MERKUR

Heft 12 / Dezember 2013

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Zitate aus dem Dezemberheft, Nr. 775

Der Onlinejournalismus wiederum steht an der Schwelle zur Entwicklung von Bezahlmodellen. Die Überschreitung dieser Schwelle ist eng an die Entfaltung seiner journalistischen Formate gebunden, also daran, dass er ein knappes Gut anbietet. Schnell sind alle, die online sind. Knapp sind die gute Geschichte, die medial perfekt inszenierte Reportage, die brillante Glosse. Das knappe Gut heißt auch hier: Autorität.

Lothar Müller/Thomas Steinfeld, Die Zukunft der Zeitung

 

In Getting Ahead entdeckt Hirschman einen »Energieerhaltungssatz des sozialen Protests«: Niederlagen führen, so beobachtet er, nicht notwendig zum Rückzug, sondern bisweilen auch dazu, es noch einmal zu versuchen. Es ist eine singuläre Verbindung von Dringlichkeit und Geduld, die Hirschman bei den Landbesetzern der Slums, in Kooperativen und Alphabetisierungsprojekten findet. Wer sagt, so fragen Hirschmans Informanten, dass man einen Eigentumstitel auf ein Stück Land besitzen muss, um dauerhaft zu bauen? Vielleicht wird der erste Schritt – der Erwerb des Titels – sogar befördert, wenn die Vorgärten erst einmal bepflanzt sind und die Infrastruktur organisiert ist? Die Blumen werden die Bulldozer schon aufhalten ...

Patrick Eiden-Offe, A man, a plan, a canal

 

Der Bürgermeister von Osaka, Toru Hashimoto, rechtfertigte kürzlich die zwangsweise Rekrutierung ausländischer Comfort Women als übliche Stresstherapie für kampfmüde Soldaten einer siegreichen Armee. Der Finanzminister in Abes Kabinett, Taro Aso, meinte in einer Diskussion, dass man vielleicht von den Nazis lernen sollte (was genau, hat er allerdings nicht gesagt). Die spontane Berufung auf die Nazis lässt erkennen, wie unreflektiert das konservative Japan über das imperiale Kriegsregime denkt, das der Habermas Japans, Maruyama Masao (1914-1996), immer auch faschistisch genannt hat.

Manfred Henningsen, Terror und Erinnerung

 

Denn wir, die Theopoula und die Christophile, lieben einander, wohnen beieinander und wohnen einander bei. Und so gerne wir in Korinth streiten, so gewiss steht einiges außer Streit bei uns, etwa, dass wir niemanden von denen, welche ihr so gerne verstoßen sähet, aus unserer Mitte jagen werden, wie Jesus einst von allen verstoßen ward. Wo verstoßen wird, presst uns Angst. Erlöst ist der, von dem die erdrosselnde Hand der Angst abließ. Ihr selber ängstigt euch, davor nämlich, dass der Leib beschmutzt werde, wo der Mann dem Manne beiwohnt und die Frau der Frau. Doch nichts, das aus Liebe erwiesen wird, beschmutzt: Es ist alles rein und des Gesetzes enthoben.

Andreas Dorschel, Ein verschollen geglaubter Brief der Korinther an Paulus

 

Wenn trotz aller Unterschiede gleichwohl häufig – nein: fast permanent – von einem einheitlichen »Europa« die Rede war, dann war ein historisches Konstrukt gemeint, ein Produkt der Vorstellungskraft. Das lag auch daran, dass die Vertreter gebildeter Schichten und intellektueller beziehungsweise politischer Eliten, die sich auf Europa bezogen, damit ganz unterschiedliche und jedenfalls eigene Ziele verfolgten. Sie konnten sich sowohl auf die »Selbststärkung« der eigenen Nation angesichts kolonialer Bedrohung als auch auf die Durchsetzung von Ansprüchen innerhalb der Gesellschaft richten. Es ging also häufig mehr um China, Siam oder den Iran, wenn dort von Europa die Rede war.

Sebastian Conrad, Kritik am Westen in der globalisierten Welt

 

Sprache ist nichts anderes als Sprachgebrauch. Es gibt keine über den Wassern des Rheins schwebende Göttin Germania oder wahres Deutsch, das uns in den Genen steckt. Sprache ist, wie wir sprechen. Wenn Geschäftsführer dort nicht als männlich gilt, wie kann es dann dennoch männlich sein, aber auch für Frauen verwendet werden? Was ist aus dieser Warte von Begriffen wie Bohrer, Seufzer und Büstenhalter zu halten?

Daniel Scholten, Sprachkolumne

 

Mascha Kalékos neuaufgelegte Bücher haben Erfolg, und als sie 1959 wieder in Berlin ist, will die Akademie der Künste ihr den Fontane-Preis verleihen. Sie aber muss ablehnen, weil sie ihn aus der Hand des Schriftstellers Hans Egon Holthusen erhalten soll, eines ehemaligen SS-Manns. »Ich habe es auch nicht leicht, als emigrierte Autorin«, sagt sie in einem Gespräch mit den Leitern der Akademie. »Überall im Auslande hat man sich dagegen zu verteidigen, dass man sich wieder mit dem deutschen Schrifttum identifiziert. Dass man in einem Lande wirkt, das noch immer an exponierter Stelle einstige Nazis fördert. Wie soll ich nach dieser Erfahrung hier solchen Vorwürfen entgegentreten?«

Jakob Hessing, Déjà-vu mit Widerhaken

 

Was Gabriel in Warum es die Welt nicht gibt bietet, ist eigentlich keine Mäeutik, keine Hebammenkunst, wie Sokrates die Philosophie nannte, sondern eher Schwangerschaftsgymnastik. Trotz manchen geglückten Passagen, etwa über Descartes und Vermeer, lässt das Buch den Leser etwas ratlos zurück: Wer sich für Philosophie nicht interessiert, den wird die Sinnfeldontologie kalt lassen, wer selbst philosophisch denkt, wird sich damit nicht zufrieden geben, dass »der Sinn des Lebens die Auseinandersetzung mit unendlichem Sinn ist, an der wir glücklicherweise teilnehmen dürfen«.

