101 Reykjavík

Dieses Buch erwerben
23,00 EUR (D), 23,70 EUR (A)
gebunden
Versandkostenfrei nach D, CH, A; hier inkl. Mwst. - >> Lieferinformationen - Einzelheiten zu Ihrem Widerrufsrecht finden Sie in den >> AGBs. - >> Akzeptierte Zahlungsmittel

101 Reykjavík ist eine schräge Komödie um den 34jährigen Hlynur, einen ziemlichen Versager, der die Tage im Bett vergammelt und im Internet nach Pornos surft und auch sonst wenig Sinnvolles tut. Er lebt noch bei seiner Mutter, und wenn er mal weggeht, dann bloß nachts zum Kneipenbummel mit seinen Kumpels.

Er hat zwar alle möglichen Freundinnen, doch scheint sein Interesse eher theoretischer Natur: er führt Listen, in denen er penibel den Marktwert seiner Freundinnen und anderer Frauen einträgt. Nur mit Lolla ist es anders. Sie ist Drogenberaterin und in seine Mutter verliebt, was sie dennoch nicht hindert, sich von ihm verführen zu lassen. Der one-night stand hat dummerweise Folgen ... Hlynur, der sich verbissen weigert, seine gemütliche kleine Welt zu verlassen, dämmert es allmählich, daß das Leben ganz und gar nicht so läuft, wie er es sich gedacht hat.

Hallgrímur Helgason erzählt mit einem trockenen, bissigen Humor von einer hippen Jugendszene, die genausogut in London, Paris oder Berlin sein könnte.

Mama ist eine Einkaufszentrale. Meist bringt sie mir was mit. Ein Unterhemd, Cola, einen Gürtel, ein Video, Popcorn, Kekse.
»Hallo, mein Schatz.«
Während ich mich vom Computer umdrehe, wirft sie drei Paar weiße Unterhosen in knisternden Plastikhüllen aufs Bett. Dann kommt sie ins Zimmer, drapiert die Unterhosen auf den Nachttisch und fängt an, das Bett zu machen.
»Wie war dein Tag heute? Die Luft hier drinnen bei dir ist etwas abgestanden, Hlynur. Magst du nicht mal das Fenster öffnen?«
»Wie bitte?«
»Ist es nicht schon eine Weile her, seit ich dein Bettzeug zuletzt gewechselt habe? Soll ich es vielleicht jetzt neu beziehen? Ach nein, ich wasche erst morgen. Wieso liegt denn die Colaflasche im Bett? Ich kann dir noch eine holen, wenn du möchtest.«
»Was?«
Ich wende mich wieder dem Computer zu.
»Meinst du, dir gefallen die Schlüpfer. Hoffentlich sind sie nicht zu klein. Es gab nur large. Soll ich dir noch eine Cola bringen?«
»Mama.«
Sie kommt zu mir und legt mir die Hand auf die Schulter. Im Nacken fühle ich ihre Brüste.
»Schon gut, Junge. Ich störe dich nicht. Schreibst du sogar auf Englisch?«
»Mama, bitte.«
»Oh, entschuldige. Ich bin immer so neugierig.«
Sie küßt mich auf den Scheitel und geht.
»Ich habe Roastbeef gekauft. Lolla will Rotwein mitbringen. Heute abend soll's ein bißchen festlich werden.«
Roastbeef ist mein Lieblingsessen. Sie bemuttert mich wieder. Aber immerhin etwas.

Leseprobe
Personen

Lolla, Suchtberaterin

Hlynur Björn, Sohn von Berglind

Páll Níelsson, Zahnarzt

Þröstur, Freund von Hlynur

Ellert, Páls Sohn

Rósi

Gulli, Schwule

ein Pfarrer

Marri,

Reynir, Barbesucher

Tímur

Sigurlaug, Páls Ehefrau

Katarína, ungarische Prinzessin

Berglind, Hlynurs Mutter

Hólmfriður, Páls Tochter

Hafsteinn, Hlynurs Vater

Familienmitglieder, Taxifahrer, Organkuriere, Barkeeper, Typen, Clique, Mädel, Nutten, Verkäuferinnen, Nachrichtenleute usw.

