Der amerikanische Ritter

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Der größte aller Ritter

und die Welt des Mittelalters

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Die Geschichte eines großen Unzeitgemäßen und Met-Trinkers, der mit seinem Mittelalter-Tick bei allen, die ihn kennen, für viel Heiterkeit sorgt. Nur für die Familie ist sein exzentrisches Auftreten oft schwer mit dem Alltag zu vereinbaren. Die Reise nach Europa zum Hildegard-900-Treffen ist für Burt Hecker eine Chance, sich mit seinen Kindern zu versöhnen. Ein komisches, zuweilen tragisches Buch über den »Clash« zweier Zeiten. Und ein Roman über Deutschland und Europa aus der Sicht eines Amerikaners.
Die Geschichte eines großen Unzeitgemäßen und Met-Trinkers, der mit seinem Mittelalter-Tick bei allen, die ihn kennen, für viel Heiterkeit sorgt. Nur für die Familie ist sein exzentrisches Auftreten oft schwer mit dem Alltag zu vereinbaren. Eine Reise nach Europa gibt ihm Gelegenheit, sich mit seinen Kindern zu versöhnen.

Der 63-jährige Burt Hecker aus der Gegend von New York passt einfach nicht in unsere Zeit, er fühlt sich irgendwie »NEE« - Nicht der Epoche Entsprechend. Seine Leidenschaft gilt mittelalterlichen Rollenspielen, weshalb er stets eine wollene Tunika trägt und sich unter anderem weigert, Kaffee zu trinken, da der zu »seiner« Zeit in Europa noch nicht existierte.

Doch dieses Verhalten bleibt für ihn und die Menschen um in herum nicht ohne Probleme: Nach einem Autounfall mit einem gestohlenen Wagen soll Burt zur Aggressionstherapie an einem Workshop für mittelalterliche Musik teilnehmen. Er nutzt die Gelegenheit, um eine Gruppe von Frauen nach Bingen zu Hildegards 900. Geburtstag zu begleiten.

Seine eigentliches Ziel ist jedoch die Versöhnung mit seinem Sohn, der sich nach dem Tod der Mutter von ihm losgesagt hat und den er im »teuflischen Prag im Königreich Böhmen« zu finden hofft. Aber auch die böse Schwiegermutter lauert dort auf ihn, die als Einzige weiß, wie er zu dem wurde, der er ist.
Leseprobe
Erster Teil
Anno Domini 1998 Die Emigranten
I
Bis Sonnenaufgang beziehungsweise seiner deutschen Entsprechung kann es nicht mehr lange hin sein. Aber hier oben auf dem Berg hängt die Nacht noch in den Bäumen. Ich bin dreiundsechzig und müde und habe meine Probleme, die verwilderten Weinstöcke, Bäume und hüfthohe Botanik voneinander zu unterscheiden, die mich umgeben. Es könnte sich genauso gut um wilde Tiere handeln.
»Sind alle wach ?«
Vor drei Tagen habe ich sechs Frauen mittleren Alters und ein vorpubertäres Mädchen in einem Zelt auf dieser Hügelkuppe eingesperrt. Es ist Zeit, sie freizulassen.
»Ich bitte Euch, öffnet das Schloss«, flüstert eine Einsiedlerin. Als sie mein Zögern bemerkt: »Habt Ihr den Schlüssel vergessen ?«
Einen Schlüssel gibt es nicht, es gibt ja auch kein Schloss. Meine Hand liegt wartend auf dem Reißverschluss. Ich stehe in meiner zaddelgesäumten Taftkutte da, meine sandalenbewehrten Füße nass vom Tau. Mein kahler kleiner Kopf. Meine Nase. Irgendwo hinter mir schläft der massige Steinbau der Benediktinerabtei St. Hildegard, die Weinberge ergießen sich den Hang über Eibingen und Rüdesheim hinunter bis an den Rhein.
Geöffnet präsentiert uns das Zelt Tivona Henry. Sie ist vierzig Jahre alt und gar nicht hässlich, mager auf eine Art, die von intensiver Konzentration zeugt, irgendwie eher affenartig als direkt unterernährt. Auf ihrem Kopf ein Busch wirres, grau gesträhntes Gekräusel . Tivona ist die Leiterin des Gregorianikworkshops, mit dem ich auf diese Reise nach Deutschland gegangen bin. Sie lächelt.
