Die Festung der Einsamkeit

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Jonathan Lethems neuer Roman ist ein großes und bewegendes Buch über Freundschaft und Erwachsenwerden im Großstadtdschungel von New York.

Anfang der siebziger Jahre ziehen die ersten weißen Hippiefamilien ins Zentrum Brooklyns, das zu der Zeit überwiegend von Schwarzen und Puertoricanern bewohnt wird. Dylan, der schüchterne Sohn des Malers Abraham Ebdus und dessen Frau Rachel sieht sich mit dem Umzug der Familie in eine bedrohliche Welt versetzt. Jede Zuneigung muß er sich erkämpfen wie das Stück Asphalt beim Spielen auf der Straße. Dennoch versucht seine Mutter ihn mit aller Macht in dem Viertel, in dem sie selbst aufwuchs, zu integrieren. Als sie eines Tages verschwindet und sich der Vater in die abstrakte Welt seiner Malerei flüchtet, ist der achtjährige Dylan auf sich allein gestellt. Beschützt von seinem gleichaltrigen schwarzen Freund Mingus Rude, den selbstbewußten Sohn eines vormals berühmten Jazzmusikers aus der Nachbarschaft, und begleitet von einem geheimnisvollen Ring, begibt er sich auf die Suche nach seiner Identität.

