Dein Gesicht morgen 3

Gift und Schatten und Abschied
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Der letzte Band der Trilogie eines der wichtigsten Gegenwartsautoren

»Gift und Schatten und Abschied« ist ein Epos über das unerschöpfliche Rätsel der menschlichen Natur, über Liebe, Täuschung und Schuld. Mit meisterhafter Virtuosität entfaltet Javier Marías seine ganze betörende Erzählkunst und schenkt uns ein großes Werk von über bordender Originalität.

»ein großer Roman ...«
Denis Scheck, ARD druckfrisch, 28.2.10

Jaime Deza arbeitet für eine Sondereinheit des britischen Geheimdienstes, darauf spezialisiert, die Gesichter seiner Mitmenschen zu dechiffrieren, um daraus ihr Handeln vorherzusagen.
Er kehrt von London nach Madrid zurück, um die eigene Familie zu beschützen und dabei auszuspionieren. Und er muss entdecken, dass uns Gewalt und Verrat, selbst an den Nächsten, eingeimpft sind wie ein Gift.
»Gift und Schatten und Abschied« ist eine philosophisch verspielte Spionagegeschichte, in der Javier Marías voll Spannung und Witz die großen Themen - Freiheit und Verantwortung, Wissen, Macht und Gewalt - erkundet. Und dabei einen kaleidoskophaften Blick auf ein Jahrhundert voller Irrungen und Verheerungen wirft. Es ist das fulminante, lang erwartete Finale seiner Trilogie, ein Gipfelwerk der Weltliteratur.