Die ganze Sache habe ich mir selbst eingebrockt. Ich hatte ein paar Wochen vor der Reise die Idee aufgebracht, wir sollten doch Hildegard von Bingens erste Tage in der Klause nachspielen. Es war mir so eingefallen, obwohl ich die einsiedlerischen Sehnsüchte dieser Frauen und ihre Neigung zu abseitigen Inszenierungen eigentlich hätte kennen müssen. Ich dachte nicht, dass sich wirklich etwas daraus ergeben würde. Einen Tag vor der Abreise wurde dann bekanntgegeben , dass etliche Teilnehmerinnen drei Tage im Zelt ausharren wollten; drei ganze Tage und Nächte auf der Kuppe des Berges, von der aus man auf die Abtei hinunterblicken konnte, wo sie Hildegards Kindheit nachempfinden würden. Eine einzige Mahlzeit am Tag, zum Trinken nur Wein, kein überflüssiges Geplapper, keinerlei Gemecker, nur Gesang und vereinzelt Gebete. Ich persönlich hatte nie ein Problem mit mittelalterlichen Rollenspielen. Viele Leute glauben sogar, ich hätte sie erfunden. Es gibt unendlich viele schlimmere Dinge auf der Welt und ich weigere mich, auch nur so zu tun, als wäre mir das peinlich, besonders nicht in meinem Alter. Verkleidung in historisch korrekter Kostümierung? Wiederbelebung der Geschichte als Kollektivrecherche oder in Selbsterfahrungsgruppen? Es gibt heutzutage viele Menschen, die nicht mehr wissen, wohin sie sich sonst wenden sollen.
Tivona kommt aus dem Zelt gekrochen. Die anderen folgen, eine nach der anderen. Blinzelnde, grinsende Gesichter, dann Arme, dann Körper. Tivona führt ihre Prozession von Teilzeit-Einsiedlerinnen zurück ins zwanzigste Jahrhundert. Alle halten Kerzen in der Hand, geschmückt mit den jetzt grotesk zerschmelzenden Bildern ihres Schutzheiligen, die von den Nonnen hier in der Abtei St. Hildegard selbst hergestellt werden. Weiße Sackgewänder leuchten im letzten Mondlicht.
Manche stolpern, andere lachen, sie wirken reichlich alkoholisiert. Sie singen. Schon bald umrunden sie mich, mein Gesicht ist eine vom Kerzengeflacker entstellte Maske, womit ich, wie ich gehört habe, hervorragend in die lange Tradition des christlichen Mystizismus passe, die behauptet, dass die körperlich Defizitären irgendwie geistig reicher seien. Oder mit anderen Worten: Ich bin hässlich, und dafür wird mich jemand belohnen. Genauer gesagt habe ich eine missgestaltete Nase.
Abgesehen vom mittelalterlichen Amateurgesang, der eine Wolke hinter mir bildet, herrscht tiefe Stille. Es ist kurz vorm Morgengrauen, dem ersten Licht. Im Gänsemarsch beginnen wir unseren Abstieg hinunter zur Abtei, hin zu unserem ersten öffentlichen Auftritt.
»Burt ?« , sagt Tivona fragend.
In drei Tagen werden die Frauen nach Queens Falls im Staat New York zurückkehren. Sie ahnen noch nicht, dass ich nicht vorhabe, an der Rückreise teilzunehmen.
»Gehabt Ihr Euch wohl, mein Herr ?« , erkundigt sich Tivona .
