Die Entdeckung des Sonnenaufgangs

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Der italienische Erfolgsroman endlich auf Deutsch

Ein Mann in den besten Jahren ist auf der Suche nach den Gründen für das Verschwinden seines Vaters in den Siebzigern. Walter Veltroni hat einen sehr intimen und gefühlvollen Roman über die Macht der Fantasie und der Erinnerung und über das Drama der Kinder des linken Terrors geschrieben.

Giovanni Astegno fristet ein beschauliches Dasein als Archivar und Familienvater. Die Geburt seiner Tochter Stella, die am Down-Syndrom leidet, stellt seine Ehe mit der erfolgreichen Geschäftsfrau Giulia und den Zusammenhalt der Familie, zu der auch der 20-jährige Sohn Lorenzo zählt, auf die Probe.

Als Giulia, Stella und Lorenzo nach Amerika fahren, beginnt Giovanni sich als Vater und Ehemann zu hinterfragen. Er nutzt die Tage, um die Orte seiner Jugend zu besuchen. In dem alten Ferienhaus der Familie hat er die fixe Idee, bei der Telefonnummer seiner Kindheit anzurufen. Ab hier inszeniert Walter Veltroni furios die fantastische Begegnung mit der eigenen Kindheit und dem rätselhaften Verschwinden seines Vaters. Es beginnt eine spannende Entdeckungsreise mit verblüffendem Ausgang.

Leseprobe
Heute ist es ein eher schlichter Sonnenaufgang. Seit meine innere Uhr mich regelmäßig bei Tagesanbruch weckt, habe ich mir angewöhnt, die Dämmerung nach ihren Eigenschaften zu klassifizieren. Ich studiere ihre Unterschiede im Lauf der Jahreszeiten, um diejenigen Farbkombinationen, Sonnenstände zu bestimmen, die mir die liebsten sind. Jede von ihnen hat eine andere, ganz eigene Bedeutung. Dennoch findet die Morgendämmerung wenig Beachtung. Keine Enzyklopädie beschäftigt sich ausführlich mit ihr. Sie gilt lediglich als Maßeinheit für die vergehende Zeit, als ein unsichtbarer, leichtfüßiger Wanderer. Das ist ein Irrtum. Die Sonnenaufgänge, die ich seit einem Jahr täglich beobachte, sind Vorboten Gottes. Sie sind Stille und Erhabenheit, Innehalten und Warten, Anfang und Ende, Tradition und Wandel. Ich betrachte sie wie eine mögliche Welt voller Farben. Doch hier oben auf dem Dachboden, meinem Zufluchtsort gleich nach dem Aufwachen, sind wir nicht allein, die Dämmerung und ich. Wir haben Gefährten: den Atem meiner Frau hinter der geöffneten Schlafzim mertür, das regelmäßige Zähneknirschen meiner Tochter und eine leise Musik aus den Kopfhörern des iPod, den mein Sohn vor dem Einschlafen nicht mehr ausgemacht hat. Dazu schalte ich den Fernseher an und lasse ihn als schräg einfallenden Lichtstrahl stumm laufen. Manchmal schweifen meine Blicke umher, und in dieser morgendlichen Frische meine ich, den Sinn unseres Zeitmaßes zu erkennen. Die Offenheit der Morgendämmerung, ihre Far ben, die etwas ankündigen, vorhersehen, vortäuschen. Eine Zeitspanne, die leise als Hoffnung empfunden wird. Doch dann diese Farben von der Seite, grell wie ein Schrei. Ich sehe das Rot des Blutes und den Farbbrei der Wracks explodierter Autos. Ich sehe das blaue Meer, das eine graue Masse geworden ist und sich zu einer einzigen, gewaltigen Welle auftürmt. Ich sehe das fahle Himmelblau der zerschlissenen Kostüme von Tänzerinnen, die nicht tanzen.

Was ist schon die Wirklichkeit? Was zuerst da ist, wie die Morgendämmerung, oder was danach kommt, wie das Fernsehen? Ich mache eine schwierige Phase durch, denn ich bin Sonnenaufgang und -untergang, Hoffnung und Enttäuschung zugleich. Die Zeit entgleitet mir, und wenn ich zurückblicke, denke ich, dass mein Leben zwar richtig, aber dürftig gewesen ist. Dass meine Morgendämmerung und die Welt, die sie erhellt, von mir hätten mehr verlangen können.