Das Stück spielt überwiegend im Einzugsbereich der Postleitzahl 101, dem Innenstadtbereich der Hauptstadt Reykjavík

Immerhin. Ich versuche wenigstens aufzuwachen, ehe es dunkel wird. Um ein bißchen Helligkeit in den Tag zu bekommen, mich einzuchecken, einen Stempel zu kriegen. Die Sonne ist eine Stempeluhr. Ohne daß man einen Job hat, weder bei ihr noch sonstwo. He, Sonnensystem, Sozialversicherungssystem.

Es ist immer gleich schwer, aufzuwachen. Als ob man seit 400 Jahren in der Kiste läge und sich erst durch sechs Fuß Erde buddeln müsse. Jeden Morgen. Helligkeit fällt durch die Gardinen. Plötzlich kommen mir die Ziffern auf dem Radiowecker wie Jahreszahlen vor: 1601. Ich erwache viel zu früh, werde doch erst in gut 400 Jahren geboren. Naja. Ich greife nach der Colaflasche und nehme einen Schluck: Ein Gutermorgenkuß mit Mundgeruch. Man soll nie ein Mädel am Morgen danach küssen, schmeckt schal und abgestanden, als wäre sie am verwesen, tot. Meist ist sie auch hinüber. Man sollte nie beischlafen. Schlaf ist Tod. Und jeden Morgen Auferstehung. Auferstehung des Fleisches. Mein kleiner Johnny steht jedesmal als erster. Ich fühle die Fernbedienung an meinen Füßen, kann sie aber noch immer nicht mit den Zehen bedienen.

Kanal 52: Interview mit einem deutschen Kneipenbesitzer. Er zapft drei Glas Bier. Ich will auch eins. Trinke noch mal von der Cola. Kanal 53: Englische Gartenpflege. Kanal 54: Ein Studio in Madrid. Kanal 36: Indische Sängerin (20.000). Kanal 37: Wettervorhersage für Südostasien. Sieht nach einem schönen Wochenende in Burma aus.

Ich zappe mich durch die ganze Skala. Keine Pussy. Warum gibt es morgens keine Pornos? Haben die noch nie was von einer Morgenlatte gehört? Dann würde man vielleicht aufwachen. The Morning Porn Show. Meiner steht immer als erster auf. Vielleicht ist das mit Bedacht so eingerichtet. Es ist leichter, den Rest auf die Beine zu kriegen, wenn er schon mal steht. Der kleine Steher. Gebaut wie ein einäugiger, halsloser Bodybuilder. Mit Kopf, aber ohne Hirn; vielleicht hat er es abgegeben, spuckt ja ständig hellgraue Zellen aus. Ich stehe nie auf, wenn er nicht vorher aufgestanden ist. Ich packe ihn am Kragen und schüttele ihn; erst auf dem Klo gibt er auf. Ich murkse an ihm herum und halte die Hand vor. Warum lesen Wahrsagerinnen lieber aus trockenem Kaffeesatz als aus der nassen Handfläche? Da liegt mein Leben schäumend in der eigenen Hand. Rinnt die Straße der Lebenslinie hinab.

Eine Zigarette. Der Tag ist wie eine weiße Zigarette, und die Sonne die Glut, die sich durch Rauchwolken an ihr entlangfrißt und in einem abendgelben Filter verlischt. Sonne und Kippe, beide gleich krebserregend. Es wird schon wieder dunkel. Brauche also erst gar nicht die Gardinen aufzuziehen. Ich binde meine Armbanduhr um, kette mich an die Zeit, die Erdrotation, die Sonne und das ganze System, 16:16, und ich gehe in die Küche. Cheerios. Schon auf dem Teller. Was ist los? Soll ich auf einmal bemuttert werden? Das ist zu viel. Sie hat zu viel auf den Teller geschüttet. Die richtige Menge beträgt genau 365. Mit Milch nehme ich einen nach dem anderen ein. Das Radio. Das erste Lied gibt den Ton für den ganzen Tag an. Passion von Rod Stewart. Weiß nicht so recht.

