Der Herrscher der Seelen

Dieses Buch erwerben
gebunden mit Schutzumschlag
leider vergriffen
Versandkostenfrei nach D, CH, A; hier inkl. Mwst. - >> Lieferinformationen - Einzelheiten zu Ihrem Widerrufsrecht finden Sie in den >> AGBs. - >> Akzeptierte Zahlungsmittel

Ein großes Abenteuer-Fresko über das frühe Mittelalter

Ein Mönch des Klosters St. Gallen bricht kurz vor der ersten Jahrtausendwende mit einem gefährlichen Auftrag nach Osten auf. Er soll ein Friedensangebot des Papstes an die Magyaren überbringen. Doch ein geheimnisvolles Medaillon führt zu seiner Verschleppung und zahlreichen Verwicklungen. Róbert Hász ist mit »Der Herrscher der Seelen« ein eindrucksvoller Roman gelungen: ein raffiniert komponiertes Mittelalter-Epos.

Sankt Gallen, im Jahr 973. Der Mönch Alberich bekommt einen heiklen Auftrag. Er soll die Legende seines Lehrers Stephanus Pannonius für dessen Heiligsprechung verfassen. Doch schon vor der Niederschrift entdeckt er, dass Stephanus keinen Märtyrertod gestorben ist, sondern sich ganz in der Nähe des Klosters versteckt hält. Von ihm erfährt er eine ganz andere Version einer abenteuerlichen Reise: Kurz nachdem er den sicheren Boden Bayerns verlassen hat, wird Stephanus von Turken verschleppt. Ein Vogel- Amulett bringt ihn mehr und mehr in Schwierigkeiten. Plötzlich ist für ihn auf nichts mehr Verlass, nicht einmal auf die eigene Herkunft. Warum beherrscht er Bruchstücke einer ihm unbekannten Sprache? Nach und nach werden Stephanus die eigentlichen Gründe für seinen Auftrag klar. Doch dies missfällt dem Abt des Klosters. Um ihn zum Schweigen zu bringen, wird er kurzerhand für tot erklärt ...

Róbert Hász inszeniert ein Spiel um Legenden und Wahrheit, ein Spiel um die Macht der Geschichtsschreibung. Und dies in einem mythenreichen Roman, angesiedelt in einer faszinierenden Umbruchzeit.