Seit Jahren beschäftige ich mich im Staatsarchiv mit dem Sammeln, Katalogisieren, Lesen und Zusammenfassen von Tagebüchern. Unentwegt schreiben meine Mitmenschen Tagebücher, kleine Werke, oft auf eigene Kosten gedruckt. Jeder von ihnen verspürte an einer bestimmten Station seines Lebens das Bedürfnis, davon zu erzählen. Es auf diese Weise zu verewigen, es groß zu machen, denn Papier widersteht der Zeit, und die Sprache macht ein Leben einzigartig. Nicht als Aufzählung belangloser Tage, sondern als logische Abfolge von Ereignissen, wahre Ereignisse vielleicht, vielleicht auch erfundene. Selbst eingebildete Erinnerungen können gewichtig sein wie tatsächliche Ereignisse, die sich ins Gedächtnis geprägt haben. Sie sind Kon strukte des Willens, Reue über Versäumtes, die das Ungetane in etwas verwandeln, das man tatsächlich getan hat. Diese Tagebücher erzählen Geschichten von kleinen Helden, von verlorenen Illusionen, von vergeblich verfolgten Träumen. Geschichten von Ehefrauen und Kommilitonen, von Söhnen und Abteilungsleitern, von viel zu früh verlorenen Freunden, von treuen Tieren und von unverzichtbaren Fotos. Kleine Geschichten in der großen Geschichte. Das gefiel mir, als ich mit dieser Arbeit begann. Viele Leben nachzuleben. Wahre Leben, keine erfundenen wie in Romanen. Ich habe hunderte von Tagebüchern gelesen, tausende Menschen kennengelernt, Freud und Leid mit ihnen geteilt. Ich bin Vater gewesen, Sohn, Kampfgefährte, Banknachbar, Reisebekanntschaft, Zirkusartist, Mechaniker, Sportler und Märtyrer. Tausende Leben habe ich mitgelebt, während ich mein eigenes suchte. Aus diesen Seiten, die ich allein bei leiser Klaviermusik las, erwartete ich Trost und Antworten. Ich suchte nach Präzedenzfällen für mein eigenes Leben, die umgekehrten Morgendämmerungen. In all diesen schlichten, nach historischem Zeitraum, Themen und geographischem Umfeld geordneten Büchlein ent deckte ich die Stimmen, die zu meinem Leben sprechen und mir Rat geben sollten, wenn ich keinen Halt fand.

Im Tagebuch einer Mutter, unter dem Stichwort »Kummer« eingeordnet, fand sich die detaillierte Beschreibung des Tages, an dem ihr Leben in seinen Grundfesten erschüttert wurde und alle Sicherheiten zu Staub zerfielen. In den Worten dieser unbekannten, mir aber so nahen Frau habe ich Antworten auf mein eigenes Beben gefunden. Um die Mitte der sechziger Jahre bekam sie ein Kind. Dieses Kind sollte ihrem Leben Sinn verleihen. Es sollte ihr das Gefühl geben, zu leben, statt nur durch die Zeit zu gehen. Doch mit Andrea, ihrem Sohn, stimmte etwas nicht. Den Ärzten fiel es schwer, sie davon zu überzeugen, dass von jetzt an ein anderes Leben auf sie wartete als jenes, das sie sich in den neun Monaten der Schwangerschaft ausgemalt hatte. Es nennt sich Downsyndrom und ist eher ein Zustand als eine Krankheit. In ihrem Tagebuch berichtete die Frau auf vielen Seiten von ihrer ganz besonderen Liebe zu Andrea. Offen beschrieb sie ihre Wut und Trauer, die Demütigungen und Ängste im Park, bei den Kinderspielen, in der Schule, beim Sport. An drea wurde von Unschuldigen gequält. Seine Altersgenossen flohen vor ihm, sie verstanden ihn nicht. Und Andrea fühlte sich immer einsamer. Er wuchs heran, wurde zunehmend empfindlicher und trauriger. Niemals ging er alleine aus dem Haus.

