und der Errungenschaften seines kreativen Ausdrucks aufnötigen, die sich über mehrere tausend Jahre hinweg von der Errichtung von Stonehenge bis zur Entdeckung des Penicillins in allem manifestiert haben. Der Patriotismus könnte schließlich ein Stück von der ihn begleitenden Demütigung loswerden, während der wilde Hang zur nationalen Selbstverunglimpfung gemäßigt würde von einem weitaus typischeren englischen Element der Selbstironie und durch die Rettung jenes alles durchdringenden Sauerteigs des Humors, gegen den nichts in England, wie sehr es sich auch in Feierlichkeit oder Bedeutungsschwere hüllen mag, gefeit ist. Alleingelassen, ohne von der künstlichen Schale "Großbritanniens" bedeckt zu werden, gelangen die Engländer in all ihrer gewohnheitsmäßigen Indirektheit und Schrägheit womöglich am Ende dahin, sich wieder wohlzufühlen in ihrer komplexen Identität als ein Volk, und dann verstehen sie im Lauf dieser Entwicklung vielleicht auch die Wahrheit von Palmerstons unverschämter Behauptung: "Wenn ich kein Engländer wäre, wünschte ich, ein Engländer zu sein."

Jonathan Keates, Was bedeutet es heute, ein Engländer zu sein?

 

Wenn dieser Text erscheint, wird man ihn zwar im Netz lesen, aber nicht kommentieren können. Sie können sich darüber bei mir beklagen, ich sage dann: "Das ist eben so beim Merkur , ich würde es auch gern ändern." Das ist gelogen. Ich finde es insgeheim ganz gut so. Wenn jemand nach dem Grund fragt, gebe ich gern an, bei Printerzeugnissen stecke man in einer unangenehmen Übergangszeit. Es gebe zwar schon allerlei Feedbackkanäle, Gedrucktes sei aber nun mal schwer bis gar nicht zu korrigieren. Das berechtige den Autor quasi dazu, die Augen zuzukneifen, denn wenn ich schon nichts ändern kann, dann will ich auch keine Kritik hören. Aber auch das ist nur eine Ausrede. In Wirklichkeit will ich einfach keine Kritik hören, Punkt. Gleichzeitig verlange ich seit gut fünfzehn Jahren, dass die Welt die neuen Möglichkeiten des Internets nutzen soll, Unternehmen sich dem Dialog mit Kunden stellen und Autoren ihre Texte nicht einfach an der Autobahnraststätte aussetzen. Wenn sich Theorie und Praxis schon in meinem Kopf nur grußlos begegnen, dann tun sie das vermutlich auch in den Köpfen anderer, und tatsächlich ist das Phänomen in einigen Bereichen zu beobachten, nicht nur in der Textbranche: Unternehmen sträuben sich gegen die Wünsche nach mehr Transparenz und Kundenkontakt, die von Berater- wie Verbraucherseite an sie herangetragen werden. Der Staat war beim Versuch, im Netz den "Dialog mit dem Bürger" aufzunehmen, bisher ungefähr so erfolgreich wie ein durchschnittlich gesprächiger Stein.

Kathrin Passig, Internetkolumne

 