Leseprobe

Ich, Alberich von Langres, Schlüsselwart des Scriptoriums und Bibliotheksvorsteher der Benediktiner-Abtei zu St. Gallen, ward im Jahre des Herrn 973, im Monat Februar, von meinem Abt Virgil von Aquilea mit dem Auftrag betraut, die wahre Geschichte meines einstigen Meisters Stephanus von Pannonien für die Annales Sanctgallenses Maiores aufzuzeichnen - beginnend bei Ste pha nus' Ankunft in unserem Kloster, seinen Aufbruch in das Land der Ungläubigen, wo er mit unerschütterlichem Mut die Worte des Evangeliums verkündete, ganz bis zu dem Tage, als er zum Heil für uns alle in die Herrlichkeit des Herrn einging. Die schriftliche Verewigung des Lebenswerkes meines geliebten und der Liebe über aus würdigen Meisters dient nicht zuletzt der Absicht, die böswilligen, häufi g auf Gerüchten beruhenden Legenden zu widerlegen, die sich um seinen angeblichen Abfall vom rechten Glauben, seine Heimkehr in Schande und - horriblie dictu - um seinen Lebensabend in einsamer Verbannung ranken. Die Hilfe unseres diensteifrigen und bei der fürsorglichen Führung der Herde des Herrn ergrauten, jedoch aus dem Vollbesitz seiner Seelenkraft schöpfenden und hochverehrten Abts, Virgil von Aquilea, hat sich bei der Fertigstellung meiner Arbeit als unentbehrlich und unendlich segens reich erwiesen. Nur mit seinem Beistand und nach seinen Weisungen konnte ich den Versuch wagen, die in Zeit und Raum verstreuten Einzelheiten der Lebensgeschichte des Stephanus von Pannonien wieder zu einem Ganzen zu fügen. Meine Arbeit kann jedoch nicht vollkommen sein. Über manchen Ereignissen wird auf ewig ein Schleier liegen, der nur von einigen wenigen Menschen hätte gelüftet werden können, die seit Jahren nicht mehr unter den Lebenden weilen. Meine ganz besondere Aufmerksamkeit habe ich dem sorgfältigen Erforschen aller Geschehnisse und ihrer getreuen Wiedergabe gewidmet. Zugleich war ich bestrebt, meine Arbeit ab zu schließen, bevor die Prozedur der Heiligsprechung unseres Bruders Stephanus beginnt - ein Ereignis, das unserem Kloster mit sei ner großartigen Vergangenheit eine in Zukunft noch bedeutendere Stellung sichern dürfte. Die Tatsache, ehemals selbst Schüler des Stephanus von Pannonien gewesen zu sein, erfüllt mich nicht nur mit Stolz, sondern war auch für meine Arbeit sehr hilfreich. Nicht selten konnte ich so auf eigene Erinnerungen zurückgreifen.
Für die Richtigkeit der Überlieferungen über die Ankunft des Stephanus von Pannonien in unserem Kloster kann sich der Verfasser nicht verbürgen, da der letzte Ordensbruder, der damals noch gelebt und darüber hinaus lange Jahre als Lehrer und Erzieher des Kindes Stephanus gewirkt hatte - ein gewisser Pater Hilarius - im Jahre 955 nach Christi Geburt in die Ewigkeit abberufen wurde. Überliefert sind nur Legenden und Anekdoten, deren Glaubwürdigkeit nicht mehr feststellbar ist.
Sicher ist jedoch, daß Stephanus in puncto Weisheit und Frömmigkeit immer ein vorbildlicher Bruder gewesen ist, der die Vorschriften unseres Ordensgründers, des Hl. Benedikt, auf die getreueste Weise befolgt hat. Als Stephanus vor Jahr und Tag noch in unserer Mitte weilte und Lehrer des gottesfürchtigen Alberich von Langres - also meiner Wenigkeit - war, hatte er mir anvertraut, der Sprößling einer vornehmen bairischen Adelsfamilie zu sein. Dies wäre der Grund, warum er seinen wahren Namen geheimhalten würde. In Anbetracht seiner aufrichtigen Natur hegen wir an dieser Behauptung keinerlei Zweifel. Stephanus von Pannonien hat bis in das Jahr 963, als ihn der weise Abt unseres Klosters, Virgil von Aquilea - ein in jeglicher Hinsicht würdiger Vertreter unseres Ordensgründers -, mit einem im folgenden noch näher zu beschreibenden