Leseprobe
V. GIFT

Man wünscht es nicht, aber man zieht es immer vor, daß derjenige stirbt, der neben einem ist. In einer Mission oder in einer Schlacht, in einer Fliegerstaffel oder unter einem Bombardement oder im Schützengraben, als es welche gab, bei einem Straßenraub oder bei einem Überfall auf ein Geschäft oder bei der Entführung von Touristen, bei einem Erdbeben, einer Explosion, einem Attentat, einem Brand, egal bei was: der Freund, der Bruder, der Vater oder sogar der Sohn, auch wenn er noch ein Kind ist. Und auch die Geliebte, auch die Geliebte, eher als man selbst. All die Fälle, bei denen jemand mit seinem Körper einen anderen deckt oder sich einer Kugel oder einem Messer entgegenstellt, sind außergewöhnliche Ausnahmen und fallen deshalb so auf, die meisten davon sind fiktiv, sie kommen in Romanen und Filmen vor. Die wenigen Fälle, die im Leben geschehen, gehorchen unüberlegten Impulsen oder solchen, hinter denen ein besonders ausgeprägter Sinn für Anstand steht, was immer seltener wird, manche Leute könnten nicht ertragen, daß ihr Sohn oder ihre Geliebte mit dem Gedanken sterben, man hätte ihren Tod nicht verhindert, sich nicht geopfert, sein Leben nicht gegeben, um ihres zu retten, so als hätte man eine Hierarchie der Lebenden verinnerlicht, die allmählich veraltet und verblasst ist, die Kinder verdienen es, länger zu leben als die Frauen, und die Frauen länger als die Männer und diese länger als die Alten, ungefähr so, so war es früher, und diese alte Ritterlichkeit lebt in einigen Menschen fort, die immer weni ger werden, sie besitzen noch diesen Anstand, der ziemlich absurd ist, wenn man es recht betrachtet, denn was sollte dieser letzte Gedanke ausmachen, der flüchtige Kummer oder die flüchtige Enttäuschung desjenigen, der einen Augenblick später bereits tot sein wird und nicht mehr imstande, sich enttäuscht oder bekümmert zu fühlen oder überhaupt zu denken? Es stimmt, daß es noch einige wenige gibt, bei denen diese Sorge fest verwurzelt ist und die daher für den Zeugen handeln, den sie retten, um gut vor ihm oder ihr dazustehen und voll ewiger Bewunderung und Dankbarkeit erinnert zu werden; ohne im entscheidenden Moment wirklich zu bedenken, ohne also ein volles Bewußtsein davon zu haben, daß sie diese Bewunderung und diese Dankbarkeit nie werden genießen können, weil sie es sind, die schon einen Augenblick später tot sein werden.«
Und während er sprach, kam mir ein schwer verständlicher, wenn nicht unübersetzbarer Ausdruck in den Sinn, den ich deshalb nicht sofort verwendete, es hätte eine Weile gedauert, ihn Tupra zu erklären: ›Wir bezeichnen das als Schamgefühl der Stierkämpfer‹, fiel mir ein, und gleich darauf: ›Aber natürlich haben die Stierkämpfer eine Menge Zeugen, eine ganze Arena und dazu bisweilen Millionen von Fernsehzuschauern, und es ist besser zu verstehen, daß sie denken: »Ich verlasse die Arena lieber mit zerschmettertem Oberschenkel, ich verlasse die Arena lieber als Leichnam denn als Feigling, vor so vielen Leuten, die es von nun an endlos erzählen würden.« Diese Stierkämpfer fürchten den erzählerischen Horror wie die Pest, den letzten Fehltritt, der ihr Bild prägt, für sie zählt ihr Ende tatsächlich sehr, wie für Dick Dearlove und fast jede öffentliche Person, denke ich mir, deren Geschichte in all ihren Abschnitten oder Kapiteln den Blicken aller preisgegeben ist, bis zum Ende, das diese Geschichte in ihrer Ganzheit bestimmt oder ihr einen ungerechten, trügerischen Sinn verleiht.‹ Und dann musste ich es doch sagen, obwohl ich Tupra damit kurz unterbrach. Es war jedoch ein Beitrag zu dem, wovon er gesprochen hatte, und diente dazu, einen Dialog zu fingieren:
»Wir nennen das im Spanischen ›vergüenza torera‹ .« Und ich sagte die zwei Wörter genau so, um sie ihm gleich darauf zu übersetzen. »›Bullfighter's shame‹, wortwörtlich, oder › sense of shame ‹. Ein andermal werde ich dir erklären, was genau das ist, ihr habt hier ja keine Stierkämpfer.« Doch ich war in diesem Augenblick nicht einmal sicher, daß es ein andermal geben würde. Nicht einen Tag mehr an seiner Seite, überhaupt keine anderen Male.
»Gut, aber vergiß es nicht. Und stimmt, das haben wir nicht.« Tupra empfand stets Neugier für die Ausdrücke in meiner Sprache, über die ich ihn von Zeit zu Zeit aufklärte, wenn sie in den Zusammenhang paßten und auffällig waren. Doch jetzt war er dabei, mich aufzuklären (ich wußte schon, worauf er hinauswollte, auch er oder sein Weg erregten meine Neugier, über die Ablehnung am Ende der Strecke hinaus, die ich voraussah), und so fuhr er fort: »Von dieser Haltung bis dorthin, einen anderen sterben zu lassen, um sich zu retten, ist es nur ein Schritt, und von dort dazu, zu bewirken, daß es der andere ist, der an unserer Statt stirbt, und es sogar zu begünstigen (du weißt ja, er oder ich), ist es nur noch einer mehr, und ein sehr kurzer, und beide tut man leicht, vor allem den ersten, in einer Extremsituation tun ihn fast alle. Warum sonst sterben bei Bränden in Theatern und Diskotheken mehr Leute zerquetscht und zertrampelt als verbrannt oder erstickt, warum gibt es beim Untergang eines Schiffes Leute, die nicht einmal warten, bis das Rettungsboot voll ist, bevor sie es herunterlassen, um sich nur ja rasch und ohne Last zu entfernen, warum existiert überhaupt dieser Ausdruck ›Rette sich, wer kann‹, der voraussetzt, daß man von jeder Rücksicht gegenüber den anderen absieht und plötzlich wieder das Recht des Stärkeren einführt, das uns allen auf natürliche Weise zu eigen ist und zu dem zurückzukehren wir keine Sekunde brauchen, obwohl wir es mehr als ein halbes Leben lang außer Kraft gesetzt oder in Schach gehalten haben? In Wirklichkeit tun wir uns Gewalt an, um ihm nicht in jedem Augenblick und unter allen Umständen zu folgen und zu gehorchen, und doch wenden wir es sehr viel öfter an, als wir uns eingestehen, wenn auch nur verhohlen, mit einem zivilisatorischen Firnis in den Formen oder unter dem Deckmäntelchen anderer respektabler Gesetze und Regeln, langsamer und unter vielen Umwegen und Formalitäten, alles ist mühsamer, aber im Grunde ist es das Gesetz, das gilt, das herrscht. So ist es, denk darüber nach. Zwischen Menschen und zwischen Nationen.«
Tupra hatte das englische Äquivalent von ›Rette sich, wer kann‹ gesagt, das womöglich noch weniger Skrupel er kennen läßt, ›Every man for himself‹, das heißt ›Jeder für sich‹ oder ›Jeder kümmere sich um seinen Kram‹: Jeder rette seine Haut und schere sich nur um sich selbst, darum, sich wie auch immer in Sicherheit zu bringen, und die anderen, die Schwächsten, die Unbeholfensten, die Naivsten und Dümmsten (auch die Beschützer wie mein Sohn Guillermo) sollen sehen, wie sie zurechtkommen. In diesem Augenblick ist es stillschweigend erlaubt, andere wegzustoßen und umzuwerfen und unter Fußtritten zu überrennen oder dem Unglücklichen mit dem Ruder den Schädel einzuschlagen, der versucht, unser Rettungsboot aufzuhalten und hineinzusteigen, während es schon mit mir und den Meinen dem Wasser entgegenschwebt und niemand mehr hineinpaßt oder wir es nicht teilen oder Gefahr laufen wollen, daß es einer zum Kentern bringt.
Obwohl die Situationen unterschiedlich sind, gehört dieser Befehl zur gleichen Familie oder Gattung wie drei andere, die Feuer nach Belieben anordnen, ein Massaker und einen ungeordneten Rückzug, eine Massenflucht: Der eine ermächtigt dazu, ohne Einschränkung und unterschiedslos auf jeden zu schießen, den man erblickt und erwischt, der zweite fordert dazu auf, andere über die Klinge oder das Bajonett springen zu lassen und keine Gefangenen zu machen oder jemanden am Leben zu lassen (›ohne Gnade‹, lautet die Losung, oder noch schlimmer, ›Kopf ab‹), und der dritte drängt, Reißaus zu nehmen, sich ungeordnet und undiszipliniert zurückzuziehen, pêle-mêle im Französischen oder pell-mell in der englischen Lehnbildung, das heißt, in wirrem Durcheinander oder überstürzt; oder aber sich zu versprengen, jeder Soldat womöglich in eine andere Richtung, aber es gibt nicht genug Richtungen, um sie zu trennen, jeder ist nur auf seinen Überlebenswillen konzentriert und achtet nicht auf das Schicksal seiner Kampfgefährten, die nicht mehr zählen und in Wirklichkeit keine mehr sind, obwohl wir noch alle in Uniform stecken und mehr oder weniger die gleiche Angst empfinden in der einzigen Flucht.