Der 9. November ist gleich in mehrfacher Hinsicht ein Schicksalstag der Deutschen: 1918 Revolution, 1923 Hitler-Ludendorff-Putsch, 1938 "Reichskristallnacht", 1989 Mauerfall. Nun meinen manche, diese Mehrfachbesetzung könne sogar von Vorteil sein, indem sie eine volkspädagogisch durchaus "wünschenswerte Ambivalenz" (Wolfgang Reinhard) von Feiertagen demonstriere und sozusagen lebendig werden lasse. Aber das scheint mir nicht recht zu Ende gedacht. Man muss sich doch nur die Reaktionen in Israel und den USA ausmalen, wenn in Zukunft am 9. November Bilder von fröhlichen, die Wiedervereinigung feiernden Menschen in Deutschland um die Welt gehen − am 9. November, dem Tag brennender Synagogen, gedemütigter Inhaber jüdischer Geschäfte, aus ihren Wohnungen von SA-Horden geprügelter Männer, Frauen und Kinder; jenem Tag, an dem Hunderte Juden den Tod fanden und Zigtausende in KZs verschleppt wurden. Das kann von niemandem ernsthaft gewollt sein. Der 9. November ist eine erinnerungspolitische Hydra. Er lässt sich nicht zu einem zahmen Ambivalenz-Schoßhündchen domestizieren. Wie sollte einer solchen Mehrdeutigkeit denn auch praktisch Ausdruck verliehen werden? Richard Schröder hat es schon vor Jahren als "verrückte Idee" bezeichnet, "einen Tag seiner Ambivalenz wegen zum Feiertag zu erheben", und mit Gespür für lebenspraktisch mögliche und unmögliche Vollzüge hinzugefügt: "Wie sollen wir denn den 9. November begehen? Tragen wir dann dunkel oder hell, dürfen wir lachen, oder müssen wir weinen? Oder das eine vormittags, das andere nachmittags? Alles absurd." Begnügen wir uns also mit dem 3. Oktober − und erinnern wir uns daran, dass das Datum keineswegs ein ganz zufälliges, sondern im Grunde durch den historischen Beschluss der ersten (und letzten) freigewählten Volkskammer in den frühen Morgenstunden des 23. August festgelegtes war und insofern durchaus etwas von den aufwühlenden welthistorischen Ereignissen der deutschen Wiedervereinigung vermittelt. Als kleiner Trost mag hinzukommen, dass auch der 4. Juli der Amerikaner im Grunde gar nicht der Tag war, an dem die Unabhängigkeit verkündet wurde − das hatte bereits die Resolution vom 2. Juli 1776 vollzogen. Und die davon zu unterscheidende Declaration of Independence wiederum ist keineswegs allein am 4. Juli von denjenigen Personen tatsächlich unterzeichnet worden, die später auf den Urkunden erschienen. All dies hat dem 4. Juli als außerordentlich mächtigem Mythos keinen Abbruch getan. Die Wirkkraft eines nationalen Feiertags hängt eben nicht von historischen Details, sondern ganz wesentlich vom Willen zur kollektiven Erinnerung an ein gemeinschaftsstiftendes, mythisch verklärtes Ereignis ab. Daran herrscht in Deutschland ein gewisser Mangel, was nicht unbedingt von Schaden sein muss, sondern womöglich zu einer etwas nüchterneren, wenngleich immer auch schwierigeren Lageeinschätzung befähigt. Amerika, du hast es eben leichter − aber auch besser?

Horst Dreier, Rechtskolumne

 

Die Nazis hatten ein gestörtes Verhältnis zum Eisernen Kanzler. Zweifellos wollten sie ihn auf ihrer Seite haben, und ihre Propaganda reiht ihn unter die beiden anderen Propheten der Bewegung ein: Friedrich den Großen und Hindenburg. Bei näherer Betrachtung fügte sich Bismarck allerdings nicht zwingend in die Rolle, die ihm Hitlers Propagandisten zugedacht hatten − ebenso wenig wie Friedrich und Hindenburg. Die Deutschen konnten 1940 sehen, wie der Reichsgründer die Filmleinwand beehrte. Paul Hartmann spielt die Hauptrolle in Bismarck , bei dem Wolfgang Liebeneiner die Regie führte. Hartmann passt äußerlich zur Rolle, und es werden große Brocken von identifizierbaren Bismarckzitaten aufgeboten, doch ist die historische Darstellung trotzdem subtil verzerrt. Von Beginn an weiß Bismarck genau, was er will: "Unser Ziel ist Deutschland!", und der einzige Weg, das zu erreichen, besteht in der Schaffung einer mächtigeren Armee. Eine Menge Bösewichter tauchen auf und versuchen, ihm einen Strich durch die Rechnung zu machen: der Liberale Virchow, die "englische" Kronprinzessin und ein schleimiger Napoleon III., der Entschädigung in Form des linken Rheinufers verlangt. Und Bismarck weiß, was er nicht will: das ganze Gesindel von Nationen, aus denen das Habsburgerreich bestand. Der Film endet effektvoll mit der Niederlage Österreichs bei Königgrätz. Vielleicht bilde ich mir das nur ein, aber bei seinen letzten Äußerungen scheint Hartmann plötzlich mit österreichischem Akzent zu sprechen. Liebeneiner versuchte sich 1942 noch einmal an dem Thema. Diesmal übernimmt Emil Jannings die Rolle. In Die Entlassung ist der Feind Kaiser Wilhelm II., der im Sommer zuvor in Doorn gestorben war. Vielleicht fürchtete Goebbels drei Jahre nach Kriegsbeginn den Popularitätsschub für die alten Königshäuser? Wir hören, dass Bismarcks Staatssozialismus auf den Nationalsozialismus vorausgewiesen habe, doch Bismarck als Vorläufer von Hitler funktioniert trotzdem nicht recht. Bismarck weigert sich, das "Führerprinzip" anzuerkennen: Er opponiert gegen seine Herren, leistet Widerstand und verweigert den Gehorsam. Er tritt auch für einen Rückversicherungsvertrag mit Russland ein, nicht zuletzt deshalb, weil es nicht sinnvoll ist, Feinde zu seiner Linken und seiner Rechten zu haben. Es ist der Kaiser, der Streit mit Russland sucht, er ist der Schurke des Stücks. Außerhalb der Kinosäle des Reichs war Nazideutschland bereits in einen Kampf auf Leben und Tod mit der Sowjetunion verstrickt. Bismarck kann sich nicht durchsetzen, und der Kaiser entlässt ihn. Bismarck kann nur beklagen, dass sein Werk, die Bewahrung Deutschlands, von einem eigensinnigen und ungeeigneten Kaiser zerstört worden ist: "Es war ein Anfang. Wer wird es vollenden?"