Auftrag betraute, unsere umfangreiche Bibliothek um zahlreiche wertvolle Werke erweitert. Er fertigte Kopien geliehener Bücher an oder reiste als Abgesandter unseres Klosters zu anderen Ordensniederlassungen und Bistümern, um alle Duplikate zu erwerben, deren er habhaft werden konnte. (Bei einer dieser Reisen in das ehrwürdige Aachen durfte auch ich ihn begleiten.) Als im Laufe der Jahre sein Augenlicht schwächer wurde und ihm das Entziffern der Buchstaben immer mehr Mühe bereitete, wurde er mit der Pfl ege des Weingartens betraut. Auch dieser Arbeit widmete er sich mit Hingabe, denn er liebte den Weinberg über alles. Nicht so allerdings den Wein, den Meister Stephanus aus tiefster Seele verabscheute, ebenso wie der Verfasser dieser Zeilen, denn beide führen ein Leben von großer Nüchternheit und Tugend.
Im Jahre 963 des Herrn, vor genau zehn Jahren, wurde an einem Spätsommertag Alberich von Langres - also ich - von seiner unermüdlichen Arbeit am Schreibpult des Scriptoriums zu Abt Virgil beordert. Der Vorsteher bat mich, meinen Meister zu suchen und ihm auszurichten, der Abt wünsche ihn dringend zu sprechen. Ich wußte gleich, wo ich Stephanus zu suchen hatte und fand ihn binnen kurzem im Weinberg. Er saß unter dem Kirschbaum und war in tiefes Beten versunken. Als er geendet hatte, hörte er sich meine Botschaft an und begab sich unverzüglich zu unserem Abt. Virgil von Aquilea erwartete ihn in seiner Zelle. Diese war karg eingerichtet, bescheidener und unbequemer als jede andere Zelle des Klosters. In der Stube befand sich nicht einmal ein Stuhl. Der Abt war ein Vorbild an Demut, damit allen zeigend, daß im Kloster der erste nicht besser war als der letzte. Stephanus trat ein. Virgil kniete vor dem Kruzifi x und betete. Als er den Ankömmling erblickte, segnete er ihn. Sie beugten beide das Knie vor dem Kruzifix. Dann trug der Abt seinen ihm von Gott eingegebenen Gedanken vor.
„Unser Glaube, mein Bruder, kann nur dadurch an Macht gewinnen, daß wir ihn unter den Ungläubigen verbreiten. Es ist immer wichtig, das Lob des Herrn gerade dort zu verkünden, wo die Aussichten auf Erfolg am geringsten sind. Du mußt zu den Ungläubigen im Land der Tyrcen ziehen und diesem Barbarenvolk die heilige Botschaft des Evangeliums bringen. Geh und verbreite das Lob unseres Erlösers !“
Stephanus erschrak vor dem Auftrag. Er protestierte, er flehte. Virgil von Aquilea möge einen anderen mit dieser Aufgabe betrauen. Sein Platz wäre im Kloster, er hätte sich an den Ablauf der täglichen Arbeit gewöhnt und hätte keine Kraft mehr für eine solche Unternehmung. In seiner Barmherzigkeit ließ sich Abt Virgil von Stephanus' Worten rühren und sagte:
„Ich verstehe deine Furcht, mein Bruder. Deshalb sei es so: Schließe dich in deiner Zelle ein. Bete bis zum Morgengrauen das Pater Noster. Morgen vor Sonnenuntergang komm zu mir und laß mich deine Entscheidung wissen. Hast du dann in deinem Herzen noch nicht die Kraft gefunden, werde ich einen anderen entsenden.“ Stephanus beherzigte den Rat. Er schloß sich in seiner Zelle ein und betete bis zum Morgengrauen still und leise das Pater Noster. Und er bekam ein Zeichen. Zwischen den Gebetszeilen erschien ihm das gütige und gottesfürchtige Antlitz des Abtes, wie er mit kummervoller Miene an die Tausenden und Abertausenden Ungläubigen dachte, die ohne Erlösung und ohne jede Hoffnung auf Seligkeit ihr sündiges Leben fristen mußten. Und es geschah das Wunder: Bevor die Sonne am Abend unterging, goß der Herr Mut in das Herz des Stephanus von Pannonien. „Ich werde mich aufmachen mit der Botschaft des Herrn“, sagte Stephanus zu Virgil von Aquilea.
„Ich habe immer an dich geglaubt“, antwortete Virgil.