Eines Sommernachmittags wartete er, vielleicht vierzehn Jahre alt, bis seine Eltern eingeschlafen waren. Er huschte zur Tür und schloss sie hinter sich. Nun gehörte die Welt ihm. Er drückte auf den Knopf, der Aufzug kam. Dort kauerte er sich in eine Ecke, damit niemand ihn sehen und seine Mutter benachrichtigen konnte. Er verließ das Haus und schlug den Weg zum Park ein. Er war fröhlich, fühlte sich frei und grüßte alle auf der Straße. Er streifte durch die städtischen Grünanlagen und schlüpfte in Hauseingänge, sah seinen Altersgenossen beim Fußballspielen zu und fieberte für irgendeine Mannschaft mit. Er kaufte sich ein Eis und setzte sich auf eine Bank. Während die Sonne unterging, wartete er glücklich. Worauf, das wusste er nicht, oder vielleicht doch. Aus der Ferne bewegte sich etwas in verschwommenen Farben auf ihn zu. Die Schreie aus den offenen Mündern seiner Eltern, die er jetzt erkannte, hörte er nicht. Denn er war vollkommen auf das Geräusch des Wassers in dem Brunnen vor ihm konzentriert. Er betrachtete es, lächelte und fühlte sich wie der Herr über die Geräusche des Wassers.

Stella, meine Stella, wann wird sie einmal Herrin über die Geräusche sein? Sie kommt mir jetzt, mit zwölf Jahren, vor wie das auf seine Essenz reduzierte menschliche Leben. Sie hat ein weites Herz und liebt ihre Mitmenschen. Sie umarmt jeden und begreift nicht, wieso jemand einem an de ren Menschen wehtun kann. Es erscheint ihr unsinnig, zwecklos.

Als sie geboren wurde, war meine Frau vierzig Jahre alt. Später erfuhr ich, dass das Alter der Mutter bei der statistischen Häufigkeit von Neugeborenen mit Downsyndrom eine große Rolle spielt. Bei Frauen unter fünfundzwanzig liegt die Wahrscheinlichkeit bei eins zu 1376, bei vierzigjährigen Frauen bei eins zu 126. Wir hatten diese Schwangerschaft beide gewollt, weil sie eine Möglichkeit bot, wieder Lust zum Aufwachen am Morgen und auf eine gemeinsame Zukunft zu bekommen. Und wir glaubten, Lorenzo würde sich über einen Bruder oder eine Schwester freuen. Er war acht, gerade noch im richtigen Alter, damit zwischen beiden Geschwistern eine lebendige Beziehung entstehen konnte.

Doch als man Stella zum Stillen in Giulias Zimmer brachte, bemerkte ich, dass ihre Blicke auf das Kind eigenartig waren. Ihr Lächeln, während sie sein Näschen, die Ohren, das Bäuchlein berührte, war nicht strahlend und heiter. Ich besuchte sie oft in der Klinik und hatte nicht den Eindruck, in Stellas Gesicht sei etwas anders als in denen der anderen Neugeborenen auf der Station.

Als ich eines Morgens in ihr Zimmer kam, fand ich Giulia weinend, das Gesicht ins Kissen gedrückt. Sie hob den Kopf. So blieben wir ein paar Sekunden schweigend stehen, wir hatten Angst zu reden. »Stella ist ein Down-Kind«, sagte sie leise. Ich setzte mich aufs Bett und nahm ihre Hand. Ich dachte an Lorenzo, der voller Vorfreude zu Hause wartete. Ich dachte an meine Schwiegereltern, die Freunde. Ich dachte an die Jahre, die vor uns lagen. Ich ahnte, dass aus unendlicher Freude unendlicher Kummer werden kann. Ich dachte an Stella, die in ihrer Wiege mit der rosa Schleife lag und schon jetzt anders war als alle anderen um sie herum.

Ich sah Giulia an und erkannte, dass sie mei netwegen Angst hatte. Eine Mutter kann nicht vor ihrem Kind fliehen, ein Vater schon. Viele haben das getan. Männer haben Angst vor dem Leiden ihrer Mitmenschen. Ich kenne viele, die ihre Frau verließen, nachdem sie erkrankt war, und andere, die schwierige Kinder nicht ertrugen. Der Schmerz macht Männern Angst, weil er ihnen das Kommando aus der Hand nimmt. Giulia hatte allen Grund, meinetwegen besorgt zu sein.