»Nein«, antworte ich, »das kann man nicht sagen .«
Vor zwei Jahren bin ich Mitglied von Tivona Henrys Gregorianikgruppe geworden, die mir singend dabei helfen soll, meine Aggressionen zu bewältigen, die der bundesstaat lichen Stelle für Bewährungshilfe Sorgen machten. Nach einem spätabendlichen Trinkgelage unserer Gemeinschaft zur Wiedererlangung der verlorenen Zeit war ich beim Versuch, den Heimweg in einem geborgten Saab anzutreten, festgenommen worden. Eine Erlaubnis zum Führen eines solchen Fahrzeugs oder überhaupt irgendeines Fahrzeugs besaß ich nicht, die dazu notwendigen Kenntnisse auch nicht; obendrein hatte ich reichlich hausgebrauten Met intus. An die Einzelheiten kann ich mich nicht erinnern. In meiner Akte ist jedoch nachzulesen, dass ich mich standhaft weigerte, auf einem geraden Strich zu laufen oder den Zeigefinger an die Nasenspitze zu führen. Die Polizisten hatten noch nie jemanden in einer der Epoche entsprechenden, historisch korrekten Bekleidung festgenommen, und als ich erst mal auf der Polizeiwache von Queens Falls angelangt war, wurde ich zuvorkommend behandelt, wie ein Zeitreisender, der die Zwänge der Moderne, mit denen er plötzlich konfrontiert ist, nicht begreifen kann. Aufgrund meines Alters hielten sie mich für senil.
Jedenfalls weigerten sie sich, mich einzusperren, was ich als Beleidigung empfand. Ich wurde auf eine Bank aus Aluminium gesetzt und mit Getränken versorgt, die ich unmög lich trinken konnte. (Ich bemühte mich nach Leibeskräften, zu erklären, dass Kaffee NEE sei. Nicht der Epoche entsprechend. Bohnen dieser Art gab es im Mittelalter nicht in Europa, weswegen ich sie mied wie die Pest.) Man machte eine Aufnahme von mir und unterzog die Luft aus meiner Lunge einer wissenschaftlichen Untersuchung. Soweit ich mich erinnere, trug ich eine einfache Wollkutte, nichts Ausgefallenes oder Unziemliches.
»So, dann versuchen wir's noch mal. Nur der Form halber: Welches Datum haben wir heute ?«
Der Polizist, der mich befragen musste, gefiel mir. Ich bemerkte dieselbe pietätvolle Verträumtheit an ihm, die uns auch nach einem langen, intensiven Wochenende der Mittelalterspiele mit der Gemeinschaft zur Wiedererlangung der verlorenen Zeit überkam.
»Anno Domini 1256«, antwortete ich. Ich war derart berauscht, dass ich überzeugt war, er würde unsere Seelenverwandtschaft auch bemerken und unsere Art von Lebensentwurf nicht nur verstehen, sondern befürworten. Immerhin trugen wir beide Kostümierung.
»Und Sie heißen ?«
»Eckbert Attquiet .«
»Verstehe. Gehört diese Brieftasche Ihnen, Eckbert ?«
»Ja, das ist mein Beutel .«
Der Polizist zog einige Dokumente aus meinem Lederbeutel. Das erste war ein laminierter Kunstdruck in Visitenkartengröße von einem Porträt meines Sohnes Tristan und mir. Domenico Ghirlandaios Gemälde, das ich immer Bildnis eines Alten mit seinem Sohn genannt habe.
Ich sprang auf, schrie los und tat etwas, das einen anderen Polizisten dazu nötigte, mir die Hände mit Metallschellen zu fesseln.
»Nun mal schön ruhig, Alter. Kein Mensch will dir deinen Bibliotheksausweis wegnehmen .« Der Beamte betrachtete mich forschend. Langsam steckte er meinen Ghirlandaio zurück in den Beutel. Er nahm eine andere Karte in die Hand. »Burt Hecker«, las er ab. »Tja, und hier ist noch eine, die ebenfalls auf einen Burt Hecker ausgestellt ist. Gemeinschaft zur Wiedererlangung der verlorenen Zeit. Ist das Ihr Hobby, Mr. Hecker? Mittelalter spielen ?«
Wenn man sein Leben der Geschichte widmet, kann das entweder eine Last sein, die einen vorzeitig altern lässt, oder eine Befreiung von der verstörend verwirrenden Gegenwart: ewige Adoleszenz als segensreicher Nebeneffekt. Seit meinem dreißigsten Geburtstag werde ich von den meisten für einen Vorruheständler, Arbeitslosen oder generell nicht Vermittelbaren gehalten. Mein gesamtes Erwachsenenleben habe ich der Amateurwissenschaft und der Gemeinschaft zur Wiedererlangung der verlorenen Zeit gewidmet, der von mir gegründeten Rollenspiel Gesellschaft. In der Zwischenzeit ist mir ein beachtliches Vermögen hinterlassen worden.
