MERKUR

Heft 12 / Dezember 2012

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Zitate aus dem Dezemberheft, Nr. 763

Der Mensch schaut auf sich selbst zurück, aber nach seinem Ende. Er rechnet sich weg – um zu schauen, was dann noch übrig ist. Der Modus dieser apokalyptischen Phantasie ist das Futurum perfectum, das Gewesen-sein-Werden, ihr Gegenstand »Zukunft als Katastrophe«. Was sich in dieser Phantasie von der Erde nach dem Menschen verdichtet, ist eine seltsame Ambivalenz: Die Katastrophe ist gleichermaßen Wunschtraum und Angsttraum.

Eva Horn, Das Wetter von übermorgen

 

Die Tagebücher bestätigen, was wir bereits von früheren Berichten wissen: Die Reise war ein Flop. Barthes langweilt sich, bleibt manchmal im Bus, während die anderen auf Besichtigungstour gehen. Er leidet intensiv unter dem Entzug von »Kaffee, Salat, Flirten« und an ständiger Migräne und Schlaflosigkeit. Abgesehen von der Küche (die er mag), der Kalligraphie (elegant, antivulgär) und den Kindern (manchmal interessant; das einzige latent anarchische Element) erscheint ihm das Land trist und langweilig. Er kann sich mit der völligen Uniformität der Kleidung nicht abfinden – wir sprechen über den Autor von Die Sprache der Mode –, die jede sexuelle Differenz auslöscht, jeglichen Erotismus unterdrückt: »Aber was machen sie mit ihrer Sexualität?« Von einem Besuch der Longmen-Grotten – einer historischen Stätte mit riesigen Steinschnitzereien, im Jahr 493 entstanden – ist Barthes beeindruckt, bewahrt sich aber seinen Sinn für Prioritäten: »Und trotz all dem«, sinniert er in einer Randbemerkung, »werde ich keinen einzigen Kiki von einem chinesischen Mann gesehen haben. Und was weiß man von einem Volk, wenn man nichts von seinem Sex weiß?«

Dora Zhang, Blick von der Seite

 

In einigen Fällen entfalten sich ganze Liebesgeschichten, wenn sich nämlich Paare in erster Linie schreibend, im Modus des Briefs kennenlernten und die Briefe von beiden Seiten erhalten sind. Genau das gilt für die ausgewählte Korrespondenz, die von Mai 1910 bis März 1911 reicht. Sie führt hinein in eine deutsch-österreichische, jüdische und vor allem höchst bürgerliche Welt vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs und zeigt, wie aus zwei Menschen, die sich nicht kannten, binnen eines Jahres ein Hochzeitspaar wurde – und zwar qua Brief. Dass die schließlich geschlossene Ehe dieses Mediums bedurfte, um überhaupt entstehen zu können, ist jedenfalls die These, vor deren Hintergrund das Material präsentiert wird.

Nina Verheyen, Verbriefte Gefühle

 

Der Intellektuelle ist nicht nur durch den Intellekt zu definieren, sondern ebenso durch die Art, wie er ihn zeigt: Intellektualität ist auch Auftritt und Schauspiel. Die Ideengeschichte des Intellektuellen bedarf daher der Ergänzung durch eine Körpergeschichte, die Haltung, Geste, Kleidung als optische Zeichen von Intelligenz und Kritik beschreibt und versteht. Die Figur, die körperlich mit dem Geist umgeht, ist eine Erfindung der Aufklärung. Ihr Publikum war die aristokratische Gesellschaft des Ancien régime, und deren Hang zu Repräsentation und Theater mag es gewesen sein, was den kritischen Geist zur optischen Darstellung seiner selbst veranlasste.

Hannelore Schlaffer, Geist und Kleid

 

Das deutsche Wahlrecht ist marode. Zum zweiten Mal in kürzester Zeit muss ein neues Sitzverteilungssystem geschaffen werden. Kernvorschriften des alten wie auch des nachfolgenden Wahlgesetzes sind vom Bundesverfassungsgericht für verfassungswidrig erklärt worden. Die meisten Politiker, die über die Wahlrechtsreform verhandeln, wollen möglichst wenige Änderungen am überkommenen Wahlsystem vornehmen. Auch beim jetzigen zweiten Versuch lautet die Devise: »minimalinvasive« Reform. Das ist verständlich, hat doch das alte Wahlsystem diese Politiker an die Macht oder jedenfalls in den Bundestag gebracht. Doch rückwärtsgewandter Denkmalschutz für das herkömmliche Wahlrecht ist zu wenig.

Ute Sacksofsky, Rechtskolumne

 

Der Name der Sendung ist nach den Bestsellererfolgen des Autors Richard David Precht ebenso werbewirksam wie in sachlicher Hinsicht geschickt, denn von Philosophie ist damit explizit nicht die Rede, sodass die Protagonisten mit dem allgemeinen zeitgeistigen Programm des philosophiefernen Sprechens über alle möglichen Probleme hier allemal auf der sicheren Seite sind. Nun kommt das postmodernistische Mätzchen mit der Binnenschrägstellung des Buchstabens E ziemlich verspätet – hat aber den Vorteil, dass wir deutlich merken: Auch hier wird der Vulgärkult der Authentizität gefeiert.