Ich verließ ihr Zimmer und blieb vor der Säuglingsstation stehen. Es war schon spät am Abend. In Anbetracht der besonderen Situation hatte man uns eine längere Besuchszeit gewährt. Ich stand vor dem großen Fenster, hinter dem die Kinder schliefen, und suchte nach meiner kleinen Stella. Jetzt sah ich es auch. Vielleicht sah ich auch das, was man gar nicht sehen konnte. Die Augen, dieser Schnitt der Augen, und das breite Näschen ... Ich stützte mich mit einer Hand an der Scheibe ab und rutschte langsam tiefer, bis ich mit dem Rücken an der Wand auf dem Boden saß. Der leere Flur lag im Halbdunkel. Ich konnte ungehindert weinen, von Stella abgewandt. So sah sie mich nicht, und ich sah sie nicht.

Seitdem sind zwölf Jahre vergangen. Ich habe dieses zerbrechliche Wesen liebgewonnen. Jeden Morgen, wenn die Sonne durch die Dämmerung bricht, denke ich an sie. Ich stelle mir die stürmische Umarmung vor, mit der sie mich beim Wecken begrüßen wird. Ich denke an die Fahrt, die wir beide machen werden, sie im Auto neben mir. Was wir sagen, höre ich nicht, aber ich sehe ihren Gesichtsausdruck. Und er ist für mich wie die Fortsetzung des Sonnenaufgangs.

Meine Frau geht, in aller Ruhe, erst nach uns zur Arbeit. Sie ist sehr auf ihre Karriere bedacht, wirkt meist zerstreut, abwesend. Nichts, was den zwanzigjährigen Lorenzo ausmacht, schätzt sie, Stella behandelt sie wie ein hilfloses kleines Tier. Wir sprechen wenig miteinander. Wir haben uns nicht viel zu sagen. Was sie bei der Arbeit erlebt, wie viele Wohnungen sie heute wieder verkauft hat, wie sehr sie gelobt wird, wie hoch die Aktien ihrer Immobilienfirma gestiegen sind, ist mir vollkommen egal. Von den Leben, auf die ich in den Tagebüchern stoße, erzähle ich nichts. Sie scheint weder an ihrem Leben interessiert noch an unserem gemeinsamen, ganz zu schweigen von dem Leben anderer Menschen.

Abends ist es still im Haus. Giulia sitzt vor dem Computer, Stella malt in ihrem Zimmer, und Lorenzo wirft einen Ball in den Basketballkorb über seiner Zimmertür. Der Junge hat nicht viele Leidenschaften: seine Schwester, Italo Calvino und Michael Jordan. Die erste wird umsorgt, der zweite studiert, der dritte verehrt.

In einem der Parks unserer Stadt gibt es einen Wasserfall. Es macht Freude, im Sommer dort hinzugehen, die Fontänen sind erfrischend, und die Kinder lieben es, sich dem Wasser zu nähern, um dann wegzulaufen. Als Stella geboren wurde, war dies Lorenzos Lieblingsplatz. Dort habe ich es ihm gesagt. Er war acht und schon damals ein verständiges, ausgeglichenes Kind. Wissbegierig suchte er fortwährend nach Neuem, keine Erklärung genügte ihm.

Diese unablässige Suche, das Lob des Zweifels, der Reiz des Forschens hatten mich auch an einem meiner Tagebücher gefesselt. Der Verfasser war ein Mathematiker, der im Umfeld der Wissenschaftler aus der Via Panisperna studiert hatte. Zahlen waren sein Leben, die fieberhafte Suche nach der Entdeckung neuer unendlicher Zahlen trieb ihn an. Astronomen verwenden diese Zahlen. Philosophen denken über sie nach. Mathematiker machen sie lebendig. Diese schlichten Memoiren eines Kollegen von Fermi und Majorana weckten mein Interesse an dem Thema und führten mich zu vielen beeindruckenden Geschichten über Mathematiker. In jeder dieser Geschichten vermengten sich das Studium der Zahlen, das besessene Forschen und die daraus resultierenden Prioritäten im Leben unvermeidlich zu einem poetischen Ganzen. Besonders jedoch verliebte ich mich in ein mathematisches Genie. Seine ehrfürchtige Beziehung zu Zahlen imponierte mir. Mir gefiel, dass Paul Erdös überall und immer nach dem Sinn der Mathematik suchte. Er konnte zu jeder Tages oder Nachtzeit, nachlässig gekleidet mit dicker Brille und langem Bart, vor die wichtigsten Kollegen treten. »Mein Gehirn ist bereit«, sagte er. Erdös und ein Kollege hatten einmal bei einer öffentlichen Tagung in der Universität anderthalb Stunden einander gegenübergesessen und nur nachgedacht, ohne ein Wort zu sagen. Plötzlich brach einer das Schweigen und sagte begeistert: »Nein, es ist nicht Null, es ist Eins.« Und alle jubelten.