Auge in Auge mit Woody Allen. Wann macht er endlich den Mund auf? Einmal muß es doch soweit sein. Dazu hat man schließlich Poster an der Wand. Ich starte den Mac. Macintosh sagt Guten Tag. Sie sollte jetzt nach Hause gekommen sein. 1637. Als hätte man eine Jahreszahl am Arm. Jeder Tag eine Geschichte der Menschheit. Chris kommt um Mitternacht zur Welt, in einer rauschenden Partynacht geht das Römische Reich unter, und im Morgengrauen tauchen die ersten Wikinger auf; vergewaltigen bis weit nach neun. Die Mittagsnachrichten werden aus alten Handschriften verlesen: "Letzte Nacht Großbrand in Etzels Burg". Nach dem Essen ein Nickerchen: Abschlaffen, Plagen, harte Zeiten, um 1504 von Michelangelos Hammerschlägen auf den Meißel geweckt. Renaissance. Shakespeare schreibt, was das Zeug hält, muß um viertel nach vier abgeben. Die Menschheitsgeschichte ist ein langer Tag. Der dreißigminütige Krieg. Der 6-Sekunden-Krieg. Langer Arbeitstag. Schon fast sieben, als Edison endlich das Licht einschaltet. 1900: Abendessen und Nachrichten. Wir haben die Abendmahlzeit der Menschheitsgeschichte erreicht oder sind gerade fertig mit essen, alle satt und schlaff, aber das Programm noch lange nicht am Ende. Alle warten darauf, daß es endlich 2000 wird. Ich mause mich ins Netz. Nichts auf der Homepage. Checke meine Mail. Nichts von ihr. Ich tippe an sie:

Hi Kati.

Reykjavik calling. Hope you had a good day. We are getting late up here, running out of days. You know. Wintertime in Iceland. The Kingdom of Darkness. And everything Johnny Rotten. Went to the bar last night and then to some after-party. There was one girl there who had been in Budapest and she told me about a bar called ´Roxy´ or ´Rosy´. Do you know it?

Bi. - Hlynur.

Ich bin halb angezogen, als das Telefon klingelt.

"Hlynur", sagt Þröstur.

"Þröstur", sage ich.

"Wie geht´s uns?"

"Geht so. Du bist gestern nicht gekommen?"

"Nein. War was Besonderes?"

"Nein. Wir sind hinterher noch zu Jökull gegangen."

"Und? Wie war´s?"

"Ging so. Eher mäßig."

"Irgendwelche Schnallen?"

"Lóa war da und auch Sóley, und noch zwei ganz heiße Bräute."

"Richtig edle Pferdchen?"

"Zumindest eine so Modell Milano, die andere eher selbstgestrickt."

"Ja und? Sind sie jetzt bei dir?"

"Nein, der Fernseher läuft. Was hast du denn gemacht?"

"Hör mal, ich hab deinen Vater gesehen. Wir sind ins Kastali gegangen - Marri war auch dabei -, und da haben wir deinen Alten getroffen. Er war richtig gut drauf."

"Du lügst."

"Nein, er war gut drauf, Mann. Gab uns einen aus und hat uns anschließend zu sich nach Hause eingeladen."

"Seid ihr mitgegangen?"

"Nein, er warf mit zwei Adressen gleichzeitig um sich."

"Bist du sicher, daß er´s war?"

"Mensch, Hlynur, ich kenn´ doch den alten Graubart."

"Wie sah er aus?"

"Prima. War so etwa auf dem dritten Tag."

"Völlig hinüber?"

"Ja, randvoll, aber putzmunter. Ich meine, er war richtig aufgedreht."

"Aha."

"Ja, hat unheimlich viel von deiner Mutter geschwafelt ... und von dir. Solltest den armen Kerl mal anrufen, Mann."

"Hm."

"Und sonst? Liegt was an heute abend?"

"Weiß nicht. Woran denkst du?"

"Nur so das Übliche: K-Bar oder Kastali, ist doch Spitze da, Mann. Triffst bestimmt deinen Alten."

"Wann wart ihr denn da?"

"Etwa um eins."

"Ach, ich weiß nicht."

"Hör mal, ich rufe wieder an."

"Okay."

"Hlynur."

"Þröstur."