Ich betrachtete Tupra im Licht der Lampen und im Licht des Feuers, letzteres verlieh seiner Haut einen stärker kupferfarbenen Ton als sonst, so als besäße er indianisches Blut - vielleicht waren seine Lippen die eines Sioux, kam mir in den Sinn -, sie war eher von der Farbe des Whiskys als von der Farbe des Bieres. Er war noch nicht ans Ziel gelangt, er hatte seine Wegstrecke erst begonnen, aber er würde sie nicht sehr langsam zurücklegen, und sicher würde er mir früher oder später wieder diese Frage stellen, ›Wieso kann man nicht? Wieso kann man nicht einfach so verprügeln und töten, wie du gesagt hast?‹ Und ich hatte noch keine Antworten, die bei ihm getaugt hätten, ich mußte weiter an das denken, woran wir nie denken, weil wir es für allgemeingültig, das heißt für unveränderlich und bekannt und wahr halten. Die mir im Kopf herumgingen, taugten für die Mehrheit, jeder konnte sie formulieren; aber nicht für Reresby, vielleicht war er noch Reresby oder hörte niemals auf, es zu sein, und war immer alle, zugleich Ure und Dundas und Reresby und Tupra und wer weiß wie viele Namen noch im Lauf seines bewegten Lebens an so vielen unterschiedlichen Orten, obwohl er jetzt seßhaft geworden zu sein schien. Sie waren sicher Legion, seine Namen, und er erinnerte sich nicht bis zum letzten an sie, oder bis zum ersten, wer soviel Erfahrung anhäuft, vergißt oft, was er in einem bestimmten Zeitraum oder in mehreren verschiedenen getan hat. Und in so einem Menschen bleibt nicht einmal eine Spur von der Person, die er damals gewesen ist, es ist, als wäre er nicht gewesen.
»Manche helfen aber auch in diesen Situationen«, murmelte ich ohne den geringsten Nachdruck. »Manche helfen dem anderen, ins Boot zu steigen, oder retten ihn aus den Flammen und riskieren dabei ihr eigenes Leben. Nicht alle rennen panisch davon, um sich in Sicherheit zu bringen. Nicht alle lassen zurück, wen sie nicht kennen.«
Und mein Blick blieb auf die Flammen gerichtet wie festgefroren. Als wir gekommen waren, hatten wir im Kamin noch die glühenden Überreste eines früheren Feuers vorgefunden, und es hatte Tupra wenig Mühe gekostet, es wie der zum Brennen zu bringen, bestimmt zum Vergnügen oder um Heizkosten zu sparen, ich merkte, daß die Heizung niedrig eingestellt war, viele Engländer haben den Tick, auf diese Weise ihren Geldbeutel zu schonen, egal, wie reich sie sind. Jedenfalls hatte er offenbar Dienstpersonal oder er lebte in seinem dreistöckigen Haus nicht allein, das sich in der Tat in Hampstead befand, die Gegend war fast luxuriös oder zumindest von Leuten mit Geld bewohnt, vielleicht verdiente er sehr viel mehr, als ich vermutet hätte (ich hatte aber auch nicht darüber nachgedacht), er war schließlich Beamter, wie hoch sein Posten auch sein mochte, und ich hielt ihn nicht für sehr hoch. Demnach gehörte das Haus vielleicht nicht ihm, sondern Beryl, und er verdankte es seiner noch nicht aufgelösten Ehe oder aber seiner ersten und einer vorteilhaften Scheidung, Wheeler hatte mir erzählt, daß er zweimal geheiratet hatte und daß Beryl plante, ihn zurückzuerobern, weil sie sich seit ihrer Trennung in keinerlei Hinsicht verbessert hatte. Oder Tupra verfügte über andere Einnahmequellen als seinen bekannten Beruf oder bezog Extravergütungen (›die häufigen angenehmen Überraschungen, noch dazu in bar‹, wie Peter gesagt hatte), die meine Vorstellungskraft um einiges überstiegen. Es erschien mir unwahrscheinlich, daß er ein solches Haus vom ersten britischen Tupra geerbt hätte, selbst vom zweiten, der eine wie der andere waren vermutlich Emigranten irgendeines Landes von niederem Rang gewesen. Aber wer konnte das wissen, vielleicht waren der Großvater oder der Vater clever gewesen und hatten ein rasches Vermögen zusammengetragen, alles ist mög lich, unter Umständen ein schmutziges oder eines aus Wucher oder Bankgeschäften, was dasselbe ist, die fliegen wie der Blitz, nur daß sie bleiben und wachsen, oder hatten sie etwa reich geheiratet, wahrscheinlich war es nicht, es sei denn, sie hätten bereits mit unwiderstehlicher Klugheit auf die Frauen gewirkt, und diese wäre ihr Vermächtnis an ihren Nachfahren gewesen.
Wir befanden uns in einem geräumigen Salon, der nicht der einzige des Hauses war (ich hatte einen weiteren vom Flur aus gesehen, oder es war nur ein Billardzimmer, es hatte einen grün bezogenen Tisch), mit gediegenen Möbeln, gediegenen Teppichen, sehr teuren Regalen (das vermag ich einzuschätzen) und darin sehr edlen, teuren Büchern (das vermag ich von weitem zu sehen und mit einem einzigen Blick), und ich erkannte an den Wänden zweifelsfrei einen Stubbs mit Pferden und wahrscheinlich einen großformatigen Jean Béraud, eine Szene aus einem alten eleganten Kasino, Baden-Baden oder Monte Carlo, und möglicherweise einen De Nittis in diskreteren Abmessungen (denn auch das kann ich beurteilen), eine Gesellschaftsszene im Park mit reinrassigen Pferden im Hintergrund, ich glaubte nicht, daß es sich um Kopien handelte. Jemand hier verstand etwas von Malerei oder hatte etwas davon verstanden, jemand mit einer Vorliebe für Pferderennen oder ganz allgemein für Wetten, und mein Gastgeber war gewiß ein Pferdenarr, so wie er auch Fußball fan war oder zumindest ein Anhänger der Blues von Chelsea. Um solche Bilder zu erwerben, braucht man kein Multimillionär in Pfund oder in Euros zu sein, aber man muß schon mehr als genug Geld haben oder sehr überzeugt davon sein, daß es nach jeder Ausgabe wieder hereinkommt. Die Atmosphäre war eher typisch für das Zuhause eines wohlhabenden Diplomaten oder eines bedeutenden Professors, der auf sein Gehalt verzichten kann, einer von denen, die ihren Beruf nicht so sehr ausüben, um sich ihren Lebensunterhalt zu verdienen, sondern um des Renommees willen, als für einen Angehörigen der Armee, der undefinierbaren, dunklen zivilen Aufgaben nachging, ich vergaß nicht, daß die Initialen des MI6 und MI5 Military Intelligence bedeuteten; und dann wurde mir klar, daß Tupra einen hohen Dienstgrad besitzen konnte, Oberst oder Major oder vielleicht Kommandeur oder Fregattenkapitän wie Ian Fleming und sein Protagonist Bond, vor allem, wenn er von der Marine kam, vom alten OIC , das Wheeler zufolge die besten Männer hervorgebracht hatte, dem Operational Intelligence Centre, oder von der NID , zu der es gehörte, der Naval Intelligence Division, nach und nach studierte und erfaßte ich die Strukturen und die Zusammenhänge zwischen diesen Diensten in den Büchern, die Tupra in seinem Büro aufbewahrte und in denen ich gelegentlich blätterte, wenn ich allein bis spät in dem namenlosen Gebäude blieb oder es früh betrat, um irgendeinen Bericht früher fertigzustellen oder zu ergänzen, und dann konnte es geschehen, dass ich die junge Pérez Nuix traf, die sich den Oberkörper mit einem Handtuch abtrocknete, weil sie die Nacht dort verbracht hatte, jedenfalls behauptete sie das.
Ich hielt die müden Augen auf das Feuer gerichtet, das Reresby angezündet hatte und das nicht wenig dazu beitrug, seinen Salon zu einem märchenhaften oder verzauberten Ort zu machen, ich erinnerte mich an das Bild eines gemütlichen und in Wirklichkeit seltenen London, wenn es denn je existiert hatte, wie soll ich sagen, das des Hauses der Eltern von Wendy in der Walt-Disney-Version von Peter Pan mit seinen weiß lackierten Sprossenfenstern und seinen ebenfalls weißen Regalen, seinen dicht zusammengedrängten Schornsteinen und seinen friedlichen Dachkammern, oder so erinnerte ich mich zumindest an jenes Zuhause, das ich im Dunkeln in der Kindheit gesehen hatte, in einem Zeichentrickfilm, der so tröstlich war, daß man sich wünschte, darin zu leben. Ja, Tupras Haus war bequem und beruhigend, eines von denen, mit deren Hilfe man in Gedanken versinken und zur Ruhe kommen kann, es hatte auch etwas vom Haus des Professor Higgins, den Rex Harrison in My Fair Lady gespielt hatte, obwohl sich dieses in Marylebone befand und das von Wendy in Bloomsbury, wie ich glaube, seines dagegen hier in Hampstead, weiter im Norden. Vielleicht brauchte er diese ruhige, wohltuende Umgebung als Ausgleich und um sich von seinen zahlreichen miteinander verschränkten, undurchsichtigen und sogar gewaltsamen Tätigkeiten abzuschotten, vielleicht hatten ihn seine ranglose ausländische Herkunft oder sein Herkommen aus Bethnal Green oder einem anderen Armenviertel veranlaßt, eine Einrichtungsidee anzustreben, die der Schäbigkeit entgegengesetzt war, die man fast nur noch in Fiktionen findet, für Kinder bei Barrie oder für Erwachsene bei Dickens, sicher hatte er diesen Film gesehen, der auf ersteren zurückging, den Dramatiker, so wie alle Kinder unserer Zeit in jedem Land der Welt, ich hatte ihn in meinem viele Male gesehen.