Ich erinnerte mich noch an etwas anderes aus Erdös' Leben, nämlich wie er Kinder nannte. Für ihn waren sie Ypsilons, der Buchstabe, mit dem in der Mathematik kleine Mengen bezeichnet werden.

Damals war ich allein mit meinem Ypsilon, unter der kühlen, rauschenden Fontäne. Ich musste ihm eine Wahrheit sagen, die auch für Erwachsene schwierig zu begreifen war. Ich konnte ihn nicht betrügen, das hätte ich nicht fertiggebracht. Wir setzten uns in die Nähe des Brunnens. Die Sonne ging unter, der Park hatte sich geleert, wir waren fast allein. Auf der anderen Seite des Wasserfalls ließ sich ein Mädchen in einem violetten T-Shirt vom Vater tragen, um mit ausgestreckten Händen den Wasserfall zu berühren.

»Lorenzo, es gibt ein Problem«, sagte ich.

»Ich weiß«, antwortete er. Er sei zwar ein Kind, doch ich würde ihn unterschätzen, wenn ich dächte, er habe es nicht schon gemerkt. Dass Mama in der Klinik und ich zu Hause nicht so fröhlich waren wie alle anderen Eltern. Oder anders, wir seien jetzt einfach nicht mehr so fröhlich wie noch vor ein paar Tagen, als wir uns von ihm verabschiedet hatten, um in die Klinik zu fahren. »Was ist mit Stella, Papa?« Bei diesem Wort wurde mir vollends unbehaglich. Wieder einmal erschien es mir zu groß und leer. Ich hatte aufgehört, das Wort ›Papa‹ auszusprechen, als ich dreizehn war. Mein Vater war eines Tages weggegangen, er hatte die Tür hinter sich zugezogen und war verschwunden. Zu Hause durfte man ihn nicht mehr erwähnen. Das war eine Abmachung zwischen mir und meiner Mutter. Ihr Kummer machte mir Angst. Ich erinnere mich noch heute an die Nächte, die ich heimlich vor der Tür verbracht habe, hinter der Mama laut weinte. Auch ich weinte, leise. Und diese Tränen schufen ein unausgesprochenes Bündnis, ein Band des Schweigens und des Verdrängens, das in den Tagen nach seinem Verschwinden begann. Sein Platz am Tisch wurde abgeschafft, seine Serviette, sein Lieblingsglas verschwanden. Seine Kleidung landete im Keller, sorgfältig verpackt, zusammen mit seinen Papieren. So verließ er uns eines Tages, ohne Spuren zu hinterlassen. Seither kamen manchmal Ansichtskarten mit Stempeln aus vielen verschiedenen Städten oder Ländern. Immer stand darauf: »Ich schicke euch herzliche Grüße, Giacomo.« Da er nicht mit »Papa« unterschrieb, meinte ich, meine Existenz sei aufgehoben. Dennoch klammerte ich mich an dieses »euch«, weil ich hoffte, es würde mich mit einschließen. Das Wort, das auf den Ansichtskarten fehlte, hat mir mein ganzes Leben lang gefehlt.

Und nun saß ich hier. Nun musste ich meinem Ypsilon eine traurige, hässliche Ansichtskarte schicken, ich musste die richtigen Worte wählen, und die Unterschrift wäre endgültig. »Stella ist anders«, sagte ich.

Sein Blick war streng und ein bisschen überrascht. »Jedes Kind ist anders.«

»Ja, aber Stella hat ein Problem, das zu Verzögerungen im Wachstum führen wird, sie wird langsamer begreifen. Und sie wird kleinere Augen haben, wie eine Chinesin. Vielleicht wird sie auch unverständlich sprechen.« Ich senkte den Kopf, ich hatte Angst vor seiner Reaktion.