Ich schleiche des Nachts oft hier herauf und nütze in verwerflicher Weise aus, daß mir vor einiger Zeit die Schlüssel des Scriptoriums anvertraut worden sind. Während meine Mitbrüder tief und fest auf ihren Pritschen schlafen, betrete ich heimlich die Schreibstube. Ich ziehe die unbeschriebenen Blätter, die ich in den letzten Wochen gesammelt habe, die Tinte und die gespitzte Schreibfeder aus dem Versteck und kauere mich in einer Ecke auf den Boden, damit der Schein meiner Laterne nicht durch das Fenster nach draußen dringen kann. So beginne ich mit der Niederschrift dieser Zeilen, die in den Klosterannalen nicht erscheinen dürfen, aber dennoch nicht in Vergessenheit geraten sollen. Im Andenken an meinen geliebten Meister Stephanus will ich all seine Worte aufzeichnen, die, wie man sehen wird, aus naheliegenden Gründen nicht in die offi zielle Chronik passen. So werde ich den Wünschen meines Meisters voll und ganz gerecht und vermeide zugleich, seine Heiligsprechung zu gefährden. Auf diesen Blättern schreibe ich nieder, was er mir bei unseren täglichen Treffen in seiner armseligen Hütte erzählt, und was ich in St. Gallen über ihn in Erfahrung bringen kann: Alles Dinge, die in den Annalen nicht erwähnt werden dürfen und von deren Kenntnis ich im Hinblick auf meine eigene Zukunft besser nichts preisgebe. Weil ich sie aber nicht für mich behalten kann, mein Versprechen mich jedoch bindet, will ich sie hier aufzeichnen, nachts, beim fl ackernden Licht der Laterne.
Zunächst war ich unendlich wütend auf Elsi, daß sie Stephanus' Versteck so viele Jahre vor mir verheimlicht hatte. Ich war sprachlos vor Entrüstung. Und am Ende mußte ich sie noch trösten, als sie zu weinen und zu jammern anfi ng, weil sie jetzt nicht wußte, bei wem sie sich entschuldigen sollte, bei mir wegen der Geheimnistuerei oder bei Meister Stephanus, dem sie versprochen hatte, in der Abtei keiner Menschenseele etwas zu erzäh len, am allerwenigsten mir. Sie schluchzte so sehr, daß ich Sorge hatte, sie würde das ganze Kloster aufwecken. Ich versuchte, sie zu beruhigen und bat sie, um Himmels willen still zu sein. Wenn uns jemand hier oben entdeckte, würden wir uns beide im Nu außerhalb der Klostermauern wiederfinden - und das könnte sie nicht wollen. Um sie zu beschwichtigen, fl üsterte ich ihr leise ins Ohr: „Schon gut, Elsi, schon gut, mach dir keine Sorgen.“ Was für ein schlaues Wesen so ein Weibsbild doch ist, dachte ich währenddessen. Mit einer einzigen fl inken Wendung ist es fähig, den Zorn eines Mannes in Mitleid zu verwandeln. Es war mir unbegreifl ich, wie sie es geschafft hatte, das Geheimnis über so viele Jahre zu hüten. Und gar vor mir, mit dem sie alles, aber auch wirklich alles teilte. Ihre zutiefst weibliche Fähigkeit zur Heuchelei versetzte mich in Erstaunen, und in meinem Innern wetteiferten Entrüstung und Bewunderung miteinander. Sie erwiderte, mein Meister - der offenbar ebenfalls durchtrieben genug war - hätte ihr für den Fall, daß sie das Geheimnis ausplauderte, damit gedroht, ihr nicht mehr die Beichte abzunehmen, um sie von ihren mit mir begangenen Sünden freizusprechen. Im selben Augenblick, als er zum ersten Male meinen Namen aus Elsis Mund vernommen hatte, war er darüber im Bilde gewesen, daß unser Verhältnis nicht rein freundschaftlicher Art sein konnte. Und siehe, während ich jahrelang geglaubt hatte, er wäre bei den Ungläubigen ums Leben gekommen, und die in meinem Herzen schwärende Wunde täglich von Neuem aufriß, ließ er sich in seinem Versteck im nahegelegenen Wald von Elsi über ihre Ausschweifungen mit mir Bericht erstatten. Der alte Fuchs !