Er holte seine ägyptischen Zigaretten hervor und bot mir eine an, jetzt war er mein Gastgeber, und das war ihm auf mechanische Weise bewußt, er hatte mir auch einen Drink angeboten, den ich vorerst abgelehnt hatte, er hatte sich Portwein eingeschenkt, nicht aus einer Flasche, sondern aus einer Karaffe mit einer kleinen Medaille um den Hals, wie sie die Tischgäste bei den high tables , zu denen ich in meinen fernen Zeiten in Oxford von meinen Kollegen bisweilen eingeladen worden war, zum Nachtisch rasch im Uhrzeigersinn herumgehen ließen (es waren mehrere, es hörte nie auf), vielleicht schickten die seinen ihm noch immer Flaschen aus eigener Herstellung, außergewöhnliche, die man so nicht kaufen konnte. Ich hatte nicht verfolgt, wieviel Tupra im Lauf des endlosen Abends getrunken hatte, der noch immer nicht endete, doch nicht weniger als ich, nahm ich an, und ich mochte keinen Tropfen mehr trinken oder es ging keiner mehr in mich hinein, ihm schien der Alkohol nichts anzuhaben oder man konnte ihm die Wirkung nicht anmerken. Sein Erschrecken und Bestrafen oder Verprügeln oder thrashing von De la Garza hatten nichts damit zu tun, in alldem hatte er präzise und berechnend gehandelt. Aber wer weiß, ob die Entscheidung, ihm seinen variierenden Tod - die Varianten seines Todes - vor Augen zu führen und uns beide am Leben zu lassen, damit wir sie immer in Erinnerung behielten, damit zusammengehangen hatte, der Entschluß, etwas zu tun, fällt selten mit der eigentlichen Handlung zusammen, obwohl sie aufeinanderfolgen und sogar gleichzeitig zu sein scheinen, vielleicht hatte er ihn mit benebeltem, mit rauchendem Kopf gefaßt, und dieser war frei geworden und abgekühlt in den wenigen Minuten, in denen ich mit unserem vertrauensvollen Opfer in der Behindertentoilette auf ihn gewartet hatte, ich hatte es ihm unter Täuschungen und mit dem falschen Versprechen einer guten Linie dorthin geführt, obwohl ich in dem Moment nicht wußte, wozu ich ihm das Opfer an den angegebenen Ort brachte und daß das Versprechen nur ein Vorwand war. Ich hätte es mir denken, ich hätte es vorhersehen müssen. Ich hätte mich dem allen verweigern müssen. Ich hatte Tupra das Opfer zurechtgelegt, ich hatte es ihm serviert, ich hatte am Ende teil daran gehabt. Aus Neugier wollte ich ihn fragen: ›War das echtes Koks, was du dem armen Teufel gegeben hast?‹ Aber wie es nach Gesprächspausen oft passiert, redeten wir beide gleichzeitig los, und er kam mir einen Sekundenbruchteil zuvor, indem er auf das letzte antwortete, das ich gesagt hatte:
»O ja. Ja, natürlich«, murmelte Reresby, wie von Trägheit erfaßt. »Es gibt immer jemanden, der sich beim Handeln zuschaut, der sich selbst wie in einer ständigen Aufführung sieht. Der glaubt, daß es Zeugen geben wird, die seinen großmütigen oder schäbigen Tod erzählen werden, und daß es das ist, worauf es am meisten ankommt. Oder der sich welche vorstellt, wenn es sie nicht geben kann, das Auge Gottes, die Weltbühne, was du willst, das alles eben. Der glaubt, daß die Welt von ihren Erzählern abhängt und die Tatsachen davon, daß sie erzählt werden, obwohl es sehr unwahrscheinlich ist, daß sich jemand die Mühe macht, sie zu erzählen oder gerade diese zu erzählen, ich meine die, die den einzelnen betreffen. Die allermeisten Dinge geschehen nur, und weder werden noch wurden sie jemals irgendwo erfasst, das, wovon wir erfahren, ist nur ein winziger Bruchteil des Geschehens. Die meisten Leben, von den Toden ganz zu schweigen, sind schon von Geburt an vergessen und hinterlassen nicht die geringste Spur oder geraten innerhalb weniger Zeit in Vergessenheit, nach einigen Jahren, einigen Jahrzehnten, einem Jahrhundert, das ist in Wirklichkeit sehr wenig Zeit, das weißt du. Denk nur an die Schlachten, daran, wie wichtig sie für diejenigen waren, die sie sich lieferten, und bisweilen für ihre Landsleute, wie viele gibt es, von denen uns nicht einmal der Name mehr etwas sagt, heutzutage ist uns sogar der Krieg unbekannt, zu dem sie gehörten, und außerdem sind sie uns gleichgültig. Was bedeuten heute irgend jemandem Ulundi und Beersheba oder Gravelotte und Rezonville oder Namur oder Maiwand, Paardeberg und Mafeking oder Mohács oder Nájera?« Den letzten Ort sprach er nicht richtig aus. »Doch viele lehnen sich dagegen auf, außerstande, sich als bedeutungslos oder als unsichtbar zu akzeptieren, ich meine, wenn sie erst einmal tot sind und in vergangene Materie verwandelt, wenn sie nicht mehr gegenwärtig sind, um ihre Existenz zu verteidigen, um zu rufen: ›He, hier bin ich. Ich kann eingreifen und Einfluß nehmen, Gutes tun oder Schaden verursachen, retten oder quälen und sogar den Lauf der Welt verändern, da ich noch nicht verschwunden bin.‹ - ›Ich bin noch, also ist es sicher, daß ich gewesen bin‹, dachte ich oder erinnerte ich mich, gedacht zu haben, während ich den roten Fleck auf Wheelers Treppe entfernte und sein Rand nicht ganz weggehen wollte (wenn es denn diesen Fleck gegeben hatte, ich zweifelte immer mehr daran), das Bemühen der Dinge und der Menschen, um zu vermeiden, daß wir sagen: ›Nein, das ist nicht gewesen, das gab es nie, es durchschritt weder die Welt noch setzte es einen Fuß auf die Erde, es existierte nicht und ist nie geschehen.‹ - »Das sind die Leute, von denen du gesprochen hast«, fuhr Reresby fort, der schon seit einer Weile seltsame Anstalten machte, sich zu erheben. »Sie unterscheiden sich nicht sehr von Dick Dearlove, der Deutung nach, die du von ihm geliefert hast. Sie leiden unter erzählerischem Horror, so lautete dein Ausdruck, wenn ich mich recht erinnere, oder Abscheu. Sie fürchten, daß das Ende alles beschmutzt und prägt, eine späte oder letzte Episode, die ihren Schatten auf alles wirft, was vorher war, die es überformt und aufhebt: Man soll ja nicht sagen, ich hätte nicht geholfen, ich hätte mich nicht für die anderen in Gefahr begeben oder für die Meinen geopfert, denken sie in den absurdesten Augenblicken, wenn es niemanden gibt, der sie betrachten könnte, oder diejenigen, die sie sehen, sterben werden, angefangen bei ihnen selbst. Es soll sich ja nicht verbreiten, daß ich ein Feigling war, ein Schurke, ein Aasgeier, ein Mörder, denken sie und fühlen sich dabei von Scheinwerfern ausgeleuchtet, wo doch niemand die Scheinwerfer auf sie richtet oder jemals von ihnen sprechen wird, so un bedeutend sind sie. Sie werden anonyme Lebende und anonyme Tote sein. Sie werden sein, als wären sie nicht gewesen.« Er schwieg eine Weile, nahm einen Schluck von seinem Portwein und fügte hinzu: »Du und ich, wir werden zu denen zählen, die keine Spur hinterlassen, egal, was wir getan haben, niemand wird sich darum bemühen, es zu erzählen, nicht einmal, es herauszufinden. Ich weiß nicht, wie es mit dir ist, aber ich gehöre nicht zu diesen Leuten, die wie Dearlove sind, auch wenn sie keine Berühmtheiten sind, sondern das genaue Gegenteil. Aber von denen hast du gesprochen. Die unter einer der Varianten des K-M-Komplexes leiden, wie es in unserem Jargon heißt.« Er hielt inne, sah aus dem Augenwinkel ins Feuer und setzte hinzu: »Ich weiß, daß ich unsichtbar bin, und ich werde es noch mehr sein, wenn ich tot bin, wenn ich nur noch vergangene Materie bin. Stumme Materie.«
»K-M?« fragte ich und überging seine letzten prophetischen oder wahrsagenden Sätze. »Und was heißt das, Töten-Ermorden?« Wir sprachen in dem bei ihm obligaten Englisch, also sagte ich ›Killing-Murdering‹ , so stimmten die Initialen tatsächlich überein.