»Mr. Hecker?«
Ich musste vom Neonlicht niesen. »Ich bin einfach ein alter Mann«, sagte ich. »Tun Sie mit mir, was Sie wollen .« Telefone trillerten und Stimmen krächzten aus kleinen Lautsprecheranlagen. Fahnen, Schalen mit Erdnüssen, Schuss waffen , Computerbildschirme, die Aquarien zu sein vorgaben - es war der komplette Wahnsinn. Ich in Sackkleid und handgemachten Sandalen.
»Sie besitzen keinen Führerschein des Staates New York .«
»Das ist richtig .«
Das Trinkgelage der GWVZ war noch nicht vorbei gewesen, als ich mich davongeschlichen und ein Automobil geklaut hatte. Es war das erste Mal in meinem Leben, dass ich am Lenkrad eines solchen Gefährts saß. Ich hatte viel Met getrunken. Das letzte Bild, das ich noch vor mir sehe, waren Dutzende von Männern, Frauen und Kindern in mittelalterlicher Aufmachung - Prinzessinnen, Schildknappen, Ritter, Schmiede, Bauern und Mönche -, die zusammen mit meinen Sezessionisten aus dem 20. Jahrhundert Arm in Arm ums Lagerfeuer tanzten, sprangen und sangen, um sie herum viel verzweiflungswürdige Dunkelheit, die an ihnen zerrte und an den Rändern ihrer perfekten, historisch korrekten Illusion nagte. Viel zu viel Nacht, dachte ich. Das schaffen sie nie. Jedenfalls hatte ich sowieso nicht vorgehabt, den Saab als Fortbewegungsmittel zu benutzen.
»Wer ist Lonna Katsav ?«
»Was?« Lonna Katsav war meine beste Freundin und Anwältin. »Sie hat nichts damit zu tun«, fügte ich hinzu und war vor lauter Schreck endlich bereit, ins Jahr 1996 zurückzukehren. Ich hatte allen Ernstes Lonnas Saab gestohlen. An der Wand hing ein gerahmtes Foto vom Gouverneur
des Staates New York sowie eins vom Präsidenten der Vereinigten Staaten. Wann fingen unsere Autoritätsfiguren eigentlich an zu grinsen wie die Marktschreier im neunzehnten Jahrhundert? Wie um Himmels willen sollte man solche Männer ernst nehmen? Ob es überhaupt noch jemandem auffallen würde, wenn alle gleichzeitig verrückt wurden? Ich sah mir die Posse an, die um mich herum gespielt wurde, die Inszenierung von Ordnung und Pflicht und Rechtsstaat, dieses idiotisch humorlose Gewese , und wusste plötzlich, dass alles vorbei war. Ich hatte das Auto meiner besten Freundin zu Klump gefahren. Totalschaden.
» Lonna Katsav kommt jedenfalls und holt Sie ab .« Der Polizist bot mir einen Kaugummi an. »Sie verzichtet auf eine Anzeige, worüber Sie sich sicher freuen werden. Sie hat aber ernsthaft darüber nachgedacht .«
Ich hielt meine Ketten hoch und seufzte. »Könnten Sie vielleicht wenigstens dafür sorgen, dass sie mich damit sieht, bitte ?«
Es soll nicht unerwähnt bleiben, dass sich der Beamte während der gesamten Prozedur bewundernswert bemühte, meine Nase nicht anzustarren. Der erste, dem ich auf der Wache begegnet war, hatte hingegen verlangt, dass ich sie abnehme, weil er sie für einen Teil meiner Mittelalter-Staffage hielt.
Die Strafe für das Führen eines gestohlenen Kraftfahrzeugs ohne Fahrerlaubnis sowie Straßenverkehrsgefährdung unter Alkoholeinfluss bestand aus einer Geldbuße und der Empfehlung, ich solle meine Bewährungszeit in dreimal wöchentlichen Workshops zur Aggressionstherapie absitzen. Da meine verstorbene Frau jedoch jemanden gekannt hatte, der jemanden kannte, der den Richter kannte, wurde mir eine einmalige Ausnahme bewilligt. Und so wurde ich das erste männliche Mitglied von Tivonas Workshop für mittelalterliche Musiktherapie. In Wahrheit war niemand schrecklich besorgt, dass mich Aggressionen packen könnten. Das taten sie nur selten. Sie wussten, dass ich rein aus Prinzip schon die angedrohten sechs Monate im Kerker riskieren würde, statt die Gruppenumarmungen mit Alm-Öhis mitzumachen, um die man bei der Aggressionstherapie sicher nicht herumkam. Dann lieber singen. Lieber achtzehn Monate intuitives Heilen bei Tivona Henry.
