Werke, Band 5

Aufsätze zur Literatur und zum Film
Buchdeckel „978-3-608-93565-3

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Werke

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»Aufklärung ist ... das immerwährende erhellende Gespräch, das wir mit uns selbst und mit dem anderen zu führen gehalten sind.«
Jean Améry

Jean Améry zählt zu den bedeutendsten europäischen Schriftstellern und Intellektuellen des 20. Jahrhunderts. Seine bahnbrechenden Essays sind in ihrer Bedeutung wohl nur mit den Schriften Hannah Arendts und Theodor W. Adornos zu vergleichen. Améry hat wie kein anderer die deutsche Öffentlichkeit mit französischen Dichtern und Denkern wie Proust und Flaubert, Sartre und Simone de Beauvoir bekannt gemacht.
Diese große neue Edition der Werke Amérys gibt zum ersten Mal einen Gesamtüberblick über die Vielseitigkeit dieses europäischen Denkers. Die auf neun Bände angelegte Ausgabe stellt den Kulturkritiker wie den Romancier vor, zum Teil mit noch nie erschienenen Texten. Jeder Band enthält einen Dokumentationsteil und ein eingehendes Nachwort zur Entstehungs- und Rezeptionsgeschichte der jeweiligen Texte.
Einen zentralen Teil der Ausgabe bilden die drei Aufsatzbände. Zunächst erscheint Band 5 – er sammelt Amérys Arbeiten zur Literatur und zum Film. Amérys Literaturessays repräsentieren eine faszinierende Form gelebten Lesens. Die Texte dieses Bandes, deren Spektrum von Georges Bataille bis Michel Tournier, von Thomas Mann bis Thomas Bernhard reicht, machen Literatur als existentielle Erfahrung nachvollziehbar. Gleiches gilt für die Filmkritiken, die in diesen Band aufgenommen wurden.

Hier gelangen Sie zu den übrigen Bänden der Werkausgabe Jean Amérys.

Leseprobe
Hans Höller: Nachwort

Die annähernd 40 Essays in diesem Band repräsentieren den großen und entscheidenden Teil von Jean Amérys Literatur- und Film-Essays. Gleichwohl stellen sie eine Auswahl dar. Auszuwählen war unter einzelnen, kaum voneinander abweichenden Fassungen einzelner Essays. Sie sind zu erklären mit der Situation des freiberuflichen Journalisten, der unter dem Zwang zur Mehrfachverwertung seiner Arbeiten in Funk und Printmedien stand. Und auszuwählen war im Sinne der Intention einer Leseausgabe, die der Wiederentdeckung – oder überhaupt erst der Neuentdeckung – von Amérys Arbeiten zu Literatur und Film dienen sollte. Sinnvoller, als eine ohnehin fragwürdige Vollständigkeit zu erzielen, erschien es, durch eine überlegte und nachvollziehbare Präsentation der Texte Verständnis für einen der ungewöhnlichsten schreibenden Leser des vergangenen Jahrhunderts zu wecken. Denn besonders »die für den Tag geschriebenen und den Tag doch weit überdauernden« Texte können, »in allzu großer Zahl versammelt«, einander auch »im Wege stehen«, so hat Elsbeth Pulver einmal ihre Befürchtung im Hinblick auf eine Améry-Gesamtausgabe ausgedrückt, und »trotz allem« nach einer systematischeren Ausgabe verlangt – und, »warum nicht, trotz allem, etwas mehr thematische Konzentration …?«