Giles MacDonogh, Meister der Staatskunst

 

In der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur stehen die Lieferungen des Werks Schröder erzählt einsam da. Es gibt zahllose Autobiographien, Tagebücher und Briefbände von Veteranen des Kulturbetriebs, doch es ist nichts darunter, was Schröders Erzählungen gleichkäme, sei es an Umfang, Unverschämtheit, Welthaltigkeit, Angriffslust, Eigensinn, Weitschweifigkeit oder Witz, und auch die Herstellungsweise und der Vertrieb der Erzählungen sind einzigartig: Sie entstehen in ausufernden Gesprächen zwischen Jörg Schröder und seiner Lebensgefährtin Barbara Kalender, gelangen von der ersten Abschrift in mehreren gemeinsamen Lektoratsgängen zur endgültigen Textgestalt, erscheinen mehrmals jährlich im Desktop-Publishing-Verfahren und werden einer gegenwärtig dreistelligen Zahl von Abonnenten zugestellt. Als Erzähler trat Schröder zum ersten Mal 1972 in Erscheinung, mit der autobiographischen Suada Siegfried , in der er seinen Werdegang vom Kellerkind des Jahrgangs 1938 zum gefeierten und vielfach angefeindeten Verleger kulturrevolutionärer Literatur geschildert hat. Nachdem es ihm gelungen war, den darbenden, auf Judaica spezialisierten Melzer-Verlag mit aufsehenerregender erotischer Literatur zu sanieren, hatte Schröder sich mit dem Verleger überworfen, alle Mitarbeiter und Autoren auf sich eingeschworen und mit einigen von ihnen unter abenteuerlichen Umständen den Verlag März gegründet, den "Pilotverlag der Achtundsechziger", wie er ihn später nannte. Hier erschienen ab 1969 Günter Amendts Aufklärungsfibel Sexfront , Comics von Robert Crumb, Gedichte von Leonard Cohen, Werke von Ken Kesey, Peter Kuper, Leslie Fiedler, Christian Schultz-Gerstein, Kenneth Patchen, Hermann Peter Piwitt und Gunnar Heinsohn, Bernward Vespers monumentales Generationsbuch Die Reise und der Klassiker ACID , die von Rolf Dieter Brinkmann und Ralf-Rainer Rygulla herausgegebene Anthologie amerikanischer Avantgarde- und Undergroundliteratur. Die Bandbreite reichte von Roter Stern über China bis Lass jucken, Kumpel , und der gleichermaßen erfolgreiche wie draufgängerische Verleger Schröder posierte für ein Illustriertenfoto so überzeugend als neureicher Gutsherr und Lebemann, dass noch viele Jahre danach die sonderbarsten Gerüchte über ihn umliefen: 1991 vermerkte Walter Kempowski vollkommen ernsthaft in seinem Tagebuch, Jörg Schröder habe als Jungverleger "ein Schloss und einen handzahmen Leoparden" besessen.