Da keine musikalischen Vorkenntnisse notwendig waren, um Mitglied von Tivonas Sangestruppe zu werden, hatte auch niemand welche. Nur Tivona Henry und, zum allgemeinen Erstaunen, meine beste Freundin, Lonna , die nur mitmachte, um mich vor dem Anbruch des Wassermannzeitalters zu beschützen, wie sie behauptete. Aber mehr zu Lonna Katsav später.
Tivona übte mit uns hauptsächlich die Musik der Hildegard von Bingen ein (1098-1179), der mittelalterlichen Klausnerin, Theologin, Visionärin, Naturkundlerin und Komponistin, die von der heutigen esoterisch angehauchten Weiblichkeit so verehrt wird. Obwohl Hildegard Frauen für niedere Geschöpfe hielt und die Unterdrückung der weiblichen Sexualität befürwortete, betrachteten Tivona und die Mädels sie als frühfeministische New-Age-Ikone, nicht als die katholische Xanthippe, die sie zweifelsohne war. Spielt auch keine Rolle. Dafür ist die Geschichte da, dass man sie umschreibt. Es waren Hildegards Choräle, die wir zwitscherten, ihre Visionen, die wir beim Tee interpretierten und manipulierten. Für die Mädels war diese mittelalterliche Frau eine zu beeindruckendem Durchsetzungsvermögen fähige Person, weswegen sie alles studierten, worin dieses zum Ausdruck zu kommen schien. Selbst aus den kleinsten Hinweisen schälten sie Körnchen der Aufsässigkeit heraus, zimmerten sich eine Märchengeschichte daraus zurecht und bevölkerten sie mit rebellischen Ordensschwestern. Sie waren die mittelalterliche Frau, nur echter. Jene hatte allerdings eine weniger problematische Beziehung zum Jenseits gehabt. Tivona benutzte eine ermüdende, aber ziemlich wirkungsvolle Technik, bei der sie uns den einstimmigen Gesang vorsang und wir ihn wiederholten; es wurde keinerlei Versuch unternommen, uns mit Noten oder Latein in Berührung zu bringen. Sie sang vor, wir sangen nach. Und ich muss zugeben, dass das Ergebnis einigermaßen sensationell war.
Wir sangen im Kreis, abends, die Gesichter einander zugewandt. In der Mitte des Kreises lag ein kürbisgroßes Knäuel elektrischer Weihnachtsbaumbeleuchtung. Bettlaken hingen wie Wolken an der Decke, und ich schloss immer die Augen. Die bemerkenswerte Musik zu hören reichte mir. Ich wollte mir nicht den geistigen Spagat zumuten, das, was ich hörte und als wahr empfand, mit dem, was ich sah, auf einen Nenner bringen zu müssen: eine Runde untersetz ter Frauen meist mittleren Alters in der unschicken, praktischen Uniform des modernen Alltagslebens. Eine Runde materiell abgesicherter, gutbürgerlicher Gattinnen, Hausfrauen, Romantikerinnen aus der Gemeinschaft zur Wiedererlangung der verlorenen Zeit, nie verheiratete Versicherungskauffrauen und teigige, träumerische Grundschul lehrerinnen . Ich kam auch nicht über den Gedanken hinweg, dass diese Frauen, die ihr bestes Alter zum Großteil gerade hinter sich ließen, immer mehr wie Männer in Frauenkleidern aussahen. Ich sah die Finger mit den abgekauten Fingernägeln, die Rechnungen bezahlten, Kleingeld zusammenklaubten und Butterbrote in Papiertüten steckten. Manchmal stieg mir unverhofft ein animalischer oder chemischer Geruch in die Nase. Deo, Parfüm, Schweiß, Handcreme. Tivona bestand darauf, dass wir die Schuhe auszogen. Schuhe engen den Gesang ein. Sobald ich die Augen aufmachte, stürzte alles in sich zusammen, und ich sah mich nicht der Epoche entsprechend in einer unbequemen Hose des zwanzigsten Jahrhunderts, an den Füßen Socken, wie ich in einem kleinen Raum oberhalb von Tivonas Secondhand-Laden » The Third Eye« in einem Kreis stand, während unten Laster durch den Schneematsch fuhren.