»Nein, das heißt es nicht, auch wenn es möglich wäre, darauf war ich nicht gekommen«, antwortete Tupra kaum merklich durch den Rauch lächelnd. »Sondern Kennedy-Mansfield. Den zweiten Namen wollte Mulryan unbedingt haben, Jayne Mansfield hat ihn seit jeher fasziniert, sie war seit seiner Kindheit seine Lieblingsschauspielerin, er wäre jede Wette eingegangen, daß sie in der Erinnerung aller Menschen fortleben würde, und zwar nicht nur aufgrund ihres spektakulären Todes, er hat sich vollkommen geirrt.
Tatsächlich war sie der Traum jedes Jungen oder Heranwachsenden, nicht wahr? Und jedes Lastwagenfahrers. Erinnerst du dich an sie? Sicher nicht« - er ließ mir auch jetzt keine Zeit, ihm zu antworten -, »was ein weiterer Beweis dafür wäre, wie unangebracht und unbegründet, wie übertrieben sein ›M‹ für die Bezeichnung dieses Komplexes war. Aber so nennen wir ihn eben schon seit einiger Zeit, so hat es sich eingebürgert, fast immer für den internen Gebrauch. Aber glaub nicht«, korrigierte er sich, »auch einige hohe Beamte haben den Begriff übernommen, von uns angesteckt, und er ist sogar in irgendeinem Buch aufgetaucht.«
»Ich glaube, daß ich mich doch an Jayne Mansfield erinnere«, sagte ich unter Ausnutzung einer winzigen Pause.
»Ach ja?« Tupra zeigte sich überrascht. »Na, das Alter dafür hast du, aber ich wußte nicht, ob man in deinem Land diese frivolen Filme sehen konnte. Während der Diktatur.«
»Das einzige, worin wir nicht isoliert waren, war das Kino, Franco war davon begeistert und hatte seinen eigenen Vorführungssaal in El Pardo, dem Palast, in dem er wohnte. Wir haben fast alle Filme gesehen, bis auf ein paar wenige, die von der Zensur streng verboten waren (nicht ihm natürlich: Er empörte sich gern, wie die Geist lichen, und bestaunte die Verruchtheiten der Außenwelt, vor denen er uns beschützte). Andere führte man gekürzt oder mit veränderten synchronisierten Dialogen vor, aber die meisten kamen ins Kino. Ja, ich glaube, daß ich mich an sie erinnere, an Jayne Mansfield. Nicht, daß ich in diesem Augenblick ihr Gesicht vor Augen hätte, aber ihre äußere Erscheinung wohl. Eine üppige Platinblonde, nicht?, kurvenreich, sie hat in den fünfziger Jahren in Komödien mitgespielt, oder vielleicht in den Sechzigern. Ziemlich vollbusig.«
»Ziemlich? Heiliger Himmel, du kannst dich überhaupt nicht an sie erinnern, Jack. Wart mal, ich werde dir ein amüsantes Foto zeigen, ich habe es hier bei der Hand.« Es kostete Tupra keine große Mühe, es zu finden. Er stand auf, ging zu einem Regal, bewegte die Finger, als würde er behutsam die Zahlenkombination eines Geldschranks eingeben, und holte etwas hervor, das wie ein dickes Buch aussah, aber ein Kasten aus Holz war, nicht aus Metall, und einem Buchband nachempfunden. Er legte ihn hin, öffnete ihn an Ort und Stelle und wühlte zwei Minuten in den Briefen, die er aufbewahrte, von wem mochten sie wohl sein, daß er sie derart griffbereit hatte, so nahe. Dabei ließ er Asche auf den Teppich fallen, den Daumen an der Zigarettenspitze seiner Rameses II , als wäre das ganz egal. Er hatte Dienstpersonal, das war sicher. Ständiges. Schließlich zog er vorsichtig eine Postkarte aus einem Umschlag und brachte sie zu mir, eingeklemmt zwischen Zeige- und Mittelfinger. »Hier ist es. Sieh mal. Jetzt wirst du dich besser an sie erinnern, mit aller Deutlichkeit. In gewissem Sinne ist sie unvergeßlich, wenn man sie als Junge entdeckt hat. Mulryans Faszination ist durchaus nachvollziehbar. Unser Freund muß zügelloser sein, als es den Anschein hat. Zweifellos nur in seinem Privatleben. Oder er war es jedenfalls einmal«, fügte er hinzu.
Ich nahm das Schwarzweißfoto mit den gleichen Fingern, die Tupra benutzt hatte, und tatsächlich mußte ich sogleich schmunzeln, während er sich in ähnlichen Worten darüber ausließ, wie sie mir durch den Kopf gingen. An einem Tisch, Seite an Seite, bei einem Abendessen oder kurz davor oder beim Nachtisch (es gibt ein paar große Tassen, die Unklarheit stiften), sitzen zwei damals berühmte Schauspielerinnen, links im Bild Sophia Loren und rechts Jayne Mansfield, ihre Gesichtszüge tauchten sofort aus ihrer Verschwommenheit auf, als ich sie wieder sah.
Die Italienerin, die nicht gerade flach, eher üppig war - ein weiterer lange währender Traum von vielen -, trägt einen recht züchtigen Ausschnitt zur Schau und betrachtet aus dem Augenwinkel, aber unverhohlen, die Pupillen rutschen ihr weg, ohne daß sie sie beherrschen könnte, gleichsam mit einer Mischung aus Neid, Erstaunen und Schrecken, oder sollte man sagen, mit ungläubiger Bestürzung die sehr viel ausladenderen und entblößteren Brüste ihrer amerikanischen Kollegin, die wirklich spektakulär und hervorragend sind (sie lassen ihren eigenen Busen kärglich erscheinen, durch den Gegensatz), mehr noch in einer Zeit, in der Brustvergrößerungen unwahrscheinlich oder jedenfalls selten waren. Mansfields Brüste wirken natürlich, soweit man das beurteilen kann, nicht verhärtet, nicht steif, angenehm weich und mit vorstellbaren Bewegungen (›Wären mir heute abend doch solche zuteil geworden und nicht die felsigen von Flavia‹, dachte ich flüchtig), und sie waren in jenem römischen oder, wer weiß, amerikanischen Restaurant gewiß apotheotisch, umso verdienstvoller der Gleichmut des Kellners, der zwischen beiden zu erkennen ist, im Hintergrund, nur die Gestalt, das Gesicht liegt im Schatten, obwohl man sich fragen könnte, ob er seine weiße Serviette nicht als Schild oder Schirm benutzt. Links von der Mansfield sitzt ein männlicher Tischgast, von dem man nur eine Hand sieht, die einen Löffel hält, ihm mußten die Augen nach rechts übergehen so wie die der Loren nach links, sicher mit andersartiger Gier. Anders als ihre italienische Kollegin blickt die Platinblonde mit einem herzlichen, ein wenig starren Lächeln direkt in die Kamera, wenn nicht sorglos - sie weiß sehr wohl, was sie zu bieten hat -, so doch mit absoluter Ruhe: Sie ist die Neuheit in Rom (wenn sie denn in Rom sind) und sie hat die lo kale Größe entthront, hat sie prüde erscheinen lassen. Eine Frau mit schönen Gesichtszügen, Jayne Mansfield, jetzt stieg doch eine Kindheitserinnerung in mir auf, und mit ihr stellte sich ein Titel ein, Sheriff wider Willen: groß der Mund und die Augen groß, von Kopf bis Fuß vulgäre, große Schönheit. Für kleine Jungen, das stimmte; auch für viele Erwachsene, wie mich selbst.
Darüber sprach Tupra, und das dachte ich, während er mich aufklärte. Zwischendurch lachte er kurz auf, das Foto und die Situation amüsierten ihn, und mit Recht.
»Darf ich nachsehen, wie man es genannt hat? Darf ich es umdrehen?« fragte ich ihn, um nicht ohne Erlaubnis zu sehen, was derjenige schrieb, der ihm die Karte seinerzeit geschickt hatte.
»Klar, nur zu«, antwortete er mir mit einer großzügigen Geste.
Nichts Bemerkenswertes oder Phantasievolles oder Witziges stand auf der Postkarte, nur ›Loren & Mansfield, The Ludlow Collection‹, das konnte ich erkennen, ich hielt mich nicht mit dem Versuch auf, zu lesen, was man ihm vor Zeiten mit Filzschreiber hingekritzelt hatte, zwei oder drei Sätze, irgendein Zeichen scherzhafter Bewunderung, in einer vielleicht weiblichen Schrift, gedehnt, leicht rundlich, mein Blick fiel eine Sekunde auf die Unterschrift, weiter nichts als eine Initiale, ›B‹, das konnte Beryl sein, auch auf das Wort ›fear‹, das auf englisch ›Angst‹ bedeutet. Eine Frau mit Humor, wenn es eine Frau war, die sie ihm geschickt hatte. Tatsächlich mit herausragendem, außergewöhnlichem Humor, denn ein derartiges Foto amüsiert vor allem Männer, und deshalb lachte ich herzhaft über den besorgten Augenwinkel von Sophia Loren, über ihre Verzagtheit und ihren Argwohn angesichts des siegrei chen, einschüchternden transatlantischen Ausschnitts, Reresby und ich lachten einstimmig mit jenem Lachen, das uneigennützig verbindet, wie damals in seinem Büro, als ich ihm von den möglichen Holzpantinen des gewählten, durch Abstimmung ernannten kleinen Tyrannen und von den patriotischen Sternen erzählt hatte, die ich im Fernsehen auf sein Hemd aufgedruckt gesehen hatte, und als ich ›Liki-liki‹ gesagt hatte, dieses komische Wort, das man unmöglich hören oder lesen kann, ohne es sofort wiederholen zu wollen: Liki-liki, und fertig. Ich hatte mich bei der Gelegenheit gefragt, als ich das Lachen wahrnahm, das so sehr entwaffnet, seines und meines vereint, ob in der Zukunft er entwaffnet sein würde oder ich oder vielleicht wir beide. Ein Teil dieses Morgen war schon da, und im Augenblick, das war mir sehr wohl klar, war ich es, der entwaffnet war.