Mama arbeitet bei einer Einkaufszentrale. Mama ist eine Einkaufszentrale. Mama heißt Berglind Sæmundsdóttir. Mama hat einen roten Subaru. Mama kommt zwischen fünf und sechs von der Arbeit. Manchmal kommt Lolla mit und ißt bei uns. Lolla heißt Ólöf, weiß nicht, wessen Tochter. Haralds- oder Harðardóttir. Lolla ist lesbisch. Seit langem. Hat letzten Herbst ihr fünfzehnjähriges Lesbenjubiläum gefeiert. Visiert jetzt die goldene Uhr der isländischen Lesbenvereinigung an. Mama ist eine Einkaufszentrale. Meist bringt sie mir etwas mit. Ein Unterhemd, Cola, einen Gürtel, ein Video, Popcorn, Kekse. Heute kommt sie im Jahr 1735. Ich höre Plastiktüten, dann klopft sie dreimal, ehe sie hereinlugt.

"Hallo, mein Schatz. Sieh mal, ob du damit was anfangen kannst. Die gab´s bei Bónus im Angebot."

Während ich mich vom Computer umdrehe, wirft sie drei Paar weiße Unterhosen in knisternden Plastikhüllen aufs Bett. Dann kommt sie ins Zimmer, drapiert die Unterhosen auf den Nachttisch und fängt an, das Bett zu machen.

"Wie war dein Tag heute? Die Luft hier drinnen bei dir ist etwas abgestanden, Hlynur. Magst du nicht mal das Fenster öffnen?"

"Wie bitte?"

"Ist es nicht schon eine Weile her, seit ich dein Bettzeug zuletzt gewechselt habe? Soll ich dein Bett nicht mal eben neu beziehen? Ach nein, ich wasche erst morgen. Wieso liegt denn die Colaflasche im Bett? Ich kann dir noch eine holen, wenn du möchtest. Lolla kommt nachher und wird mit uns essen. Ist alles in Ordnung, mein Junge?"

"Was?"

"Hast du nicht gesagt, du würdest jetzt für Reynir arbeiten?"

"Das dauert noch. Ich muß warten, bis er mir die SyQuest-CD-ROM bringt."

Ich wende mich wieder dem Computer zu.

"Ach so. Meinst du, dir gefallen die Slips. Hoffentlich sind sie nicht zu klein. Es gab nur large. Soll ich dir noch eine Cola bringen."

"Mama."

Sie kommt zu mir und legt mir die Hand auf die Schulter. Im Nacken fühle ich ihre Brüste.

"Schon gut, Junge. Ich störe dich nicht. Schreibst du sogar auf Englisch?"

"Mama, bitte."

"Oh, entschuldige. Ich bin immer so neugierig."

Sie küßt mich auf den Scheitel und geht.

"Ich habe Roastbeef gekauft. Lolla will Rotwein mitbringen. Heute abend soll´s ein bißchen festlich werden."

Roastbeef ist mein Lieblingsessen. Sie bemuttert mich wieder. Aber immerhin was.

Als sie mich rufen, hänge ich an der Fernbedienung. Quiz auf dem Ärmelkanal, Channel TV: "What´s on Television?" Ich klicke eine Frage an. Was läuft morgens zwischen zehn und elf Uhr auf Eurosport? Ich muß früher aufwachen!

Als ich nach vorn komme, reden sie gerade über Heiðar. Lolla sagt, sie steht auf ihn. Ich stehe auf Lolla. Sie hat anständige Brüste und ist witzig. Ein Spaßvogel. Klar, sie nimmt mich hin und wieder hoch, aber sie bringt auch oft was zu rauchen mit und verbreitet irgendwie gute Stimmung im Haus. Wenn sie da ist, ist auch Mama besser gelaunt. Besonders wenn sie einen mitraucht. Dann muttert sie etwas weniger rum. Sie passen gut zusammen, obwohl sie sehr verschieden sind. Mama ist 56, Lolla 37. Sie haben sich auf den Färöern kennengelernt. Mama war dort auf einer ziemlich haarigen Konferenz. Sie ist ganz öffentlich-rechtliches Fernsehen, Lolla eher Pay-TV: Ich kenne sie nicht richtig, habe sie noch nicht oft genug gesehen, sie sendet verschlüsselt. Sie ist Suchtberaterin. Suchtberaterin! Sie ist voll von guten Alki-Stories, besonders wenn sie voll ist. Saufgeschichten kommen einfach nicht so gut rüber, wenn sie nüchtern erzählt werden. Wir wohnen auf der Bergþóragata und essen in der Küche.