Viele der Frauen kannte ich aus der GWVZ - gemäß unseren Richtlinien tat ich jedoch so, als seien sie mir im modernen Alltagsleben unbekannt, und bestand darauf, dass wir uns einander vorstellten. Den Gefallen taten sie mir. Ich wurde von Anfang an mit einer fröhlichen Mischung aus Mitleid, Neugier und echter Herzlichkeit willkommen geheißen. Die Ereignisse meiner jüngsten Vergangenheit hatten mich altern und mein Alter hatte mich geschlechtslos werden lassen. Ich trauerte, ich brauchte mütterliche Fürsorge, ich wohnte ganz allein in einem Riesenhaus, trug nur Mittelaltergewandung und ging fast nie ans Telefon. Hauptsächlich stellte ich jedoch eine wunderbare Gelegenheit dar, all das heilende Brimborium, das ihrer Meinung nach einen wesentlichen Bestandteil des Gregorianiksingens darstellte, in der Praxis auszuprobieren. Meine Anwesenheit belebte die Mädels ganz ungemein: Ich war ein Projekt, das sich teils zum Freund, teils zum Maskottchen entwickelte. Doch ganz abgesehen von den Tragödien in meinem Leben, die mich liebenswert bedauerbar machten, habe ich auch jedem, der einen tiefer gehenden Einblick in die mittelalterliche Geschichte sucht, eine Menge zu bieten. Der einzige Fehler an mir war vermutlich, dass ich in Begleitung meiner Anwältin kam - Lonna Katsav eilte ein gewisser Ruf voraus. Doch zum allergrößten Teil ging alles glatt. Lonna und ich hatten ziemlich am Anfang den Pakt geschlossen, erst nach der Gesangsstunde mit dem Trinken anzufangen, eine Abmachung, die wir nur wenn unbedingt nötig brachen.
Und so sind wir vor zwei Wochen nach Deutschland gekommen, um hier Hildegard von Bingens neunhundertsten Geburtstag zu feiern. Anhänger alter Musik, Nonnen, Mediävisten und mystisch gesonnene Individuen aus aller Welt haben sich ebenfalls auf die Pilgerreise nach Deutschland zur Abtei St. Hildegard begeben. Das Hildegard-900Symposium sollte eine Art spiritueller Höhepunkt für die Mädels werden, und für viele von ihnen, mich eingeschlossen, das erste Mal Europa. Es war außerdem Teil meines Plans, aus den Vereinigten Staaten von Amerika und, noch wichtiger, vor meiner eigenen Geschichte zu fliehen. Besonders meinem Mittelalter. Ich hatte alles in die Wege geleitet und sogar zur Finanzierung des Ganzen beigetragen. Niemand ahnte, dass ich nur ein Ticket für den Hinflug hatte, nicht mal Lonna , die mir vor kurzem beim Verkauf des Mansion Inn geholfen hatte. Das Mansion Inn war die viktorianische Frühstückspension meiner verstorbenen Frau. Dort hatte ich die letzten dreißig Jahre lang gewohnt, dort waren meine Kinder zur Welt gekommen und aufgewachsen. Oder, um es noch drastischer auszudrücken: Ich hatte das einzige Zuhause, das ich je gekannt hatte, verkauft, war nach Deutschland geflogen und hatte keinen blassen Schimmer, wie es danach weitergehen sollte. Ich machte mir vor, das sei irgendwie eine Tugend.