Erst nachdem ich stolz und voller Eitelkeit vor Elsi geprahlt hatte, mit welch einer Aufgabe der Abt mich betraut hatte - nämlich (wie ich glaubte) der Verewigung der Lebensgeschichte des Stephanus von Pannonien in den Annales Sanctgallenses - erst da kam das seit Jahren in ihrer Seele verschlossene Geheimnis ans Tageslicht, und sie konnte nicht länger für sich behalten, daß sie sein geheimes Versteck kannte. „Von wegen gestorben,“ murmelte sie mit Tränen in den Augen. „Er lebt in einer Hütte im Wald, die Dorfbewohner sorgen für ihn.“ Sie selbst besuche ihn von Zeit zu Zeit, sammele Holz für ihn, bringe ihm zu essen. Für geraume Zeit bekam ich keine Luft, und mein Zorn auf Elsi legte sich erst allmählich. Zuinnerst war ich auch Stephanus böse, weil er mich auf diese Weise so lange zum Narren gehalten hatte. Mich, der ich ihn mehr als jeder andere verehrt hatte ! Ich verschaffte mir Genugtuung, indem ich ihn bei der ersten sich bietenden Gelegenheit im Wald aufsuchte. Es tat gut, das lange Gesicht meines Meisters zu sehen, wie er meiner beim Betreten seiner Hütte ansichtig wurde. Doch schon im gleichen Moment empfand ich tiefes Mitleid für ihn, als ich sah, unter welch erbärmlichen Umständen er seine Tage fristen mußte. In der Hütte zog es, und es war feucht. Mein armer Meister sah zum Er barmen aus. Sein Gesicht war wie das eines Wanderbettlers von einem dichten grauen Bart bedeckt, sein schneeweißes Haar hing auf die Schultern herab, und seine einst so kräftige Gestalt war verdorrt, wie eine an der Rebe vergessene Traube. Einzig sein Blick hatte noch dieselbe Strahlkraft wie früher, bevor er ins Land der Ungläubigen gezogen war. Er schaute mich an, müde und doch zugleich selbstsicher, wie einer, der allem Vergänglichen ein Schnippchen geschlagen hatte. Mein Zorn war im Nu verflogen, und von Gefühlen übermannt wollte ich ihm um den Hals fallen. Er aber schob mich mit den Worten fort, ich solle doch nicht kindisch sein, schließlich wäre ich ein Mann und solle nicht heulen wie ein Frauenzimmer. Mich setzen und erzählen sollte ich. Ich jedoch wollte etwas über sein Schicksal erfahren, darüber, was ihm widerfahren war, warum er seit Jahren im Wald versteckt lebte wie ein wildes Tier. Offensichtlich war er unversehrt aus dem Land der Tyrcen zurückgekehrt. Warum ging er seinen Ordensbrüdern aus dem Weg, allen voran mir, was mich sehr schmerzte? Ich forderte sanft, aber vorwurfsvoll Rechenschaft und hielt ihm vor, daß wenn Elsi ihr Schweigen nicht gebrochen hätte, ich nie erfahren hätte, daß er hier ganz in meiner Nähe lebte.
Anfangs wehrte er ab. Was hätte es für einen Sinn, die Vergangenheit aufzuwühlen, die sich inzwischen auf dem Boden seiner Seele gesetzt hatte. Er hätte sich mit seinem Schicksal abgefunden. Er wand sich, ließ sich bitten, und erst bei meinem dritten Besuch, als ich ihm etwas neuen Wein und saubere Kleidung mitbrachte, gelang es mir, ihn zum Erzählen zu bewegen. Ich berichtete ihm von der Aufgabe, mit welcher mich Virgil von Aquilea betraut hatte und sinnierte über die peinliche Situation, in der ich mich befand. Wie sollte ich die Chronik seines Märtyrertods schreiben, nachdem ich wußte, daß er lebte und nicht bei den Ungläubigen gestorben war? Er war bereit, mir seine Geschichte anzuvertrauen unter der Bedingung, daß ich alles von ihm Gehörte auf eigens hierfür vorbehaltenen Blättern niederschrieb. Es durften keine Kopien angefertigt werden. Doch wenn er sich schon damit plagte, das Vergangene erneut zu durchleben, sollten seine Worte wahr und unverfälscht die Zeiten überdauern.