›Das gibt's doch nicht, verdammte Scheiße‹, dachte ich mit der Grobheit eines De la Garza und gehörig irritiert: ›Er hat es fertiggebracht, daß ich in seiner Gesellschaft ungezwungen lache. Gerade war ich noch wütend auf ihn, und in Wirklichkeit bin ich es immer noch, das wird dauern; kurz zuvor habe ich seine Brutalität erlebt, habe gefürchtet, er würde einen armen Teufel mit methodischer Kälte umbringen, ihm ohne gewichtige Gründe die Kehle durchschneiden, wenn denn einer gewichtig genug sein kann, ich habe gefürchtet, er würde ihn mit seinem eigenen lächerlichen Haarnetz strangulieren und in dem blauen Wasser ertränken; und ich habe aus der Nähe die Tracht Prügel gesehen, die er ihm verabreicht hat, ohne seine Hände zu benutzen, ohne ihm auch nur einen einzigen Schlag zu versetzen, trotz der bedrohlichen Handschuhe, die er angezogen hatte.‹ Tupra hatte sie nicht vergessen: Nachdem das Feuer in Gang gebracht war, hatte er sie sogleich aus seiner Manteltasche geholt und in die Flammen geworfen, mitsamt den Streifen Toilettenpapier, in die er sie eingewickelt hatte. Jetzt verging endlich der Geruch nach verbranntem Leder und verbrannter Wolle oder der nach Holz dominierte, bestimmt waren sie einigermaßen getrocknet, seitdem wir die Behindertentoilette verlassen hatten. ›Der Gestank wird nicht lange dauern‹, hatte er gesagt, als er sie mit einer fast mechanischen Bewegung hineinwarf, so als würde er nach dem Nachhausekommen die Schlüssel oder die Münzen ablegen. Er hatte sie behalten, bis er sie zerstören konnte, das war mir nicht entgangen, noch dazu in seinem eigenen Haus. Er war selbst in den Dingen vorsichtig, in denen man es nicht sein mußte. ›Und jetzt ist er die Ruhe selbst und zeigt mir ein witziges Foto und kommentiert es ganz aufgeräumt. (Im Mantel befindet sich noch immer das Schwert, wann wird er es herausholen, wann wird er es verwahren.) Und ich bin ebenfalls ganz ruhig, sehe das Amüsante an der Szene und lache mit ihm, o ja, er ist ein sympathischer Mann, in erster und in vorletzter Instanz, und wir können es nicht vermeiden, wir neigen dazu, gut miteinander auszukommen, uns wohl gesonnen zu sein.‹ (In der letzten war er es nicht mehr, doch so weit kam es gewöhnlich nicht, an jenem Tag aber doch.) Ich überlegte rasch (etwas ist besser als gar nichts, wenn auch nicht viel für meinen wieder aufgestiegenen Ärger), woher die Postkarte gekommen war. Einige Augen blicke lang hatte ich sogar aus den Augen verloren, was die ses Foto hier zu suchen hatte und wozu er und ich überhaupt hierwaren. Es war kein Abend, an dem es etwas zu lachen gegeben hätte, und doch hatten wir gemeinsam gelacht, kurz nachdem er sich in Sir Punishment verwandelt hatte. Oder in Gevatter Rache, vielleicht Sir Revenge . Doch wofür hatte er sich in diesem Fall gerächt, er hatte sich übertrieben, drastisch verhalten: wegen einer Kleinigkeit, einer Dummheit.
Ich gab ihm die Postkarte zurück, er stand neben meinem Sessel und schaute mir über die Schulter, wie ich die beiden Schauspielerinnen oder vergangenen Sexsymbole anschaute - eines sehr viel ferner als das andere - und teilte oder betrachtete eher mein unerwartetes Amüsement.
»Was ist mit Jayne Mansfield?« fragte ich. »Was hat sie mit Kennedy zu tun? Präsident Kennedy, nehme ich an. War sie auch seine Geliebte? Heißt es nicht von Marilyn Monroe, daß sie mit ihm zusammen war, gab es da nicht irgendeine Geschichte von einem sinnlichen Geburtstagsständchen? Die Mansfield war doch sicher ein Imitat, oder?«
»O ja, da gab es mehrere«, antwortete Tupra, während er das Foto in den Umschlag, den Umschlag in den Kasten und den Kasten auf das Regal zurücktat, alles der Reihe nach. »Sogar in England hatten wir eine, Diana Dors, du wirst dich nicht an Diana Dors erinnern, oder? Sie war fast nur für den Binnenmarkt bestimmt. Sie war gröber, wenn auch nicht häßlich und auch keine schlechte Schauspielerin, mit einem etwas dummen Gesicht und zu dunklen Augenbrauen für ihre platinblonde Mähne, ich weiß nicht, warum sie ihr nicht alles gleich färbten. Ich kannte sie, als sie schon in den Vierzigern war; wir liefen uns immer wieder mal in den angesagten Bars in Soho über den Weg, Ende der sechziger Jahre oder Anfang der siebziger, damals wurde sie schon langsam zur Matrone, sie hatte immer ihre Ausflüge in die Bohème gemacht, sie glaubte, das würde sie verjüngen oder moderner machen. Ja, sie war gröber als Mansfield und auch etwas undurchsichtiger, weniger herzlich«, fügte er hinzu, als hätte er es einen Augenblick lang abgewogen. »Aber wenn sie ebenfalls an dem Tisch gesessen hätte, den die Postkarte zeigt, dann weiß ich nicht, wer wen erschreckt hätte. In ihrer Jugend hatte sie die Figur eines Stundenglases.« Er machte mit den Händen die alte Bewegung vieler Männer, um eine kurvenreiche Frau nachzuzeichnen, ich glaube, die Coca-Cola-Flasche hat diese Zeichnung in die Luft imitiert und nicht umgekehrt. ›She had an hourglass figure‹, sagte Tupra auf englisch. Lange schon hatte ich niemanden mehr diese Geste machen sehen, auch sie geraten außer Gebrauch wie die Wörter, weil sie fast immer ein Ersatz für sie sind und deshalb ihr Schicksal teilen: tatsächlich sind sie ein Sagen ohne Worte, zuweilen mit Gewicht, und waren einst Anlaß zum Duell, noch immer sind sie es zu Herausforderung und Tod. Und so spricht man selbst dann noch, wenn man nichts sagt, man bezeichnet und erzählt, was für ein Fluch; hätte ich in Gegenwart von Manoia mein Kinn zwei- oder dreimal nacheinander mit dem Handrücken berührt, so hätte er das als italienische Gebärde der Verachtung oder der tauben Ohren gegenüber dem Gesprächspartner verstanden und sein Schwert gegen mich gezogen, wenn auch er eines verborgen bei sich trug, wer konnte das wissen, neben ihm wirkte Reresby vernünftig und zahm.
Ja, Tupra zerstreute mich mit seinen Anekdoten, mit seiner Unterhaltung, oder es war eher Gerede. Ich war noch immer wütend, obwohl ich es ab und zu vergaß, und ich wollte es ihm zeigen, Rechenschaft von ihm fordern für sein brutales Vorgehen, regelrechter und ernsthafter als bei unserem falschen Abschied vor meiner Haustür an dem Square oder Platz, doch er führte mich von einem zum anderen, ohne sich ganz auf eine Sache zu konzentrieren, ohne zum Kern dessen zu kommen, das zu hören er mir angekündigt oder fast aufgezwungen hatte, ich zweifelte, daß er mir am Ende irgend etwas über Konstantinopel oder Tanger erzählen würde, er hatte diese Orte erwähnt, als er am Steuer saß, er hatte sich auf die Geschichte des Mittelalters spezialisiert, wer hätte das geahnt, damals in Oxford, und auf diesem Gebiet mochte er tatsächlich ein beflissener Student von Toby Rylands gewesen sein, der gegen seinen Willen für kurze Zeit Toby Wheeler gewesen war in seinem fernen, ausgelöschten Neuseeland, und auch von seinem Bruder Peter. Tupra hatte mir des weiteren einige Videos in Aussicht gestellt, die er zu Hause aufbewahrte und nicht im Büro, ›Sie sind nicht für jeden bestimmt‹, hatte er gesagt, mir dagegen würde er sie zeigen, worum ging es in ihnen und warum sollte ich sie sehen, vielleicht wäre es mir lieber, sie niemals vor Augen zu haben; ich könnte sie immer schließen, obwohl sie sich unvermeidlich ein wenig zu spät schließen, wenn man die Entscheidung dazu trifft, ein wenig zu spät, um nicht etwas zu erkennen und sich eine schreckliche Vorstellung zu machen und etwas mitzubekommen. Oder aber man hat sie schon fest geschlossen und glaubt, daß der Anblick oder die Szene vorbei seien, wenn das noch nicht der Fall ist - der Ton täuscht, und mehr noch täuscht die Stille -, und dann öffnet man sie zu früh.
»Dein Gesicht morgen ist kein vollkommener Roman, aber was ist Vollkommenheit gegen die Kühnheit, mit der Marías in die unheimlichsten Abgründe der menschlichen Natur leuchtet? ... Dein Gesicht morgen erzählt davon, wie die Gewalt in das eigene Bewusstsein und das eigene Leben eindringt und wie man sie dann verdrängt, verwandelt, verarbeitet und weiterlebt. Aber auch davon, wie man von der Gewalt wie von einem Virus infiziert wird.«
Ijoma Mangold, Die Zeit, 1.7.2010