Es gibt eine Novelle von Sercambi über einen alten Pelzhändler aus Lucca . Eines Tages besucht dieser kluge und allseits geschätzte Mann eine toskanische Badestube. Dort überkommt ihn plötzlich die Überzeugung, dass er seine Identität verlieren wird, wenn er sich auszieht und ins öffentliche Bad steigt. Einen Schritt weiter, fürchtet er, und ihn und alles, wofür er sein Leben lang gearbeitet hat, wird es nicht mehr geben. Er wird erledigt, oder, noch schlimmer , genau wie alle anderen sein. Als Gegenmittel heftet der Pelzhändler sich ein Strohkreuz an die Schulter. So wird wenigstens er wissen, wer er ist: Immerhin wird seiner der einzige nackte Körper sein, dem ein Kreuz an der Schulter klebt. Wenige Minuten, nachdem er ins Bad gestiegen ist, löst sich das Kreuz von seiner Schulter und schwimmt davon. Der Pelzhändler versucht danach zu greifen, aber es ist zu spät. »Seht mal !« , kräht ein anderer Badender, der sich das Kreuz aus dem Wasser fischt und selbst an die Schulter klebt. »Jetzt bin ich du! Hinfort, du bist tot !«
Ähnliche Sorgen machte ich mir auch am Frankfurter Flughafen, wo ich befürchtete, dass die Zollbeamten irgendwie beweisen würden, dass ich nicht der war, als den meine Ausweispapiere mich ausgaben. Doch es wurden nur Fragen gestellt, Antworten gegeben, meine Identität festgestellt und abgestempelt. Wie einfach es war, sich auszuziehen, dachte ich. Wie einfach man auswandern konnte. Die Unbedarftheit des Ganzen freute und besorgte mich zugleich: Wie würde es sein, wenn ich erst mein Strohkreuz weggeworfen hatte? Würde ich vor lauter Panik ersaufen wie Sercambis alter Pelzhändler, oder könnte ich wiedergeboren werden? Könnte ich nicht aus dem Becken steigen und einfach die Kleider eines anderen anziehen?
Von unserem Richtung Rüdesheim abfahrenden Bus aus sah die Frankfurter Skyline aus wie die von New York City, wären ihr acht Zehntel ihrer Zähne ausgeschlagen worden. Die Mädels schnatterten aufgeregt, während ich müde den Kopf an die Scheibe lehnte. Die Landschaft war steril, proper, kleinstädtisch, grün und industriell. Die Fabriken, an denen wir vorbeifuhren, wirkten wie mit der Schrubberbürste gereinigt, als dienten sie einzig dem Zweck, sich schön sauber zu halten. Sie waren eitle Teenager im Vergleich zu den kettenrauchenden , nüchternen Fabrikhallen der Neuen Welt.
Es schien Stunden zu dauern, bis der Motor endlich wieder abgestellt wurde, die Tür aufging und unser Trüppchen den Asphalt der Kleinstadt Rüdesheim stürmte, Kameras im Anschlag, als ob irgendetwas Mittelalterliches hinter dem nächsten Einfamilienhaus hervorspringen würde, sobald der Bus außer Sichtweite wäre. Bevor sie zu ihrem himmlischen Bräutigam heimgerufen wurde, hatte Hildegard von Bingen hier irgendwo ihr Mittelalter verlebt. Aber wo?
Sehr sonderbar, diese ersten Augenblicke im Rheingau. Wo zum Beispiel war der Rhein? Wo waren die Abtei und die Nonnen, die Kopfsteinpflastergassen, zahnigen Friedhöfe, moosüberwucherten Burgtürme - die Geschichte? Sogar die Hänge mit den in akkurater Schrägschraffur angelegten Weinbergen, die wir noch vor wenigen Minuten vom Bus aus gesehen hatten: verschwunden. Um Himmels willen, dachte ich, wo ist der Wein?
Die Deutschen - die etwas von der traurigen, schweigenden Behutsamkeit von Gorillas an sich hatten - pflanzten ihre Häuser inmitten von Blumenmeeren. Ich hatte mir Europa ganz anders vorgestellt. Nicht so unglaublich still. Unter einem bleiernen Himmel marschierten wir an verzweifelt sauberen Einfamilienhäusern vorbei und suchten nach Hildegards Abtei. Alles war irgendwie wesentlich moderner als Amerika, steriler, betäubt, als hätten die Einheimischen sich vor langem von der Geschichte reingewaschen und versteckten sich jetzt irgendwo, wo sie hoffentlich von niemandem bemerkt wurden. Es waren nirgends Leute auf der Straße zu sehen. Wo waren sie, was machten sie? Waren sie im Sommerurlaub, fragte ich mich: Durften sie ein paar Monate lang keine Deutschen mehr sein, Freigang für gutes Betragen? Wenn ja, wer schnitt dann die Hecken? Die Gärten, an denen wir vorbeikamen, wurden nur von besorgniserregenden Mengen von Zwergen, Schlümpfen, Pinguinen, Wasserfällen, Windmühlen und Kunststoffschwimmbecken bevölkert, auf denen bisweilen ein einsamer Wasserball trieb wie eine schicksalhafte Arie. Hin und wieder war ein Fernseher oder der entfernte Lärm eines Zuges zu hören. Die Mädels hatten noch nie solch gepflegte und üppige Gärten gesehen. An vielen der Häuser hingen Balkone aus Metall, an denen die Blumen loderten, erstarrte Blütenexplosionen, Spaliere zogen sich an den Wänden hoch wie Gemüserauch. Es gab Vögel, aber sie sangen nicht.