M.: "Haben die Unterhosen nicht gepaßt? Ich habe ihm nämlich heute bei Bónus Unterhosen gekauft."

L.: "Bónusschlüpferchen? Na, da wird sich aber mal die glückliche Gewinnerin freuen! Sind vielleicht kleine rosa Schweinchen drauf?"

I.: "Keine Ahnung."

M.: "Hast du sie noch gar nicht anprobiert?"

I.: "Gibt´s noch Rotkohl, Mutter?"

L.: "Pimmel erinnern mich immer an kleine rosa Schweinchen."

I.: "So?"

L.: "Ja, so süß und zum Anbeißen lecker."

Sie lacht. Mama lächelt. Ich grinse ein JR-Grinsen.

I.: "Ich dachte, du ißt kein Schweinefleisch. Oder bist du keine Lesbe?"

M.: "Möchte jemand Eis?"

L.: "Les-Bi. Nein, ich dachte nur an dich, Hlynur ... mein kleines Sparschweinchen."

I.: "Was meinst du damit?"

L.: "Nichts. Aber sparst du denn nicht die ganze Zeit? Du scheinst dich nicht gerade an jemanden zu verschwenden. Sparst du dich nicht für die einzig Wahre auf?"

I.: "Was soll das denn jetzt wieder heißen?"

Lolla grinst zu Mama hin, die aufgestanden ist.

M.: "Tja, sollten wir uns nicht ein Eis nehmen und von etwas anderem reden?"

I.: "Hey, Mom, hast du ihr was geflüstert? Hat man hier überhaupt kein Privatleben mehr?"

M.: "Sie ärgert dich doch nur ein bißchen, Hlynur. Lolla, magst du wirklich nicht mehr?"

L.: "Nein, ich bin absolut papp ... "

I.: " ... satt von dem ganzen Getratsche. Wo ist die Zeitung? Vielleicht sollte ich mal die Wohnungsanzeigen durchsehen."

L.: "Du willst doch nicht etwa zuhause ausziehen?"

I.: "Mama, hast du heute keine Zeitung gekauft?"

L.: "Bist du dafür nicht ein bißchen zu alt? Erst dreiunddreißig ..."

Ich sehe ein Zimmer vor mir, sound & solid, wo man nicht anklopft, sondern klingelt. Ich mit mir allein plus Mac und Tevau, ein Sechzehnvideowochende, der ganze Woody, und weit weg von allen Lesben. Irgendwas ist mit diesen wortgewandten Weibern, Weibern, die genauso schlau sind wie Männer, Muschis mit der Zunge an der rechten Stelle. Ich kann sie nicht ab. Man findet keine passenden Antworten mehr, man ist wie gelähmt. Vor allem wenn sie auch noch Titten haben. Das ist irgendwie unfair. Ich meine, Frauen haben uns sowieso die Prachtauslage voraus. Das ist ihr Ding, bzw. ihre Dinger. Dafür sollten wir den Grips haben. Aber jetzt haben sie den auch. Was bleibt uns da? Sie haben einfach alles. Aussehen und Verstand. Und wir liegen wortlos da und halten den Hirnlosen in der Hand, der seine letzten Zellen ausspuckt.

Mama ist noch eine andere Generation. Ehe Hirnoperationen üblich wurden. Mama steht mir zur Seite. Mama hält mir die Stange.

"Nun laß mal, Lolla. Mein Linsi darf hier so lange wohnen bleiben, wie er mag."

Nach dem Eis ziehen wir einen Joint durch. Lolla dreht. Zwei Joints. Einen bekomme ich. (Manchmal lohnt es sich, sich über sie aufzuregen.) Wir setzen uns ins Wohnzimmer. Durch den Rauch sieht man die Nachrichten klarer. Meist ertrage ich das Fernsehen nicht. Immer Fisch und dieser ganze Meeresquatsch! Welcher Hampelmann ist eigentlich auf die Idee gekommen, man könnte dieses kalte Zeug vom Meeresgrund essen? Das Gras macht sogar den Schnee besser, wie Eis. Eiscreme überm Nordland. Vanille auf den Westfjorden, Nougat im Nordfjord. Die beiden sind ein Herz und eine Seele und fangen wieder von den Unterhosen an. Bitte nicht!