Gerhard Henschel, "Näher an die Wahrheit ran"

 

Das Reservoir der Armutsmigranten ist unerschöpflich. Von den Medien wird uns das Problem fast nur in der Form des effektvoll inszenierten Einzelfalls präsentiert: der Flüchtling, der vor Lampedusa aus dem maroden Fischerkahn gerettet wird oder aus Deutschland abgeschoben werden soll und dem man unbedingt helfen muss. Der Unterwasserteil des Eisbergs bleibt dabei unsichtbar, nämlich die Menge der potentiellen Migranten. Der weitaus größere Teil der Weltbevölkerung könnte seine Lage durch Übersiedlung in die Industriegesellschaften dramatisch verbessern, und immer mehr Menschen erkennen darin den Königsweg zur schnellen Überwindung der Armut. Bisher hat nur ein kleiner Bruchteil diese Option tatsächlich ergriffen (obwohl schon ein beträchtlicher Prozentsatz der Nordafrikaner in Europa sesshaft geworden ist), aber in welche Richtung die Entwicklung bei Freizügigkeit führen würde, zeigt Griechenland, ein Land, in dem die Armutsmigration früher als anderswo eingesetzt hat − heute ist sie fast zur sozialen Norm geworden. So kann der Tourist auf der kleinen ägäischen Insel Nisos erfahren, dass heute die Mehrzahl der Nisioten in New York lebt, weitere Gruppen in Toronto und Melbourne. Das geht so weit, dass Griechen, die noch in ihrem Heimatland angetroffen werden, für diese erstaunliche Tatsache eine sorgfältige Erklärung bereithalten. Die Griechen sind heute, überspitzt ausgedrückt, keine territorial definierte Nation mehr, sondern eine Minorität der OECD-Länder; im südlichen Balkan wird eine (schlecht regierte und schlecht verwaltete) Fluchtburg unterhalten, die ihrerseits durch das von außen einströmende Geld zum Ziel für Armutsmigranten geworden ist.

Es gibt zur Schließung der Grenzen keine Alternative. Der Migrationsdruck ist so stark, dass bei Wegfall der Zuzugsbeschränkungen jedes EU-Land seine Einwohnerzahl wahrscheinlich in kürzester Zeit verdoppeln könnte; die Folgen für Infrastruktur und Sozialsysteme (und für das friedliche Zusammenleben) brauchen nicht im Einzelnen ausgeführt zu werden. Die von verschiedenen Seiten ins Gespräch gebrachte Einwanderungsquote könnte das Problem nicht lösen, denn auch eine noch so großzügig dimensionierte Jahresquote wäre am 5. Januar ausgebucht, und alle, die nicht in ihren Genuss kommen, würden es doch wieder über Lampedusa versuchen. Für einzelne Individuen wird sich die Armut wohl weiterhin durch Umzug in eine reiche Gesellschaft überwinden lassen − für die Bevölkerung der Armutsregionen nur dadurch, dass Wohlstand im Heimatland herbeigeführt wird. Wenn verstärkte Entwicklungshilfe vorgeschlagen wird, dann ist allerdings zu bedenken, dass erstens die Zeiträume, die für wirkliche Entwicklungserfolge zu veranschlagen sind, den ungeduldigen jungen Männern überhaupt nicht gefallen werden, so dass weiterhin die Auswanderung alle Phantasien absorbieren wird, und dass zweitens die in langen Jahrzehnten und mit Finanzmitteln in vielfacher Milliardenhöhe betriebene Entwicklungspolitik in den Herkunftsregionen der Migranten messbare Erfolge fast ausschließlich im Gesundheits- und Bildungswesen gebracht hat: Die Armut wurde nicht beseitigt, die Armen sind aber jetzt zahlreicher als vorher und wissen über die Vorzüge des Lebens im Westen besser Bescheid.

Uwe Simson, Feststellungen zur Migration, Ethnizität, Integration

 

Menschen können nicht in Gesellschaft leben ohne die Erwartung, dass der soziale Verband in einem minimalen Maße bemüht ist, Gerechtigkeit walten zu lassen. Solche Erwartungen geben große Gruppen von Menschen nur dann preis, wenn sie permanentem Zwang, gesichert durch hohen Einsatz von Gewalt, oder anderen Machtmitteln, ausgesetzt sind, etwa in Arbeitslagern, Konzentrationslagern, Vernichtungslagern oder in Sklaverei. Die folgenden Überlegungen lassen die Gerechtigkeit als individuelle Tugend außer Betracht; ohnehin ist es die schwierigste und merkwürdigste aller individuellen Tugenden, wie Platon in der Politeia gezeigt hat. Mir geht es ausschließlich um die Gerechtigkeit als regulatives Moment in zwischenmenschlichen Verhältnissen. Mein Ausgangspunkt ist Kants Satz aus der Metaphysik der Sitten : "wenn die Gerechtigkeit untergeht, so hat es keinen Wert mehr, dass Menschen auf Erden leben". Mein Fluchtpunkt ist Dostojewski, welcher zeigt, dass Gerechtigkeit nicht herstellbar ist − weder auf der Erde noch im jenseitigen Reich der Erlösung. Nicht einmal Gott kann Gerechtigkeit schaffen. Ohne Gerechtigkeit können wir also nicht leben, und doch müssen wir ohne sie leben. Das ist paradox und furchtbar. Diese Paradoxie führe ich aus in zwölf Thesen.