Hinter den Wohnhäusern fingen die steilen Weinberge an, die wuchernden Vorortspocken waren abrasiert, und die Straße führte nun nackt hinauf, immer weiter hinauf zur oben thronenden Benediktinerabtei. Das war sie also. Sogar Lonna , die vom Freiwodka der Lufthansa immer noch ziemlich betrunken war, murmelte ein Lob.
Der Rest unserer Pilgerreise verlief zwischen Steinmäuerchen , hinter denen sich ein Meer uralter Weinstöcke ausbreitete und bis zum Horizont hochzureichen schien. Im Gänsemarsch bewegten wir uns den Berg hinauf. Die Wohnsiedlung, aus der wir vor kurzem entkommen waren, war jetzt nur noch ein Gewirr grauer und brauner Dächer unter uns, auf denen sich Vögel, große Vogelschwärme, niedergelassen hat, die wie Abfall aussahen. Ganz unten der dreiste, dickbäuchige Rhein.
Es war schwer zu begreifen, dass noch nicht mal ein ganzer Tag vergangen sein sollte, seit wir den Flughafenbus in New York bestiegen hatten. Ich blieb stehen. Im Mittelalter glaubten die Menschen, dass man während der Heiligen Messe dem Zugriff der Zeit entzogen sei, also auch nicht altere. Was hätten sie wohl über die Stunden gedacht, die wir da oben in den Lüften verloren hatten? Ich beschloss, meine Uhr nicht umzustellen, bis ich nicht gründlicher über die Sache nachgedacht hatte.
Der graue Himmel wurde etwas durchsichtiger, hier und da drang ein Sonnenstrahl durch und tauchte die Berge auf der anderen Rheinseite in Licht, genau, so stellte ich mir vor, wie die Risse in der Decke von Klein-Hildegards Klause. Ich dachte noch einmal über die Anreise nach. Die Gleichzeitigkeit der langsamen, so traurigen, so unglaublich geduldigen Kippbewegung der Erde mit dem lautlos laufenden Film, das Lächeln der Flugbegleiterinnen, unser Plastikgehäuse. Ich hatte noch nie zuvor in einem Flugzeug gesessen und würde diese Erfahrung auf keinen Fall wiederholen.
»Nun komm schon, Burt !« Sie hatten den Berg erklommen und die Abtei erreicht.
»Ach, lass ihn doch. Er ist ganz in Gedanken versunken .«
»Süß .«
»Gib mir mal schnell die Kamera, Kitty«, trötete jemand, gefolgt von einem betroffenen Schweigen.
Ich zuckte nicht mit der Wimper. Kitty konnte die Kamera nicht hergeben, denn Kitty, meine Frau, war nicht mehr da. Manchmal hatte ich das Gefühl, dass Krankheit und Krebstod meiner Frau nicht nur an mir klebten, sondern mich vielmehr ersetzt hatten.
»Hey, Burt, guck mal her! Spaghetti!«
Ich sah auf, als sich eine schmutzige Wolke von einem Dach erhob, einen Schwarm bildete, wie wild in der stillen Luft flatterte und sich dann auf einem anderen Dach niederließ. Oder auf demselben Dach, sie sahen alle gleich aus.
Klett-Cotta Roman Aus dem Amerikanischen von Anke Caroline Burger (Orig.: All shall be well; and all shall be well; and all manner of things shall be well)
1. Aufl. 2009, 300 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-93608-7
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Tod Wodicka

Tod Wodicka, geboren 1976 in Glenn Falls, New York, studierte an der Manchester University in England. Er lebt mit Lebensgefährtin und Sohn in Berlin.



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