Mutti: "Aber hast du nicht gesagt, daß du noch Unterhosen brauchst? Ihm fehlen ständig Unterhosen. Ich weiß gar nicht, was er mit all seinen Unterhosen macht. Ich habe das Gefühl, ich kaufe ihm andauernd neue."

Lolli: "Er wird sie wohl irgendwo in der Stadt liegenlassen. Das ist bestimmt so üblich bei Junggesellen, die sich nicht binden wollen. Sie lassen ihre Unterhosen absichtlich bei den Damen zurück, mit allem drin und dran ... he, he, he ... pipigelb und stinkend. Das verringert die Gefahr, daß die Frauen eventuell mehr wollen ... "

Ichi: "Manche stehen aber doch auf Goldene Wasserfälle. Und nicht nur das, sondern auch auf Geysire. He, he. Wußtest du das nicht, Lolla?"

Lolli: "Wieso Geysir?"

Ichi: "Na, Gullfoss und Geysir. Du weißt doch, er springt gar nicht mehr. Stinkt nur noch."

Mutti: "Aber Hlynur!"

Ichi: "Nein, Mama, habe ich noch nicht erzählt, daß du sie immer verschwinden läßt?"

Lolli: "Oh, Berglind ... Hört an! He, he, he ... "

Mutti: "Ha, ha. Was? Was meinst du?"

Ichi: "In der Wäsche."

Jetzt sind sie richtig gut drauf, haben es auf meine Unterhosen abgesehen und drängen mich, sie anzuprobieren. Ich weiß nicht, vielleicht bin ich jetzt so schräg, daß die Klamotten nicht mehr hängenbleiben. Jedenfalls stehe ich auf einmal wieder im Wohnzimmer, nur in Bónusslips. Ich posiere. Sie kichern und wiehern wie die Weiber bei den Chippendales. Frauen sehen sich Striptease anders an als Männer. Sie gehen völlig aus sich heraus. Männer werden dagegen eher introvertiert, schalten einen Gang zurück, werden ganz ernst und besinnlich und schlucken am eigenen Adamsapfel. Lolla sagt, ich soll näher kommen, und grapscht nach dem Hosenbund. Sie läßt ihn zurückschnappen, sagt, daß sie gut passen, und fügt hinzu: "Jedenfalls in dem Zustand."

Wieder schütteln sie sich vor Lachen auf dem Sofa. Der einäugige Hirnlose befindet sich auf Augenhöhe mit ihr, und ich spüre, wie er - obwohl Mama dabei ist - Lust bekommt, sich zu strecken und ihr in die Augen zu sehen. Ich mache, daß ich rauskomme.
»Kneipennächte. Familienfeiern. Mädchen und Masturbation - ein Kultstück von Hallgrimur Helgason«
Fritz Göttler, Süddeutsche Zeitung

»Eine schrille isländische Sex-Komödie - wahre Leidenschaft beginnt erst weit unter null Grad zu glühen.«
Lars-Olav Beier, Der Spiegel
Klett-Cotta Roman Aus d. Isländ. von Karl-Ludwig Wetzig (Original: 101 Reykjavík. Mál og menning)
3. Aufl. 2013, 440 Seiten, gebunden
ISBN: 978-3-608-98007-3
autor_portrait

Hallgrímur Helgason

Hallgrímur Helgason, geboren 1959 in Reykjavík, besuchte nach dem Studium an der Hochschule für Kunst und Kunstgewerbe in Reykjavík für ein Jahr die ...

Weitere Bücher von Hallgrímur Helgason



Unser Service für Sie

Zahlungsmethoden
PayPal (nicht Abos),
Kreditkarte,
Rechnung
weitere Infos

PayPal

Versandkostenfreie Lieferung
nach D, A, CH

in D, A, CH inkl. MwSt.
 
weitere Infos

Social Media
Besuchen Sie uns bei


www.klett-cotta.de/im-netz
Facebook Twitter YouTube
Newsletter-Abo

Klett-Cotta-Verlag

J. G. Cotta’sche Buchhandlung
Nachfolger GmbH
Rotebühlstrasse 77
70178 Stuttgart
info@klett-cotta.de