Egon Flaig, Warum es Gerechtigkeit nicht geben kann

 

"Wer ist überhaupt Anna Blume?" fragt Christof Spengemann (1877-1952), Freund und einer der frühesten Anhänger und Verteidiger der Kunst von Kurt Schwitters, 1919 in seinem Geleitwort zur Erstveröffentlichung von Anna Blume . Es ist eine rhetorische Frage, und als Antwort wird offenbar dem, der sie stellt, "Verbogenes Hirn!" entgegengeschleudert. Es heißt also sein Hirn verbiegen, wirft man die Frage erneut auf. Denn so wahr hinter Schwitters´ Anna Blume eine tatsächliche Anna Blume steht, so wenig hat diese für ihn zu besagen. Er kennt sie nicht einmal. Er liest sie lediglich auf. Sie war ihm ein Zufallsfund: Bubengeschmier, Kinderspott. Schwitters aber, groß im Aufheben, mischt diese Anna Blume wie rostigen Draht, Trambahnfahrscheine und dergleichen − zunächst − in eines seiner Merzbilder . Auch das war 1919. Für diese Genese dient uns Spengemann als Zeuge, der 1919 (was für ein Aufbruchsjahr!) im Cicerone einen frühen Aufsatz über Kurt Schwitters publiziert und gerade damals engen Kontakt mit dem Künstler hatte. "Bald nach der Entstehung jenes Aufsatzes sah ich bei Schwitters ein neues Merzbild. Quer darüber waren die Worte geschrieben ´Anna Blume hat ein Vogel´", berichtet er in seiner kleinen Schrift Die Wahrheit über Anna Blume . Freilich enthält diese Publikation keineswegs die Wahrheit über jene Anna Blume, der wir hier nachfragen, vielmehr ist Anna Blume da schon zum Gedicht, zum Begriff geworden, immer weiter ausstrahlend, sowohl angebetetes Liebesobjekt mit Vogel als auch Prinzip der Schwittersschen Kunst, das Spengemann in seiner kleinen Publikation erörtert. So interessant dies auch ist, interessiert es hier nicht weiter, weil es von jener Anna Blume weg- und hin zu Kurt Schwitters führt. Kaum gestellt, war nämlich Spengemanns Frage, wer überhaupt Anna Blume sei, sogleich vernachlässigt worden. Im weiteren unendlich zitiert, sah sich die Heldin im Handumdrehen um ihre historische Existenz gebracht. Wir könnten sie kaum sinnvoll weiter verfolgen, hätte nicht Spengemann als Augenzeuge ganz nebenher auch die Lösung verpackt. Bei der Arbeit an jenem Bild nämlich, bemerkt er als Berichterstatter, fielen Schwitters jene Worte ein, "die er an einer Planke gelesen hatte". Ein Graffito also. Für den Tag gedacht, das Jahrhundert überdauernd. Von einer Planke wechselte Anna Blume in die Geistesgeschichte hinüber.

Hans Ries, Wer ist überhaupt Anna Blume?

 