»"Dein Gesicht morgen" ist der Gipfel einer Romankunst, die man reflexiv, analytisch, hypertroph oder auch diabolisch nennen könnte, denn hier scheint das bloße Phantasieren einer Tat schon ihre Erfüllung in sich zu tragen. Wie das Virus die Ansteckung. ... Und je mehr er geschrieben hat, desto stärker schlingen sich seine Bücher um die eigenen literarischen Motive, nehmen sie auf und variieren sie, so wie auch seine süchtig machenden Methaphern sich selbst umkreisen. ...  Das ist es, was Javier Marías von guter Literatur fordert. Szenen, die ihn verlocken, ein anderes Reich zu betreten. Wie ein Streichholz, das in einem dunklen Zimmer aufflammt.«
Paul Ingendaay, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 14.3.2010

»Ein gutes Buch ist eine Falle. Es schnappt zu, wenn wir in ihm sind und lässt uns nicht wieder hinaus. Die Bücher von Javier Marías sind ganze Fallensysteme. Der erste Satz nimmt den Leser gefangen. Der nächste dudelt ihn ein, dann wieder packt ihn die Härte eines Gedankens, er wird in den Strudel eines erzählerischen Wasserfalls gerissen, um danach in ruhigen Sätzen zu liegen wie man im August in einem von der Hitze ermatteten Meer auf dem Rücken liegt und in die Sonne blinzelt.«
Arno Widmann, Frankfurter Rundschau, 3.3.2010