»Dann ist sie also wie Marco?«

»Ja, Lorenzo, sie ist wie Marco.«

Eine lange, unerträgliche Stille folgte. Man hörte nur das Wasser rauschen und in der Ferne das Mädchen, ein violetter Fleck, das lachend rief: »Papa, lass mich runter!« Ich wandte mich zu Lorenzo um. Er weinte. Ich legte meinen Arm um ihn und zog ihn an mich.

»Mach dir keine Sorgen, Papa, ich schaff das schon.«

Später erzählte er mir, was ihm in diesem Moment alles durch den Kopf gegangen war. Marco, sein gutmütiger, unausstehlicher Klassenkamerad.

Was seine Freunde sagen würden. Dass sich bei Klassenausflügen alle für Marco schämten. Also würden sich jetzt alle für Stella, seine Schwester, schämen. Aber er sagte auch, dass er sich für diesen Gedanken schämte. Und wenn Stella zurückblieb, dann würde er, weil er ihr Bruder war, auf sie warten.

Ich nahm ihn mit in die Klinik. Er umarmte seine Mama fest, um sie zu trösten. Stella wurde gebracht. Er betrachtete sie stumm, verwirrt. Dann berührte er ihre Augenwinkel leicht mit den Fingern, legte den Zeigefinger auf ihr breites Näschen und fing an, sie zu küssen. Um eine nicht vorhandene Normalität vorzutäuschen, hatte ich einen Fotoapparat mitgenommen, mit dem unsere nunmehr vierköpfige Familie verewigt werden sollte. Ich bat um Aufmerksamkeit, gruppierte die drei zu einem Bild und stellte Blitzlicht und Selbstauslöser ein. Als das Foto entwickelt war, erkannte ich, dass ich die Wahrheit aufgenommen hatte. Meine Frau drückte Stella zu fest an sich, und man sah zwei Tränen auf Lorenzos gekünstelt lächelndem Gesicht.

Er ist nie eifersüchtig auf Stella gewesen. Ich habe im Internet Erfahrungsberichte von Eltern mit Down-Kindern gefunden. Bei vielen taucht das Problem mit den Geschwistern auf. »Warum erlaubt ihr ihm das, was ihr mir verbietet?«, »Warum kümmert ihr euch immer nur um ihn und nicht um mich?« Aber Lorenzo war der ältere Bruder. Und damals vor dem Wasserfall wurde er zu einer Art kleinem Vater. Von Anfang an brachte er sie ins Bett. Er war es, der ihr Geschichten erzählte, nur er spielte mit ihr. Stella liebt diesen Bruder, der nur für sie auflebt.

Denn im Lauf der Zeit ist Lorenzo still geworden. Nach und nach hat er sich zurückgezogen. Er hat sein Zimmer in seine Burg verwandelt. Hier hat er alles, was er braucht: Musik, Fernsehen, Bücher und den Basketballkorb. Er kommt nur heraus, wenn er ins Bad muss, sich etwas aus der Küche holt und für Stella. Ich verstehe ihn. Es herrscht eine bedrückende Stille in der Wohnung, es ist so schwer geworden, miteinander zu sprechen, dass wir kaum mehr zusammenkommen. Wenn abends gemeinsam gegessen wird, führt Stella das große Wort, nur sie macht Lärm, begeistert sich, bringt uns zum Lächeln, regt zu Fragen an. Im Hintergrund läuft der Fernseher, dessen Brummen oft genug das Schweigen übertönt. Wenn Stella fehlt, weil sie beim Schwimmen oder beim Logopädie-Kurs ist, hört man nur das Geschwätz aus dem Apparat.

Fast immer sind es düstere Worte, die Hoffnungen im Keim ersticken. Ist die Welt wirklich so, wie sie sagen? Eines Abends horchte ich bei der Nachricht auf, dass es eine Gefahr von Tsunamis auch in Seen gebe. Das Fernsehen berichtete, der chinesische Forscher Yao Tandung habe herausgefunden, dass die Gletscher des Himalayas jedes Jahr um die Wassermenge des Gelben Flusses schrumpften. In einigen Skiorten der Schweiz, Österreichs und Deutschlands werden die Gletscher mit riesigen weißen Isolierplanen bedeckt, um sie zu erhalten. Vor der Werbung sagte der Reporter noch, dass die Welt seit 1850 über vierzig Prozent ihrer Eisoberfläche verloren habe.