Birgit Recki, Philosophiekolumne

 

Um 1997 stieß William Maxwell, ehemaliger Chefredakteur der renommierten Wochenzeitschrift The New Yorker , auf einen Brief, der Jahre zuvor in seinem Namen an einen gewissen Mr. Boyce geschrieben worden war. Dieser hatte sich danach erkundigt, ob mit weiteren Erzählungen von der Autorin Maeve Brennan zu rechnen sei: »Lieber Mr. Boyce, mit größtem Bedauern muss ich Ihnen mitteilen, dass unsere arme Miss Brennan verstorben ist. Wir haben ihren Kopf hier bei uns im Büro, oben auf der Treppe, wo man sie immer finden konnte und wo sie mit einem breiten Lächeln Wasser aus ihrem Pappbecher trank. Sie hat sich am Fastnachtsdienstag am Fuße des Hauptaltars der St. Patrick´s Cathedral mit Hilfe eines kleinen Handspiegels in den Rücken geschossen ... Wir werden wohl nie wissen, warum sie dies (sich erschießen) getan hat, aber wir vermuten, dass sie betrunken und todunglücklich war. Sie war ein sehr feiner Mensch, ein sehr echter Mensch, hatte zwei Beine, Hände, eben alles ... Ich freue mich zu hören, dass es jemanden gibt, der sich an sie erinnert. Was sie selbst betrifft, so befürchte ich, sie würde Ihnen lediglich ins Gesicht spucken. Sie war stets undankbar. Man könnte sagen, dass nichts in ihrem Leben ihr jemals bekommen ist.« Tatsächlich stammt dieser (nie abgeschickte) Brief von Maeve Brennan selbst.

Paula Böndel, Leben zwischen den Ufern

 

Der polnische Habitus wurde im 16. Jahrhundert auf tiefe und nachhaltige Weise durch Polens Randlage bestimmt. Nicht nur in dem Sinne, dass es sich, weil es weit weg von den zivilisatorischen Zentren lag, damit zufrieden geben musste, seine Größe in einer unendlichen Imitation zu erlangen. Es ging um mehr: Die bloße Position und der Charakter Polens als antimodernes Agrarland wurden durch die Integration ins wirtschaftliche und kulturelle Zentrum der kapitalistischen Welt bestimmt, bei allerdings peripherer Lage. Der Kontakt mit diesem System führte indes nicht dazu, dass sich in Polen der Kapitalismus entwickelte, sondern bewirkte dort die Konservierung einer archaischen sozioökonomischen Ordnung.

Stefanie Peter, Phantomkörper

 

Zu den Gründungsmythen bundesdeutscher Museen gehört, dass sie nach 1945 rehabilitierten, was vor 1945 verfolgt wurde. Die Kunstgeschichtsschreibung der Nachkriegszeit war deshalb häufig ein auf den Kopf gestellter Kanon: Was geächtet war, wurde nun kanonisiert; was vor 1945 Triumphe gefeiert hatte, verschwand in den Depots. An der Definition von Verfolgung hängt also, bis heute, der Akt der Rehabilitierung. Was aber, wenn man nach 1945 einen ganz unzureichenden Begriff von Verfolgung vertrat? Oder mehr noch: Was, wenn 1172 Marginalien man das als »verfolgt« definierte, was sich am leichtesten rehabilitieren ließ?

Julia Voss, Ablasshandel Moderne

 

Man interpretierte den Gründerkrach als eine Zäsur, in deren Folge der Optimismus der Gründerjahre schlagartig verschwand und die »entscheidende Umbruchszeit« der Jahre 1873 bis 1879 eingeleitet wurde. An deren Ende stand Bismarcks Bruch mit den Liberalen, die Abkehr vom Freihandel, die Formierung des modernen Antisemitismus als politischer Kraft und der Beginn des deutschen Imperialismus. Was bei diesen nationalgeschichtlich angelegten Erzählungen jedoch aus dem Blick geriet, war das Ereignis der Panik selbst. Unter dem historiographischen Brennglas betrachtet wird deutlich, dass sich die »Panic of 1873« und der Gründerkrach auch anders lesen lassen: nämlich nicht als Nebeneinander zweier ähnlicher Fälle mit je unterschiedlichen Folgen, sondern als geteilte Erfahrung transatlantischer Verflechtung und der Virtualität des Kapitalismus in einer sich rasant globalisierenden Welt.

Catherine Davies, Papierschwindel und Börsenkrach

 


MERKUR Jahrgang 66, Heft 763, Heft 12, Dezember 2012
broschiert
ISSN: 0026-0096

Autoren in dieser Ausgabe

Eva Horn, Dora Zhang, Nina Verheyen, Hannelore Schlaffer, Uljana Wolf, Ute Sacksofsky, Birgit Recki, Paula Böndel, Stefanie Peter, Julia Voss, Catherine Davies,


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