Die Schnecke

Überwiegend neurotische Geschichten
Buchdeckel „978-3-608-93573-8
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Aus dem geheimen Leben der Singles


»Neulich habe ich mir die Bomberjacke B 3 der US-Air-Force gekauft, in der man aussieht wie die Piloten in den Hollywood-Filmen, ehe sie schicksalsschwer, aber von heroischem Pessimismus getragen, von England aus zum Bombenflug nach Deutschland abheben.«

Online-Redakteure, Architekten oder arbeitslose Philosophen sind die Helden dieser Geschichten. Gemeinsam haben sie, daß sie als Singles leben und nicht recht wissen, ob sie sich unglücklich fühlen oder nicht. Der Jagd nach dem Weibe gilt ihr ganzes Sinnen und Trachten: »Eine hat mich verlassen, eine habe ich gezwungen, mich zu verlassen, und eine hat mich gezwungen, sie zu verlassen.«

Was sie sonst noch umtreibt? Der Waldlauf und der private Haschisch-Anbau. Die rätselhafte ICE-Bekanntschaft neulich und die Bangkok-Reise. Einsame Fernsehabende am Wochenende und das Gefühl, in einer unhaltbaren Hängeposition zu leben. Denn diese Geschichten sind mitten aus dem Leben der Stadtneurotiker gegriffen. Wie man gutgebaute osteuropäische Reinigungskräfte besser nicht anbaggern sollte; wie man frühere Buchfehlkäufe radikal korrigiert oder das ultimative Verführungs-Abendessen kocht - all das ist in diesen mit hinreißend trockenem, melancholischem Charme geschriebenen Stories zu lesen. Die nostalgischste von ihnen heißt: »Killing me softly«.

Egal, auf wie vielen Seiten dieser Erlebnisberichte vom ganz normalen Wahnsinn Sie sich wiedererkennen - »Die Schnecke« wird Sie begleiten.

Wolfgang Schömel hat am 4. September 2003 den Georg-K.-Glaser-Preis 2003 erhalten.

Leseprobe
Zufällig hatte ich also eine Möglichkeit gefunden, unverdächtig, ja ich möchte sogar sagen, gerechterweise an einem öffentlichen Ort zu existieren und dabei gleichzeitig ein Publikum hautnah an mir vorbeiziehen zu lassen. Ich begriff, daß diese gläsernen Wartehäuschen nichts anderes sind als genial ersonnene jagdliche Ansitze, an denen, wenn mir ein Fortfahren in dieser Bildwelt gestattet ist, das Wild nicht nur vorbeiläuft, sondern in die es sogar hineinhüpft und -schlüpft. Überdies ist der Aufenthalt auch in Zeiten seltenen Wildwechsels durchaus angenehm: Ein Blick über die Elbe, in den Jenisch-Park, ein bißchen in der Morgenpost lesen, oder auch, wenn gar nichts los war, das Döschen Bier leer trinken, das ich stets in meiner Schein-Arbeitstasche mit mir trage. Ich habe eine winzige Erbschaft gemacht, die ich dem Arbeitsamt verschwieg. Mit dem Geld legte ich mir ein durchaus ansehnliches Gehobener-Angestellter-Outfit zu, als zusätzliche Sicherheit, wenn man so will. Ich kaufte mir einen eleganten Trenchcoat, ein paar schwarze Oxford-Schuhe, die zumindest auf den ersten unerfahrenen Blick sehr edel wirken, ein teures englisches Eau de Toilette, die besagte Arbeitstasche aus feinstem dunkelgrünen Leder, in der ich neben der Bierdose und der Morgenpost auch die "Financial Times" und die schweizerische Zeitschrift "Du" mit mir führe. "Du" kommt gut bei kulturbeflissenen Geisteswissenschaftlerinnen mittleren Alters. Leider sind sie fast ausnahmslos sehr unattraktiv. Ein Fünfhundert-Euro-Fliegerchronograph, der nach zweitausend Euro aussieht, sowie ein teures Portemonnaie mit Reißverschluß und Krokoprägung tun ein übriges: Ich hätte mir früher nicht träumen lassen, welch einen Zugewinn an selbstempfundener Existenzberechtigung solche Dinge mit sich bringen. Ich leide an starken Antlitzschwankungen, für die selbst jahrelange Ursachenforschungen keine brauchbaren Kausalitäten gefunden haben. Manchmal schlafe ich leidlich gut und sehe fahl und zerfressen aus. Das andere Mal liege ich die ganze Nacht mit Gemütsrasen wach, finde mich jedoch am nächsten Tag einigermaßen erträglich. Meine physiognomischen Unbeständigkeiten werden durch die genannten Ausstattungsgegenstände eingeebnet. Ein bestimmter Wahrnehmungsstandard bleibt bestehen, und selbst dann, wenn das Gesicht deutlich zerrüttet ist, wird gutwillig vermutet, daß die Karriere wohl ihren Tribut fordert. Und "Karriere" ist schließlich ein Wort, das die Frauen sinnlich aufwühlt und erregt: Ein Mann hat sich etwas geschaffen, allein, ihm fehlt der erdig ruhende Pol eines Weibes, das ihm mit seiner emanzipierten Fürsorglichkeit sowie mit avancierten erotischen Angeboten und mit Blumensträußen die geschmackvoll eingerichtete Wohnung beseelt.
»Schömel schreibt böser als Woody Allen, lakonischer als Michel Houellebecq und weniger zugespitzt als Bret Easton Eillis über Menschen, die von sich sagen können: "Nach der Promotion hing ich rum und bekam keinen Job." Oder: "Ich bin nicht zynisch! Schau, wie ich im Kino immer heule!"«
Lift, Stuttgart, Februar 2003

»Schömels Sprache ist sorgfältig gewählt, seine Beobachtungen sind schmerzhaft genau. Ohne Platitüden, aber mit Empathie wirft er mal grelle, mal melancholische Schlaglichter auf seine Protagonisten - Ihre
Körperkultur, ihren strategisch durchkomponierten Tagesablauf und ihre fehlende raison d´ètre.«
Morgenpost, 26.11.2002

Die wahre, topaktuelle Brisanz dieses Buchs aber liegt in der Beschreibung männlicher Not am Beginn des dritten Jahrtausends: Einsam und immer auf der Jagd, hechelt der Singlemann den Glücksversprechen der sexuellen Marktwirtschaft hinterher, hilflos der Gnade der Frauen (und den eigenen Trieben) ausgeliefert -je weniger er mit den Jüngeren mithalten kann,desto mehr wird er zur lächerlichen Figur. Bis er eines Tages anfängt, Selbstgespräche zu führen.«
Wolfgang Höbel, Der Spiegel, 7.10.2002

Episoden des Alleinseins und des Geschlechtslebens, lakonisch und mit viel Sinn fürs Tragikomische erzählt, stellenweise bis an den Rand des Slapsticks hochgetrieben. Wer meint, es in diesem Band mit einer männlich eingefärbten ´´Sex and the City´´-Welt zu tun zu haben, der liegt ganz richtig. Nur dass es in Schömels Welt keine Dialoge gibt und erst recht kein gemeinsames Kichern über die kleinen Martyrien und Mysterien der Geschlechterdifferenz.«
Dirk Knipphals, die tageszeitung, 9.10.2002
Klett-Cotta
2. Aufl. 2003, 200 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-93573-8
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Wolfgang Schömel

Wolfgang Schömel, geboren 1952 in Bad Kreuznach, studierte Literatur und Philosophie in Mainz und Bremen. Er veröffentlichte Arbeiten u. a. über den ...

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