Während ich meine Frau betrachtete, die beim Essen eine Fachzeitschrift las, und meinen Sohn, der sich die Spaghetti in den Mund stopfte, dachte ich an den Verfasser eines Tagebuchs, der gleich nach Kriegsende den Großglockner bestieg. Diese Erfahrung sollte eine Entschädigung für ihn sein. Nach dem Grauen des Krieges verlangte ihn nach der Schönheit dieser Welt in Weiß und deren stiller Erhabenheit. Nachdem er die Hölle gesehen hatte, wollte er in den Himmel schauen, ihm nahe sein.

Einmal habe ich Stella in den Schnee gebracht. Sie sah entzückend aus, ganz eingemummelt. Lorenzo hielt sie an der Hand. Sie war außer sich vor Freude über die weiten Flächen aus weichem Weiß. Kapuze und Sonnenbrille ersparten ihr demütigende Blicke und das peinlich berührte Lächeln von Fremden. Stundenlang war sie außer sich vor Glück. Giulia war wegen einer Besprechung in der Stadt geblieben, und wir drei verbrachten einen wunderbaren Tag. Beim Abendessen im Hotel saß an unserem Nebentisch eine lärmende Urlaubergruppe.

Sie lachten, machten Witze, fielen unangenehm auf. Irgendwann nutzte ein kleiner Junge in der Runde einen leiseren Moment, zeigte mit dem Finger auf Stella und sagte zu seiner Mutter: »Guck mal, Mama, ein kaputtes Mädchen!«

Eine unwirkliche Stille entstand. Die Mutter machte Anstalten, aufzustehen und auf uns zuzugehen. Lorenzo, der damals vielleicht fünfzehn war, gebot ihr mit einer Handbewegung, sich nicht zu nähern. Ob Stella die Bemerkung verstanden hatte, habe ich nie herausbekommen, jedenfalls nicht in dem Moment. Doch dieses Wort muss sich ihr eingeprägt haben. Sie hat es in jenen Jahren oft wiederholt. Wenn sie ein hinkendes Kind sah oder ein Kind mit einer Binde über dem Auge, fragte sie, ob es auch kaputt sei. An dem Abend zog Lorenzo ihr die Bettdecke bis unter das Kinn, setzte sich neben sie und erzählte ihr die Geschichte von einer kaputten Puppe, die alle Kinder unbedingt haben wollten. Weil keine andere so war wie sie.
»[...] ohne jegliches Konvertiten-Gedröhn hat Veltroni mit diesem Erstlings-Roman ein zutiefst ziviles Buch geschrieben. Seinem Protagonisten ist es herzlich egal, welche intellektuellen Verstiegenheiten den Terror der Siebziger gerechtfertigt hatten. Das beschädigte Leben, das hier in einem reflektierten, nie weinerlichen Ton gezeigt wird, birgt genug Schreckens-Potezial. «
Marko Martin, Literarische Welt, 10.07.2010

»Walter Veltroni nimmt die Position eines Mannes ein, der sich noch einmal als Kind erlebt. [...] Und Italien hat mit Veltroni einen Spitzenpolitiker, der in seinem Romanerstling die Kinderperspektive einnimmt. Es ist die einzige, die Zukunft hat. «
Christine Richard, Basler Zeitung, 21.05.2010

»Walter Veltroni ... inszeniert eine fantastische Begegnung mit der eigenen Vergangenheit. Furios!«
emotion, 03/2010

»Gefühlvoll, poetisch, nachdenklich- das liest man gleich noch mal!«
Nicole Kleinhammer, Vital, 05/2010
Klett-Cotta Roman Aus dem Italienischen von Annette Kopetzki (La Scoperta dell'Alba)
1. Aufl. 2010, 156 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-93704-6
autor_portrait

Walter Veltroni

Walter Veltroni, geboren 1955 in Rom, war von 2001 bis 2008 Bürgermeister von Rom.Von Oktober 2007 bis Februar 2009 war er Vorsitzender der größten ...



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