Auch am dritten Tag meiner jüngsten Reise nach Prag ging ich für Stunden ins Café Slavia. Auch an diesem letzten Tag meines Aufenthalts wollte das Glück es, dass derselbe Platz wie an den Tagen zuvor frei war: eine jener mit dunklem Leder gepolsterten hüfthohen Eckbänke aus edlem Holz, davor ein rechteckiger Tisch, und dann der unverstellte Blick durch die großen Fenster hinaus − über die Moldau hinweg, auf die Kleinseite der Stadt, mit dem über allem thronenden Hradschin, überragt nur noch von St. Veit, dem Gotteshaus der Prager Erzbischöfe. Auch der für mich zuständige Kellner war derselbe geblieben. Nicht nur, dass er sich freute, mich an diesem Wochenende ein drittes Mal wiederzusehen, er wusste auch noch, was ich wünschte, ich musste es ihm lediglich bestätigen, was ich mit ihm schmeichelnder Begeisterung tat. Schnell brachte er den Café crème und trug sogleich danach einen Viertelliter Chardonnay herbei, der sich im Verlauf meines Aufenthaltes verdreifachte, aber auch das war nur eine Reprise. Dann fragte er, während er den Wein aus der Karaffe ins Glas goss, ob ich auch schon den Salat serviert haben möchte und schob, noch leiser, ein "Cesar?" hinterher. Zwischen beiden Wörtern, die der Speise ihren Namen geben, ließ er eine Idee Zeit verstreichen. Es war eine Kunstpause, und die Dehnung bewies nur sein gutes Erinnerungsvermögen. Später, sagte ich ebenso leise und dankte für das Einschenken des Weines. Er antwortete mit einer angedeuteten Verbeugung, dann zog er sich lautlos zurück, dabei umspielte ein Lächeln seinen Mund. Für einen Moment schloss ich die Augen und genoss das gedämpfte Stimmengewirr der Gäste, das in so vielen verschiedenen Sprachen unter der Decke des eleganten Raumes, der in seinem Grundriss einem mächtigen L gleicht, wie ein weit entferntes Gewitter schwebte, hörte schwach Geschirr klappern, eine elektronische Kasse rattern. Als ich meine Augen wieder öffnete, fiel mein Blick auf das berühmte Bild im hinteren Teil des Cafés: Es zeigt in unspektakulärem Grau und Braun nichts anderes als einen Ort wie den, in dem ich gerade saß, in seinem Zentrum aber nur einen einzigen Gast. Das Bild wäre zu übersehen, stünde in seinem wahren Mittelpunkt nicht jedoch etwas ganz anderes: ein Geist. Ein Geist von giftgrüner Farbe und höchst verführerischer Gestalt. Der Mann am Tisch ist sein Opfer, ein Trinker, und das, was er trinkt, ist − es leuchtet mit tödlicher Aura in einem Glas, das vor ihm steht, und sitzt zugleich als nackte junge Frau aus grünlich-durchsichtigem Nebel lasziv auf der Kante des Möbels − Absinth. Ich habe noch nie Absinth getrunken, aber ich weiß, dass er wieder zurückgekehrt ist: wie eine süchtig machende Mode, die lange verschwunden war. Und nun ist sie erneut da, so chic wie einst; aber schluckt man ihn heute wirklich so exzessiv wie damals? Absinth, dachte ich, was für ein schönes Wort für ein so abgründiges Nass, und trank mit Genuss einen ersten Schluck von meinem kühlen Chardonnay. Dann schnitt ich meine Zigarre an, befreite sie vorsichtig von ihrer Bauchbinde und begann mit der Zeremonie des Entzündens. Seit drei Tagen immer wieder dasselbe erregende Spiel, und seit drei Tagen sagte niemand, noch bevor es begann: Rien ne va plus. Rauchen verboten! Ja, in Prag darf man in Restaurants noch rauchen, und fast hat es den konterrevolutionären Charme jener "2000 Worte", die vor einem halben Jahrhundert den greisen Revolutionären zu Moskau, Warschau, Sofia, Budapest und Berlin die letzte Legitimation dafür lieferten, endlich ihre Soldaten, Panzer und Flugzeuge in Bewegung zu setzen, um dem Freiheitsspuk in Prag für lange Zeit ein Ende zu bereiten. Heute sitzen, ging ich den eingeschlagenen Gedankenweg weiter, die neuesten alternden Revolutionäre zwar weit im Westen, kurz vor dem Ärmelkanal, aber dass in den Restaurants zu Prag noch immer blauer Dunst aufsteigen darf, treibt sicherlich ganze Kommissariate in der Welthauptstadt des Allerneusten Menschen um, in unzähligen Sitzungen zu prüfen, wie man dieses Mal das interventionistische Theorem von der begrenzten Souveränität im Falle Prags anwenden könnte, ohne Blutvergießen zwar, aber genauso wirkungsvoll.

Ulrich Schacht, Stille Tage in Prag

MERKUR Jahrgang 65, Heft 751, Heft 12, Dezember 2011
broschiert
ISSN: 0026-0096

Autoren in dieser Ausgabe

Karl Heinz Bohrer, Kurt Scheel, Michael Rutschky, Jonathan Keates, Kathrin Passig, Horst Dreier, Giles MacDonogh, Gerhard Henschel, Uwe Simson, Egon Flaig, Hans Ries, Ulrich Schacht,


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