Postume Sammelbände 1981–1994
Aus den bereits seit längerem vorliegenden postumen Sammelbänden von Amérys Literatur- und Film-Essays – Bücher aus der Jugend unseres Jahrhunderts (1981), Der integrale Humanismus (1985), Cinema (1994) – wurden wesentliche Teile in Band 5 übernommen.
Der Band Bücher aus der Jugend unseres Jahrhunderts, für den noch der Autorwille relevant war (hg. v. Gisela Lindemann), wurde in seiner Ganzheit aufgenommen. Nur das Wort »Wiederlesen« wurde in den Titel eingefügt: Wiederlesen – Bücher aus der Jugend unseres Jahrhunderts, denn es hatte im urspünglichen Konzept der Sendung (von Jean Améry gemeinsam mit Ulrich Gembardt 1975 für den WDR konzipiert) als Signalwort eine tragende Bedeutung und wurde erst bei der Übernahme der Sendereihe für den NDR Hannover weggelassen.
Unter dem Titel Cinema hat Joachim Kalka 1994 Amérys »Arbeiten zum Film« publiziert. »Cinema«, das war ursprünglich der Titel des von Améry in der Zeitschrift »Merkur« ab 1977 (Heft 349) geführten »Filmtagebuch(s)«, das nur sehr zögerlich zustande kam, immer wieder hinausgeschoben, und, nicht zuletzt aus Zeitgründen, »stets« mehr eine »Lieblingsidee« blieb. Die publizistische Realisierung des Projekts unter diesem »Titel« kam nicht über zwei Filme hinaus. Aus den eher heterogenen Beiträgen (u. a. Künstlerporträts zu Jean-Paul Belmondo, Romy Schneider, Marlene Dietrich) wurden die filmästhetisch bzw. die für Amérys – poetische – Idee des Kinos relevanten Essays in Band 5 aufgenommen. Auch Helmut Heißenbüttels Auswahlband Der integrale Humanismus. Zwischen Philosophie und Literatur. Aufsätze und Kritiken einer Literatur 1966–1978, für den kein Autorwille mehr vorlag, ist für Band 5 kritisch revidiert worden. Heißenbüttel, vielleicht Amérys wichtigster Freund in der Bundesrepublik Deutschland, präsentiert in seiner Ausgabe einige der schönsten Literatur- und Philosophie-Essays von Jean Améry.
In Band 5 der Werkausgabe können seine editorischen Kriterien – »objektiv zu sein in der Einhaltung bestimmter Grenzlinien und im Weglassen von bloßer Polemik« – erweitert werden. In der Begründung dieser Erweiterung lassen sich die Kriterien der hier vorgelegten Edition konkreter erklären: verglichen mit den vorangegangenen Sammelbänden, wird eine größere thematische Vielfalt und zugleich Einheit in der Vielfalt präsentiert; die Gliederung in thematische Gruppen ermöglicht einen besseren Überblick über das formen- und themenreiche Spektrum der Literatur- und Film-Essays – die »Polemik« als ein nicht unwesentlicher Teil der Essays kommt stärker zu ihrem Recht als ein wesentliches kritisches Moment von Amérys Literatur- und Filmkritik – Amérys innovative, quasi fiktionale Formen der Literaturkritik werden durch die thematische Gruppierung in ihrer Eigentümlichkeit besser erkennbar. Sie ergeben in ihrem Ensemble eine Art modernen Essay-Roman des Lesens, mit fließenden Übergängen zwischen den mehr oder weniger fiktionalen Literatur-Essays (»Oudenaarde«, bzw. »Bergwanderung« oder »Zugang zu Marcel Proust«) – durch die thematische Zusammenstellung der Essays wird Amérys Konzentration auf einige wenige ›Lebensbücher‹ besser sichtbar – und sichtbar wird auch, in Amérys sonst eher reservierter Auseinandersetzung mit der zeitgenössischen Literatur, die besondere Attraktion, die für ihn von der österreichischen Gegenwartsliteratur, besonders den Büchern von Ingeborg Bachmann und Thomas Bernhard, ausging. Der aus der österreichischen Heimat Exilierte entdeckte bei ihnen einen sprachlichen Nachklang des alten Österreich – und, bei Bernhard, einen österreich-kritischen Eigensinn, der auf ihn eine wenn auch nicht geheure, so doch tiefgreifende Anziehung ausübte. […]
»Seit seinem Selbstmord vor einem Vierteljahrhundert ist es still geworden um Jean Améry. Dabei zählt der 1912 Geborene zu den radikalsten, zu den originellsten Schriftstellern der österreichischen, nein, der europäischen Literatur. ...
Die große zehnbändige Werkausgabe, die mit der finanziellen Unterstützung Jan Philipp Reemtsmas im Klett-Cotta-Verlag erscheint, bietet eine wunderbare Möglichkeit, sich mit Jean Améry von Neuem auseinanderzusetzen.«
3sat, Kulturzeit, 14.9.2004

»... Amérys Aufsätze zum Film sind Huldigungen eines passionierten Kinogehers, der sich wider den elitären Hochmut der jeweils neuesten cineastischen Theorien zu Sehnsucht und Geschmack des Massenkonsumenten, ja zum Film als ›naiver Kunstform‹ bekennt. ...
In den bisher erschienen Bänden der Werkausgabe ... ist fünfundzwanzig Jahre nach seinem Tod ein Autor zu entdecken, der sich in jedem seiner Texte als genau jener Schriftsteller erweist, der er zu sein beanspruchte: als ein Schriftsteller, der den literarischen Grossrichtern seiner Zeit insofern voraus war, als er souverän die Grenzen der Gattungen überschreitet, vom luziden Argumentieren zum dichterischen Evozieren wechselt, von der beissenden Satire zur einfühlenden Deutung ... «
Karl-Markus Gauss, Neue Zürcher Zeitung, 10.7.2004

»... Die literarturanalytischen Texte ergeben ein Porträt des Lesers, der sich mit Witz und Leidenschaft, nicht ohne linke Romantik, seine Texte erwirbt, der nicht in der hochfahrenden Geste des Bildungsbürgers darüber verfügt. Er schneidet sich die Bücher für seine Existenz zurecht, vor allem Marcel Proust, Heinrich und Thomas Mann, erwirbt sich einen persönlichen Kanon ...«
Wilfried F. Schoeller, Die Zeit, 15.1.2004

»... Dieses Grauen: dass das Alte noch da ist und nicht loslässt und dass es dennoch niemals einen gesicherten Besitz begründet – und dann die Erlösung, diesen Sachverhalt gültig gestaltet zu finden: es ist das zentrale literarische Erlebnis des Jean Améry.«
Burkhard Müller, Süddeutsche Zeitung, 20.12.2003
Klett-Cotta Hg. von Hans Höller. Die Ausgabe wird unterstützt von der Hamburger Stiftung zur Förderung von Wissenschaft und Kultur.
2003, 640 Seiten, geb. mit Schutzumschlag, Lesebändchen
ISBN: 978-3-608-93565-3

Jean Améry

Jean Améry, im Oktober 1912 als Hans Mayer in Wien geboren, zählt zu den bedeutendsten europäischen Intellektuellen der sechziger und siebziger Jahre. ...

Hans Höller

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Irene Heidelberger-Leonard

Irene Heidelberger-Leonard, geboren 1944 in der Emigration in Frankreich. Professorin an der Université Libre de Bruxelles. Zahlreiche ...

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