Leseprobe
Das sechste Schuljahr. Das Jahr des Schwitzkastens, das Jahr des Würgegriffs , Dylans erhitzte Wangen eingeklemmt in der Armbeuge des einen oder anderen schwarzen Kindes, die Büchertasche, die in den Rinnstein schlittert, die Hosentaschen schnell und leichthändig gefilzt nach Essensgeld oder einer Busfahrkarte. Auf der Hoyt, auf der Bergen, auf der Wyckoff Street, wenn er dumm genug war, dort entlangzugehen. Sogar auf der Dean Street, einen Block von zu Hause entfernt, vor den toten Augen der Brownstones, im Schatten des summenden, unbeeindruckten Krankenhauses. Erwachsene, Lehrer, sie alle waren so fern wie Manhattan von Brooklyn, blinde, gleichgültige Türme. Dylan war ein Insekt auf dem Raster des Schiefers, ein weißer Junge auf Wanderschaft.
»Würg ihn, Mann«, sagten sie auffordernd. Er war das Objekt, die Gelegenheit, es war unerheblich, was er mitbekam. »Würg den weißen Jungen. Tu es , Nigger.«
Er konnte niedergezwungen werden, vornübergebeugt werden, von jemandem um die Hüfte gelegt und dann wie ein menschlicher Kreisel gedreht werden, die Beine eingeknickt und an den Knöcheln verschränkt. Oder von hinten, ohne daß er wußte von wem, wenn sich der Schwitzkasten schließlich lockerte und drei oder vier Typen um ihn herumstanden, Zeugen mit kalten Blicken, die die Köpfe schüttelten über das dummdreiste Glück, weiß zu sein. Es war eine Routine wie Lachen. Die Quälereien kamen spontan, ein Scherz über die Angst, ein kleiner Jux.
Man ließ ihn danach gehen wie nach der Vorführung eines heiteren Straßentheaters. »Dir ist nichts passiert, Mann. War nicht so gemeint. Du weißt doch, wir haben nur Spaß gemacht, oder ?« Sie liefen davon, ließen ihn zitternd, hyperventilierend zurück, während sie sich abklatschten, eher wie erstaunte Zuschauer denn wie Täter. Wenn Dylan nach Luft japste oder winselte, waren sie bestürzt und ein wenig enttäuscht darüber, wie schnell der weiße Junge hysterisch wurde. Dylan verstand das einfach nicht, hatte seine Rolle noch nicht gelernt. In diesen Momenten hoben sie seine Bücher oder Mütze auf und drückten sie ihm an die Brust, setzten ihn wieder zusammen. Im Griff des Schwitzkastens steckte auch immer ein Hauch von Zuneigung. Würger und Gewürgter hatten einen sonderbaren Bund geschlossen.
Man versprach seinen Feinden regelmäßig, daß das gemeinsame Tun keinen Namen hatte.
Aus Dylan flossen Spucke und Tränen. An kalten Tagen eine Nasevoll Rotz. Einmal auch Pisse. Er biß sich auf die Zunge und schmeckte den Rücklauf, den Beigeschmack der heruntergeschluckten Erniedrigung. Sie verzogen die Gesichter und rollten die Augen. Dylan war ein hoffnungsloser Fall, mit Scham besudelt. Sie würden versuchen, darüber hinwegzusehen.
»Der Junge blutet, sobald man ihn berührt, verdammt .«
»Nee, Mann, der is in Ordnung. Laß ihn in Ruhe, Mann .«
»Du wirst nicht petzen, oder? Weißt ja, daß wir's nicht ernst meinen. Wir würden dir nie was tun , Mann .«
Er nickte dann, riß sich zusammen, hielt den Mund. Wartete auf die Glückwünsche, daß er die Tränen zurückhielt, daß er schwieg.
»Siehst du? Bist ziemlich cool, für'n Weißen. Und jetzt hau ab, Whiteboy .«
Whiteboy wurde zu seinem Namen. Er war hineingewachsen, hatte eine Grenze überschritten, wurde sichtbar. Er glänzte wie Geld, das auf der Straße lag. Der Preis des Namens war der freie Zugriff auf seine
Taschen, fünfzig Cent oder ein Dollar.
»Whiteboy, laß mich kurz mit dir reden .« Den Kopf schräg gelegt, zu faul, die Hände aus den Taschen zu nehmen, um ihn herbeizuwinken. Ein schwarzer Junge, zwei, drei. Noch einer, der möglicherweise nur in der Nähe stand, man konnte nicht sagen, wer zu wem gehörte. Augenrollen, Lachen. Der ganze Vorgang ein Zitat seiner selbst, ein wenig langweilig, fast zu unwürdig, um ihn noch durchzuexerzieren.
Wenn er es ignorierte, versuchte weiterzugehen: » Yo, Whiteboy ! Ich red mit dir, Mann .«
»Was ist los, hörst du schlecht ?«
Nein. Ja.
»Kannst du mich nicht leiden, Mann ?«
Hilflosigkeit.
Mit dem Ergebnis: Er würde die Straße überqueren, um die Taschen geleert zu bekommen. Das stand von vornherein fest. Er würde zu seiner Schande wie magnetisiert hinübergehen, unter der stillschweigenden Androhung eines Würgegriffs, so daß niemand sagen müßte: Siehst du, jetzt muß ich dich fertigmachen, weil du nicht zuhörst, Mann . Es war ein Tanz, dessen Schritte von vergangenen Quälereien vorgezeichnet wurden. Nenn mich Whiteboy, und ich geb dir freiwillig einen Dollar, ich bin mittlerweile gut darin .
»Komm mal kurz her, Mann, ich tu dir nichts. Wovor hast du Angst? Verdammt , Mann. Denkst du, ich tu dir was ?«
Nein. Ja.
Die Logik dieses Tanzes war krank, außer wenn man sie als Zweiklang aus Bedrohung und Besänftigung verstand, als Lockruf. »Wovor hast du Angst? Bist du ein Rassist , Mann ?«
Ich?
Wir quälen dich, weil du denkst, daß wir dazu fähig sind: wir können es schon vorab in deinen Augen lesen.
Deine Angst verpflichtet uns, zu beweisen, daß du recht hast .
Tropen Aus dem Amerikanischen von Michael Zöllner (Orig.: The Fortress of Solitude)
672 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-50068-4
autor_portrait

Jonathan Lethem

Jonathan Lethem, geboren 1964 in New York, ist Autor zahlreicher Romane, darunter die Brooklyn-Romane »Motherless Brooklyn« und »Die Festung der ...

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