MERKUR

Heft 12 / Dezember 2014

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Zitate aus dem Dezemberheft, Nr. 787

Die EU ist über eine Wirtschaftsgemeinschaft längst hinausgewachsen. Was sie am Ende sein soll, ist dagegen ungeklärt. Ist das Ziel eineuropäischer Staat, die USE, oder eine Zweckgemeinschaft der Mitgliedstaatenfür Angelegenheiten, die sich gemeinsam besser lösen lassen als getrennt? Wie solldas Verhältnis von Einheit und Vielfalt aussehen, wie dasjenige von Exklusion undInklusion, wie das von Markt und Sozialstaatlichkeit?

Dieter Grimm, Europa:Ja – aber welches?

 

Es gibt freilich Gründe für dieAnnahme, in der emphatischen Idee der Gemeinschaft die eigentliche Triebkraftder europäischen Einigung zu sehen, und zwar gerade mit dem notorischUnerfüllten und Unfertigen, das ihr anhaftet. Als Ziel weist Gemeinschaft immerüber sich selbst hinaus, als ein fernes Ideal, dem man immer weiter zustrebt,das aber doch nie ganz zu erreichen ist. So lässt sich auch Europa wesentlichals Gemeinschaft im Werden und Wachsen verstehen, die in diesem Werden undWachsen erst zu sich finden will.

UweVolkmann, Was ist Europa?

 

Gerade weil die in der letzten Zeit aufgedeckten Plagiate inDoktordissertationen nicht durch Gremien der Wissenschaft ans Licht gebrachtworden sind, sondern durch die Schwarmintelligenz des Internet, sollte es imInteresse der Universitäten liegen, auch die von ihnen angenommenenHabilitationsarbeiten der wissenschaftlichen und der allgemeinen Öffentlichkeitzugänglich zu machen. Und auch für diese Arbeiten sollte eine zufallsgeneriertePrüfung auf plagiierendes Vorgehen durch eine Expertengruppe vorgesehen werden.

Theodor Ebert, Sagmir, wie hältst Du es mit dem Plagiat?

 

Lange Zeit herrschten in der Gesellschaftstheorie klareVerhältnisse. Kritische Sozialforscher richteten ihr Augenmerk auf einengesellschaftlichen Verblendungszusammenhang, dem sie sich selbst weitgehendenthoben wähnten … Ihre theoretische Arbeit diente der Aufdeckung bislangundurchschauter Zusammenhänge; sie bemühten sich darum, gesellschaftliche Machtbeziehungenfreizulegen… Diese Grundannahmen wissenschaftlich betriebener Sozialkritik sindseit einigen Jahren ihrerseits in die Kritik geraten.

Markus Rieger-Ladich, Ungerechtigkeit

 

Indem die Moderne die Natur als die Ordnung von Ereignissenunter Gesetzen definiert, die sich wissenschaftlich erforschen lassen, hat siezugleich den Dualismus von Natur und Geist, Natur und Kultur hervorgebracht unddamit das Problem, in dem schon Pascal den „Gipfel aller Schwierigkeiten“ sah,der den Menschen für sich selbst zum „rätselhaftesten Ding“ macht: das Problem,wie die beiden getrennten Bereiche sich dann wieder aufeinander beziehen,miteinander vermitteln lassen.

Christoph Menke, DieLücken in der Natur

 

Die zahlreichen neuen Zentrismen decken ein weites Spektrumab, von der Rekonstruktion lokaler Bedeutungswelten bis hin zum ausgewachsenenkulturellen Fundamentalismus. Häufig treten sie als epistemologischeBefreiungsbewegung vom Eurozentrismus auf und formulieren kulturelleUnabhängigkeitserklärungen … Ihr verstärktes Auftreten ist ein guter Indikatorfür die Art und Weise, wie die gegenwärtigen Veränderungen der Weltordnung auchzu einer symbolischen Aufladung unterschiedlicher Räume geführt haben.

Sebastian Conrad, Globalgeschichte

 

Ob man sich überhaupt wünschen sollte, dass nicht nur Museenzeitgenössischer Kunst, sondern auch Münzkabinette, Wasseruhrmuseen undRüstkammern künftig zu Orten werden, die sich epistemische Entgrenzung insProgramm geschrieben haben, ist keineswegs ausgemacht. Schließlich unterschlägteine derart einseitig auf die systemische Trägheit des institutionalisierten Ausstellungsbetriebsfixierte Darstellung, dass institutionelle Strukturen nicht nur mutige Visionenverhindern, sondern ebenso vor chronischer Selbstüberforderung schützen.