Franz Leander Fillafer, Für eine Handvoll Welt

 

»Nicht aufgeben.« ... Diese zwei Worte verursachten einen Skandal in der bundesrepublikanischen Öffentlichkeit. Jean Améry wurde in Zeitungsartikeln des Sympathisantentums mit einer Mörderbande beschuldigt, und mit ihm geriet sein Gastgeber Höfer unter Beschuss. Bild berichtete am 17. November 1974, dem Montag nach Ausstrahlung der Sendung, unter der Überschrift Skandal in Höfers Frühschoppen , Améry habe die Baader-Meinhof- Bande, die laut Anklage sieben Menschenleben auf ihrem Gewissen habe, »zur Fortsetzung ihrer Aktionen« aufgefordert. So habe Höfer aus dem Frühschoppen eine Art Sonntagspredigt für die Baader-Meinhof-Häftlinge gemacht.

Heinz Bude, Die existenzielle Geste

 

Pascal argumentiert für die Kleinmütigen, Sartre dagegen für die Tapferen, wenn er plausibel zu machen versucht, warum es die bessere Option ist, nicht an Gott zu glauben, sogar – auch wenn er das nicht so auf den Punkt gebracht hat – für den Fall, dass es ihn wider Erwarten doch geben sollte. Die Existenz eines persönlichen Schöpfergottes, so Sartres Überlegung, degradiert den Menschen zu einem Nichts; denn in der Welt eines allwissenden und allmächtigen Gottes kann es außer für diesen für niemanden sonst Freiheit geben.

Wolfgang Marx, Sartre und die Tröstungen der Freiheit

 

Doch Europa ist inkonsequent, und diese Inkonsequenz ist zugleich Europas gefährlichste arme de charme . Sobald es auf der politischen Bühne heikel wird, zeigt sich Europa von ihrer verführerischen Seite und betört. Die Türkei versucht seit Jahrzehnten, Mitglied der Europäischen Union zu werden. Staaten mit weitaus weniger wirtschaftlicher Macht und Dynamik, mit weitaus weniger Demokratieerfahrung und mindestens genauso vielen menschenrechtlichen Defiziten sind längst vollwertiges EU-Mitglied, doch die Türkei klopft und klopft vergebens an die Pforten Europas.

Josef Girshovich, Europa, Europa, Sterne am Himmel, riech mir die Knarre

 

In einem Bereich wurde Polen im Kalten Krieg seiner zentralen Position in Europa und damit auch seiner komplizierten Situation in Hinblick auf die Norm noch mehr gerecht als in der internationalen Politik, und zwar in der Wirtschaft. Allerdings weniger in der Wirtschaftspolitik, war doch die sozialistische Norm auch darin führend, als vielmehr handelspolitisch. Neben dem offiziellen Außenhandel der Volksrepublik Polen und den ausländischen Investitionen im Lande sollte man das Augenmerk dabei auch auf halblegale und sogar illegale Formen von Handelstätigkeiten richten, die sich auf die zeithistorische Entwicklung der polnischen Wirtschaftsgeschichte stark auswirkten.

Pierre-Frédéric Weber, Wie normal ist Polen?

 

Spät am Abend nutzen die Mauersegler die Thermik über der Stadt und schwingen sich in weiten Kreisen empor in die Nacht. Wie es wohl sein mag, im Halbschlaf zu fliegen und zu ruhen, die anderen Mitglieder des Schwarms nur zu ahnen? Der Luftstrom unter den Flügeln gibt Sicherheit, der Wind ist das Ruhekissen des Mauerseglers. Über ihm spannt sich die Milchstraße, weit unter ihm leuchtet die Kathedrale, stets bestrahlt für die Touristen, falsche Sonne und echter Bezugspunkt zugleich im Lichtnebel der nächtlichen Stadt.

Günter Hack, Die Himmel der Mauersegler

 

Bereits in verschiedenen Spielfilmen und zahlreichen Folgen der Lindenstraße war mir aufgefallen, dass andere Menschen wohl über Möbel mit Schubladen verfügen, in denen Kleidungsstücke, handgeschriebene Briefe aus den achtziger Jahren und die Netzkabel aller je gekauften Kleinelektrogeräte übersichtlich gelagert werden können. Nur ich war bislang der offene Schrankfachtyp, der geduldig dem Einstauben seiner darin deponierten Stapelware beiwohnte. Auf eBay war schnell zum Sofortkaufpreis eine altertümliche Schubladenkommode für Selbstabholer gefunden, der vom Verkäufer zeitlich großzügig die Stilepochen Empire, Biedermeier, Gründerzeit, Art déco und Jugendstil zugewiesen worden waren. Was sind schon hundert Jahre auf eBay?

Stephan Herczeg, Journal (IX)


MERKUR Jahrgang 67, Heft 775, Heft 12, Dezember 2013
broschiert
ISSN: 0026-0096

Autoren in dieser Ausgabe

Thomas Steinfeld, Lothar Müller, Patrick Eiden-Offe, Manfred Henningsen, Andreas Dorschel, Sebastian Conrad, Daniel Scholten, Jakob Hessing, Franz Leander Fillafer, Heinz Bude, Wolfgang Marx, Josef Girshovich, Pierre-Frédéric Weber, Günter Hack, Stephan Herczeg,


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