»Thriller, Melodram, Geisterbeschwörung und eine Krypta für die Toten des zwanzigsten Jahrhunderts: Mit dem dritten Band von "Dein Gesicht morgen" steigert Javier Marías diese Trilogie zu seinem unheimlichsten Meisterwerk. ... mit "Dein Gesicht morgen" hat er den Höhepunkt seines Schaffens erreicht. ... Fast schon ein ans Unwahrscheinliche grenzende Meisterwerk.«
Markus Gasser, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27.2.2010

»Javier Marías ist »der bedeutendste spanische Romancier unserer Zeit ... der in seinem monumentalen Roman "Dein Gesicht morgen" die Lügen und Verbrechen der Franko-Diktatur zur Sprache bringt. ... ein großer Roman ...«
Denis Scheck, ARD druckfrisch (ARD), 28.2.2010

»Die Roman-Trilogie "Dein Gesicht morgen" kann jetzt schon als Opus Magnum des spanischen Erzählers Javier Marías gelten.«
Sigrid Löffler, ORF, 25.04.2010

»Marías führt in "Dein Gesicht morgen" einmal mehr vor, wie die schriftstellerische Leistung gerade darin besteht, die eigene Stimme zu verlieren, um die anderen Stimmen zum Sprechen zu bringen. Dafür wird er hoffentlich bald den Nobelpreis bekommen.«
Ellen Spielmann, Der Freitag, 31.03.2010

»Gäbe es Superlative in der Literaturkritik, man müsste Javier Marías den besten spanischen Schriftsteller der aktuellen Generation nennen. ... er steht in der Tradition anderer Schriftsteller wie etwa Marcel Proust, William Faulkner, Laurence Stern, Max Frisch oder der von Jaime verschiedentlich zitierten Rainer Maria Rilke und T. S. Eliot. ... Marías Bücher sind voller Echos, die beim Leser über den Tag hinaus nachhallen.«
Andreas Strehle, Tages-Anzeiger, 4.3.2010

»In Marías' Meer unendlich schweifender Satzkaskaden kann sich der Leser treiben lassen und geht doch nie unter. reich beschenkt kehrt er am Ende mit dem Erzähler in dessen Heimat zurück. ein Werk, von dem man noch in Jahrzehnten sprechen wird.«
Dierk Wolters, Frankfurter Neue Presse, 22.4.2010

»Seine Sätze ähneln kunstvoll mäandernden Schleifen. Sie entfalten einen Gegenstand so lange, bis sein Kern allmählich sichtbar wird.«
Tobias Lehmkuhl, WDR 5, 17.4.2010

»"Dein Gesicht morgen" ist einer der größten Romane unserer Zeit.«
The Times

»Mit meisterhafter Virtuosität entfaltet Javier Marías seine ganze betörende Erzählkunst und schenkt und ein großes Werk von über bordender Originalität.«
Liesmalwieder.de, 29.4.2010
Klett-Cotta Roman Aus dem Spanischen von Elke Wehr und Luis Ruby (Orig.: Tu rostro mañana - Veneno y sombra y adiós)
2. Aufl. 2010, 726 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, mit 23 farbigen Abbildungen
ISBN: 978-3-608-93716-9
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Javier Marías

Javier Marías, 1951 in Madrid geboren, hat bisher zehn Romane, zwei Erzählbände und mehrere Sammelbände mit Essays und Zeitungsartikeln veröffentlicht ...

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