Christian Demand, Lobder Müdigkeit

 

Kritik am gegenwärtigen und vergangenen Weltlauf istmöglich, weil ein anderes Leben möglich wäre. Der Konjunktiv – ein anderesLeben wäre möglich– hat dabei konstitutive Bedeutung, weil eine solche Form der Kritik sich nichtanmaßt, Lösungen parat zu haben ... In der Beschreibung von Wirklichkeiten mussvielmehr bereits die Kritik dieser Wirklichkeiten enthalten sein, indem man die Relationen und Differenzenbeschreibt, die zwischen (gegenwärtigen und vergangenen) Wirklichkeiten und Möglichkeitenbestehen. Die Beschäftigung mit dem Historischen ist also immer auch dieBeschäftigung mit (noch) nicht eingelösten Möglichkeiten.

Achim Landwehr, Geschichteund Kritik

 

Carl Schmitts religiöse Grundstimmung und Theologie derLiebe schleppt Magie, Dämonologie und Okkultismus mit, reflektiert diedämonische Macht des Eros aber in christlichen Kategorien der Verlobung undTreue, von Betrug, Verrat und Schuld. Schmitt artikuliert seine Liebe inexquisiten literarischen Spiegelungen und Stilisierungen polylingual … Dervirtuose und extremistische Kombinator fällt aber aus der erlesenen Höhenlageauch immer wieder in die Abgründe seines Ressentiments.

Reinhard Mehring, VomKreuzweg des „treuen Zigeuners“

 

Die Zukunft Taipehs ist Hongkong, so sagen es in diesem Jahrdie Pessimisten, die nur an die immer größer werdende Macht Chinas glauben. Siefürchten, dass Taipeh früher oder später in den chinesischen Machtraumeinverleibt wird… Die Zukunft Hongkongs ist Taipeh, sagen dagegen dieOptimisten. Sie hoffen, dass Hongkong ein selbständiges politisches Gemeinwesenwerden oder zumindest weiter auf Distanz zu China bleiben kann.

Kai Marchal, Hongkongund Taipeh

 

Man kann Ernst Schnabels Radio-Features im Netz nachhören.Womöglich eignete sich die Radioform besser, das romantische Vagieren alsästhetisches Verfahren einzusetzen, um ein Bild des ganzen Planeten zu schaffen– ein Bild, das der frühen Bundesrepublik mit ihrer Enge und Selbstbezogenheitnur nutzen konnte, aber literarisch (als Roman) noch nicht zu realisieren war.

Michael Rutschky, VergesseneDichter: Ernst Schnabel

 

In der Poesie wird das Gesicht gelegentlich verglichen miteiner Blüte, sie entzückt den Betrachter, öffnet sich ihm verheißungsvoll. FürGoethe als Erzähler dürfte das Gesicht eher Gestrüpp als Blüte gewesen sein … FürProust hingegen gehört das Gesicht mit seinen Farben zu den Hauptthemen seiner Recherche, mit ihnenkonnte er das Vergehen der Zeit und seiner Personen immer neu vor Augen führen.Wo Goethe schwieg, lässt Proust uns ahnen, was uns fehlt, er schob die Grenzeweiter hinaus ins Unsagbare oder wenigstens in das, was bislang nicht gesagtwurde.

Rainer Hagen, DasGesicht uns seine Farben

 

Ein Kölner Freund vertritt seit jeher die Meinung, dergrößte Luxus bestünde darin, während Städtereisen mindestens einen ganzen Taglang in melancholischer Stimmung im Hotelzimmer zu verbleiben, um sich endlichvon jeglichen Besichtigungs- und Erkundungszwängen freizumachen. Kein Problem,wird gemacht. Ich trinke den ganzen Tag löslichen Kaffee und schauezwischendurch besichtigungsgeil auf die Straße.

Stephan Herczeg, Journal(XXI)


MERKUR Jahrgang 68, Heft 787, Heft 12, Dezember 2014
97 Seiten, broschiert
ISSN: 0026-0096

Autoren in dieser Ausgabe

Dieter Grimm, Uwe Volkmann, Theodor Ebert, Markus Rieger-Ladich, Christoph Menke, Sebastian Conrad, Christian Demand, Reinhard Mehring, Kai Marchal, Achim Landwehr, Michael Rutschky, Rainer Hagen, Stephan Herczeg,


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