Beglückt versprach ich, alle Bedingungen zu erfüllen. „Erwähne nicht in den Annalen, was ich dir erzähle, hörst du. Dort hat das nichts zu suchen. Meine Geschichte gehört nicht in den Codex. Niemand außer dir darf etwas von ihr wissen, Alberich, und in der offiziellen Chronik schreibst du alles so, wie es Virgil gefällt.“ Er ließ mich schwören, dem Abt mein Wissen um das Geheimnis nicht zu verraten. Ich müßte darüber Stillschweigen bewahren, daß die Legende von seinem Märtyrertod eine Erfindung war. In meinem eigenen Interesse dürfte ich nie ein Wort darüber verlieren. Auch diese Hütte dürfte ich niemandem gegenüber erwähnen. Er sei tot, und dabei müsse es bleiben. Nach und nach würde ich alles verstehen. Im Kloster sollte ich weiterhin so tun, als wüßte ich von nichts.
Ich versprach alles und besuchte ihn in den folgenden Tagen und Wochen, so oft es ging. Zu seinen Füßen kauernd lauschte ich seiner Erzählung. Mir wurde immer klarer, daß sie in der Tat nicht in die Annales Sanctgallenses gehörte. Ich hätte mein Schicksal herausgefordert, hätte ich Stephanus' Erzählung dort wiedergegeben. Und doch verdiente die Geschichte meines teuren Meisters etwas Besseres, als sich im Dämmergrau des gesprochenen Wortes zu verflüchtigen.
Gleich zu Beginn unserer Sitzungen gelang meinem Meister eine Überraschung. Er ließ durchblicken, daß er von dem Weinkrug, den ich ins Scriptorium geschmuggelt und in einer Wandnische versteckt habe, sehr wohl Kenntnis hatte. So weit ich mich entsinne, habe ich diesen nie jemandem gegenüber erwähnt, nicht einmal Elsi wußte davon. Auch hatte ich das Versteck eine gute Zeit nach Stephanus' Fortgang angelegt. Sehr rätselhaft ...
Mein Meister stellte sein hervorragendes Erinnerungsvermögen immer wieder unter Beweis. Ich mußte mich wundern, in welch genauen Worten er den Spätsommernachmittag beschrieb, an dem ich ihm vor zehn Jahren auf Befehl von Virgil von Aquilea in den Weinberg gefolgt war. Die Sätze, mit denen er seine Geschichte vortrug, waren so klar geordnet und so ausgefeilt, daß ich - hielte ich es nicht für ausgeschlossen - hätte glauben müssen, er hätte sie im Laufe der Jahre so oft wiederholt, daß er sie mittlerweile auswendig kannte. Seine Erzählungen weckten auch in mir viele Erinnerungen. Und Stephanus von Pannonien gab zu, mich immer als seinen Lieblingsschüler betrachtet zu haben. [...]
»Ein Roman, der spannend und unterhaltsam in die Mythen und Geschichte Ungarns einführt und sich dabei wohltuend von aller nationalen Mythographie distanziert.«
Judith Leister (Neue Zürcher Zeitung, 27.11.08)
Klett-Cotta Roman Aus dem Ungarischen von Andrea Ikker (Orig.: A Künde)
1. Aufl. 2008, 350 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-93768-8
autor_portrait

Róbert Hász

Róbert Hász wurde 1964 in der Voivodina, im ehemaligen Jugoslawien, geboren. Als Angehöriger der ungarischen Minderheit siedelte er 1991 nach Szeged ...

Weitere Bücher von Róbert Hász



Unser Service für Sie

Zahlungsmethoden
PayPal (nicht Abos),
Kreditkarte,
Rechnung
weitere Infos

PayPal

Versandkostenfreie Lieferung
nach D, A, CH

in D, A, CH inkl. MwSt.
 
weitere Infos

Social Media
Besuchen Sie uns bei


www.klett-cotta.de/im-netz
Facebook Twitter YouTube
Newsletter-Abo

Klett-Cotta-Verlag

J. G. Cotta’sche Buchhandlung
Nachfolger GmbH
Rotebühlstrasse 77
70178 Stuttgart
info@klett-cotta.de